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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Nathan Hill: "Geister“

Mitreißender US-Roman, der Psychologie und Zeitgeschehen geschickt zu verbinden weiß
Piper Verlag, 2016, 864 Seiten


Der Debütroman von Nathan Hill erschien 2016 in den USA unter dem Titel „The Nix“. Viel Lob von Seiten der Kritik, aber auch von seinem Mentor John Irving wecken hohe Erwartungen. Irving hat Hill sogar mit Charles Dickens verglichen. Autor Hill, laut Wikipedia 1978, laut Verlag 1976 in Iowa geboren, hat zehn Jahre an diesem Roman gearbeitet. Donald Trumps Wahlerfolg verstärkt noch das Interesse an dem Roman, da er quasi die aktuellen Geschehnisse in der US-Innenpolitik vorwegzunehmen scheint. “The Nix“ wird direkt in zwanzig Sprachen übersetzt.


Inhalt und Aufbau:
In seinem sehr umfangreichen Erstlingsroman entwirft der Autor ein Panorama der USA zwischen den Jahren 1968 und 2011 und verwebt dieses mit einer Mutter-Sohn-Geschichte.


Im Zentrum steht das Trauma eines verlassenen Kindes und die Weitergabe dieses Traumas über nachfolgende Generationen hinweg. In zehn Kapiteln und einem Prolog verbindet Hill die Schicksale von bald einem Dutzend Personen.


Protagonist des Romans ist Samuel, der weder als Schriftsteller noch als Literaturdozent zu reüssieren weiß und dann plötzlich nach 23 Jahren seiner Mutter wiederbegegnet. Diese wird in der Presse als Terroristin hochstilisiert, da sie (scheinbar) einen Angriff auf den rechtskonservativen republikanischen Präsidentschaftskandidaten begeht. In Rückblenden erfahren wir dann von den wahren Beweggründen von Samuels Mutter und ihrer Entwicklung als Jugendliche und Studentin in Chicago, wo sie zur unfreiwillig Beteiligten der Studentenrevolte wird. Neben diesem Erzählstrang werden aber auch die anderen Figuren sehr eigenständig gezeichnet. Alle Schicksale laufen zum Schluss zusammen und werden vom Erzähler gebündelt.


Stil und Sprache:
Der Autor zeigt in seinem Debütroman eine Fülle von Stilebenen. So verleiht er jeder Figur eine eigene Sprache, die diese eindeutig in ihrer Lebens- und Gedankenwelt situiert. Die Spannbreite reicht hier vom stream of consciousness der Figur des Pwnage, der mühsam der Welt der Computerspiele abzuschwören versucht, über den einer Spielanleitung gleichen tragikomischen Dialog zwischen dem Protagonisten Samuel, der sich in seiner Funktion als Literaturdozent mit der dummdreisten Studentin Laura Pottsdam auseinanderzusetzen hat bis hin zur atemlosen Schilderung der Ereignisse der Studentenrevolte in Chicago im Jahre 1968 in äußerst kurzen, konzentrierten Kapiteln.


Bewertung:
Insgesamt erhielt dieser Roman von fast allen Mitgliedern großes Lob und wurde von den meisten sehr gern gelesen. Dabei gab es aber auch durchaus kritische Stimmen, die dem Plot eine gewisse Konstruiertheit vorwarfen. Dass der Erzähler alle Figuren am Schluss zusammen zu zwingen versucht, schade der Glaubwürdigkeit. Zudem sei die Handlung in Norwegen zu wenig ausgeführt und falle deutlich gegenüber anderen Handlungssträngen ab. Auch schien einigen die Beziehung des Protagonisten zu seiner Mutter nach ihrer Wiederbegegnung zu wenig ausgestaltet und psychologisch zweifelhaft. Trotz dieser Einschränkungen erzielt das Buch fast durchweg sehr hohe Wertungen. Lediglich von einer Leserin wurden nur 1,8 Punkte vergeben. Die Wertungen der anderen Mitglieder bewegen sich von 3,4 bis mehrheitlich im Bereich 4 Punkte (von maximal 5) und höher. (mm) (mm)

 

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