Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

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Empfehlung Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben“

Düster, aber dennoch faszinierend
Hanser Berlin, 2017, 960 Seiten


Inhalt:
"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York. Sie haben sich am College kennengelernt und bleiben ihr Leben lang eng verbunden. Die Autorin beschreibt, wie sie ihr Leben einzeln und gemeinsam meistern.


Im Zentrum der Gruppe steht Jude - ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in dessen dunkle, schmerzhafte Welt hinein gesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.


Virtuose Darstellung von Freundschaft und Liebe in einem sprachlich meisterhaft erzählten Roman. Auch wenn sich das Thema nicht ändert, ist kein Satz zuviel.
(ut)



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Empfehlung Omar El Akkad: "American War“

Erschütternder Roman aus einer hoffentlich unmöglichen Zukunft (2075)
S. Fischer, 2017, 448 Seiten.


Inhalt:
Was wird sein, wenn Drohnenangriffe, Folter, Selbstmordattentate und die Folgen von Umweltkatastrophen ein Land wie die USA verändern? Wie verhalten wir uns, wenn wir so leben und kämpfen müssen wie die Menschen, die heute nach Gewalt, Krieg und Ungerechtigkeit ihre Heimat verlassen und entwurzelt in Flüchtlingslagern aufwachsen? Omar El Akkad hat reale Ereignisse in Afghanistan, in Nahost und Afrika auf die USA übertragen. Gekonnt entfaltet den Kampf der jungen Amerikanerin Sarat Chestnut, die im Jahr 2075 beschließt, mit allen Mitteln für das Überleben zu kämpfen. Der Hinweis auf Trump, den der Verlag auf das Buch klebt, ist überflüssig: Den Drohnenkrieg hat schon sein Vorgänger ausgebaut.


Faszinierend und erschreckend, erzählt in einer einfachen, fast maschinellen Sprache, zieht uns diese Vision eines erbitterten Kampfes in ihren Bann. (bo)



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Empfehlung Zadie Smith: "Swing Time“

Beschwingt, mitreißend und informativ
Kiepenheuer und Witsch, 2017, 640 Seiten


Klappentext: Als sich die beiden Mädchen zum ersten Mal begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen: Die gleiche Leidenschaft fürs Tanzen und für Musicals verbindet sie, doch auch derselbe Londoner Vorort und die Hautfarbe. Ihre Wege trennen sich, als Tracey tatsächlich Tänzerin wird und erste Rollen in Musicals bekommt. Ihre Freundin wiederum jettet als Assistentin der berühmten Sängerin Aimee um die Welt. Als Aimee in Westafrika eine Schule gründen will, reist sie ihr voraus und lässt sich durch das Land, in dem ihre Wurzeln liegen, verzaubern und aus dem Rhythmus bringen...


Bewertung:
Zadie Smith lässt den Leser authentisch und gefühlvoll am Leben der Farbigen in London teilnehmen - mit ernüchternden Einblicken in die Entwicklungshilfe in Afrika. (bt)



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Empfehlung Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm “

temporeich, komisch, tragisch
Schöffling, 2016, 398 Seiten


Klappentext: In sechs rauschhaften Wochen schrieb Gabriele Tergit ihren ersten Roman, der sie 1931 mit einem Schlag berühmt machte. Er erzählt von Aufstieg und Fall des Volkssängers Käsebier, den ein Zeitungsreporter in einem billigen Varieté entdeckt. Um Eindruck in seiner Redaktion zu machen, puscht er ihn zum Megastar hoch. Immobilienmakler und Spekulanten hängen sich an den schnellen Ruhm, die gelangweilten Damen der guten Gesellschaft pilgern in die Vorstellungen, Käsebier wird hemmungslos vermarktet.


Gabriele Tergit, die erste deutsche Gerichtsreporterin, ist nicht nur eine unerbittlich genaue, sondern auch mitfühlende Beobachterin. Pointierte und hoch komische Dialoge machen neben der präzisen Schilderung der gesellschaftlichen Milieus – vom Tanzmädchen über den Tischlermeister bis zum Medienmogul – den Reiz ihres Romans aus. Ihr eigener Arbeitsplatz wird dabei besonders unter die Lupe genommen: die Kulturredaktion des Berliner Tageblatts. Berlin, die weit östlich gelegene Stadt, war schon damals ein so idealer wie schwieriger Ort für Kreative.


Bewertung:
1931 erstmals erschienen zeigt „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ ein Bild der Berliner Gesellschaft am Ende der 20er Jahre, das dem Leser immer wieder das Lachen im Hals steckenbleiben lässt. (ke)



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Empfehlung Lize Spit: "Und es schmilzt “

Klappentext: Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit. Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.


Die junge Bestsellerautorin Lize Spit wagt sich mit ihrem ersten Roman »Und es schmilzt« an die Grenzen des Sagbaren. Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres Das radikalste Update zu »Der Fänger im Roggen«!


Bewertung:
Unbedingt empfehlenswert. Sprache und Beobachtungsgabe der Autorin schaffen Bilder, die noch lange nachwirken. (mm)



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Empfehlung Leïla Slimani: "Dann schlaf auch du“

Hochspannend, abgründig und unheilvoll
Luchterhand 2017, 224 Seiten


Als Myriam, Mutter zweier Kinder, trotz der Vorbehalte ihres Ehemanns sich dazu entschließt, ihren Beruf in einem Anwaltsbüro wiederaufzunehmen, macht sich das Paar auf die Suche nach einem Kindermädchen. Nach einem rigorosen Casting stellen sie Louise ein, die sehr schnell die Zuneigung der Kinder erobert und die im Verlauf der Handlung eine immer zentralere Position im Haushalt erlangt. Nach und nach schnappt die Falle der gegenseitigen Abhängigkeiten zu, die zum Drama führen.


Mit diesem Roman hat Leïla Slimani (geb. 1981) im Jahre 2016 den Prix Goncourt erhalten. Leider liegt noch keine deutsche Übersetzung vor. Es ist sehr zu hoffen, dass sich dies im Herbst ändert: immerhin ist Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017. Der Roman ist vom ersten Moment an hochspannend, abgründig und von eigenartig unheilvoller Atmosphäre. Absolut lesenswert! (mm) (mm)



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Empfehlung Olga Grjasnowa: "Gott ist nicht schüchtern“

Hochdramatisch, sprachlich ausgezeichnet, beklemmend realistisch
Aufbau Verlag, 2017, 309 Seiten


Amal feiert in Damaskus ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Hammoudi hat gerade eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Später wird er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen.


Olga Grjasnowa, die mit einem Syrer verheiratet ist, schafft mit ihrem Buch Einsichten in die Schicksale syrischer Familien und Geflüchteter. Der sprachlich tolle Roman macht klar, dass die Flucht nur das Leben rettet. Alles andere - Lebensentwürfe, Pläne, Träume, Perspektiven, Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen - ändert sich. (ut)



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Empfehlung Isabelle Autissier: "Herz auf Eis“

Dramatische, erschreckende Geschichte eines Paares in einer Extremsituation
Mare Verlag 2017, 224 Seiten


Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel am Rand des Südpols sind sie plötzlich gefangen. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht?


Diese dramatisch, in Strecken auch einfach entsetzliche Geschichte eines jungen Paares war 2015 für den Prix Goncourt nominiert. Die Französin Isabelle Autissier beschreibt die furchtbaren Monate der beiden im antarktischen Eis sehr nüchtern und sehr glaubhaft, in atemlosen Tempo. Der Roman zeichnet sich durch einen geschickten Mix aus Psychologie und Abenteuergeschichte aus.


Die Autorin selbst musste als Einhandseglerin bei einer Weltumrundung mit dem Überleben kämpfen. Nie möchte man das erleben. (ut)



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Empfehlung T.C. Boyle: "Die Terranauten“

Unterhaltend, amüsant, gut zu lesen
Carl Hanser Verlag, 2017, 608 Seiten.


In einem geschlossenen Ökosystem unternehmen Wissenschaftler in den neunziger Jahren in den USA den Versuch, das Leben nachzubilden. Zwei Jahre lang darf keiner der acht Bewohner die Glaskuppel von "Ecosphere 2" verlassen. Egal, was passiert. Touristen drängen sich um das Megaterrarium, Fernsehteams filmen, als sei es eine Reality-Show. Eitelkeit, Missgunst, Rivalität - auch in der schönen neuen Welt bleibt der Mensch schließlich doch, was er ist. Und es kommt, wie es kommen muss: Der smarte Ramsay verliebt sich in die hübsche Dawn - und sie wird schwanger. Kann sie das Kind austragen?


Ein gut zu lesender Roman über das frühere Nasa-Projekt "Biosphere". Die Wissenschaft steht hier nicht im Vordergrund, sondern der Alltag menschlicher Beziehungen. Im Projekt der Kunstwelt ist es wie im normalen Leben. T.C. Boyle beschreibt sehr genau und zugleich sehr unterhaltsam, welche Klippen und Herausforderungen jeder im Umgang mit Beruf, Karriere, Eltern, Geschwistern und Freunden nehmen muss. (ut)



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Empfehlung Christoph Ransmayr: "Cox oder Der Lauf der Zeit“

Exotisch, Interessant, Schöne Sprache
S. Fischer Verlag, 2016, 304 Seiten


In gewohnt schöner Sprache schreibt Ransmayr eine Geschichte über den Uhrmacher Alister Cox, der für den Kaiser von China ausgefallene Chronometer bauen soll. Cox war ein englischer Uhrmacher, der im 18. Jahrhundert aufwendige Uhrwerken und Automaten produzieren ließ und vor allem nach China exportierte. Auch wenn die historische Figur Cox wahrscheinlich nie nach China reiste, so malt Ransmeyer doch eine interessante und exotische Geschichte um dessen fiktives Fernost-Abenteuer.


Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann. Verweigert er sich aber dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit. (Klappentext) (aw)



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Empfehlung Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich“

Rasanter, irrwitziger US-Generationenroman
Kiepenheuer und Witsch, 2016, 688 Seiten


Hier bin ich ist ein Trennungsroman. Ein Paar Anfang vierzig hat drei Söhne. Die Ehe steht auf dem Spiel, nachdem Julia ein Zweithandy ihres Mannes im Badezimmer findet samt Sexnachrichten, die eindeutig nicht an sie gerichtet sind.


Es ist aber auch ein Roman über das völlig irre und fordernde Leben mit drei halbwüchsigen Kindern: Benjy, der noch im Kindergarten ist, Max, der zehn ist, und Sam, dessen Bar Mizwa bald gefeiert werden soll, wozu er selbst aber keine Lust hat.


Und es ist ein Buch über die Frage, was jüdische Identität bedeutet, insbesondere für den in einer Midlife-Crisis steckenden lamoryanten Familienvater Jacob. Der versinkt angesichts des Verwandtenbesuches aus Israel immer tiefer in die Sinnsuche, will aus lauter Langeweile sogar in den Krieg ziehen.


Diese Story ist unterhaltsam, die Figuren sympathisch, die häusliche Krise glaubwürdig und die Dialoge grandios. Denn in dieser Familie reden alle immerfort - viel und schnell und ausgesprochen schlagfertig. Das Tempo und der Witz, ja Irrwitz, der sich so auch durch jede Seite zieht, sind wunderbar. „700 Seiten wie ein Rausch“ schrieb eine Literatur-Kritikerin. Stimmt. (ut)



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Empfehlung Elke Heidenreich: "Alles kein Zufall – Kurze Geschichten“

Amüsant, leicht melancholisch, knapp erzählt
Hanser Verlag, 240 Seiten


Nicht jede® mag Elke Heidenreich. Doch ihr neuer Erzählband lohnt das Lesen. In „Alles kein Zufall“ fasziniert die Autorin mit kurzen Episoden und Beobachtungen aus ihrem Leben, mal zwei Seiten, mal nur ein paar Sätze lang.


Es geht um die Beziehung zur Mutter und Großmutter, um schöne, weniger schöne oder einfach nur komische Erlebnisse mit Freunden und Fremden. Diese ganz nüchtern erzählten Geschichten amüsieren, erstaunen, erschrecken, wecken eigene Erinnerungen, und ich hätte sie ewig weiterlesen können. (ut)



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Empfehlung Tahar Ben Jelloun: "Sohn ihres Vaters“

Poetisch, orientalisch, ungeheuerlich
Berlin Verlag, 2015, 192 Seiten

Als der marokkanische Kaufmann, Vater von sieben Töchtern, nochmals Vater einer Tochter wird, erklärt er dieses Kind in seiner Verzweiflung zum Sohn und lässt es als solches erziehen und aufwachsen.


Der Roman des in Paris lebenden Prix Goncourt-Preisträgers Tahar Ben Jelloun zeigt hautnah die brutale und totale Entmachtung von Rollenklischees, aber auch das zerstörerische Leiden unter einer falschen Identität. (bt) (bt)



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Empfehlung Juli Zeh: "Unterleuten“

Spannend, unterhaltsam, klug konstruiert
Luchterhand 2016, 639 Seiten


Zwei ganz unterschiedliche Paare aus Berlin ziehen nach Brandenburg – und finden dort keine Idylle vor, sondern ein Schlachtfeld.


In Unterleuten werden noch immer die Kämpfe zwischen vermeintlichen Wendegewinnern und Wendeverlierern ausgetragen. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, eskaliert der Streit. Die naiven Zugezogenen geraten zwischen alle Fronten - bis zum bösen Ende. So kann es sein, wenn man sich unter Leuten begibt. Mein Sommerbuch 2016! (ut)



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Empfehlung Bernd Ockert: "Im Auftrag der Hanse“

Historischer Abenteuerroman, spannend, flüssige Handlung
Windspiel Verlag, 2015, 280 Seiten


Der Autor hat es verstanden, dem Leser ein Gefühl für das Leben im Mittelalter zu vermitteln und den geschichtlichen Rahmen, Hanse, Ritterorden, Klosterleben, sehr anschaulich präsentiert.


Dabei zeichnet sich der Autor durch einen sehr knappen, witzig norddeutschen, lakonischen Schreibstil aus. (dk)



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Empfehlung Joachim Meyerhoff: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

Vergnügliche, lebenskluge Tragikomödie
Kiepenheuer und Witsch, 2015, 352 Seiten


Mit 20 lebt Joachim Meyerhoff in zwei gleichermaßen skurrilen und völlig gegensätzlichen Welten: Da ist die Otto Falckenberg Schauspielschule in München, wo er durch die Seminare irrt und für ihn völlig irrationale Aufgaben bewältigen soll wie etwa die Darstellung eines Nilpferdes oder das Lächeln mit den Brustwarzen. Abends setzt sich der Irrsinn im Haus der mondänen und spleenigen Großeltern fort, die zunehmend mit altersbedingten Ausfällen kämpfen und ihr Leben mit gepflegtem Alkoholkonsum erträglicher gestalten.


Der heutige Burgtheater-Schauspieler beschreibt diese beiden Welten seiner Jugendzeit souverän, mit großer Empathie und perfekten Gespür für Situationskomik.


Leicht zu lesen, in vielen Live-Auftritten sehr geschickt auf Pointen angelegt, aber nicht seicht. Die Kritik ist hin und weg. Zu Recht. (ut)



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Empfehlung Abbas Khider: "Ohrfeige“

authentisch, aktuell, aufwühlend
Hanser, 2016, 224 Seiten


Karim Mensy, nach Folterhaft in seiner Heimat Irak nun als Asylbewerber in Deutschland, versetzt seiner zuständigen Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde eine Ohrfeige und zwingt sie, die ihn bislang nur als „Aktenfall“ betrachtet hat, seine Geschichte anzuhören.


Und so erzählt er ihr, wie er versehentlich nach Deutschland kam und was Asylverfahren, Erstaufnahmelager, Ungewissheit über das weitere Schicksal und fehlende Perspektiven aus ihm und anderen gemacht haben.


Das Buch spielt in den Jahren 2000 bis 2003. Das tut jedoch der Aktualität keinen Abbruch. (ka)



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Empfehlung Tomas Espedal: "Wider die Natur“

Traurig, schön, berührend
Suhrkamp Verlag, 2015, 179 Seiten


Der ältere Mann und die jüngere Frau, er Ende 40, sie Anfang 20 – in einer Silvesternacht finden sie zusammen und alles erscheint ganz einfach, auch wenn sich bald schon eine leise Stimme zu Wort meldet, die das Ganze als „wider die Natur“ erachtet. Und dann, nach Jahren, zieht die junge Frau aus, beendet die „unnatürliche“ Konstellation – und das Leben des älteren Mannes bricht in sich zusammen.


Er trinkt, er leidet, er zieht sich in den Keller seines nunmehr leeren Hauses zurück, um zu schreiben, um Rechenschaft und Bericht seines bisherigen Liebeslebens abzulegen.


Drei Lieben sind es, die ein Leben füllen und doch nicht seine Einsamkeit verdrängen konnten. Da ist zunächst die Liebe zu einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen, dann die komplizierte Beziehung mit einer histrionischen Schauspielerin, der Mutter seiner Tochter. Und zuletzt eben gerade jene Liebe zu der jungen Frau, die ihn aus der Bahn werfen wird. Heft um Heft füllend, findet er wieder zu sich zurück und ergießt sich auf nicht einmal 200 Seiten die Essenz eines ganzen Lebens.


Tomas Espedal beweist mit diesem kurzen Roman, dass er zusammen mit Knausgård zu den großen norwegischen Autoren der Gegenwart gehört. Ein Buch, das berührt, nicht zuletzt weil es bei aller sprachlichen Schönheit nie ins Pathetische abdriftet. (am)



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Empfehlung Norbert Scheuer: "Die Sprache der Vögel“

feinfühlig, tiefsinnig, eindringlich
C.H. Beck, 2015, 238 Seiten

Paul meldet sich freiwillig als Sanitäter bei der Bundeswehr für einen Einsatz in Afghanistan. Dort will er Ereignissen und Erinnerungen entfliehen und – wie sein Urgroßvater im 18. Jahrhundert – Vögel beobachten.


Eingebettet in die Rahmenhandlung einer an Krebs erkrankten Lehrerin erfährt der Leser die Geschichte von Pauls Familie, vom Alltag deutscher Soldaten in Afghanistan, von den Reiseerfahrungen des Urgroßvaters, der 1781 nach Afghanistan reiste und Aufzeichnungen hinterließ und Pauls zunehmender Fixierung auf seine Vogelbeobachtungen.


Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. (ut)



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Empfehlung Noah Hawley: "Der Vater des Attentäters“

Emotional, vielschichtig, spannend
Nagel & Kimche AG, 2014, 400 Seiten


Paul Allen verfolgt im Fernsehen die Berichterstattung über ein Attentat auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, als die Polizei an seiner Tür klingelt und ihm mitteilt, dass sein Sohn als Tatverdächtiger verhaftet wurde.


Während Paul sich Vorwürfe macht, ob er seinen Sohn nach der Scheidung von dessen Mutter vernachlässigt hat und alle Hebel in Bewegung setzt um die Unschuld seines Sohnes zu beweisen, wird die Geschichte des Sohnes – ergänzt um Berichte über frühere Attentate auf Präsidenten/ Präsidentschaftskandidaten – in Rückblicken aus dessen Sicht erzählt.


Zum einen ein familiäres Psychogramm von Vater und Sohn, zum anderen ein bis zur letzten Seite spannendes Drama. (ka)



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Empfehlung Arno Geiger: "Selbstporträt mit Flusspferd“

Erwachsenwerden mit einem Dickhäuter
Hanser Verlag, 2015, 288 Seiten,


Arno Geiger gewann 2005 den Deutschen Buchpreis für „Es geht uns gut“. 2011 veröffentlichte er den vielbeachteten Roman „Der alte König in seinem Exil“, ein Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters.


In „Selbstporträt mit Flusspferd“ beschreibt er einen Sommer im Leben des Tiermedizinstudenten Julian, der gerade von seiner Freundin Judith verlassen wurde. Julian redet sich ein, durch diese Trennung nun „frei“ zu sein, tatsächlich kann er jedoch wenig mit sich anfangen.


