Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Terézia Mora: "Das Ungeheuer“

Fordernd, tragisch, preiswürdig
Luchterhand 2013, 688 Seiten


Inhalt
Darius Kopp, Workaholic aus dem Vorgängerroman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, hat nichts mehr zu verlieren: seine Frau Flora hat sich im Wald erhängt, seinen Job bei der mysteriösen IT-Firma hat er verloren. Mit zwei Kartons - einer enthält die Urne mit Floras Asche, der andere Geld unbekannter Herkunft aus seinem Ex-Büro – macht er sich mit dem Auto auf die Reise durch die ehemalige UdSSR, um Flora auf die Spur zu kommen. Auf dem Weg durch den Balkan begegnet er allerlei tragikkomischen Gestalten und findet dabei zaghaft heraus aus der Isolation der Trauer.
Parallel dazu kommt Flora in ihren Tagebucheinträgen zu Wort, einem Dokument von Migration, Wurzellosigkeit, Talent, Krankheit, Hoffnung, Kampf, Zähigkeit, Einsamkeit und zuletzt dem Zerbrechen an einer Krankheit, die Flora sich selbst zerstören lässt.


Stil & Sprache
Kopps und Floras Leben verlaufen parallel – sie berühren sich trotz der zehnjährigen Ehe nie. In einer horizontalen Trennlinie sämtlicher Seiten macht Terézia Mora diese Parallele und Beziehungslosigkeit beider überdeutlich.
Auch Wortwahl und Syntax unterscheiden sich bei beiden stark: Kopp erzählt emotional, voller Zwischentöne; von ihm wird teils auch aus der auktorialen Perspektive erzählt; er sieht über sich selbst hinaus, kann andere noch spüren. Flora berichtet mehr, als von sich zu erzählen; andere Menschen scheint sie bestenfalls als austauschbar, schlimmstenfalls als bedrohlich wahrzunehmen; ihr Bericht mutet zunehmend brüchig an und zerfällt zuletzt bis auf Buchstaben.


Dramaturgie
Sowohl das Warten auf eine Erklärung für Floras rätselhafte Krankheit als auch das Warten auf eine Erlösung Kopps von seiner Trauer vermochte einige unter uns beim Lesen bis zum Schluss zu halten.


Themen
Wanderschaft, die teils vergebliche Suche nach Antworten, nach Genesung, nach einer Identität, einem Lebenssinn, nach Arbeit, nach Liebe und Verbindung.


Bewertung
Die Gesamtnote von 2,1 reflektiert die Bewertung des Werks weniger als die Tatsache, dass nur einzelne aus unserer Runde „Das Ungeheuer“ vollständig gelesen haben. Nur ein Mitglied hat die Tagebuchfragmente Floras bis zu ihrem Ende gelesen. Kopps Reisegeschichte ist vergleichsweise lesefreundlich, hat dennoch nur wenige bis zum Schluss gefesselt.


Bei aller Relevanz, die den Themen zugestanden werden mag, und allem Respekt vor der neuartigen formalen Umsetzung dieser Themen, bleibt die mangelhafte Lesbarkeit des Romans geradezu "ungeheuerlich".


Die Auszeichnung mit dem deutschen Buchpreis 2013 stimmte deshalb einige unter uns - die wir uns nicht auf bequeme Literatur beschränkte Leser halten - nachdenklich.
(az)

 

Weitere Kritiken:

Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken