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Buchkritik

Ocean Vuong: "Auf Erden sind wir kurz grandios“

Eindrücklich. Bildstark. Kontrovers.
Carl Hanser Verlag, 2019, 240 Seiten


Darum geht es:
Der Roman erzählt die Geschichte von „Little Dog“, der als Einwandererkind mit vietnamesischen Wurzeln in Hartford, Connecticut, aufwächst. Die Mutter schuftet tagein, tagaus in einem Nagelstudio und schafft es trotzdem kaum, die Familie über Wasser zu halten. Little Dog erlebt sie ausgebrannt, abwesend, auch handgreiflich.


Ganz anders die Großmutter, schwer traumatisiert aus dem Vietnamkrieg und längst in ihrer eigenen Welt zuhause. Ein Leben am Rande der Gesellschaft: Sozial isoliert, versucht „Little Dog“ zunächst, so unsichtbar zu bleiben, wie es seine Familie ihm eingeimpft hat. Sichtbar werden, auffallen, bedeutet sich Gefahren auszusetzen. Trotzdem bricht „Little Dog“ als Jugendlicher aus dem engen Korsett aus und beginnt seinen eigenen Weg.


Die Beziehung zu Trevor bedeutet für „Little Dog“ lang vermisste Geborgenheit, sexuelle Befreiung, aber auch Drogentrips. Erfahrungen, die Trevor in den Abgrund ziehen, „Little Dog“ aber einen wundersamen Weg hinaus aus dem Elend, hinein in den Kulturbetrieb der Ostküste weisen.


Ocean Vuong wählt für seinen ersten Roman die Form eines Briefes, den „Little Dog“ an seine Mutter schreibt. Ein Brief, den die Adressatin – Analphabetin, die sie ist – niemals wird lesen können. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ gerät so zu einer ungeschminkten Selbstbespiegelung des Briefeschreibers.


Anekdotenhaft, immer wieder abschweifend, mal anklagend, mal liebevoll-verständig schildert „Little Dog“ nicht nur eine Mutter-Kind-Beziehung, sondern beschreibt zugleich ein Panorama vom Rande der amerikanischen Klassengesellschaft. Der Roman ist stark autobiografisch geprägt, aber kein Tatsachenbericht.


So klingt der Roman:
Ocean Vuong hat sich in den USA schon vor der Veröffentlichung des Romans als Lyriker einen Namen gemacht (in Deutschland ist der Gedichtband „Nachthimmel mit Austrittswunden“ erst jetzt erschienen). Auch „Auf Erden sind wir kurz grandios“ kommt poetisch daher, enthält zahllose Sprachbilder und Metaphern. Zweifellos eine Herausforderung für jede Übersetzung. Ob Anne-Kristin Mittag den sprachlichen Zauber des Originals in jeder Hinsicht ins Deutsche übertragen konnte, muss leider bezweifelt werden. Wer sich die englische Fassung mit dem Titel „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ zutraut, sollte daher lieber danach greifen.


Das ist unsere Meinung:
„Auf Erden sind wir kurz grandios“ haben wir kontrovers wie selten diskutiert. Thematisch berührt der Roman spannende Fragen und nimmt einen ungewöhnlichen Blickwinkel ein. Die Art und Weise, in der Ocean Vuong diese Themen in seinem Roman verarbeitet, hat unsere Runde indes gespalten. Insbesondere die kunstfertige (oder doch gekünstelte?) Sprache und die assoziative (oder doch einfach unstrukturierte?) Gedankenführung haben bei einigen die Lesefreude getrübt.


Fazit:
Ein Buch, das polarisiert und niemanden kalt lässt: Große Begeisterung auf der einen, schroffste Ablehnung auf der anderen Seite – der Mittelwert unserer Bewertungen von 2,8 aus 5 Punkten ist in diesem Falle kein echter Gradmesser. Lieber erst ein paar Zeilen lesen, bevor man zum Kauf schreitet! Wer sich dann schon gefesselt fühlt, wird den Roman lieben – ansonsten gilt: besser weiterstöbern... (at)

 

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