Da Judiths Vater für seine Zeit in Judiths Wohnung Mietforderungen an ihn stellt, nimmt er dankbar das Angebot eines Freundes an, dessen Ferienjob zu übernehmen. Ein auf einem illegalen Transport beschlagnahmtes Flusspferd wurde bis zur Vermittlung in einen Zoo bei einem ihrer Professoren im Garten unterbracht und muss dort gefüttert und gepflegt werden. Dort trifft Julian auf die kapriziöse Tochter des Professors.


Ein Coming-of-age-Roman über „die Banalität zeitgenössischen Lebens in unserer Gesellschaft“ (Sigrid Löffler, Deutschlandradio Kultur), der dennoch berührt und mit Julian mitfühlen lässt. (ka)



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Empfehlung Bov Bjerg: "Auerhaus“

schnoddrig, authentisch, eindringlich
Blumenbar, 2015, 240 Seiten


Ein Dorf auf der Schwäbischen Alb in den 80er Jahre: Höppner Hühnerknechts bester Freund darf nach einem gescheiterten Selbstmordversuch nur aus der Psychatrie in eine eigene Wohnung entlassen werden, wenn er dort nicht allein ist. Mit zwei Freundinnen gründen sie in einem alten Bauernhaus eine WG, die die unterschiedlichsten Typen anlockt: Pyromanen, Kleindealer, verwöhnte Großbürgertöchter.


Zwischen den Parties und dem Schulalltag kurz vor dem Abitur steht die Sorge um den labilen Freund.


Obwohl viele typische Themen wie Wehrdienstverweigerung angeschnitten werden, ist Auerhaus kein 80er-Jahre-Retroaufsatz. Vielmehr ist er ein zwar lakonischer, aber doch einfühlsam das Thema „Suizid bei Jugendlichen“ thematisierender Entwicklungsroman. (ka)



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Empfehlung Jan Brandt: "Tod in Turin“

witzig, selbstironisch, großartig
DuMont, 2015, 300 Seiten


Jan Brandt veröffentlichte 2011 seinen Debütroman „Gegen die Welt“ und erreichte damit die Shortlist des Deutschen Buchpreises.


In „Tod in Turin“ schreibt er über einen Autor namens Jan Brandt, dessen Debütroman „Gegen die Welt“ es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte.


Während viele Romane über den Literaturbetrieb letztlich nur „Klatsch und Tratsch aus der Szene“ verbreiten, gelingt Jan Brandt mit Beobachtungen, abstrusen Überlegungen, Übertreibungen und Selbstironie ein ungeheuer witziges Buch, egal er über Lesereisen, seinen Aufenthalt in London oder den Besuch der Turiner Buchmesse, auf der er – ohne Italienisch zu sprechen – sein Buch promoten soll, schreibt. (ka)



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Empfehlung Rolf Lappert: "Über den Winter“

Lebensbrüche und Lebenskrisen in Hamburg
Hanser, 2015, 384 Seiten

Der Anblick eines ertrunkenen Flüchtlingskindes und der Tod seiner Schwester lassen den Künstler Leonard Salm nach Jahrzehnten zu seiner Familie nach Hamburg zurückkehren und bei seinem mittlerweile pflegebedürftigen Vater in sein altes Kinderzimmer einziehen.


Während dieses Winters versucht er, sich seinen Familienmitgliedern neu anzunähern, lässt sich aber ansonsten treiben, teilweise bis zur Lethargie.


Ein Buch über Lebensbrüche und Lebenskrisen, das für den deutschen Buchpreis 2015 nominiert war.


Ebenfalls empfohlen: Rolf Lappert: Nach Hause schwimmen (ka)



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Empfehlung Dörte Hansen: "Altes Land“

Authentisch, pointiert, zeitlos aktuell
288 Seiten, Knaus Verlag 2015


Das „Polackenkind“ ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen.


Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen.


Stil & Sprache:
Hansen hat einen sehr knappen, witzig norddeutschen, lakonischen Schreibstil.


Plot & Dramaturgie:
Die Geschichte spannt einen Bogen von der Flüchtlingsproblematik bis zum Begriff „Heimat“. Ich habe das Buch sehr gern gelesen und mich jeden Abend auf ein weiteres Kapitel gefreut. (bo)



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Empfehlung John Niven: "Gott bewahre“

Schräg, blasphemisch, zutiefst berührend
Heyne Verlag, 2011, 400 Seiten


Gott, ein gut aussehender älterer Herr, den Freuden des ewigen Lebens zugetan, macht sich dennoch Sorgen über die schlimmen Zustände auf der Erde. So muss sein Sohn Jesus, sympathisch, kiffend, Gitarre spielend zurück auf die Erde, um es wieder einmal zu richten. Leser, die bis zum Schluss durchhalten, erleben vielleicht ein kleines Wunder: Tränen der Rührung über diesen Jesus in seiner neuen uralten Geschichte. (bt)



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Empfehlung Colum McCann: "Transatlantik“

Kraftvoller Schicksalsroman vor realem historischem Hintergrund
Rowohlt Verlag, 2014, 384 Seiten


Ähnlich wie in „Die große Welt“ verwebt Column McCann historische Ereignisse, reale und fiktionale Personen – und hat damit einen ganz großartigen Roman geschaffen.


Transatlantik erstreckt sich über eine Zeitspanne von 150 Jahren. In Vor- und Rückblenden erzählt der Roman wichtige historische Ereignisse der irischen-amerikanischen Geschichte: der entsetzlichen Hungersnot im Irland des Jahres 19. Jahrhunderts, dem ersten Nonstopflug über den Atlantik mit Kurs Irland und den nordirischen Friedensgesprächen des Jahres 1998. «Transatlantik» verwebt diese drei historischen Momente mit dem Schicksal dreier Frauen: der irischen Hausmagd Lily Duggan, ihrer Tochter Emily und der Enkelin Lottie.


Ein kraftvolles Epos über die Kollision von Geschichte und persönlichem Schicksal, meint treffend die Kritik – geschrieben mit unvergleichlicher dichterischer Intensität, mit leuchtenden Szenen und klingender Sprache.
(ut)



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Empfehlung Gila Lustiger: "Die Schuld der anderen“

Gesellschaftskritischer, anspruchsvoller Krimi aus Frankreich
Berlin Verlag, 2015, 496 Seiten


Mit dem 2005 erschienen Buch „So sind wir“ über ihre Familie und die europäischen Juden stand Gila Lustiger vor 10 Jahren auf der Shortlist des deutschenBuchpreises. Jetzt hat sie einen Roman über ihre Wahlheimat Frankreich geschrieben und diesen in Form eines Krimis aufgezogen. Es geht um den Mord an einer Prostituierten, der vor 30 Jahren stattfand und nun mit Hilfe einer DNA-Analyse aufgeklärt werden kann. Doch der Journalist Mark Rappaport bleibt skeptisch – und deckt einen Krebsskandal auf, der von der Politik vertuscht wurde. Das klingt wie ein billiger Stoff - und ist doch gekonnte Unterhaltungsliteratur vor aktuellem gesellschaftlichen Hintergrund.


Das Buch geht auf einen realen Fall zurück. Antisemitismus ist eines der wichtigen Themen des Buches, neben der unheilvollen Verstrickung der französischen Politik in die Wirtschaft unter der Herrschaft Mitterands (1981-1995).


Der Deutschlandfunk stellt fest, man könne sich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen französischsprachigen Roman gelesen zu haben, der so viele höchst unbequeme Informationen über das heutige Frankreich transportiert: das Leben in den Banlieues, die Konflikte an den Schulen, die Prostitution, Antisemitismus und Korruption in der Politik, den krebsfördernden Arbeitsalltag in der französischen Chemieindustrie. NDR Kultur lobt Stil, Eleganz und dichte Sprache. Ich habe das Buch gern gelesen und gebe 3,75 Punkte (von 5). (ut)



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Empfehlung Molly Antopol: "Die Unamerikanischen“

Melancholische Erzählungen über ein Leben in der Fremde
Hanser, 2015, 320 Seiten

Molly Antopols Kurzgeschichten handeln von Amerikanern, die es doch nicht sind. Weil sie in New York leben oder in Los Angeles, mit ihren Gedanken aber immer noch in der alten Heimat sind.


Dabei geht es weniger um spektakuläre Begebenheiten als vielmehr um das tägliche Leben und Ringen um Glück vor dem Hintergrund schicksalhafter Ereignisse - wie etwa bei zwei jüdischen Brüdern im Krieg oder einem tschechischen Dissidenten in den USA.


Die US-Autorin mit osteuropäischen Wurzeln erzählt diese Geschichten aus der Ich-Perspektive, in einer klaren Sprache, ohne Wertung, aber mit viel Mitgefühl, und erzeugt so eine sehr melancholische Atmosphäre. In der Reihe der Bücher zum Thema „Neue Heimat in der Fremde finden“ hat dieses Buch einen der vorderen Plätze verdient. 4 Punkte. (ut)



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Empfehlung Wsewolod Petrow: "Die Manon Lescaut von Turdej“

Schlicht, bezaubernd, wunderschön
Weidle Verlag, 2012, 124 Seiten
Erstveröffentlichung erst 2006 in der Russischen Föderation


Die Geschichte
Ein sowjetischer Spitalzug fährt im zweiten Weltkrieg von einer Front zur anderen. Die Waggons werden ständig verlegt, um dem Feind kein Angriffsziel zu bieten. Ärzte, Schwestern und verletzte Soldaten treffen sich in einem Waggon. Darin auch ein Petersburger Intellektueller, ein Offizier, der den deutschen Werther im Original liest. Bei einem längeren Aufenthalt trifft er auf das Mädchen Vera, grazil und wild. Der Offizier erliegt ihrem Charme und verliebt sich unsterblich in sie. Es entwickelt sich eine bitter-süße Romanze mit tragischem Ausgang.


Stil & Sprache
Die Sprache verzaubert, sogar in der deutschen Übersetzung.


Plot & Dramaturgie
Der Plot ist einfach und vorhersehbar, aber wunderschön.


Bewertung
Die Erzählung gilt, nicht zu Unrecht, als einer der schönsten Prosatexte der russischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

(bo)



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Empfehlung John Williams: "Stoner“

Berührend, melancholisch, schön
Deutscher Taschenbuch Verlag 2013, 352 Seiten


William Stoner ist der einzige Sohn eines armen Farmerehepaars. Anfang des 20ten Jahrhunderts wird er zum Studium der Landwirtschaft auf eine Universität geschickt und entdeckt dort seine Liebe zur englischen Literatur. Es wechselt das Studienfach, studiert und promoviert über Englische Literatur und wird schließlich sogar Dozent für englische Literatur an dieser Universität. Seinen Eltern wird er fremd. Auch hat er nur wenige Freunde an der Universität. Er geht eine unglückliche Ehe ein, auch hier findet er keine Heimat. Ohne Hilfe seiner Frau zieht er die gemeinsame Tochter groß, aber auch sie entfremdet sich von ihm.


Dieses ruhige akademische Leben mit vielen Mühsalen wird wunderschön beschrieben. Die Geschichte berührt und ist doch kein bisschen kitschig dabei. Es ist ein schönes und melancholisches Buch über das Leben und dessen kleine Siege und großen Niederlagen.


Der Roman des amerikanischen Autors John Williams erschien bereits 1965, fand aber trotz guter Besprechung keine Leserschaft. Erst nach seiner Neuausgabe 2006 wurde der Roman von der internationalen Kritik wahrgenommen. Seitdem entwickelt er sich zu einem Publikumserfolg. (aw)



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Empfehlung Ian McEwan: "Kindeswohl“

Einfühlsam, lebensnah, interessant
Diogenes Verlag, 224 Seiten


Ian McEwan ist ein renommierter britischer Autor zahlreicher Romane. 1998 wurde er mit dem Booker Prize ausgezeichnet. "Kindeswohl" ist sein jüngstes Buch. Es handelt von Fiona Maye, einer Richterin am High Court in London. Deren Mann Jack, ein Geschichtsprofessor, will nach 30 Jahren Ehe ihren Segen für eine Affäre. Zeitgleich soll sie den schwierigen Fall eines 17jährigen entscheiden, der aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion verweigert.


Ian McEwan wirft in "Kindeswohl" eine Reihe interessanter Fragen auf:
  • Kann ein Teenager selbst entscheiden, ob er sein Leben aufgibt?
  • Was macht eine Ehe aus?
  • Wie weit soll/darf berufliches Engagement gehen?

Fiona Maye sucht und findet Antworten, und der Leser begleitet sie gespannt und mit viel Sympathie auf diesem Weg, der von Ian McEwan sehr genau, sehr einfühlsam und sehr lebensnah geschildert wird. (ut)



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Empfehlung Ayelet Gundar-Goshen: "Löwen wecken“

Spannend, handlungsreich, niveauvolle Unterhaltung
Kein & Aber Verlag , 432 Seiten


Ein Neurochirurg überfährt einen Einwanderer, der sich illegal im Land aufhält. Es gibt keine Zeugen, und der Mann wird ohnehin sterben - warum also die Karriere gefährden und den Unfall melden? Doch tags darauf steht die Frau des Opfers vor der Haustür des Arztes und wirft sein geordnetes Leben komplett aus der Bahn.


Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen ist Psychologin. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Leser des Buchs vor die Frage zu stellen: Wenn das dir selbst passiert wäre – mitten in der Nacht ohne Zeugen einen namenlosen Flüchtling zu überfahren, jemanden, der für dich aussieht wie eintausend andere Menschen – wie hättest du gehandelt?


Der Neurochirurg Etan Grien macht den falschen Schritt und muss diesen eingeschlagenen Weg dann weiterverfolgen. Nicht einmal seiner Frau kann er sagen, was er angerichtet hat   und wie er immer tiefer in sein Elend gerät. Er fürchtet, sie und ihre Liebe zu verlieren da er nicht der wunderbare Mann ist, für den sie ihn gehalten hat.


Es ist faszinierend zu lesen, wie die Geschichte immer wieder durch wenige neue Details in ihrer moralischen Bedeutung umfärbt, zersetzt und neu zusammenfügt wird. (aw)



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Empfehlung Lukas Bärfuss: "Koala“

Schweizer Buchpreis 2014, beklemmend, nachdenklich
Wallstein Verlag, 2014, 220 Seiten


Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss ist vor allem für seine Theaterstücke bekannt. Nach einer Novelle und „Hundert Tage“ ist „Koala“ sein zweiter Roman.


Der Protagonist erfährt, während er einen Vortrag über Kleist halten soll, vom Suizid seines Bruders, zu dem er ein lediglich oberflächliches Verhältnis hatte.


Trotzdem trifft ihn die Nachricht schwer und er empfindet zunächst Trauer, dann Zorn und schließlich Hilflosigkeit, während er versucht, im unsteten und nach bürgerlichen Maßstäben wenig erfolgreichen Leben einen Grund für dessen Tat zu finden.


Dazu beschäftigt er sich auch mit der Geschichte Australiens und der Lebensweise der titelgebenden Koalas. (ka)



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Empfehlung Kjell Westoe: "Das Trugbild“

Geheimnisvoll, spannend, Helsinki in den 30er Jahren
btb Verlag, 2014, 416 Seiten


Kjell Westö ist einer der erfolgreichsten finnischen Autoren, der durch Finnland als Buchmesseland 2014 auch in Deutschland bekannt wurde.


„Das Trugbild“ erzählt aus dem Leben des Rechtsanwalts Claus Thune, der in den 30ger Jahren in Helsinki lebt und dessen Ehefrau ihn gerade für seinen besten Freund verlassen hat. Dieser Freund ist weiter Mitglied eines „Herrenclubs“, der sich jeden Mittwoch trifft.


Thune stellt eine neue Sekretärin ein, die in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg während des finnischen Bürgerkriegs offenbar schreckliches erlebt hat.


Während sich die Ereignisse in Deutschland auch in Finnland auszuwirken beginnen, werden Thune und seine Sekretärin mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. (ka)



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Empfehlung Stephan Thome: "Gegenspiel“

Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 464 Seiten


Vor einem Jahr haben wir „Fliehkräfte“ von Thome gelesen – und dabei nur mittelmäßige Noten vergeben. Die Ehe- und Lebenskrise des Bonner Professors Hartmut Hainbach fanden wir kaum interessant, den Protagonisten wenig sympathisch, die Story ohne Dramaturgie und Spannung.


Gegenspiel ist das komplette Gegenteil: Ein spannender, anrührender, dramatischer (Ehe-)roman.


Voller Sympathie begleitet der Leser die Hauptfigur Maria-Antonia Pereira auf der Suche nach einem Lebensentwurf. Die gute Tochter aus verstaubtem Haus erlebt als Teenager den kompletten Umbruch aller Werte in Portugal, das gerade der Diktatur entflieht. Sie startet ein Studium in Berlin und flieht in die Westberliner Hausbesitzerszene. Sie beginnt eine Liaison mit einem angehenden Theaterregisseur, der im Privaten wenig emphatisch ist, und trifft schließlich den verlässlichen, zielorientierten Hartmut Hainbach. Maria endet samt Kind in einem Reihenhaus in Bonn. Das Leben als Ehefrau und Mutter bringt sie an ihre Grenzen, bis sie als fast 50jährige zurück nach Berlin ans Theater flieht.


Diese sehr glaubwürdige Geschichte erzählt Thome – und das ist ja seine große Stärke – nicht linear, sondern verwebt sie in Vor- und Rückblenden zu einem Lebens-Kaleidoskop, in das auch Marias Eltern, Tochter, Ex-Freunde und Kollegen mit ihren Geschichten verwoben sind. Sukzessive taucht der Leser immer tiefer ein in Marias Vergangenheit, ihre Verletzungen und ihre Träume. Dazu kommt die sehr realistische Beschreibung einer Ehe mit all ihren Gefühlen und Erwartungen und Missverständnissen.


Diese Lebensgeschichte beschreibt Thome ruhig und äusserst realistisch. Die vielen Szenen, ob in Lissabon, im mauergeteilten Berlin oder dem Bonner Reihenhaus, sind plastisch, die Dialoge treffend.


Leserinnen werden vieles wieder erkennen. Männer werden ihre Partnerinnen besser kennenlernen. Für mich ist „Gegenspiel“ eines der besten Bücher seit langem. Eine glatte Empfehlung. (ut)



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Empfehlung Michael Wildenhain: "Das Lächeln der Alligatoren“

Spannende deutsche Nachkriegs- und Familiengeschichte
Klett-Cotta Verlag, 2015


Michael Wildenhain verknüpft deutsche Geschichte mit dem Lebensweg seines Erzählers. In drei Teilen des Romans wird Matthias Kastèl als junger Teenager, als Student und schließlich als 45-jähriger Universitätsprofessor gezeigt.


Zunächst wird Matthias als Junge eingeführt, dessen Bruder geistig behindert ist und die Familie an diesem Unglück zerbricht. Während eines Urlaubsbesuches auf Sylt verliebt sich Mathias in Marta, die wenig ältere Pflegerin seines Bruders. Später an der Universität trifft er seine Jungendliebe Marta wieder. Nun erst kommt Matthias ihr näher. Marta wird ihn in die WGs der RAF-Terroristen der zweiten Welle einführen. Wie sehr Marta selber in diesem Umfeld organisiert ist wird Mathias erst viel zu spät klar. Im letzten Teil des Romans ist Mathias längst erwachsen. Er trifft noch ein letztes Mal auf Marta.


Es werden große Themen in dem Buch von Michael Wildenhain aufgegriffen: Familientragödie, RAF-Geschichte, Nazi-Vergangenheit. Aber da der Autor den Erzähler zunächst als naiven, verliebten Jungen aus seiner Perspektive erzählen lässt baut sich die Geschichte und die in ihr verwobenen Zusammenhänge langsam auf. Die Themen werden sukzessive kenntlich und schließlich spannend zu einem großen Handlungsbogen zusammengeführt.


