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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Elizabeth Strout: "Das Leben natürlich“

Lesenswert, interessant, pointiert
Luchterhand 2013, 325 Seiten

Die Geschichte:


Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag.
Der neunzehnjährige, schüchterne, stille, sprachverweigernde Zach wirft einen Schweinekopf in die Moschee von Shirley Falls. Die dort betenden Somalis sind entsetzt. Die Stadt ist in Aufruhr, die einen, die eine harte Strafe fordern, um ein Exempel zu statuieren, die anderen, die die Aktion als Dummejungenstreich ansehen und die Somalier eigentlich nicht in Shirley Falls haben wollen.


Shirley Falls hängt am Tropf, hohe Arbeitslosigkeit, es gib keine Jobs, ein kleine, mutlose Stadt in Maine. Im Gegensatz zu New York, das lebendige, farbige Kaladeioskop Amerikas. Die Mutter des Jungen Susan, eine geborene Burgess ruft ihre Brüder zur Hilfe, beide Anwälte in New York.


Jim, der ältere, Harvard Absolvent, eine bekannte Größe nach der Verteidigung von Wally Pecker, befindet sich gerade im Urlaub mit seiner Frau Helen, die ihm drei Kinder geboren hat. Sie bringt das Geld in die Ehe und hält die Familie zusammen. Jim schickt seinen Bruder Bob nach Maine, um sich des Falles anzunehmen.


Bob arbeitet als Rechtshelfer am Berufungsgericht, ist geschieden, und wohnt sehr bescheiden. Er trinkt und raucht viel und trifft sich regelmässig mit seiner Ex Frau Pam. Er wird gern von seinem Bruder als Loser gehänselt und hat einen Schuldkomplex, weil er glaubt, seinen Vater getötet zu haben. Doch davon später.


Zach wird auf Kaution freigelassen, aber der Fall wird nicht, wie erwartet, wegen Geringfügigkeit fallen gelassen. Demonstrationen sind angekündigt und die Burgess Brüder beschließen widerwillig, nach Shirley Falls zu fahren, um Flagge zu zeigen. Jim hält eine viel beachtete Rede, er ist ein mitreißender Rhetoriker, hält sich aber nicht an die Gepflogenheiten des engstirnigen Maine und verlässt die Szene, bevor der Gouverneur gesprochen hatte. Ein Faux Pas, wie sich später herausstellt. Wieder zurück in New York versucht Jim und seine Verbindungen auszuspielen, indem er Anklage (District Attorney) und Richter zu beeinflussen sucht...


Stil und Sprache:


Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout beschreibt den Konflikt zwischen Stadt (New York) und Land (Maine) bildhaft, kratzt aber leider öfters nur an der Oberfläche der Probleme.


Plot & Dramaturgie:


Das Potential des Plots, ein Familiengeheimnis, Fremdenfeindlichkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend wird leider nicht genutzt. Die Geschichte plätschert so dahin, die Charaktere werden nicht in der Tiefe ausgeleuchtet.


Bewertung:


Die Jury war gespalten bei der Bewertung des Buches, die Mehrheit hat es gern gelesen, einige wenige nicht. Trotz verpasster Chancen fanden die Leser die angesprochenen Themen sehr interessant Das Gesamtergebnis lag daher im Schnitt bei 3,1 Punkten, von 5 möglichen Punkten. (bo)

 

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