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Daniela Krien - Die Liebe im Ernstfall

Abb. © Verlag
Buchkritik

Maria Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten“

Leicht historisch, stark atmosphärisch, zu experimentell
S. Fischer Verlag 2018, 598 Seiten


Die Geschichte:
In das Argentinien der 1970er Jahre kehrt unter Jubel eine lang exilierte Legende zurück: der linksgerichtete General und Politiker Juan Peron. Nach erster Amtszeit in den 1940ern vom Militär weggeputscht, wird er kurz vor seinem Tod 1974 erneut ins Präsidentenamt gewählt. Die Argentinier erhoffen sich einen Aufbruch in bessere Zeiten. Mit seinem Tod beginnt eine neue Militärdiktatur unter seiner Frau, (zuvor Vize-)Präsidentin Isabel Peron, die lediglich eine Marionette der alten Militäroligarchie gewesen sein soll. Diese Ereignisse bilden die Kulisse von „Nachtleuchten“, welches erklärtermaßen keine Geschichtsstunde sondern ein atmosphärisches Bild dieser bewegten Monate sein soll.


In gehobener Wohnlage von Buenos Aires – in Ballester – wuchs die Autorin auf. Dort spielen sich die drei Abschnitte des Romans ab.


Der erste Teil dreht sich um die präpubertäre Teresa, die aus ihrer gehobenen Mittelschichtsfamilie und ihrer katholischen Schule heraus in ihre Nachbarschaft geht, um Jesus zu den Menschen zu bringen, und zwar in Form einer fluoreszierenden Muttergottesstatuette. Tatsächlich erschüttert eine linksgerichtete Bewegung in den 1970ern das christlich-militärische Establishment Südamerikas, indem christliche mit sozialistischen Ideen verbunden werden. Teresas erwachsenes Pendant ist die neue Ordensschwester Maria, die sich mit dem politisch aktiven Jungpfarrer und auf dem Roller herumtreibt, anstatt im Kloster zu bleiben, wie es sich gehört. Leider hat Maria eine politisch noch unliebsamere Zwillingsschwester, mit der sie verwechselt und deswegen aus dem Weg geräumt wird. Ihr mysteriöses Verschwinden erzeugt allerlei abstruse Fantasien bei Teresa und ihren Freundinnen.


Im zweiten Teil werden die Mitarbeiter einer Autowerkstatt und der Inhaber eines Friseursalons porträtiert. Zwischen literarischen Ambitionen, Verstrickungen mit Sportwagenfahrenden „desperate Housewives“, Evita-Peron-Kult und spiritistischer Akademie mäandert die Handlung dahin.


Im dritten Teil schließlich geht es um eine Clique von Jungen, die unter der Führung eines wohlstandsverwahrlosten, hochbegabten vierzehnjährigen Gourmets einen vermeintlichen Katzenmassenmord und die Fluoreszenz der Muttergottesstatuette auf- bzw. erklärt.
Am Schluss deutet sich die Bekehrung Teresas vom Katholizismus zum naturwissenschaftlichen Positivismus an, während am Rande eine diffuse Paranoia aufgrund der wiedergekehrten Militärdiktatur immer deutlicher wird.


Stil und Sprache:
Die meisten von uns hielten den Stil für aufgesetzt, überbordend, exaltiert und geschraubt. Zieht man in Betracht, dass die Autorin keine Muttersprachlerin ist, den Roman aber dennoch auf Deutsch geschrieben hat, lässt sich einiges verzeihen. Die sich gerade zum Ende hin häufenden sprachlich und optisch experimentellen Teile sollen wahrscheinlich den Inhalt im Formalen spiegeln, tun dem Roman aber unserer Meinung nach keinen Gefallen.
Einzig das Schlusskapitel über den (vielleicht symbolisch angehauchten?) Fall und das Zerbersten der Muttergottesstatuette ist ein poetisches und ausnahmsweise gekonnt experimentelles Highlight, bis zu dem sich aber nur die wenigsten vorarbeiten konnten.


Plot & Dramaturgie:
Zu viele lose Enden im Plot, zu viele abziehbildartige Figuren bis hin zum auf die Spitze getriebenen Klischee des hysterisch anmutenden, homosexuellen Friseurs. Der Handlung zu folgen, strengte viele von uns so an, dass sie schon nach dem ersten Teil aufgaben. Wir ließen uns aus den Kritiken und vom Verlag belehren, es sei weniger um den Plot, sondern mehr um die vielbeschworene Atmosphäre gegangen. Diese wiederum erinnert stark ein einen verrückten, zusammengewürfelten, schwer verstehbaren Rausch aus Versatzstücken.


Bewertung:
Obgleich von den meisten Medien hoch gelobt und auf die Shortlist des deutschen Buchpreises 2018 katapultiert, fiel der Roman bei uns durch. Die durchschnittliche Note lag bei 2,5. Denn: Die Mehrheit fand den Roman unlesbar.
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