Der Roman stand verdient auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. (aw)



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Empfehlung Paolo Giordano: "Der menschliche Körper“

Unheilvolle Gruppendynamik im afghanischen Soldatencamp
Rowohlt, 2014, 416 Seiten,


Am Krieg in Afghanistan sind auch italienische Truppen beteiligt. In der Operationsbasis „Ice“ treffen die Mitglieder der 66. Kompanie aufeinander: der Arzt und Oberleutnant Egitto, der dem Druck nur mit Psychopharmaka standhält. Der Feldwebel René, der sich zuhause als Gigolo verdingt. Der unerfahrene frühere Punk, der sich in der Armee aus den Fängen der Mutter befreien will. Sie alle portraitiert Giordano mit großer Sympathie und Einfühlsamkeit. Und macht bereits auf der ersten Seite des Buches klar, dass diesem Trupp in Afghanistan eine Katastrophe bevorsteht.


Die italienischen Soldaten sollen afghanische Lastwagenfahrer durch ein von den Taliban kontrolliertes Talbegleiten. Eine Fehlentscheidung trennt den Zug von den Minenräumfahrzeugen.


Mit seinem Buch knüpft Giordano an die bekannten erschreckenden Bilder und Berichte über Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan an und erweitert sie um die Inneneinsichten eines zweiten Schlachtfeldes – des Camps.


Die Perspektiven der dort stationieren Soldaten samt Langeweile und Heimweh vor dem Hintergrund der oft unheimlichen Gruppendynamik mit Machtkämpfen, Demütigungen faszinieren und verstören gleichermaßen.


Geschrieben ist das Buch aus der Perspektive verschiedener Soldaten und zwei Soldatinnen. Insofern gibt es keinen Protagonisten. Es gibt nur die Truppe - und die Geschichten der einzelnen Mitglieder, die sich zunehmend verschränken.


Dabei bleibt der Krieg lange Zeit abstrakt, bis er dann schließlich mit aller Wucht über die Truppe hereinbricht.   (ut)



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Empfehlung Feridun Zaimoglou: "Isabel“

Buchpreis-Longlist 2014, rau, sperrig
240 Seiten, Kiepenheuer&Witsch 2014


Feridun Zaimoglu, geb. 1964 in der Türkei, kam 1965 nach Deutschland und lebt heute in Kiel. Nach seiner ersten Veröffentlichung Abschaum – Die wahre Geschichte von Ertan Ongun (Vorlage für den Film Kanak Attack) hat er für seine folgenden Romane wie z.B. Leyla und Liebesbrand diverse Preise und Ehrungen enthalten, etwa das Stipendium Villa Massimo, den Preis der Literaturhäuser und mehr. Auch in politische Diskurse war er als Teilnehmer der „Deutschen Islamkonferenz“ involviert.


Die Titelheldin seines aktuellen Romans „Isabel“ ist Model und Schauspielerin in Berlin, erhält aber aufgrund ihres Alters kaum noch Rollen und Aufträge. Sie lebt unter extrem prekären Verhältnissen, nachdem ihr Freund sich von ihr getrennt hat. Ihre wohlsituierten Eltern in der Türkei versuchen, eine Heirat für sie zu arrangieren; sie trifft die Männer zwar, lehnt aber ab. Zurück in Berlin lernt sie einen ehemaligen Afghanistan-Soldaten kennen, der selbst stark traumatisiert ist. Beide werden mit Marcus Vergangenheit konfrontiert, was am Ende in eine fast krimiartige Handlung mündet.


Das besondere am Roman Zaimoglus ist seine knappe Sprache, die die extremen Verhältnissen noch schroffer darstellt. Vieles bleibt offen, einiges ist schwer nachvollziehbar, in den Details aber immer faszinierend. (ka)



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Empfehlung Dermot Healy: "Die schöne Welt der Lügen“

Ausdrucksstarke irische Biographie
368 Seiten, Hoffmann und Kampe 2004


Der Schriftsteller Dermot Healy ist im Sommer 2014 gestorben. Unter seinen irischen Kollegen galt er als „Geheimtipp“, erhielt aber im literarischen Mainstream nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit.


Das autobiographische Buch gliedert sich in drei Teile: Dermot Healy als Kleinkind, das in Irland umziehen muss, als Heranwachsender nach dem frühen Tod des Vaters und als erwachsener Mann, der für kurze Zeit seine Mutter pflegen muss.


Es sind immer Perioden, die er als orientierungslos erlebte und in denen er eine Sehnsucht nach einem Zuhause verspürte, das aber für ihn nicht einfach zu finden war.


Dieses Buch überzeugt durch seine ausdrucksstarke und sensible Sprache, die den Leser überzeugend durch diese irische Geschichte führt. (ba)



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Empfehlung Toni Morrison: "Heimkehr“

Krieg, Rassismus, Heimat
Rowohlt 2014, 160 Seiten


„Heimkehr“ setzt die Südstaatenerzählung fort, die Toni Morrison, Nobelpreisträgerin 1993, mit „Jazz“ begonnen hat.


Frank kehrt als einziger von drei Freunden lebend aber traumatisiert aus dem Korea-Krieg zurück. Er hält sich in einer Klinik auf, als ihn ein Hilferuf seiner Schwester erreicht. Obwohl er nie wieder in seinen Heimatort in Georgia zurückkehren wollte, macht Frank sich auf den Weg durch die USA und erfährt, dass der Rassismus weiter tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist.


Er findet seine Schwester als Angestellte bei einem Arzt, der an ihr medizinische Experimente durchführt und gemeinsam fliehen sie.


In Rückblicken erfährt der Leser von der lieblosen Kindheit der Geschwister und Franks Erfahrungen in Korea und so wird deutlich, dass es für die beiden als Schwarze in den USA der 50ger-Jahre keine Heimkehr geben kann.
(ka)



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Empfehlung Matthias Nawrat: "Unternehmer“

dystopisch, poetisch, unheimlich
Rowohlt 2014, 144 Seiten


Matthias Nawart wurde 1979 in Opole (Polen) geboren und siedelte mit seiner Familie 1989 nach Bayern über. Er veröffentlichte 2012 seinen Debütroman „Wir zwei allein“ und gewann 2013 den Chamisso-Förderpreis.


In seinem zweiten Roman Unternehmer lässt Nawrat die 13-jährigen Lipa ihr Leben schildern. Lipa lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald, der zu einer Industrieruine verkommen ist und in die staatliche Ordnung offensichtlich nur noch teilweise vorhanden ist.


Lipa und ihr kleiner Bruder arbeiten mit ihrem Vater als Unternehmer, denn laut Aussage des Vaters ist nur der Unternehmer frei vom „allseitigen Gebuckel als Arbeitssklave“. Sie suchen in verlassenen Fabriken nach Elektroschrott, den sie beim Schrotthändler verkaufen um irgendwann genug Geld gespart zu haben, um einen Bauernhof in Neuseeland kaufen zu können.


Im Kontrast zu dem traurigen Leben steht der muntere und teilweise fast infantile Ton, in dem Lipa von ihrer Tätigkeit als „Mitarbeiter des Monats“ ihres Vaters, aber auch ihren ersten Begegnungen mit einem Jungen berichtet.
(ka)



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Empfehlung Patrick McGuinness: "Die Abschaffung des Zufalls“

Zsolnay Verlag, Wien 2012, 445 Seiten


Ein englischer Student begibt sich wenige Monate vor dem Sturz des Diktators Ceausescu ins kommunistische Rumänien, um an der Universität in Bukarest eine Stelle anzutreten, für die er sich nie beworben hat.


Sein Mentor Leo O'Heix, ein zynischer Dandy, Philologe und König des Schwarzmarktes, führt ihn durch das Labyrinth einer absurden, doppelbödigen Stadt, in der jeder jeden bespitzelt und wo die einen hungern, während die anderen einem perversen Luxus frönen.


Patrick McGuinness erzählt in seinem abgründigen, fesselnden Roman, der Finalist beim Booker-Preis 2011 war, vom ungeheuerlichen Leben der Menschen in den letzten Tagen einer Diktatur.
(aw)



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Empfehlung Juan Gabriel Vasquez: "Das Geräusch der Dinge beim Fallen“

Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2014, 296 Seiten


Bogotá, Kolumbien, im Sommer 2009: Der Jura-Professor Antonio Yammara liest in der Zeitung von einem Nilpferd, das aus dem ehemaligen Privatzoo des legendären Drogenkönigs Pablo Escobar entflohen ist. Unmittelbar fühlt er sich in die Zeit zurückversetzt, als der Krieg zwischen Escobars Medellín-Kartell und den Regierungstruppen auf Kolumbiens Straßen eskalierte. Damals musste er hautnah miterleben, wie ein Freund ermordet wurde.


Noch Jahre später quälen ihn die Erinnerungen. Bei seinen Nachforschungen über den Mord entdeckt Antonio, wie stark sein eigenes Leben und das seines Freundes von der gewaltsamen Vergangenheit des Landes bestimmt wurden.


Das Geräusch der "Dinge beim Fallen" ist eine Tour de Force und ein Porträt einer Generation, die der Drogenhandel in einem lebendigen Albtraum gefangen hielt.
(aw)



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Empfehlung Charles Lewinsky: "Kastelau“

Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2014, 398 Seiten

Winter 1944. Die bayerischen Alpen sind trotz Krieg noch eine friedliche Gegend. Ein Filmteam der UFA setzt alles daran, sich dorthin abzusetzen. Unter einem Vorwand beschafft man sich den Auftrag für den vermeintlich kriegswichtigen Film "Lied der Freiheit".


In dem bald vom Schnee eingeschlossenen Bergdorf Kastelau wird das Drehen einer erfundenen Geschichte immer mehr zur erfundenen Geschichte eines Drehs. Denn wichtig ist nur eines: Die Filmerei muss überzeugend aussehen.


Aus immer neuen Lügen und Ausflüchten entspinnt sich ein Netz aus Intrigen, so dass bald niemand mehr zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß. Ein auf einem historischen Ereignis beruhender Roman.
(aw)



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Empfehlung Stewart O'Nan: "Die Chance“

Älteres US-Paar setzt alles auf eine Karte
Rowohlt Verlag, 2014, 224 Seiten


Für die seit 30 Jahren verheirateten Fowlers ist die Reise an die Niagarafälle die letzte Chance. Mit der Wirtschaftskrise blieb ihr Vermögen auf der Strecke. Ein Gewinn im Casino soll das Schicksal wenden – und die Reise vielleicht ja auch ihre Ehe retten. Das hofft zumindest Art. Denn Marion will endlich die Scheidung. Das erfährt der Leser in kurzen Kapiteln, die abwechselnd aus der Perspektive von Art und Marion erzählt werden.


Realistisch und ganz ohne Sentimentalität beschreibt Stewart O'Nan, Jahrgang 1961, vor dem Hintergrund dieser unglaublichen Sightseeing- und Casinotour die schwer angeschlagene Ehe mit ihren Ängsten und Abgründen, Sorgen und Sehnsüchten und der gleichzeitig über die Jahre gewachsenen tiefen Verbundenheit. Und jedes Wort und jeder Satz passt.


„Die Chance“ ist spannend, anrührend, an manchen Stellen zu sehr aus US-Perspektive geschrieben, an manchen zu detailliert – aber sehr lesenswert bis zum völlig unerwarteten Schluss. (ut)



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Empfehlung Robert Seethaler: "Ein ganzes Leben“

Ergreifend, ruhig, kraftvoll
Hanser Berlin, 2014, 160 Seiten


Robert Seethaler beschreibt in diesem Buch das Leben des Andreas Egger. Der muss als Kind zu einem gewalttätigen Onkel in ein Bergdorf ziehen, wächst zu einem Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann schließlich einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. (ut)



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Empfehlung Dave Eggers: "The Circle“

Leicht zu lesen, spannender Unterhaltungsroman
Kiepenheuer und Witsch, 2014, 560 Seiten


Mae hat es geschafft: Über Beziehungen hat sie einen Job beim angesagtesten amerikanischen Internet-Unternehmen bekommen – beim „Circle“.


Der Internetkonzern hat die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt und alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und coolen Partys. Währenddessen treibt das Unternehmen die totale Transparenz seiner Nutzer unbeirrt und ohne jede Rücksicht voran.


Wie kommt Mae damit klar? Ganz allmählich rutscht sie in diese Welt. Schrittweise gibt sie ihr Leben an ihren Arbeitgeber ab. Sie engagiert sich, lebt ihren Job und verachtet alle, die das kritisieren.


Für den Leser sind alle Handlungen Maes nachvollziehbar. Erst im Rückblick wird klar - sie hätte viel früher Nein sagen sollen. Wie alle Google- und Facebook-Nutzer auch ... (ut)



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Empfehlung Navid Kermani: "Große Liebe“

rührend, mystisch, 80er-Jahre bewegt
Carl Hanser Verlag, 2014, 224 Seiten


Navid Kermani (geb. 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern) ist Schriftsteller und als Orientalist Kenner der islamischen Mystik. Mit Geschichten aus dieser Mystik verknüpft er in „Große Liebe“ die Geschichte seiner ersten großen Liebe, die er als 15-Jähriger mit „der Schönsten des Schulhofs“ in wenigen Tagen durchlebt und auf die er nun, 45-jährig und selbst Vater eines 15-jährigen Sohns, zurückblickt.


Dabei bilden die Begebenheiten, die z.B. aus Madschnūn Lailā erzählt werden, einen reizvollen Kontrast zu der Schülerliebe zwischen dem Autor und der drei Jahre älteren Freundin zu Zeiten von Hausbesetzungen und NATO-Doppelbeschluss-Protesten. (ke)



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Empfehlung Norbert Gstrein: "Eine Ahnung vom Anfang“

Hintergründig, sprachlich klar, gesellschaftskritisch
Hanser-Verlag 2013, 352 Seiten


Auf dem Bahnhof in einer abgelegenen Provinzstadt wird eine Bombe gefunden. Ein Lehrer glaubt auf einem Fahndungsfoto seinen Lieblingsschüler Daniel zu erkennen. Er erinnert sich an die gemeinsame Zeit mit Daniel und fragt sich nun, ob er als Lehrer Schuld an dieser unheilvollen Situation hat. Er hat Daniel gewisse Bücher aus seiner eigenen Bibliothek zur Verfügung gestellt - hat er damit womöglich den einst nahen Schüler auf den Irrweg des Terrorismus gebracht?


Der Ich-Erzähler begibt sich in diesem tiefsinnigen Roman immer weiter in seine persönliche Geschichte. Die Handlungsstränge von Lehrer und Schüler sind eng miteinander verwoben, in beiden gibt es Selbstmorde, Trennungen und Scheitern. Die ambitionierte Thematik wird sprachlich klar und ansprechend umgesetzt, die Figuren sind zwar nicht sympathisch, aber dafür sehr plastisch gezeichnet.


Alles in allem sicherlich keine leichte Lektüre. Sie bewegt den Leser aber und regt zum Nach- und Weiterdenken an. (aw)



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Empfehlung Daniel Kehlmann: "F“

Gegenwartsroman über drei extreme Brüder
Rowohlt Verlag, 2013, 384 Seiten


Nachdem Kehlmann das Publikum mit historischer Literatur begeisterte, wendet er sich mit „F“ erneut der Gegenwart zu. Wird unser Leben von Zufall, Schicksal, Gene, Glauben oder etwa durch die sich selbst erfüllende Prophezeihung bestimmt?


Kehlmann schickt die drei Brüder Martin, Erik und Iwan hinaus, um es an unserer Stelle herauszufinden. Mit unterschiedlichen Talenten ausgestattet, früh vaterlos geworden, nimmt jeder das Leben auf eigenwillige Weise in die Hand.


Der paranoide Erik entspricht ganz dem Abziehbildchen des erfolgreichen Yuppies, in dem sich - besonders vor der Bankenkrise - noch sämtliche Begehrlichkeiten postmoderner Bürger spiegelten. Zwar fühlt er sich von Kameras beobachtet und übersteht keinen Tag ohne Beruhigungsmittel, doch niemand aus seiner beruflichen und privaten Seifenblase merkt das. Sein Zwilling Iwan lebt sein verschrobenes Erbe kreativ aus: Er ist Maler, dabei ist er zu uneitel, um in die allererste Liga der Kunstszene aufzusteigen – oder doch nicht? Der dritte im Bunde, Martin, hat nur ein einziges Talent: Den Zauberwürfel umschrauben. Und auch darin war der Priester, der sich in einer unendlichen Glaubenskrise befindet, früher einmal besser. Er kann sich durch die Beichten, die er abnehmen muss, nur mit enormen Schokoladenrationen retten. Eines Tages erfährt er dabei von einem mysteriösen Totschlag.


Obwohl er seinen Roman mit gewohnt informativen Ausflügen in die jeweiligen Berufsfelder spickt, wirft Kehlmann doch einige nicht beantwortbare, bewegende Fragen auf: Was ist eine Fälschung? Und wenn, was ist „echt“? Oder ist unsere Wirklichkeit sowieso nur, was wir uns einreden (lassen)? (az)



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Empfehlung Eva Menasse: "Lässliche Todsünden“

Sieben Geschichten über die Liebe und das Leben und warum Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier oft die Oberhand gewinnen. (ChBF)



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Empfehlung Daniel Kehlmann: "Der fernste Ort“

Schlicht, elegant, interessant
Suhrkamp Verlag, 2001, 152 Seiten

Kehlmanns Erstling gilt manchen als sein bis heute bester Roman. Zumindest ist es der kürzeste und formal schlichteste, dabei im späteren Werk unübertroffen in seiner Eleganz.


Das Sujet steht den späteren Romanen, was Existenzialismus betrifft, in nichts nach. Eher noch weist es auf diese voraus und entbehrt fast jedem Gegenwarts- oder historischen Bezug.


Die Hauptperson – man scheut sich, ihn Helden zu nennen – könnte mittelmäßiger kaum sein. Er inszeniert als wohl einzigen spektakulären Akt seines Lebens zu Romanbeginn sein eigenes Verschwinden, als Flucht aus einem Leben, dem er nicht gewachsen ist. Aber wohin? Ins Jenseits oder in eine neue Existenz?


In jedem Fall macht der Verschwindende sich auf eine Reise, in deren Verlauf seiner Vergangenheit, das Reiseziel, genau wie seine äußere Realität immer unwichtiger werden. Sie gehen nahtlos in die immer reicher erscheinende Innenwelt des Verschwindenden über.


Im Unmerklichen dieses Übergangs besteht der größte stilistische Kunstgriff. Kehlmann lässt seinen Helden – und zum Helden ist er geworden - auf ergreifende Weise in eine möglicherweise bessere Welt gehen, sei sie nun dies- oder jenseitig. (az)



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Empfehlung Juli Zeh: "Spieltrieb“

Spannend, aktuell, intelligent
Schöffling und Co. Verlag, 600 Seiten, 2004


Der Roman von Juli Zeh erzählt die Geschichte von Ada, Alev und dem Deutschlehrer Smutek. Ada, 14 Jahre alt, gilt als hochbegabt und schwer erziehbar und kommt neu auf das Bonner Ernst-Bloch-Gymnasium. Sie hält Sinnsuche für ein Abfallprodukt menschlicher Denkfähigkeit und schwankt zwischen Gleich-Gültigkeit und dem Suchen nach Werten hin und her. Das ändert sich, als Alev in ihre Klasse kommt.


Der Halbägypter und Viertel-Franzose ist mit einer körperlichen Ausstrahlung ausgestattet, die alle Mädchen in der Klasse fasziniert. Auch für ihn gibt es keine Werte mehr, und aus dieser Langeweile heraus, und mit der Gewissheit in Ada eine Verbündete zu haben, inszeniert er ein Spiel. Herhalten muss dafür der Deutschlehrer Smutek.


Immer mehr taucht Ada in sein Leben ein, wird verführt und von Alev, der dem Akt als Fotograf beiwohnt, erpresst.
Reich an Metaphern und Sinnbildern ist der Roman von der ersten bis zur letzten Seite gut geschrieben, die Figuren glaubhaft ausgearbeitet. Die Aktualität des Themas wird durch den inzwischen erschienenen Kinofilm unterstrichen. (br)



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Empfehlung Abbas Khider: "Brief in die Auberginenrepublik“

tragikomisch, lakonisch, charmant
Edition Nautilus, 2013, 155 Seiten


Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren und konnte 1996 nach zweijähriger Haftstrafe aus dem Irak fliehen. Er lebt seit 2000 in Deutschland und hat für den Roman „Die Orangen des Präsidenten“, in dem er tlw. sein eigenes Schicksal verarbeitet, den Adelbert-von-Chamisso-Preis erhalten.


In seinem aktuellen Roman „Brief in die Auberginenrepublik“ beschreibt er den Weg eines Briefes, den Salim seiner Freundin Samia schreibt. Salim ist nach einer Haftstrafe wegen des Lesens verbotener Bücher aus dem Irak nach Libyen geflohen. Weil er Samia nicht in Gefahr bringen will, kann er den Brief nicht auf dem normalen Postweg schicken sondern nutzt eine illegale Organisation, die Briefe heimlich über viele Stationen in den Irak schmuggelt.


Im Roman kommt nun die jeweilige Person an jeder Station (Bengasi, Kairo, Amman, Bagdad) zur Sprache und schildert Ihr Leben und wie sie zur Beförderung des Briefes beiträgt. Dabei erlebt der Leser komische aber auch bedrückende Momente und erfährt viel über die Situation in den jeweiligen arabischen Länder.


Eine interessante Geschichte in einer gelungenen Konstruktion mit einem überraschenden Ende. (ka)



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Empfehlung Alice Munro: "Zu viel Glück“

Ausdrucksvoll, sehr gut lesbare Kurzgeschichten
S.Fischer, 2011, 365 Seiten


Die Geschichten Alice Munros erzählen über das Leben. Die Figuren und ihre Probleme scheinen vertraut.


Themen der zehn Erzählungen: die Mühsal der Liebe, die entgangenen Gelegenheiten, das schreckliche Geheimnis.


Stil & Sprache: Ihre Sprache ist wortreich und gewandt, ihr Stil treffsicher.


Plot & Dramaturgie: Es macht Spaß den Aufbau einer Geschichte bis zum bitteren oder skurrilen Ende zu verfolgen. Alice Munro gelingt es perfekt, sich in die Seelenlandschaft Ihrer Helden und Heldinnen hineinzuversetzen und erweitert damit auch den Horizont ihrer Leser. (bo)



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Empfehlung Jonas Lüscher: "Frühling der Barbaren“

Novelle, Finanzkrise, Buchpreislonglist 2013
C. H. Beck Verlag, 2013, 125 Seiten


Der Schweizer Firmeninhaber Preising – in seinem Unternehmen nur noch als Frühstücksdirektor tätig – macht eine Reise in eine exklusive Ferienoase nach Tunesien, um dort einen Lieferanten zu treffen.


Außer ihm wird das Ressort fast ausschließlich von einer Hochzeitsgesellschaft bewohnt. Brautpaar und fast sämtliche Hochzeitsgäste kommen aus der Londoner Finanzwelt und feiern über mehrere Tage ein rauschendes, opulentes Fest.


Preising lernt die Mutter des Bräutigams kennen und nimmt so an den Feierlichkeiten teil, als für die Hochzeitsgäste vollkommen unerwartet Großbritannien den Staatsbankrott erleidet und damit die gesamte Hochzeitsgesellschaft nicht mehr zahlungsfähig ist.


Im Gegensatz zu vielen anderen Romanen über die Finanzkrise beschreibt Lüscher nicht, wie der Crash in Bankhäusern aufgenommen wird, sondern zeigt als Zusammenbruch im Kleinformat, wie aus einer Gruppe Luxusurlauber eine barbarische Horde wird. (ka)



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Empfehlung Amos Oz: "Unter Freunden“

Melancholisch, abgeklärt, dicht
Suhrkamp Verlag, 215 Seiten, 2013

In acht kurzen, miteinander verwobenen Erzählungen skizziert Amos Oz das fiktive Kibbuz Jikhat aus den Anfängen der Kibbuzbewegung.


In jeder Geschichte wird die Geschichte eines anderen Bewohners beleuchtet. Da ist Osnat, die von ihrem Mann für eine andere Kibbuzbewohnerin verlassen wurde und dieser jetzt seine Medikamentenliste schickt, der Gärtner, der sich nur für Unglücksfälle in aller Welt interessiert, Roni, der seinen Sohn abends nicht bei den anderen Kindern im Kinderhaus schlafen lassen will, weil diese ihn demütigen, aber von seiner Frau daran gehindert wird, weil sie das Kind nicht verweichlichen will.


Während nach der ursprünglichen Vorstellung ein Kibbuz ein Ort der unbedingten Gemeinschaft sein soll, zeigt Amos Oz, wie sich eine Gemeinschaft trotz der räumlichen Nähe von der Gemeinsamkeit entfernt hat und menschliche Nähe vielfach kaum noch stattfindet.

(ka)



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Empfehlung Jérôme Ferrari: "Predigt auf den Untergang Roms“

Philosophisch, lakonisch, Prix Goncourt 2012
Secession Verlag für Literatur, 208 Seiten, 2013


Zwei aus einem kleinen korsischen Dorf stammende junge Männer brechen ihr Philosophiestudium in Frankreich ab und übernehmen in ihrem Heimatdorf eine alte Kneipe um dort „die beste aller Welten“ zu schaffen. Zunächst ist ihnen Erfolg hinter dem Tresen vergönnt, später scheitern sie jedoch an sich selbst, ihrem Hochmut und ihren Mitmenschen, bis es zum großen, fast skurrilen Showdown kommt. Nebenbei erzählt der Autor die Geschichte der Familie eines Studenten im 20. Jahrhundert.


Das Besondere dieses Buches ist zum einem sein Stil, die Geschichte wird in langen, blumigen, bildreichen Sätzen erzählt, zum anderen die Anleihen, die der Autor an den Predigten des Augustinus zum Untergang Roms nimmt und diese in den Zusammenhang zu der korsischen Bar stellt. (ka)



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Empfehlung Yu Hua: "China in zehn Wörtern“

Chinas Wandel, ironisch, aktuell
S. Fischer Verlag, 2012, 336 Seiten
 
 
Yu Hua ist einer der bekanntesten Schriftsteller Chinas. Seine Essaysammlung „China in zehn Wörtern“ durfte jedoch in China nicht erscheinen.
 
In dieser Sammlung finden sich zehn Notizen, die jeweils mit einem einzigen Wort wie „Schreiben“, „Volk“, „Graswurzel“ überschrieben sind und unter dem Aspekt dieses Worts den Wandel Chinas von der Kulturrevolution bis heute darstellen.


Im Kapitel „Lesen“ z.B. schildert Yu die Nöte der Leser während der Kulturrevolution, da außer den Werken Maos so gut wie jede Literatur verboten war und welche Szenen sich ereigneten, als mit dem Beginn der Reformpolitik internationale Literatur nach China zurückkehrte.


Mit ironischem Unterton und teilweise aus der Sicht des Kindes, das er selbst damals war, beschreibt Hua eindringlich an alltäglichen Begebenheiten die massiven Veränderungen und Umwälzungen, die China in den letzten vierzig Jahren durchlaufen hat, aber auch die Konstanten der chinesischen Gesellschaft. (ka)



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Empfehlung Gilles Leroy: "Alabama Song“

Sommerlektüre mit einer Prise Melancholie
Kein und Aber Verlag, 2008, 236 Seiten,


Der Goncourtpreisträger Gilles Leroy hat mit "Alabama Song" einen biographischen Roman über Zelda Fitzgerald, der Frau des Autors von "Der grosse Gatsby", geschrieben. Das Buch schildert ihr rastloses und exzessive Leben, das in den glamourösen 20er Jahren begann und dann alles andere als beneidenswert endete.


Es ist ein kurzweiliges Buch, das den Leser in der Darstellung des damaligen gesellschaftlichen Lebens anzieht und in seinen Leidenschaften schockiert. (ba)



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Empfehlung Andrew Miller: "Friedhof der Unschuldigen“

Ruhig, Informativ, Schöne Lektüre
Zsolnay Verlag, 2013, 384 Seiten


Frankreich, im 18. Jahrhundert: Der junge Ingenieur Jean-Baptiste Baratte erhält den Auftrag, in Paris den "Friedhof der Unschuldigen" auszuheben. Der Friedhof ist überbelegt und sich selbst überlassen; die Faulgase verpesten das angrenzende Wohnviertel. Jean-Baptiste heuert für die Grabungen Bergleute an, deren Anführer mit ihm befreundet ist. Ein Jahr lang benötigt Baratte für diesen Auftrag, der nicht immer reibungslos umzusetzen ist.


Obwohl Thema und auch die Erlebnisse des jungen Ingenieurs durchaus bewegend sind, so hat Miller doch ein ganz ruhiges Buch geschrieben. In schönem Schreibstil und mit ruhigem ErzählflussAndrew Miller wird ein bewegtes Jahr im vorrevolutionärem Paris beschrieben.


Miller beschreibt keine gruseligen Friedhofsszenarien, sondern malt liebevoll und mit leisem Humor den Alltag des jungen ehrgeizigen Ingenieurs. Es ist ein schönes Buch - trotz des unschönen Themas. (aw)



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Empfehlung Amy Waldman: "Der amerikanische Architekt“

Gesellschaftsbild aus heutigem Amerika, faszinierend, aktuell
Schöffling und Co. Verlag, 2013, 507 Seiten


Zwei Jahre nach dem Anschlag vom 11. September auf das World Trade Center versammelt sich eine Jury in Manhatten, um den besten Entwurf einer Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags vom 11. September auszuwählen. Es sind lange und zähe Beratungen um das richtige Konzept. Letztendlich entscheidet man sich für den "Garten", ohne den Namen des Architekten zu kennen, der Wettbewerb war anonym. Feierlich wird der Umschlag mit dem Namen des Architekten geöffnet und ist schockiert: Mohammed Khan heißt der Gewinner. Ein Muslim als Fürsprecher der Trauernden?


Die Jury gerät in hitzige Debatte. Der Name des Architekten gerät - entgegen der getroffenen Absprache innerhalb der Jury- an die Öffentlichkeit. Die Jurymitglieder werden zur Zielscheibe sensationshungriger Journalisten, radikaler Aktivisten und ehrgeiziger Politiker. Der so komplizierte wie begabte Architekt bietet keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation an: warum sollte er, ein nicht gläubiger Amerikaner, nur auf Grund seinens Namens den Gewinn nicht annehmen? Die Debatte nimmt an Hitzigkeit zu, eine nationale Krise bahnt sich an.


Amy Waldmann gelingt es, das Aufschaukeln von Prinzipientreue, Machtinteressen, Sehnsüchte und Rachegefühle faszinierend und spannend darzustellen. Jeder Akteur hat seine und ihre eigene Agenda. Und es gibt keine einfache Lösung. Es bleibt bis zum Ende spannend, wie das Dilemma aufgelöst werden wird. (aw)



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Empfehlung Adam Johnson: "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“

grotesk, zynisch, Pulitzer-Preis 2013
Suhrkamp Verlag, 2013, 687 Seiten


Jun Do, der vermeintliche Sohn eines Waisenhausaufsehers in Nordkorea, kennt aus seiner Kindheit nichts außer Hunger, Entbehrung und Ausbeutung, bis er in einer Sprachschule Englisch lernt und nach Einsätzen als Entführer von Japanern und Abhörspezialist auf einem Fischerboot Mitglied einer nordkoreanischen Delegation wird, die Texas besucht.


Dort kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung.
Im zweiten Teil des Buches wird dieser Faden aufgenommen und die Geschichte aus der Sicht eines vermeintlichen (?) Armeegenerals und Liebling des Staatschefs (?), seiner Familie und eines Geheimdienstmitarbeiters erzählt.


In lapidarem, teilweise fast plauderndem Ton schildert der Autor, der Nordkorea selbst besuchen konnte, die phantastische Geschichte eines Helden in totalitären, komplett abgeschotteten Land aus mehreren Perspektiven und dabei die entsetzlichen Zustände zwischen bedingungslosem Führerkult und grausamen Folterkellern.


Dabei gelingt Adam Johnson, trotz der grauenhafter Erlebnisse des Jun Do, ein auch humorvolles Buch, ohne die Schrecken zu verharmlosen. (ka)



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Empfehlung Stéphane Heuet: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

Graphic Novel, Weltliteratur, Ligne claire
Knesebeck, seit 2010, 73 Seiten



Spätestens seit „Persepolis“ von Marjane Satrapi sind Graphic Novels auch weit über ihre Fangemeinde bekannt. Bereits 1998 hat Stéphane Heuet begonnen, eines der monumentalsten Romanwerke des 20. Jahrhunderts, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, als Graphic Novel umzusetzen. Seit 2010 sind fünf Bände in deutscher Sprache erschienen, die die ersten beiden Teile des Romans beinhalten.


Im sogenannten „Ligne claire“-Zeichenstil bringt Heuet die Welt Marcels und Charles Swanns liebevoll in Bilder. Während die Personen sehr einfach dargestellt sind, sind die Kulissen detailreich und historisch korrekt gezeichnet.


Ohne die berühmten „Proustschen Perioden“ in ihrer vollen Länge zu übernehmen, schafft es der Autor doch, den typischen Sound der „verlorenen Zeit“ einzufangen.


Ein neuer und wunderbarer Zugang zu einem Klassiker. (ka)



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Empfehlung Herman Koch: "Angerichtet“

Kiepenheuer & Witsch 2010, 320 Seiten
Kurzweilig, raffiniert, nachhallend


Der Roman von Herman Koch erzählt ein Familiendrama. Zwei Brüder und ihre Frauen verabreden sich in einem Spitzenrestaurant, um über ihre beiden fünfzehnjährigen Söhne zu sprechen.


Diese haben etwas getan, das ihr Leben für immer ruinieren könnte. Wie weit darf Elternliebe gehen und was dürfen diese tun, um ihre Kinder zu beschützen?


Sprachlich schnörkellos und bissig formuliert und geht der Autor dieser Frage nach. Angerichtet ist ein gesellschaftskritischer Roman über ein Thema, das den Leser auch nach Beenden des Buches nicht gleich loslässt. (br)



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Empfehlung Peter Buwalda: "Bonita Avenue“

Rowohlt Verlag, 2013, 640 Seiten
Gekonnte Erzählkonstruktion, spannend, ein literarischer Splatter-Movie


Bonita Avenue erzählt den Aufstieg und Untergang von Siem Sigerius, der als beruflicher Überflieger in die familiären Abgründe stürzt. Es ist das Jahr 2000, der erfolgreiche Universitätsrektor Sigerius wird als Wissenschaftsminister in das niederländische Kabinett berufen. Kurz vor Amtsantritt stößt er auf Internetpornoseiten, die höchst erfolgreich von seiner Stieftochter Joni und deren Freund Aaron betrieben werden. Und dann wird in diesem Sommer auch noch Wilbert, der missratene Sohn aus erster Ehe, aus der Haft entlassen. Das Idyll der holländischen Patchwork-Familie bricht in sich zusammen.


Der Roman ist aus drei Erzählsträngen aufgebaut. Wir lesen die Ereignisse abwechselnd aus der Sicht von Vater, Tochter und dem verlassenen Freund. Und alle drei Protagonisten erinnern sich an Früher, als man noch glücklich war. Diese gekonnte Erzählkonstruktion rangt sich um ein Themen-Gemisch aus Mord, Erpressung, Meineid, Betrug, Pornografie und Wahnsinn.


Das über 600 Seiten dicke Buch bleibt von der ersten Seite bis zum dramatischen Schluss packend und spannend. Stil und Sprache überzeugen, die Konstruktion aus verschiedenen Erzählperspektiven und -zeiten ist dicht und gelungen. Bonita Avenue ist ein Splattermovie, literarisch gekonnt zu Papier gebracht. (aw)



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Empfehlung Eva Menasse: "Quasikristalle“

Geistreich, boshaft, melancholisch
Kiepenheuer und Witsch, 432 Seiten, 2013.


Die frühere FAZ-Journalistin Eva Menasse, Jahrgang 1970, zerlegt in „Quasikristalle“ die Biografie einer Frau in 13 Kapitel. Es handelt sich um Kurzgeschichten von unterschiedlichen Personen, die alle die Hauptperson streifen und so deren Leben von der Schülerin bis zur rebellischen Großmutter erzählen.


Der Holocaust und das Aufbegehren gegen politische Zwänge spielen für die in Wien geborene und später im 21. Jahrhundert doch ganz bürgerlich lebende Hauptfigur und Künstlerin Xane Molin eine wichtige Rolle.


Und so beschäftigen sich auch viele der Kurzgeschichten des Buches nicht nur mit Xanes Männern und Kindern, sondern mit aktuellen geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen.


Das ist raffiniert zusammengestellt, geistreich geschrieben, teilweise boshaft, in jedem Fall kurzweilig. Dabei lässt es den Leser melancholisch zurück. Er hat Xanes ganzes Leben begleitet - und dabei viel über das eigene Leben und die gnadenlos voranschreitende Zeit nachgedacht.
(ut)



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Empfehlung John Burnside: "Lügen über meinen Vater“

Sprachgewaltige, schreckliche, schottische Kindheitsgeschichte.
Knaus Verlag, 2011. 382 Seiten


John Burnsides "Lügen über meinen Vater" ist zunächst eine Autobiografie. Der Autor beschreibt, wie er in einfachen Verhältnissen in Schottland und Mittelengland aufwächst.


Der Vater ist Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter, ein Säufer, der die Familie terrorisiert und den Lohn am Wochenende im Wettbüro und in der Kneipe lässt. Seine armselige Existenz kompensiert er durch Lügen, Saufen und Prügeln. Taucht er am Sonntag nach einer Zechtour wieder auf, ist er "laut, leutselig und reizbar, bereit, geliebt zu werden und jederzeit zuzuschlagen, wenn ihm diese Liebe vorenthalten wurde".


An dem Tag, an dem John so weit ist, seinen eigenen Vater zu ermorden, verlässt er die Familie und zieht aus. Von der Übermacht des Vaters befreit verfängt er sich aber zunächst selber in Drogen und Alkohol.


So trostlos und schrecklich die Kindheit und der Lebensweg des Autors sind, so liest man das Buch erstaunlicherweise doch gerne. Denn die Grausamkeiten des Vaters sind zwar Inhalt des Buches - Thema ist aber eine schwierige Vater-Sohn Beziehung, die der Autor ohne Rührseligkeit oder gar Selbstmitleid in philosophischer Reife durchleuchtet. In wunderschöner und gewaltiger Sprache versucht Burnside, dem Verhassten gerecht zu werden. Wie ihm das gelingt, ist beeindruckend zu lesen.


Buchseite des Knausverlag mit Leseprobe

(aw)



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Empfehlung Mo Yan: "Frösche“

Burlesk, grotesk, traumatisch
Hanser Verlag, 512 Seiten, 2013


Der autobiografisch inspirierte Text erzählt von den Konsequenzen der Ein-Kind Politik für die chinesische Gesellschaft seit den 1950er Jahren. Der Ich-Erzähler, ein einfacher Schriftsteller aus der ostchinesischen Provinz, berichtet überschwänglich die Lebensgeschichte seiner linientreuen Tante.


Der Bericht beginnt in den Hungerjahren um 1960. Die aufgeklärte junge Hebamme Gugu bringt in Sachen Geburtshilfe die Moderne in die Dörfer. Ihr Können wird insbesondere gebraucht, als nach dem Ende der Hungerzeit ein Babyboom einsetzt. Anfang der 80'er Jahre jedoch wird die Ein-Kind-Politik eingeführt. Mittels rigoroser Geburtenkontrolle soll die drohende Bevölkerungsexplosion vermieden und künftiger wirtschaftlicher Fortschritt ermöglicht werden. Im Dienst für Partei und Vaterland wird jetzt aus der mitfühlenden Frauenärztin ein «ausführendes Organ der Geburtenkontrolle».


Gugu macht blutige Jagd auf alle, die sich den Vorgaben der Ein-Kind-Politik nicht fügen. Als Vertreterin des Fortschritts kämpft sie für die Verbesserung der Lebensverhältnisse und ist doch für individuelle Katastrophen verantwortlich. Der Roman spannt den Bogen über fünf Jahrzehnte bis in die Gegenwart, wo im heutigen chinesischen Staatskapitalismus ein zwielichtiger Markt für Zweitkinder entstanden ist.


Sprachstil
Erzählt wird eine Fülle von burlesken, grotesken und traumatischen Episoden aus den Lebenswegen von Tante und Neffe. Der Sprachstil des Buchs ist geprägt von launigen Dialogen und satirischen Übertreibungen. Es reihen sich grausige Szenen an humorige Anekdoten. Für diesen burlesken Sprachstil wurde wohl der Begriff "daft hilarity", der dümmlichen Lustigkeit, geprägt. Das ist zwar leicht zu lesen, aber nur schwer zu genießen.


Bewertung
Auch wenn der Sprachstil der Lektüre eher hinderlich ist, so hat mich doch das Thema des Buches und die Auseinandersetzung des Autoren mit der chinesischen Ein-Kind-Politik gebannt. Die Vorwürfe an den nobelpreisgekürten Autoren, er sei ein Opportunist des chinesischen Regimes und dem System letztlich zu nahe, kann ich nach Lektüre dieses Buches nicht teilen.


Abb. Mo Yan, Frösche. In der Übersetzung von Martina Hasse
© 2013 Carl Hanser Verlag München


Leseprobe Hanser Verlag (PDF) (aw)



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Empfehlung Silke Scheuermann: "Die Häuser der anderen“

Überraschend, beunruhigend, kurzweilig
Schöffling und Co. Verlag, 2012, 264 Seiten


In ihrem Episodenroman über die Bewohner einer Straße in Frankfurt gibt Silke Scheuermann kurze, beunruhigende Einblicke in die Lebensgeschichten ganz unterschiedlicher Figuren und ihrer Beziehungen.


Wie bei den Hauptfiguren Christopher und Luisa, die nach ihrer Heirat in diese besseren Wohngegend gezogen sind. Er ist angehender Professor für Biologie, sie Kunsthistorikerin. Anna, das achtjährige Kind der Schwester, bringt ihre heile Welt erstmals ins Wanken. Für Dorothee und ihren Mann bringt ein Verkehrsunfall das Ende des bisherigen glücklichen Lebens.


Stück um Stück zerbrechen in den neun von Silke Schauermann raffiniert miteinander verknüpften Geschichten Hoffnungen und Träume, gerät sicher geglaubtes ins Wanken und kippt.


Die Autorin erzählt ohne zu werten, beobachtend und unaufgeregt. Das Buch ist kurzweilig und schnell zu lesen. Den Leser lässt es nachdenklich zurück. (ut)



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Empfehlung Hanns-Josef Ortheil: "Das Kind, das nicht fragte“

Roman über die Kunst des Fragens
Luchterhand, 428 Seiten


Die Geschichte:
Benjamin, der jüngste Spross einer Familie mit fünf Söhnen, leidet in seiner Kindheit sehr unter seinen Brüdern. Sie scheinen ihn nicht wahrzunehmen und er traut sich nicht Fragen zu stellen. Er ergreift den Beruf eines Ethnologen und reist für seine Forschungen auch nach Mandlica in Sizilien. Er kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen und er wird, insbesondere für die Frauen, ein begehrter Gesprächspartner. Sie beginnen ihm ihre Geheimnisse und Wünschen mitzuteilen...


Stil & Sprache:
Die Sprache ist anspruchsvoll und treffend, das Buch gut zu lesen.


Plot & Dramaturgie:
Der Plot ist einfach, doch interessant.


Bewertung:
Ich habe das Buch sehr gern gelesen, ein „lichter Roman über das Leben im Süden Italiens“. (bo)



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Empfehlung Jaume Cabré: "Das Schweigen des Sammlers“

Opulent, Detailreich, Ungewöhnlich
Suhrkamp 2011, 847 Seiten


Das Schweigen des Sammlers („Jo confesso“, zu Deutsch etwa „Ich gestehe; Ich beichte") ist die dicht verwobene Lebens- und Familiengeschichte von Adriá Ardèvol aus Barcelona, geschickt eingebettet in die Verwerfungen eines halben Jahrtausends.


Auf über 800 Seiten entwickelt Cabré einen überaus komplexen Plot, der sich um den Lebensweg Adriás sowie eine ihm vererbte kostbare Geige rankt. Das Instrument kam einst unter höchst undurchsichtige Umstände in den Besitz seines Vaters.


Die Intrigen um diese Geige wird über die Jahrhunderte zurückverfolgt. Dabei mutet der Autor seinen Lesern beständige Wechsel zu. Aus einer Epoche wird in die andere, von einer Figur zur nächsten gesprungen. Selbst das komplette Ineinanderfließen der Figuren kommt vor. So wird ein Verhör vor dem Tribunal der spanischen Inquisition unmittelbar verwoben mit einem Verhör in einem KZ, das durch ein und die gleiche Figur vorgenommen wird. Die beiden Szenen verschwimmen, innerhalb eines Satzes wechseln Zeit und Ort - und doch bleiben beide Szenen bestehen.


Wie Cabré dieses Geschichten, Erzählperspektiven, Handlungsstränge und Zeiträumen miteinander verwebt und zu einem spannenden Ganzen zusammenfügt, ist wirklich lesenswert.


"Jo confesso" wurde 2011 in Spanien zum Buch des Jahres gekürt. Es wird gefeiert als ein monumentales Werk, in dem Cabré eine spannende Geschichte geschickt strukturiert und sprachlich leichtfüssig erzählt.
(aw)



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Empfehlung John Lanchester: "Kapital“

Spannender, gut zu lesender Gesellschaftsroman
Verlag Klett-Cotta, 2012, 650 Seiten


Alle Bewohner der Londoner Pepys Road suchen nach ihrem Glück: Der Banker Roger Yount und seine verwöhnte Ehefrau. Die senegalesische Fußballhoffnung Freddy Kamo. Der pakistanische Kioskbesitzer. Die nigerianische Politesse. Der polnische Handwerker Zbigniew.

In seinem Gesellschaftsroman „Kapital“ zeichnet John Lanchester das Gesellschaftsportrait der ganz unterschiedlichen Bewohner einer Londoner Straße am Vorabend der Finanzkrise - und verbindet sie meisterhaft miteinander.

Alt, jung, sympathisch, unangenehm. Banker, Künstler, Polizisten, Hausfrauen. Oberschicht, Mittelschicht, Prekariat. Alteingesessen, Migranten. Normal, senil, exzentrisch. Lanchester nimmt sich Zeit, die einzelnen Personen und ihre Motivation ausführlich zu beschreiben, ohne zu werten.

Mit einem Kunstgriff hält Lanchester zudem die Spannung bis zum Schluss aufrecht. Die FAZ hält die Erzählung über "Geld und Gier, Angst und Ambition" so auch für einen der lesenwertesten britischen Romane der vergangenen Jahre. Stimmt! (ut)



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Empfehlung Wolf Haas: "Verteidigung der Missionarsstellung“

Überraschend, ungewöhnlich, komisch
Hoffmann und Campe, 2012, 238 Seiten


Wolf Haas, der Autor der Brenner-Krimis, hat mit „Verteidigung der Missionarsstellung“ seinen zweiten Roman nach „Das Wetter vor 15 Jahren“ veröffentlicht.


Im Roman schreibt der Schriftsteller Wolf Haas über seinen Freund Benjamin Lee Baumgartner, der sich immer dann verliebt, wenn auf der Welt eine neue Epidemie ausbricht, von BSE über die Vogelgrippe bis zur Schweinegrippe (und noch mehr?).


Als Sohn einer Hippiemutter und eines frühzeitig verstorbenen Indianers wird er ständig auf seine Ähnlichkeit mit Chief Bromden aus „Einer flog über das Kuckucksnest angesprochen“.


Während in Benjamins Geschichte, teilweise von seinem Freund Wolf Haas, teilweise auch von ihm selbst erzählt, in London, in der bayerischen Provinz, in China und in den USA absolut nichts so ist, wie es zuerst zu sein erscheint, gewinnt der Roman auf der Metaebene an Spannung, indem mit Schriftarten und –größen, Fremdsprachen, redaktionellen Anweisungen des Autors und Ansprachen durch Romanfiguren gespielt wird.


Ein Roman, in dem tatsächlich alles anders ist. (ka)



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Empfehlung Christoph Peters: "Wir in Kahlenbeck“

Bewegend, berührend, tiefgründig
Luchterhand Literaturverlag, 2012, 512 Seiten


Der 15jährige Carl Pacher lebt in den 80ger Jahren im katholischen Jungeninternat Collegium Gregorianum Kahlenbeck, das sich das Heranziehen des Priesternachwuchses zum Ziel gesetzt hat und in dem die Zeit in den frühen 50ger Jahren stehengeblieben scheint.


Carl ist – im Gegensatz zu einigen Mitschülern – tief gläubig und damit zerrissen zwischen seiner Vision, durch den Glauben an Gott frei zu werden und seinen Gefühlen für das Küchenmädchen Ursula. Dazu wird er auch noch von älteren Mitschülern, die einer katholischen Geheimorganisation „Werk Gottes“ angehören, mit theologischen und philosophischen Fragen gequält.


Ein Internatsroman, der durch die Behandlung großer Themen, aber auch durch Komik fesselt.
(ka)



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Empfehlung Patrick Modiano: "Im Café der verlorenen Jugend“

Nostalgisch, rätselhaft, schwebend
Carl Hanser Verlag GmbH & CO. KG, 2012, 160 Seiten


Ein Mann wird von seiner Frau völlig unerwartet verlassen. Er engagiert einen Privatdetektiv, um sie wiederzufinden. Der Detektiv findet jedoch heraus, dass der Ehemann fast gar nichts über seine Frau weiß. Anhand zweier Automatenphotos beginnt der Detektiv zu ermitteln und recherchiert Polizeiakten und besonders der Chronik eines Cafés, in dem Jacqueline, die Ehefrau, vor ihrer Ehe unter einem anderen Namen Mitglied einer Bohèmeclique war.


Patrick Modiano lässt den Ehemann, den Detektiv, einen ehemaligen Verehrer und Jaqueline selbst zu Wort kommen, trotzdem bleibt die Person der Jaqueline im Vagen.
(ka)



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Empfehlung Henning Mankell: "Die italienischen Schuhe“

Melancholisch, berührend, detailverliebt
Paul Zsolnay Verlag, 2007, 368 Seiten


Der Autor begegnet einem in diesem Roman völlig neu: In ruhiger, fast betörender Atmosphäre wird, mit großer Liebe zum Detail, über den Chirurgen Frederik Welin berichtet.


Dieser hat nach einem beruflichen Desaster seinen Arztberuf aufgegeben und sich auf eine Schäreninsel zurückgezogen. Er lebt dort nur mit seinem altersschwachen Hund und seiner eigenwilligen Katze in völliger Einsamkeit. In einer besonderen Situation begegnet ihm sein alte Liebe Harriet, inzwischen schwer erkrankt, und fordert die Einlösung eines Versprechens ein, welches er ihr als junger Mann, bevor er sie verließ, gegeben hatte. Frederik lässt sich zögernd auf dieses Vorhaben ein und begegnet auf dieser Reise unerwartet besonderen Menschen, aber vor allem auch sich selbst.


In diesem, auf leisen Sohlen daherkommenden Roman, geht es um menschliche Bedürfnisse, um Gefühle, Versprechen und die Trauer über verpasste Gelegenheiten. Es geht jedoch auch um die Gnade einer zweiten Chance, Freundschaft und Sinngebung. So verzeiht man dieser melancholischen, sich von einer Wintersonnenwende zur nächsten über ein Jahr hinziehende Geschichte, auch die ein oder andere Ungereimtheit und lässt sich mitnehmen auf die Reise und berühren von der Thematik des Älterwerdens.
(sts)



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Empfehlung Carsten Jensen: "Rasmussens letzte Reise“

Düsterer, atmosphärisch dichter Künstlerroman
Knaus Verlag, München 2010, 352 Seiten


Carl Rasmussen wächst im 19. Jahrhundert in einer dänischen Großfamilie auf. Schon früh empfindet er die Malerei als Bestimmung seines Lebens und erkämpft sich allen Widerständen zum Trotz seinen Weg. Noch vor dem Studium an der Kunstakademie in Kopenhagen erkennt er die Kraft der Kunst, Menschen unterschiedlichster Natur zusammenzubringen und in diesem Kraftfeld zu einen. Er beschließt, fortan nur noch Schönes zu malen und der Hässlichkeit abzuschwören. Dies wird das Dogma seiner Kunst.


Nach seinem Studium an der Akademie bricht er als erster dänischer Maler nach Grönland auf, er folgt dem Ruf, nach dem jeder Künstler seinen ihm eignen Ort finden muss, um die Energie der Inspiration zu spüren. Die Reise nach Grönland wird eine Entdeckungsreise zu sich selbst, in die Malerei und in die eigene Seele. Als bekannter und alternder Maler tritt er noch einmal die Reise nach Grönland an, auf der Suche nach der Energie, die ihn dort einst durchströmte, denn es scheint, als habe er jegliche Fähigkeit zur Inspiration im Laufe seines Lebens verloren.


Der Roman wird von einer bedrückenden Stimmung getragen, Fragen nach dem elementaren Inhalt des Lebens stehen im Vordergrund. Der Protagonist begibt sich auf die Suche nach Erfüllung, Liebe, Ästhetik und Schönheit und wird dabei immer wieder von Selbstzweifeln, Schuld und der Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens eingeholt. Ebenso entwickelt sich dabei die Frage, inwieweit seine künstlerische Motivwahl diese Zweifel reflektiert.


Carsten Jensen schreibt atmosphärisch dicht über den ewigen Kampf zwischen der Realität und den geistig formulierten Ansprüchen an das eigene Leben. Der innere Aufruhr steht klar im Mittelpunkt des Romans und findet immer wieder in der Kunst, der Natur und den anderen Menschen und Künstlern die Anstöße zur Auseinandersetzung.


Wer kennt nicht die Fragen, die in diesem Roman gestellt werden? Es sind Fragen nach Lebenslügen, eigenen Kompromissen, der heilenden Kraft der Kunst und einer ewigen Diskrepanz zwischen Pragmatismus und Erfüllung. „Carsten Jensen ist für mich ein einzigartiger Geschichtenerzähler.“ (Henning Mankell)

(emm)



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Empfehlung Ivana Bodrožić: "Hotel Nirgendwo“

Teenager, Kriegskinder, Jugoslawienkrieg
Paul Zsolnay Verlag 2012, 224 Seiten


In Jugoslawien tobt der Krieg. Aus Vukovar vertrieben, muss die namenlose Ich-Erzählerin im Alter von neun Jahren mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Zagreb flüchten. Dort müssen sie in einem winzigen Zimmer im Hotel Zagorje, welches als Flüchtlingsunterkunft dient, mehr als sechs Jahre ausharren.


Der Vater bleibt in Vukovar zurück, wo später 1400 Kroaten den Tod finden. Er gilt als verschollen. Die Familie lebt in der verzweifelten Hoffnung, den Vater wiederzusehen und irgendwann eine eigene Wohnung zugewiesen zu bekommen.


In diesen irritierenden, desolaten Verhältnissen wächst die Protagonistin auf und erlebt doch eine fast unbeschwerte Teenagerzeit. Es ist kein Kriegsroman, den Ivana Bodrožić hier erzählt. Es ist die Geschichte einer Teenagerin mit all den normalen Sorgen, Nöten und Sehnsüchten heranwachsender Jugendlicher. Die Levis-Jeans ist ihr wichtiger als Politik und Krieg, die erste Liebe entwickelt sich inmitten der desolaten Zustände im Flüchtlings-Hotel, der Besuch der Disco dominiert die Gedankenwelt der Hauptfigur und nicht die Sorge um die engen Wohnverhältnisse oder die Perspektivlosigkeit dieser Zeit. Lediglich die verzweifelten Briefe der Mutter und des Bruders an das Ministerium mit der Bitte um eine Wohnung zeigen dem Leser die wahre Not, die die Familie erleidet.


Der Roman ist schön zu lesen. Die Leichtigkeit der Sprache, die helle, heitere Unmittelbarkeit, verdrängt dabei nicht die Ernsthaftigkeit der Rahmenhandlung. Ivana Bodrožić, 1982 geboren, wuchs selber in Vukovar auf. Ihr Debütroman wurde in Kroatien als Kultbuch der kroatischen Kriegskinder gekürt.

(il)



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Empfehlung Milena Michiko Flašar: "Ich nannte ihn Krawatte“

Poetisch, tragisch, anrührend
Wagenbach Verlag, 2012, 144 Seiten


Milena Michiko Flašar beschreibt eine tiefgründige Geschichte zweier Außenseiter, die dem Leistungsdruck ihres Lebens nicht mehr standhalten. Der jüngere der beiden verlässt nach mehreren Jahren selbstgewählter Einsamkeit sein Zimmer und tastet sich zurück in die Welt. Auf einer Parkbank begegnet er einem älteren Mann, einem soeben frisch entlassenen "Salaryman".


Beide kommen langsam ins Gespräch und erzählen sich über Tage und Wochen hinweg die Geschichte ihres Lebens und Scheiterns, ihre Hoffnungen und Glücksmomente. Und so lesen wir, wie sich zwei Außenseiter, die beide nichts mehr zu verlieren haben, sich gegenseitig helfen, aus ihrer Sackgasse herauszukommen.


Über kurze 144 Seiten hinweg erzählt Flašar, die 1980 als Kind japanisch-österreichischer Eltern in St. Pölten nahe Wien geboren wurde, eine anrührende Geschichte voller wunderschöner Bilder. Sie schreibt vom Glück und einer Welt, in der es auch für einen Hikikomori wieder einen Sinn ergibt, das Leben leben zu wollen.


Es ist ein poetisches Buch, das gilt sowohl für die ausgewogene Komposition als auch für die virtuose Sprache. (aw)



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Empfehlung Paul Auster: "Sunset Park“

Sympathisch, lebensnah, spannend
Rowohlt Verlag, 2012, 320 Seiten,


Sunset Park spielt im heutigen Amerika. Mike, die Hauptperson, der einst aus New York geflohen ist und alle Brücken abgeborchen hat, zieht zu seinem Freund in ein besetztes Haus am Sunset Park in Brooklyn, New York. Das Haus bewohnt der Freund gemeinsam mit zwei Frauen - einer Künstlerin und einer engagierten Literaturstudentin. Von hier aus nimmt Mike schließlich auch Kontakt zu seinen Eltern auf, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, um endlich zu beichten, was vor langen Jahren mit seinem Bruder geschah.


Diese Geschichte eines intelligenten, jungen Mannes aus gutem Haus, dessen Unbeherrschtheit sein Leben zerstört, erzählt Auster aus verschiedenen Perspektiven. Bis auf seine minderjährige Geliebte und seine Stiefmutter bekommen alle eine eigene Stimme.


Das ist spannend, gut erzählt und gut konstruiert, in einem Stil, der an Franzen erinnert. Auch die verschiedenen Personen sind gut beschrieben, aber leider aufgrund der Kürze des Buches nur angerissen. Man hätte gerne mehr über sie erfahren: Den Vater, der einen kleinen Verlag am Leben hält und den festen Willen hat, nur gute Bücher zu verlegen. Die Mutter, die als Schauspierin nach zwei gescheiterten Ehen eine Karriere am Broadway macht. Die Stiefmutter, die vom Leben mehr erwartet - oder doch nicht? Und über seine drei Mitbewohner.


Lediglich bei den Beschreibungen über Basketball-Spieler und Spiele langweilt Auster den/die deutschen Leser/in. Zudem verärgert er mit einem wiederkehrenden Motiv - der Liebe/sexuellen Beziehung zu einer/m Minderjährigen. Auster preist sie in diesem Buch gleich in zwei Erzählsträngen als einzig wahre Form der großen Liebe an. (ut)



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Empfehlung Sabrina Janesch: "Katzenberge“

Poetisch schöne Heimatsuche
Aufbau Verlag, 2010, 304 Seiten


Janeschs Debütroman Katzenberge handelt von einer jungen Frau, die aus Anlass des Todes ihres Großvaters eine Reise nach Niederschlesien und Galizien unternimmt.


Ihr Großvater Stanisław Janeczko stammte aus Galizien. Von dort wurde er 1945 vertrieben. Janeczko flieht mit seiner Familie nach Schlesien. Dort teilt man ihnen Höfe zu, deren Besitzer - Deutsche - wiederum vertrieben wurden. Mehr als sechzig Jahre später verfolgt die Enkelin die Flucht des Großvaters zurück. Sie reist von Schlesien nach Galizien, begegnet dabei immer wieder der ungeklärten Geschichte des Bruderzwists ihres Großvaters und -onkels, und findet ganz nebenbei zu sich selbst.


In poetisch schöner Sprache erzählt Janesch vom Leben ihres Großvaters, von der Angst vor der Fremde und der Suche nach Heimat.
(aw)



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Empfehlung Katja Thimm: "Vatertage - Eine deutsche Geschichte“

Berührende, liebevolle Biographie
S. Fischer Verlag, 2011, 287 Seiten


Katja Thimm schreibt die Biographie ihres Vaters. Dieser hat als 13jähriger die Flucht der Familie aus Ostpreußen organisiert, saß lange Jahre in der DDR im Gefängnis und wurde schließlich hochrangiger Beamter im Bonner Familienministerium.


Die Autorin erzählt diese Geschichte in Episoden, die sie ihrem Vater bei ihren Besuchen abringt. Denn mit 75 wird ihr Vater zum Pflegefall, und zu den körperlichen Gebrechen kommt Demenz.


Erst jetzt, mit dem neuen Hintergrund, kann sie viele Verhaltensweisen ihres Vaters verstehen. Und auch der Leser erfährt mit diesem sehr behutsam und liebevoll geschriebenen, gut lesbaren Buch nicht nur viel über die Ängste und Gebrechen alter Menschen, über Pflegestufen und Pflegeheime. Er bekommt hier deutsche Geschichte aus einer sehr persönlichen Sicht geschildert, die auch die Grausamkeiten des Krieges nicht ausspart.


Für ihre Arbeiten wurde die Journalistin Katja Thimm mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis. Für Vatertage erhielt sie 2012 den Preis der evangelischen Kirche.
(ut)



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Empfehlung Jonas Jonasson: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

carl's books, 2011, 416 Seiten
Amüsantes Buch mit unglaublichen Ereignissen

Die Geschichte: Allan Karlsson steigt an seinem 100jährigen Geburtstag aus dem Fenster und macht sich mit dem Linienbus aus dem Staub, um den Festivitäten anläßlich seines Geburtstages zu entgehen. Nichts ahnend gerät er in den Besitz eines Koffers, der eine hohe Geldsumme aus Drogengeschäften enthält. Bald sind Gangster und Polizei hinter ihm her. In eingeschobenen Rückblenden erinnert er sich an die hundert Jahre seines Lebens, die ihn mit den wichtigsten Personen der Weltgeschichte in Berührung gebracht hat.


Stil & Sprache:Die Sprache ist einfach und flüssig, das Buch gut zu lesen.


Plot & Dramaturgie: Der Plot ist gut, wirkt aber etwas konstruiert, sowohl bei der Kriminalgeschichte als auch bei den Treffen mit den Großen der Geschichte.


Bewertung: Ich habe das Buch gern gelesen. Ein wunderbarer Zeitvertreib für Strandkorb und Kreuzfahrt.
(bo)



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Empfehlung David Vann: "Die Unermesslichkeit“

Erschütternde, spannende Beziehungs-Tragödie
Suhrkamp, 2012, 351 Seiten


David Vanns Roman über das Scheitern einer Ehe spielt in Alaska. Dort baut ein Ehepaar Mitte fünfzig auf Drängen des Mannes auf einer einsamen Insel eine Blockhütte. Sie mißlingt - ebenso wie die bisherige 30jährige Ehe samt ihrem erschütternden Ende. Parallel dazu hofft auch die Tochter, mit dem aktuellen Freund endlich denn Mann für´s Leben gefunden zu haben. Was die Mutter ahnt und dann auch der Leser weiß: Sie hat den Falschen gewählt.


Diese Tragödie, die der Autor vor dem Hintergrund einer gleichzeitig grandiosen und unerbittlichen Natur aus den verschiedenen Perspektiven der handelnden Personen erzählt, ist spannend und gut zu lesen. Der Leser folgt gebannt den Beziehungskämpfen und dem oft rücksichtlose Vorgehen der Beteiligten. David Vann, Professor für Creative Writing an der University of San Francisco, verarbeitet in diesem Roman Teile seiner eigenen Biographie. (ut)



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Empfehlung Anja Reich, Alexander Osang: "Wo warst Du? Ein Septembertag in New York“

Reportagehaft, unkompliziert, gut geschrieben
Piper Verlag, 2011, 272 Seiten


Als der Reporter Alexander Osang im Jahr 2001 vom Spiegel eine Korrespondentenstelle in New York erhält, kommt seine Frau, ebenfalls Journalistin, mit. Während er völlig selbstvergessen Geschichten hinterherjagt und seine Karriere voranbringt, reduziert sich ihr Leben nun weitestgehend auf die Organisation des Familienlebens samt kleinen Kindern in der neuen Stadt.


Eine Geschichte, die sich so oder ähnlich in Deutschland jeden Tag abspielt, und die man doch ausgesprochen gerne liest. Das liegt zum einen an der Konstruktion der Geschichte: Anja Reich und Alexander Osang erzählen diese Geschichte einer Ehe und Familie abwechselnd, mit all den Kuriositäten, die der US-Alltag mit sich bringt, und sie sparen dabei auch nicht ihre persönlichen Schwächen und die Schwierigkeiten ihrer Ehe aus. Das alles erzählen die beiden in einem unkomplizierten, journalistischem Stil: Kurze Sätze, knappe, pointierte Beschreibungen, wie ein gut geschnittener Film springt die Story zwischen den beiden hin und her.


Den Rahmen ihrer Ehegeschichte liefert der 11. September 2001. Denn dieser Tag, an dem Terrorosten zwei Flugzeuge in die Twin Towers von New York steuern, markiert nicht nur für New York und die Welt einen Wendepunkt. Anja Reich und Alexander Osang erleben diesen 11. September auch als persönliches Desaster, der ihr fragiles privates Glück endgültig zum Kippen zu bringen droht.
(ut)



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Empfehlung Christoph Ransmayr: "Morbus Kitahara“

Düster, eigenwillig, thematisch beeindruckend
S. Fischer Verlag, 1995, 439 Seiten


Der Roman von Christoph Ransmayr erschien im Jahre 1995 - passend zum fünfzigsten Erinnerungsjahr an das Ende des Zweiten Weltkriegs.


In dem Roman entwirft der Autor das trostlose Szenario einer nicht vom Marshall- sondern vom Morgenthau-Plan bestimmten Nachkriegszeit: Was wäre gewesen, wenn die westlichen Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland und Österreich deindustrialisiert und in eine Agrargesellschaft zurückverwandelt hätten.


Es ist eine düstere dystopische Alternativweltgeschichte, in der ganze Landstriche in einen vorindustrialisierten Zustand zurückversetzt werden, in denen ein amerikanischer Totalitarismus und keine Demokratie eingeführt wird. Es gibt weder politisch noch wirtschaftlich eine bessere Zukunft für die Menschen dieser Region.


Sowohl Thema als auch Sprachstil von "Morbus Kitahara" sind beeindruckend. Die ungewöhnlichen und eigenwilligen Wort- und Satzkombinationen des Autors faszinieren. Die Beschreibung der düsteren Gegend, der vermodernden Maschinen und die Darstellung der allgemeinen Hoffnungslosigkeit sind absolut lesenswert. (aw)



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Empfehlung T. C. Boyle: "Wenn das Schlachten vorbei ist“

fesselnd, facettenreich, sarkastisch
Hanser Verlag, 2012, 464 Seiten


Zwei Tierschützer stehen sich in T.C. Boyles Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ unversöhnlich gegenüber: Alma Boyd Takesue, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit beim National Park Service, will auf einer kleinen vor Santa Barbara gelegenen Insel die dort eingeschleppten Ratten mit Gift beseitigen, um die heimische Vogelpopulation zu schützen.


Dave LaJoy hat es mit einem Geschäft für Heimelektronik zu Wohlstand gebracht, ist Gründer der FPA (For the Protection of Animals) und lässt nichts unversucht, um Almas Aktion zu verhindern, da seiner Meinung nach Menschen nicht darüber entscheiden dürfen, ob ein (Vogel-)Leben wertvoller als ein anderes (Ratten-)Leben ist.


Über mehrere Jahre zeichnet Boyle das Leben der beiden Protagonisten und ihrer Vorgeschichte. Dabei ergreift er jedoch niemals Partei für eine der beiden Positionen, unter anderem dadurch, dass keine der Figuren sonderlich sympathisch gezeichnet wird und beide ihren Kampf nicht nur um der Sache willen sondern auch aus eigener Verbitterung gegenüber dem anderen führen.


Ein Roman über die Frage, wie weit der Mensch in die Natur eingreifen darf, auch um von ihm angerichtete „Schäden“ wieder rückgängig zu machen, der jedoch trotzdem auch fesselt und unterhält. (ka)



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Empfehlung Nicole Krauss: "Das große Haus“

Rätselhaft, melancholisch, berührend
Rowohlt 2011, 384 Seiten


In acht Episoden, deren Zusammenhänge sich dem Leser erst nach und nach erschließen, erzählt die US-amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss, deren Familie vor dem Holocaust in die USA flüchten konnte, die Geschichten der Besitzer eines Schreibtischs.


Der Roman beginnt damit, dass eine junge Frau sich neu einrichten muss, weil Ihre Beziehung zerbrochen ist. Sie lernt einen chilenischen Dichter kennen, der ihr seine Möbel – darunter den Schreibtisch – für die Zeit seines Aufenthalts in Chile überlasst. Nach einiger Zeit erfährt sie, dass der Schriftsteller vom Pinochet-Regime ermordet wurde und glaubt und hofft nun, den Schreibtisch behalten zu können, da ihr Erfolg als Schriftstellerin direkt mit dem Schreibtisch zusammenhängen scheint.


Ein gewöhnliches Leben lebt kein Eigentümer des Schreibtischs, die teilweise als Ich-Erzähler fungieren, teilweise von Ehepartnern oder Freunden geschildert werden: Weder Lotte, die als Teenager vor den Nazis nach England geflohen ist, noch Weihz, der Antiquitätenhändler, der abhanden gekommenes Mobiliar auf der ganzen Welt sucht und wiederbeschafft, und auch nicht der israelische Vater, der sich vollständig von seinem jüngeren Sohn entfremdet hat, keiner von ihnen verhält sich „erwartbar“.


Ein Buch, das es dem Leser nicht einfach macht, aber sehr stark berührt. (ka)



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Empfehlung E. L. Doctorow: "Homer & Langley“

Ruhig, bewegend, absolut lesenswert
Kiepenheuer & Witsch 2010, 219 Seiten


E.L. Doctorow erzählt die (wahre) Geschichte von dem Brüderpaar Homer und Langley Colleyer, die Mitte des letzten Jahrhunderts in New York aufgrund ihrer bizarren Lebensweise die Neugier ihrer Nachbarn und der Presse auf sich zogen.


Homer, der Ich-Erzähler des Romans, ist blind und hochsensibel. Sein älterer Bruder Langley ist durch seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entweder verrückt oder zum Genie geworden. In ruhigem Erzählfluss beschreibt Homer, wie sich die beiden Brüder immer mehr aus der Welt zurückziehen.


Langley versucht, mittels Projekten und Sammlungen eine Ordnung und ein System für die Welt zu entwickeln. So sammelt er Bücher, Musikinstrumente, Möbel und hortet in immer größeren Stapeln sämtliche täglich gekauften Zeitungen. Langley möchte eine ewig aktuelle Zeitung erstellen, die mit nur einem Exemplar die Welt und den Zustand der Menschheit jederzeit aktuell darstellt. Während sich die beiden mit ihrem Messie-Syndrom zunehmend in ihrem Haus verschanzen und sozial isolieren, kommt ihre Umwelt zu ihnen nach Hause: Prostituierte, Gangster, Jazzmusiker, Polizisten und Hippies finden ihren Weg in das New Yorker Stadthaus.


E.L. Doctorow erzählt ruhig und ohne Sensationsgier, was sich in einem Haus abgespielt haben mag, aus dem nach dem Tode der Besitzer über 100 Tonnen Müll geräumt wurden. Es ist eine bewegende und absolut lesenswerte Lektüre. (AW)



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Empfehlung Jennifer Egan: "Der größere Teil der Welt“

Unkonventionell, mitreißend, überzeugend und niemals banal.
Schöffling, 2012, 329 Seiten

Das amerikanische Prosa-Multitalent webt einen erzählerischen Quilt über Musikgeschichte und Vergänglichkeit, der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Im Original heißt der Roman „Besuch vom Schlägertrupp“.


„Das Alter ist ein Schlägertyp“, behauptet ein abgehalfterter Rockstar – nur einer der unzähligen Charaktere, die je eine zeitlich und persönlich einzigartige Perspektive auf den Stoff geben, den die Autorin kunstvoll dosiert weiterentwickelt. Die Versöhnung des Lesers mit den Unvermeidlichkeiten des Lebens trübt Jennifer Egan abschließend mit einem etwas aufgesetzten Zukunftsszenario.
(AZ)



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Empfehlung Richard Russo: "Diese alte Sehnsucht“

Amüsant, eigenwillig, gut beobachtet.
DuMont Verlag, 2010, 352 Seiten


Griffin, 50, Professor und ehemaliger Drehbuchautor, fährt zu einer Hochzeit nach Cape Cod. Cape Cod – das war für seine Eltern, ein snobistisches und dabei dauerhaft unzufriedenes amerikanisches Akademikerpaar, die jährliche Flucht aus dem Alltag.


Auch Griffin läßt diese Halbinsel nicht los. Hier hat er alle Schulferien verbracht, seine Hochzeitsreise, hier will er nun endlich die Asche seine Eltern ins Meer streuen. Doch das ist nicht so einfach.


Mit feiner Komik und einem guten Blick auf die alltäglichen Absurditäten des Lebens zeigt Pulitzer-Preisträger Richard Russo in seinem Roman, wie schwer der Abschied von den Eltern fällt, und wie sehr deren Rollenbilder unser Leben prägen.


Gutes Thema, gut beobachtet, gut zu lesen, und dabei ausgesprochen amüsant: Wer Franzen und Irving mag, wird Russo lieben! (ut)



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Empfehlung Wolfgang Herrndorf: "Sand“

Sprachgewaltig, fesselnd, überraschend & fantastisch
Rowohlt Verlag, 2011, 480 Seiten


Agentenroman, Satire, Liebesgeschichte – „Sand“ hat von allem etwas und zieht den Leser in seinen Bann. Wolfgang Herrndorf, einst Maler, malt nun mit seiner Sprache Bilder einer nordafrikanischen Stadt und der sich zufällig dort abspielenden Ereignisse, und zwar so atmosphärisch und realistisch, dass man wie in einem Film gefangen ist.


In einer Hippie-Kommune werden 1972 vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Mit von der Partie sind auch ein verwirrter Atomspion, eiskalte arabische Killer, eine platinblonde Amerikanerin, und ein Mann ohne Gedächtnis, der von allen gejagt wird.


Sprachgewaltig, unterhaltsam, fantastisch und realistisch, brutal und böse. Diese grandiose Mischung habe ich zuletzt vor zehn Jahren bei Bodo Kirchhoff und seinem „Schundroman“ gefunden. 2012 hat Herrndorf für „Sand“ den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen.


Zu Recht. (ut)



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Empfehlung T.C. Boyle: "Talk Talk“

Spannend, sozialkritisch, aktuell
Carl Hanser Verlag, 2006, 394 Seiten


Zwei Sonderlinge, der eine Hochstapler, die andere taub, aber nicht stumm, sind die Protagonisten dieses Romans. Die Geschichten von Peck und Dana werden von einem der großen amerikanischen Erzähler der Gegenwart, T. C. Boyle parallel zueinander erzählt. Verbindendes Element ist ein Verbrechen, das im digitalen Zeitalter neue Dimensionen angenommen hat: Identitätsdiebstahl.


Dana ist Pecks Opfer, das sich nicht auf die Polizei verlässt, sondern Peck auf der Jagd nach Selbstjustiz quer durch die Vereinigten Staaten verfolgt. Computerspiel-Entwickler Bridger versucht – manchmal erfolglos - Danas „Sprache“ an die Außenwelt zu übersetzen.


Der Kampf mit Danas Behinderung und die Suche nach einer gemeinsamen Sprache werden auf der Suche nach dem Betrüger zur Feuerprobe für ihre Liebe. Aber auch Peck ist nicht als Hochstapler geboren worden. Sein differenziertes Psychogramm überzeugt.


„Talk, Talk“ ist Sozialkritik, Charakterstudie und Roadmovie in einem Roman für diejenigen, die Spannung auf hohem Niveau schätzen. (AZ)



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Empfehlung Julian Barnes: "Vom Ende einer Geschichte“

Nachdenklich, bewegend, Booker-Preis 2011


Kiepenheuer & Witsch, 2011, 192 Seiten


Die Jugend Tony Websters, des Ich-Erzählers von Julian Barnes preisgekröntem Roman, ist geprägt von der Spießigkeit der frühen 60ger Jahre. Die Freundschaft zu dem intellektuellen Adrian bringt ein bisschen Aufruhr in sein Leben; sie zerbricht jedoch an einem Mädchen.
Vierzig Jahre später erhält Tony einen Brief, der ihn dazu zwingt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.


Barnes schildert meisterhaft, wie Tony auf sein Leben zurückblickt und dabei entdeckt, wie weit seine Erinnerung von der Realität abweicht und er seine Schuld erkennt. Die dadurch entstehende Spannung wird am Schluss völlig überraschend aufgelöst. (ka)



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Empfehlung Charles Lewinsky: "Gerron“

Spannend, dramatisch, erschreckend

Nagel & Kimche, 2011, 540 Seiten


Das Buch erzählt die Lebensgeschichte des jüdischen UFA-Stars Kurt Gerron. Gerron hat die Greuel des ersten Weltkriegs als verwundeter Soldat überlebt, hat im Berlin der 30er Jahre mit Stars wie Marlene Dietrich und Bertolt Brecht als Schauspieler und Regisseur gearbeitet und wird schließlich gemeinsam mit seiner Frau Olga im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert.


Über dieses Lager soll er einen Propagandafilm für die Nationalsozialisten drehen. Damit beginnt der Roman.


Der Autor lässt Gerron diese Lebensgeschichte (samt seinen ständigen Zweifeln nach dem richtigen Weg) selbst erzählen. Gelungen verknüpft er Rückblicke aus Gerrons Leben, seiner Jugend, von seiner Kriegsverletzung, dem Glück des Theaterspielens, von seiner großen Liebe zu Olga und von den wachsenden Schrecken und den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und deren Vertreibungs- und Tötungsmaschinerie, die ihn schließlich auch erreicht.

Lewinsky hat Kurt Gerron, der in die Geschichte als Nazi-Kollaborateur eingegangen ist, in seinem faktenreichen und doch erfundenen Roman als ausgesprochen sympathischen, guten Menschen dargestellt, dessen Leben gleichermaßen von Glück wie Unglück geprägt ist.


Immer wieder hinterfragt Gerron dabei seine eigene Handlungsweise, sich mit den entsetzlichen Gegebenheiten zu arrangieren und für sich selbst das Beste daraus zu machen. So könnte der geplante Propagandafilm ihn, Olga und die Mitspieler zumindest zeitweise vor Ausschwitz und dem sicheren Tod bewahren. Was tun? Und so entfaltet das Buch seinen Sog.


Nicht unbedingt auf jeder Seite große Literatur, aber in jedem Fall, so auch die FAZ, „großes Kino“.
(ut)



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Empfehlung Petra Busch: "Schweig still, mein Kind“

Krimi mit Einblick in die Welt eines Autisten

Knaur Verlag, 2010, 488 Seiten


Mit diesem Buch hat die Autorin ihren ersten Kriminalroman vorgelegt. Das Werk reiht sich in die Reihe der zurzeit angesagten Kriminalgeschichten mit lokalem Bezug ein. Hier ist es ein kleines Dorf bei Freiburg; die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Doch die heile Welt der Bewohner ist natürlich alles andere als das.


Eine Redakteurin und ein Kommissar versuchen – mal gemeinsam, mal gegeneinander – Licht in das Dunkel der Dorfgeheimnisse zu bringen. Die attraktive Redakteurin, die gerade den Job verloren und sich von ihrem Freund getrennt hat und der einsilbige Kommissar, dessen zwei Katzen zumeist von einem Kollegen versorgt werden, bilden ein ungleiches, sich aber immer mehr annäherndes Gespann.


Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen steht schnell ein Autist, ein Savant. Die Art seiner Inselbegabung und sein Umgang mit den Mitmenschen erfordert von den Ermittlern eine andere Vorgehensweise als in einem konventionellen Fall, was der Geschichte besonderen Reiz verleiht.


Bieten sich dem Leser zu Beginn des Romans noch viele Theorien zu Täter und Motiv, so wird er mit Fortschreiten der Ereignisse immer mehr auf eine Fährte gelenkt. Das ist stilistisch sehr spannend und schlau gemacht, wobei die Figuren immer ihre Glaubwürdigkeit behalten.


Die Autorin beschreibt, sie bewertet nicht. Es bleibt dem Leser überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Und das ist am Ende alles andere als einfach. (AB)



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Empfehlung Peter Stamm: "Seerücken“

Melancholisch, schnörkellos, raffiniert 2011, S. Fischer Verlag, 191 Seiten


10 Kurzgeschichten über ganz unterschiedliche Menschen, die mit ihrem Leben und den Umständen hadern, es aber nicht schaffen, sich zu lösen. Bis es einen Anstoß von außen gibt und die vage Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte.


Da gibt es den Pastor, der Angst vor seiner Gemeinde hat und sich davon auf überraschende Weise löst. Die Klavierlehrerin, die von der großen Karriere als Konzertpianistin träumt. Den Bio-Bauern, der gerne eine Partnerin hätte, und zur richtigen Zeit den richtigen Zug macht. Ihre Geschichten erzählt Peter Stamm in kurzen Sätzen, mal aus der Ich-Perspektive, mal aus der Erzählerperspektive, in Geschichten von 3 bis 30 Seiten. Es sind gut lesbare Episoden, mit kurzweiligen, mitunter surreal anmutenden Begebenheiten über die Herausforderungen des Alltags und das Vermögen der Hauptpersonen, diese zu meistern - oder nicht.


Beim oft bitteren Ende, das ein neuer Anfang werden kann, spielen Krankheit und Tod oft eine wichtige Rolle. Das passt zu der Vita des Autors: Peter Stamm, Ende 40, hat Anglistik, Psychologie und Pathopsychologie studiert. Danach reist er um die Welt, arbeitet als Journalist. 1998 erschien sein erstes Buch Agnes. Schon damals beschäftigte er sich mit Scheitern einer Liebe und dem Tod.


"Glück macht keine guten Geschichten" sagt Agnes in diesem Buch. Dem Credo ist Stamm treu geblieben. Die oft störende Distanziertheit von damals hat der Autor allerdings hinter sich gelassen. In seinem aktuellen Buch „Seerücken“ – einem Hügelzug am Rande des Bodensees – zeigt er Sympathie und Verständnis für seine Figuren und deren Leben. (ut)



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Empfehlung Amos Oz: "Geschichten aus Tel Ilan“

dicht, unheimlich, geheimnisvoll
Suhrkamp-Verlag, 2009, 187 Seiten


In acht lose verknüpften Geschichten erzählt der israelische Autor Amos Oz über die Verlorenheit und Einsamkeit der Menschen einem kleinen fiktiven Dorf im Norden Israels.


Eine Lehrerin kümmert sich um ihren alten Vater, eine Bibliothekarin flirtet mit einem Jungen aus dem Dorf, ein Makler will ein altes Haus erwerben und abreißen, um Platz für einen Neubau zu schaffen; was sich alltäglich anhört, wird zunehmend unheimlicher und abstruser, wenn in einem Haus unerklärliche Geräusche zu hören sind oder Menschen einfach verschwinden. Anstelle einer Erklärung lässt Amos Oz die Geschichten enden und so den Leser mit einem Unbehagen zurück. (ka)



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Empfehlung David Grossmann: "Eine Frau flieht vor einer Nachricht“

Emotional, tragisch, politisch
Carl Hanser Verlag, 2009, 728 Seiten


Der Titel ist Inhaltsbeschreibung: Die Geschichte spielt in Israel und erzählt von den Ängsten einer Mutter, deren Sohn sich freiwillig zu einem Kampfeinsatz gemeldet hat. Um einer möglichen Todesnachricht zu entgehen, flieht Ora aus der Wohnung. Auf einer langen Wanderung erzählt sie ihrem Jugendfreund Avram, der im Sechstagekrieg selbst Soldat war, von dessen Leben und dem Leben der Familie.

Immer weiter taucht der Leser in die Kindheit und Jugend der beiden Söhne ein. Parallel dazu läuft die Geschichte einer schwierigen Ehe mit einem Mann, der sie am Tag der Geburt ihres ersten Sohne allein lässt. Ihr Jugendfreund wiederum ist durch seine schrecklichen Kriegs-Erlebnisse fast verrückt geworden. Sukzessive wird der Leser in diese Hölle in all ihrer Sinnlosigkeit eingeführt – und fürchtet mit Ora nun das Schlimmste.

Was macht das Besondere dieses Buches aus? Es ist sehr berührend, emotional und erschreckend, weil es Menschen in all ihren Facetten zeigt – gute und böse. Über 780 Seiten lebt, liebt und leidet der Leser mit Ora, ihren Söhnen und ihren Männern. Denn Ihr Glück und das des Landes sind untrennbar verquickt. Der Nahostkonflikt wird zum Dreh- Angelpunkt ihren, wohl jedes israelischen das Familienlebens.

Tatsächlich haben sich bei Autor David Grossman Fiktion und Realität schließlich auf grausame Weise vermischt: Er saß an diesem Roman als ihn die Nachricht vom Tod seines eigenen Sohns ereilte. Er starb in den letzten Tagen des zweiten Libanon-Kriegs im Jahr 2006. (ut)



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Empfehlung Joachim Zelter: "Der Ministerpräsident“

Vergnüglich, kurzweilig, politisch
Klöpfer und Meyer Verlag, 2010, 190 Seiten

Der schwäbische Ministerpräsident erwacht aus dem Koma - und weiß nicht mehr, wer er ist.


Für seine Partei ist dieser Unfall wenige Wochen vor der Wahl eine Katastrophe. Und so muss Claus Urspring ungeachtet seiner totalen Amnesie wieder auf die Politbühne. Die Reden kommen künftig vom Band – von einer Schnitttechnikerin, die der Falschheit des ganzen Betriebes auf ihre Art ein Schnippchen schlägt.


Mit seiner kurzweiligen Politsatire über den komplett inszenierten Landesvater „Urspring“ nimmt Autor Joachim Zelter die oberflächliche Botschaften und Bilderfixiertheit des Politzirkus aufs Korn. Eine Shortstory auf 190 Seiten, die unterhält und gleichzeitig nachdenklich macht und die sich in jedem Fall lohnt.


Homepage des Autors

(ut)



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Empfehlung Hans Fallada: "Jeder stirbt für sich allein“

nüchtern, düster, eindringlich
Aufbau Verlag, 2011, 704 Seiten


Fallada schrieb „Jeder stirbt für sich allein“ 1947 auf der Grundlage einer wahren Begebenheit: Nachdem ihr Sohn gefallen ist, schreibt ein Berliner Arbeiterehepaar Postkarten gegen die NS-Diktatur und verteilt sie in Berlin. Zunächst sehr vorsichtig; nach einiger Zeit kommt ihnen jedoch die Gestapo auf die Spur und sie werden verhaftet.


In unzähligen Nebenfiguren stellt Fallada ein Panorama Berlins während des Krieges dar, und erzählt wie einzelne durch Angst und schreckliche Zufälle der Gestapo zum Opfer fallen und andere von deren Unglück profitieren.


Während in der ursprünglichen Ausgabe der Text an vielen Stellen „geglättet“ wurde, zeigt die Neuauflage mit dem Originaltext des Autors besonders die Widersprüchlichkeit der Figuren. (ka)



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Empfehlung Silvia Bovenschen: "Wie geht es Georg Laub?“

Elegant, rätselhaft, absurd

Verlag Fischer (S.), 2011, 284 Seiten


Nachdem sein Stern zu sinken beginnt, bricht der Schriftsteller Georg Laub mit seinem bisherigen Leben als Literaturstar und zieht in das baufällige Haus seiner verstorbenen Tante. Dort lebt er, da seine finanzielle Reserven zügig zur Neige gehen, ein karges Leben ohne Internet, Fernsehen und Telefonanschluss und pflegt nur noch flüchtige Kneipenbekanntschaften. Jedoch scheint er trotz aller Verachtung für sein bisheriges Leben auch in Einsamkeit nicht richtig angekommen zu sein.


Als ein Bekannter aus seiner Vergangenheit ihn aufsucht und sich Facebook-Gruppen zu seinem Verschwinden gründen, wird Georg Laub schwer krank.


Zusätzlich schicken ihn Gestalten aus einem Manuskript, dessen Herkunft nur vermutet werden kann, in höllenartige Prüfungen.


Ein Buch mit mehreren Perspektiven, inneren und äußeren Handlungssträngen, das eine Wertung dem Leser selbst überlässt.
(ka)



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Empfehlung Philip Roth: "Nemesis“

Tragisch, einfühlsam, angenehm altmodisch
Carl Hanser Verlag, 2011, 222 Seiten



Nemesis - in der griechischen Mythologie ist Nemesis die Göttin des „gerechten Zorns“


Tatsächlich hat die ahnungslose Verstrickung des Helden, eines jungen jüdischen Sportlehrers, in die Katastrophe viel von einer griechischen Tragödie.


Nemesis spielt im brütend heißen Sommer von 1944 in Newark. Dort bricht Kinderlähmung aus, und keiner weiß, wie er sich schützen kann. Der Sportlehrer Bucky Cantor, der sich aus einer düsteren Kindheit nach oben gearbeitet hat, will seinen Schülern helfen.


Doch Pflichtgefühl, die Angst vor der sich unter seinen Schülern rasch ausbreitenden tödlichen Erkrankung und die Liebe zu einer jungen Lehrerin lassen sich nicht vereinen. Bucky wird seinen eigenen Idealen nicht gerecht. Die Epidemie zerstört sein Leben.


Roth beschreibt seinen Helden mit großer Präzision, Ausführlichkeit und Einfühlsamkeit, ohne zu langweilen. Der vorgezeichnete Weg in die Katastrophe hat eine enorme Sogwirkung.


Der Leser teilt zudem den "gerechten Zorn" des Sportlehrers über diese unbarmherzige Krankheit und seine immer größer werdende Besorgnis, das Falsche zu tun. Denn Roths Romane haben selten ein Happy End. (ut)



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Empfehlung Claudia Pinero: "Die Donnerstagswitwen“

mitfühlend, dicht, aktuell
Unionsverlag, 2010, 315 Seiten



In Altos de la Cascada, einer Gated Community vor den Toren Buenos Aires, lebt die gehobene Mittelschicht Argentiniens in ihrer eigenen, abgeschiedenen Welt geschützt durch Mauern und Wachleute.


Die „Donnerstagswitwen“ treffen sich jede Woche, während ihre Männer dem Alkohol zusprechen. Eines Tages werden am Freitagmorgen drei dieser Männer tot im Swimmingpool gefunden.


Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeitpunkten werden die einzelnen Bewohner der Siedlung vorgestellt und so die Risse in der Fassade jeder einzelnen Familie deutlich. Gewalt, Untreue, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und finanzielle Nöte werden vor der Nachbarschaft verheimlicht, was mit der ansteigenden Wirtschaftskrise zunehmend schwieriger wird bis schließlich die Abstiegsangst zur Katastrophe führt. (ke)



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Empfehlung Colm Tóibín: "Brooklyn“

melancholisch, eindringlich, unsentimental
Carl Hanser Verlag 2010, 302 Seiten



Eilis lebt in den frühen 50er Jahren mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einer irischen Kleinstadt, der Vater ist bereits verstorben, ihre Brüder sind nach England ausgewandert. Da sie trotz guter Ausbildung keine angemessene Anstellung findet, wird sie von Mutter und Schwester gedrängt, das Angebot eines nach New York ausgewanderten Priesters anzunehmen, der ihr dort eine gute Stelle und weitere Fortbildungsmöglichkeiten verspricht.


In New York angekommen leidet Eilis unter Heimweh, der strengen Zimmerwirtin und den Intrigen ihrer Mitbewohnerinnen. Sie lernt auf einem Tanzabend den jungen Italiener Tony kennen. Obwohl sie Tony nicht liebt, läßt sie sich von ihm den Hof machen und verspricht ihm, ihn zu heiraten. Als sie nach einem Todesfall in der Familie ihre Mutter in Irland besucht, scheint es ihr für kurze Zeit möglich zu sein, das zu tun, was sie selbst möchte.


Colm Tóibín schildert völlig subjektiv das Leben von Eilis, die egal an welchem Ort den Zwängen ihrer Zeit ausgeliefert ist. (ke)



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Empfehlung José Saramago: "Die Reise des Elefanten“

Unbeschwert, ironisch, kurzweilig
Hoffmann und Campe, 2010, 240 Seiten

Der portugiesische König beschließt 1551, Erzherzog Maximilian von Österreich einen Elefanten zur Hochzeit zu schenken. Ein Tross von Soldaten und Ochsenkarren wird zusammengestellt, um den Elefant von Lissabon zuerst nach Valladolid und dann nach Wien zu überführen. Mit dem Elefanten reist sein Pfleger Subhro, der wie der Elefant aus Indien stammt und nur langsam mit den europäischen Gebräuchen der frühen Neuzeit vertraut wird.


Während der Erzähler die strapaziösen Ereignisse der Reise – vom religiösen Wunder durch den Elefanten bis zum knapp verhinderten Kriegsausbruch – beschreibt, kommentiert er die Reisevorfälle philosophisch, abschweifend und anachronistisch (ka)



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Empfehlung André Gorz: "Brief an D.: Geschichte einer Liebe“

Bewegend, berührend, voller Poesie.
btb Verlag, 2009, 112 Seiten.


"Soeben bist du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert.


Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.“


Dies sind die ersten Sätze des kleinen Büchleins, das auf seinen wenigen Seiten von dem vielleicht begehrtesten aller Güter erzählt: von der Liebe, die dauerhaft ist. Mit seiner besonderen Kunst der Verknappung ist es dabei auf eine seltene Weise sehr berührend und literarisch wie inhaltlich ein kleines Juwel. (sg)



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Empfehlung Laurent Quintreau: "Und morgen bin ich dran“

Zynisch, spannend, amüsant
Unionsverlag, 2009, 192 Seiten


Elf Uhr, es ist so weit, das Meeting kann beginnen. Am Tisch elf Führungskräfte eines internationalen Unternehmens. Rorty, der Vorstandsvorsitzende, präsentiert Zahlen, Budgets und Umstrukturierungspläne, doch die Gedanken seiner Topleute schweifen ab.


In elf inneren Monologen werden Rachefeldzüge an dem Chef und den Kollegen geschmiedet, geneidet, intrigiert, über das eigene private und berufliche Schicksal lamentiert. Elf verschiedene Beurteilungen der Lage, der Kollegen und Kolleginnen am Tisch, die sich gegenseitig auf Schwächen belauern und nur hoffen, dass ihr Kopf nicht als Nächstes rollt.


Das ist spannend und unterhaltsam zu lesen, pointiert formuliert - und enthält vor allem sehr viele Wahrheiten. Deshalb bleibt beim Lesen auch immer wieder das Lachen im Halse stecken. Denn die Konferenzhölle ist überall. Und jeder, der in großen Unternehmen arbeitet, hat solche erschreckenden Zerfleischungsrituale bereits selber mitgemacht. (ut)



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Empfehlung Iris Hanika: "Treffen sich zwei“

btb Verlag 2010, 240 Seiten


Das älteste Thema der Welt – ein Mann und eine Frau treffen und verlieben sich – wird hier aktuell, witzig und sprachlich äußerst abwechslungsreich erzählt.

Die beiden Protagonisten sind beide schon über vierzig, als sie sich in einer Berliner Bar erstmals begegnen und sofort voneinander hingerissen sind. Doch kann man ab einem gewissen Alter und der damit verbundenen Erfahrungen und – fast noch wichtiger – Vorurteile dieses unverhoffte Glück genießen? Aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln zeigt die Autorin, was die überspannte Galeristin Senta und der IT-Berater Thomas aus dem unverhofften Glück machen.

Doch zum Glück geht es jedoch nicht nur um die Liebesgeschichte: Die immer wieder abwechselnden Sprach- und Stilebenen machen das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis: Von wissenschaftlichen Einschüben über einem kleinen Theaterstück bis zu einer Jelinek-Übung werden immer wieder neue Töne angeschlagen und ergänzen den lakonischen Grundton des Buches.

Unbedingt lesen! (ca)



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Empfehlung Andrej Longo: "Zehn“

Eichborn Verlag, 154 Seiten

Auswegslos, authentisch, berührend

Neapel und die Herrschaft der Camorra hat mit Roberto Saviano und seinem Roman "Gomorrha" traurige Berühmtheit erfahren. Andrej Longo zeichnet in zehn kurzen, knapp erzählten Portraits nach, wie die Mafia das Leben der jungen Napolitaner bestimmt.


Das ist in jeder Lage auswegslos: Sich raushalten, das geht nicht - niemand kann der Mafia entkommen. Sich mit Würde arrangieren, geht auch nicht - wen die Mafia hat, den gebraucht sie als Werkzeug für ihre Interessen. Und ist dabei erschreckend einfallsreich, wie Longo am Beispiel der lebenden Drogentester belegt.


Die zehn Portraits orientieren sich an den Zehn Geboten. Doch diese hätte Longo überhaupt nicht gebraucht. Die Allmacht der Mafia geht über die biblischen Regeln hinaus. Napolitaner sind Leibeigene im Europa des 21. Jahrhunderts.


Longo schreibt keine Reportagen. Jedes Portrait ist anders erzählt - mal als Erinnerungsbericht, mal als sich entwickelnde Geschichte. Fast immer gibt Longo dem Innenleben seiner Figuren viel Raum. Alternativ beschreibt er in knappen Worten die Handlungen der Sprachlosen - die, die notgedrungen die Umstände hinnehmen und sich doch auf ihre Art wehren.


"Diese Geschichten erzählen mehr über Neapel als jeder Untersuchungsbericht", hat die italienische Zeitung Republicca geschrieben. In Italien hat Andrej Longo, früher Pizzabäcker und heute Drehbuchautor aus Neapel, für sein Werk bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten. "Zehn" ist sein erstes in Deutsch übersetztes Buch. (ut)



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Empfehlung Richard Yates: "Ruhestörung“

düster, lakonisch, schonungslos
DVA, 2010, 316 Seiten

John Wilder ist im New York des Jahres 1961 Anzeigenverkäufer bei einem renommierten naturwissenschaftlichen Magazin, Familienvater und Alkoholiker. Nach einer Geschäftsreise weigert er sich, zu seiner Familie nach Hause zu kommen und wird von einem Freund, der sich nicht anders zu helfen weiß, in die Psychiatrie eingewiesen.


Wegen eines verlängerten Feiertagswochenendes muss er länger als nötig auf der geschlossenen Station bleiben, nach seiner Entlassung beginnt jedoch sein gänzlicher Untergang: Trotz Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern nimmt sein Alkoholkonsum weiter zu und er lernt eine junge Frau kennen, die sich vor allem für seinen Aufenthalt in der Nervenklinik interessiert. Er beginnt eine Affäre mit ihr und beide brennen nach Kalifornien durch, um ein Leben als Filmproduzenten zu führen.


Yates zeichnet detailliert den Weg eines Mannes, der am Alkohol und am amerikanischen Familienidyll zerbricht.
(ka)



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Empfehlung Eva Baronsky: "Herr Mozart wacht auf“

Überraschend, amüsant, intelligent
Aufbau Verlag, 2009, 319 Seiten


Am Vorabend noch hat er auf dem Sterbebett gelegen. Nun erwacht Wolfgang an einem unbekannten Ort und – wie ihm nach und nach klar wird- in einer fremden Zeit. Die Ungeheuerlichkeit seiner Zeitreise ins Jahr 2006 kann er nur mit einem göttlichen Auftrag erklären: Er soll endlich sein Requiem beenden.

Als wunderlicher Kauz und lebender Anachronismus irrt Wolfgang durch das moderne Wien, wagt nicht mehr, sich Mozart zu nennen und scheitert an U-Bahntüren und fehlenden Ausweisen. Einzig die Musik dient ihm als Kompass, um sich in der erschreckend veränderten Welt zu orientieren. Zur Seite stehen ihm ein polnischer Stehgeiger, das Mädchen Anju und seine Lust, hergebrachte Harmonien auf den Kopf zu stellen. Doch je länger sich Wolfgang in der fremden Zeit aufhält, desto drängender wird die Frage, was ihn erwartet, wenn er das Requiem vollendet hat. (RS)



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Empfehlung Paul Auster: "Unsichtbar“

Doppelbödig, düster, spannend

Rowohlt, 2010, 320 Seiten


Im New York der sechziger Jahre begegnet der Literaturstudent und Möchtegern-Schriftsteller Adam Walker dem Schweizer Rudolf Born, einem Professor für politische Wissenschaften an der New Yorker Columbia Universität. Die Begegnung wird Walkers Leben für immer verändern.


Erscheint sie ihm zum Anfang geradezu wie ein Wunder, denn Born bietet Walker an, mit seiner finanziellen Unterstützung eine Literaturzeitschrift zu gründen, deren Chefredakteur Walker werden soll, so nimmt die Begegnung doch schnell eine unangenehme Wendung, die darin gipfelt, dass Born einen jungen Schwarzen niedersticht, der Born und Walker eines Abends auf der Straße ausrauben will. Walker läuft weg und ruft anonym Hilfe, die Polizei sucht er jedoch erst später auf, nachdem er erfahren hat, dass der schwarze Jugendliche mit mehreren Messerstichen getötet worden ist. Für Walker kann nur Born der Täter sein und er fühlt sich mitschuldig am Tod des Jugendlichen. Das Gefühl der Schuld wird ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen.


Dies ist die Rahmenhandlung des Romans, die im ersten von insgesamt vier Kapiteln geschildert wird. In den folgenden Kapiteln erfahren wir mehr über Walkers weiteren Lebensweg, der aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Immer wieder kreuzt er Borns Weg und wir erfahren mehr über die Menschen im Umfeld der beiden Charaktere. Doch ist wirklich alles wahr, was wir erfahren? Hat Walker wirklich ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester Gwyn? Oder glauben wir der Schilderung Gwyns?

Nichts ist so wie es scheint in dieser doppelbödigen Geschichte über Mord und Sühne, Wahrheit und Täuschung. (gf)



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Empfehlung Michal Viewegh: "Engel des letzten Tages“

Leicht, tiefgründig, klug
Deuticke Verlag, 2010, 128 Seiten


In Tschechien stehen Michal Viehweghs Bücher auf den Bestsellerlisten. In Deutschland wäre es diesem feinen, tiefgründigen Buch in jedem Fall zu wünschen. Ein Engelsquartett hat die Mission, Todgeweihten die letzten Stunden ihres Lebens zu verschönern. Je nach Erfahrung nehmen sie diese Aufgabe mit Unglauben, Ohnmacht oder Zynismus war. Denn ändern können sie nichts.


Karel, der Fahrlehrer, der in einer unglücklichen Ehe verharrt und vom wilden Sex träumt, wird heute sterben. Wie genau dieser Unfall passieren wird der Leser erst am Schluss erfahren. Dann kennt er auch die Rolle von Esther, der Ärztin und eigentlichen Hauptfigur des Buches. Sie hat ihren an Krebs sterbenden Mann Tomas bis zum Schluss zuhause gepflegt. Die Erinnerungen an diese Krankenzeit und Esthers Kampf mit der Trauer gehören zu den stärksten Passagen des Buches.


Unser Leben, so lautet denn auch die Botschaft des Buches, kann jederzeit zu Ende sein. Wir sollten aus jedem Tag das Beste machen. So leicht und doch so nachdrücklich hat man das noch nicht gelesen. (ut)



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Empfehlung Christoph Meckel: "Licht“

Bezaubernd, anrührend, voller Poesie.
Fischer, 1980, 128 Seiten.


Diese Geschichte eines Abschieds, der durch den Unfalltod der Geliebten unwiderruflich wird, ist vor allem die Geschichte einer Leidenschaft, in der Beruf und Alltag keinen Platz haben. In der Erinnerung des Ich-Erzählers ziehen die glücklichen Augenblicke des gemeinsamen Nichtstun wie Sommerwolken vorüber - die Ferien im Süden, die langen Nächte und die scheinbar endlosen Morgenstunden. Eine Liebesgeschichte, als wäre der Traum Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum.
Eine hochgelungene Erzählung, geprägt von bildhafter Poesie. In jedem Satz sind die Talente des Schiftstellers, Lyrikers und grafischen Künstlers spürbar, der Wörter zu wahren Wort-Gemälden werden lässt.


Fazit: Für Genußmenschen. Eine kleines Buch, das zu lesen trotz der Kürze ein wenig Zeit braucht, um richtig genossen zu werden. (sg)



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Empfehlung Jedediah Berry: "Handbuch für Detektive“

Verlag C.H.Beck, 383 Seiten, 2010
Spannend, unterhaltsam, unbedingt lesenswert


Charles Unwin ist ein ordentlicher Mensch. Als Schreiber einer Detektivagentur konstruiert er allein aus den Berichten der Detektive eine logische Welt. Doch dann gerät seine Welt aus den Fugen: Ein Detektiv verschwindet spurlos und Charles Unwin – inzwischen gegen seinen Willen zum Detektiv befördert – muss aus seiner Schreibstube heraus in die reale Welt, die sich leider nicht ganz so einfach ordnen lässt.


Der Autor Jedediah Berry hat in seinen ersten Roman nicht nur den überaus sympathischen, lebensfremden, Fahrradfahrenden Charles Unwin zum Leben erweckt, sondern eine absurde, an Kafka, Borges und Fellini erinnernde Welt aus Zirkusdirektoren, Magiern und Gedankenlesern, Ganoven und gefährlichen schönen Frauen erschaffen. (ca)



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Empfehlung Julian Barnes: "Nichts, was man fürchten müsste“

Autobiographisch, anrührend, anspruchsvoll.
Kiepenheuer und Witsch, 2010, 333 Seiten.

Mit „Nichts, was man fürchten müsste“ hat der britische Schriftsteller Julian Barnes einen Essay über die existenzielle Frage vorgelegt, die jeden von uns ein Leben lang begleitet: Der Tod und wie wir am besten mit ihm umgehen. Trotz oder gerade wegen des zugegebenermaßen nicht gerade leichtgewichtigen Themas ist es ein „echter Barnes“.

Nicht düster und schwer, sondern voller Wärme, leiser Ironie und einem unglaublichen Gespür für menschliche Gefühle. Dabei verwebt Barnes mitreißende und anrührende autobiographische Details der Familie Barnes mit Betrachtungen berühmter Schriftsteller und Komponisten über den Tod wie Flaubert, Renard, Montaigne, Daudet, Zola, Strawinsky und Rachmaninow.

Das Fazit: Wir alle sterben, der eine früher, der andere später. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, hier zitiert Barnes Woody Allen, werden wir da in der Lage sein, einen Zwanziger wechseln zu können? (gf)



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Empfehlung Elizabeth Hay: "Nachtradio“

Elegisch, einfühlsam, nachdenklich.
Schöffling & Co Verlag, 2009. 423 Seiten
Nordkanada in den 70er Jahren: Elizabeth Hay erzählt die Geschichte der Mitarbeiter eines Lokalradiosenders der kleinen Stadt Yellowknife, der versucht, sich gegen das aufkommende Fernsehen zu behaupten.

Harry, Radiomacher der alten Schule, ist bereits beim Fernsehen gescheitert und wird übergangsweise zum Chef des Senders ernannt. Mit Dido und Gwen hat der Sender zwei junge Frauen als Moderatorinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Veränderungen bedrohen das Leben der Bewohner Yellowknifes auch in anderer Hinsicht. In der ganzen Provinz wird über den Bau einer Ölpipeline und dessen Folgen für die Natur diskutiert. Auf den Spuren des Entdeckers John Hornby gehen die Protagonisten auf eine Kanu-Tour durch die menschenleere Wildnis.

Kleine Intrigen und echte Tragödien spielen sich ab, wobei die Hauptfigur des Romans immer die kanadische Wildnis bleibt. (kath)



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Empfehlung Joyce Carol Oates: "Niagara“

Dramatisch, bewegend, zeitlos.
Fischer, 2007, 567 Seiten.

Vor der spektakulären, soghaften Kulisse der Wasserfälle entwickelt sich die Geschichte der Familie Burnaby von 1950 bis 1978.
Auftakt ist die desolate Hochzeitsnacht zweier in Konventionen und Verklemmtheit erstarrter Endzwanziger, die in diese Verbindung ohne Gefühle füreinander und fast ohne eigenes Zutun gekommen sind und aus der sich der beschämte und verzweifelte Bräutigam nur mit einem selbstmörderischen Sprung in die Fälle „retten“ kann.
Hieraus entwickelt sich das Psychogramm des Paares, dem sich die weitere Geschichte der verlassenen Braut anschließt. Diese wird den Ort ihrer ersten Hochzeitsnacht nicht mehr verlassen, sondern sich drei Monate später hier erneut verheiraten.
Erzählt wird aus der Perspektive des Ehepaars und der drei Kinder aus dieser Ehe. „Alle Dramen sind Familiendramen“ sagt die Autorin und füllt ihren Roman mit prallem Leben. Korruption, bigotte Schicksalsergebenheit, Eifersucht und Liebe sind die Zutaten. (ps)



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Empfehlung Rolf Lappert: "Nach Hause schwimmen“

Traurig, intensiv, schön.
Hanser Verlag, 2008, 544 Seiten

Mit „Nach Hause schwimmen“ hat der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert einen Bildungsroman über das Schicksal eines kleinwüchsigen Halbwaisen geschrieben.
Wilburs Mutter stirbt bei seiner Geburt, sein Vater verlässt ihn. Bevor er adoptiert wird, wird er von seiner Großmutter aus den USA nach Irland geholt. Als die Großmutter stirbt, beginnt Wilburs Irrweg durch Pflegefamilie, Besserungsanstalt, Hotel und psychiatrische Klinik. Für Wilbur ist Glück „nur dein Lieblingssong aus dem Radio eines Autos, das an dir vorbeirast und in den Abgrund stürzt."


Die Intensität des Stils von Rolf Lappert wird durch zwei Erzählperspektiven noch verstärkt. Ein Roman über ein trauriges Leben, der den Leser trotzdem glücklich zurücklässt. (kath)



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Empfehlung Yiyun Li: "Die Sterblichen“

Erschreckend, dokumentarisch, menschlich.
Hanser Verlag, 2009, 378 Seiten

In einer Provinzstadt weit weg von Peking soll die junge Gu Shan hingerichtet werden. Sie war während der Kulturrevolution fanatische Rotgardistin. Shans Tod wird weitreichende Konsequenzen haben. Nicht nur für ihre Eltern, sondern auch für die Rundfunksprecherin Kai, die längst an der Partei zweifelt oder für die verkrüppelte Nini, die wie eine Sklavin gehalten wird.
Yiyun Li lebt seit 1976 in den USA. Die gebürtige Chinesin zeichnet mit nüchtern-dokumentarischem Blick ein plastisches und erschreckendes Bild der grausamen Lebenswirklichkeit und Ereignisse in China am Ende der siebziger Jahre, die von beklemmender Aktualität sind. (ut)



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Empfehlung Mary Ann Shaffer: "Deine Juliet“

Romantisch, berührend, witzig.

Kindler Verlag, 2008, 304 Seiten

(Briefroman) Im London der Nachkriegszeit erhält die junge Buchhändlerin und Schriftstellerin Juliet überraschend Post von einem Landwirt der Kanalinsel Guernsey, Er hat ein Buch erworben, welches zuvor ihr gehörte. Es entsteht ein Briefwechsel, der Zeugnis über die Kriegszeiten auf den Inseln, die dort lebenden Menschen und ihre Schicksale aufzeigt, gleichzeitig aber auch das Leben der Protagonistin in London widerspiegelt. Diese reist später nach Guernsey, um die Menschen kennenzulernen. Romantisch, berührend, niemals kitschig, sondern mit Wortwitz geschrieben – ein Buch, welches mich in seinen Bann gezogen hat und mir gleichzeitig die mir unbekannte Situation der Kanalinselbewohner während der deutschen Besatzung nahebrachte. Platz 1 der NEW YORK TIMES–Bestsellerliste mit > 1 Mio. verkauften Exemplaren weltweit. (ps)



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Empfehlung Joey Goebel: "Heartland“

Unterhaltsam, politisch, gesellschaftskritisch.
Diogenes Verlag, 2009, 720 Seiten

John Mapother, Sohn einer der reichsten Familien des Mittleren Westen, soll den Traum seines Vaters erfüllen und Kongressabgeordneter werden. Um Wählerstimmen bei den "einfachen Leuten" zu gewinnen, versöhnt er sich mit seinem Bruder Blue Gene, der dem Luxusleben der Oberschicht abgeschworen hat und ein Leben als Flohmarktverkäufer führt. Dieser ist zwar skeptisch, willigt aber ein und gerät in die Machenschaften seines Bruders, der alles tut um die Wahl zu gewinnen. Während die Welt der Wohltätigkeitsbälle und Gala-Diners auf die Welt der Monstertruck-Shows trifft, haben die Mapothers zusätzlich mit einem Familiengeheimnis zu kämpfen, das Johns Wahlkampf gefährlich werden könnte.
Die Charaktere sind unterhaltsam dargestellt, vielleicht gerade auch weil sie etwas überzeichnet sind. Zwar werden einige Klischees bedient, dennoch zeichnet das Buch doch ein interessantes Bild des "Heartland". (kath)



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Empfehlung Don De Lillo: "Der Omega Punkt“

Eingebettet in einer Eingangs- und Schlusssequenz über eine Beschreibung der Videoinstallation "24 Hour Psycho" von Douglas Gordan im New Yorker MoMa, die Hitchcocks Psycho verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden zeigt, liegt die Haupthandlung des Romans:   Ein 73-jähriger Gelehrter, Richard Elster, lebt in der kalifornischen Wüste. Nachdem er zwei Jahre lang militärischer Berater der amerikanischen Regierung unter George Bush war, hat er sich zurückgezogen, um über die Welt, ihre Vergangenheit und Zukunft nachzudenken.   Ein junger Filmemacher kommt zu Besuch. Er möchte Elster zu einem Projekt überreden. In einer einzigen, endlos langen Einstellung soll dieser, bloß vor einer Wand stehend, über seine Erfahrungen berichten. Die beiden erhalten Besuch von Elsters Tochter Jessie, bis diese plötzlich spurlos verschwindet – so, wie am Ende des Romans der Betrachter der Videoinstallation glaubt, von ihr aufgesogen zu werden. Gerade mal 110 Seiten, mehr benötigt DeLillo nicht, um mit erzählerischer Wucht über Raum und Zeit zu sinnieren. ()



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Empfehlung Gerbrand Bakker: "Oben ist es still“

Gerbrand Bakker, Jahrgang 1962, hat Sprach- und Literaturwissenschaften in Amsterdam studiert. In „Oben ist es still“ erzählt der Niederländer vom Leben eines Mannes, der den elterlichen Hof bewirtschaftet. Dieses Leben wird auf den Kopf gestellt, als er sich mit seiner Biographie auseinandersetzen muss. Tragikomisch, skurril, lakonisch-stiller Erzählfluss, nicht nur der Protagonist muss sich dabei Fragen zur menschlichen Existenz und dem zu gehenden oder gegangenen Weg stellen. (ps)



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Empfehlung Siri Hustvedt: "Die zitternde Frau“

Vor einigen Jahren starb der Vater der Schriftstellerin. Fast drei Jahre nach seinem Tod überfällt Siri Hustvedt anlässlich einer öffentlichen Gedenkrede auf ihn erstmals ein unkontrollierbares körperliches Zittern. Seitdem nennt sich Siri Hustvedt selbst die „zitternde Frau“, auch wenn das Zittern nicht immer auftritt. Weder Mediziner noch Psychiater kommen zu einer aussagekräftigen Diagnose. Hustvedt startet eine akribische Recherche zu allen medizinischen und neurowissenschaftlichen Fragestellungen. Und so ist ihr nicht nur ein kluger Essay über Neurowissenschaften und die Psychoanalyse gelungen, sondern gleichzeitig eine spannend zu lesende Beschäftigung mit der Frage: „Was macht unseren Körper und unseren Geist eigentlich aus?“ (gf)



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Empfehlung Christian Mähr: "Semmlers Deal“

Wer Suters Bücher mag, wird „Semmler“ lieben: In dieser höchst vergnüglichen Geschichte über das Leben und die Lieben des vermögenden Österreichers Semmler vermengt Autor Christain Mähr gekonnt Realität und Fiktion. Um seine immer größer werdenden Wünsche und die Sehnsucht nach der Frau des Lebens zu erfüllen verbündet sich Semmler mit dem Schicksal. Das fordert immer größere Opfer, und der Leser verfolgt atemlos Aufstieg und Untergang des sympathischen Helden. Von der ersten bis zur letzten Seite amüsant, spannend und unterhaltend erzählt. (ut)



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Empfehlung Martin Suter: "Der Koch“

Asylantenschicksal, Big Business, Molekularküche und die Suche nach der einen wahren Liebe: Gekonnt verknüpft Martin Suter die Schicksale seiner Protagonisten. Ein tamilischer Koch arbeite in einer Züricher Hotelküche weit unter seinen fachlichen Möglichkeiten, findet dabei die Freundin fürs Leben und spätere Geschäftspartnerin. Die Geschäftsidee: Erotische Dinés im privatem Rahmen für eine gut betuchte aber unerfüllte Klientel. Äußerst amüsant und lecker serviert von einem genialen Texter - samt Rezepten...zum Nachkochen. (ut)



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Empfehlung Margaret Atwood: "Der blinde Mörder“

Familiensaga, Tragödie, Sittenbild; von 1930 bis zur Gegenwart reichend. In der eigentlichen Handlung wird parallel der namens gebende Roman erzählt und in diesem wiederum eine weitere Geschichte. Wunderbar geschrieben, starke literarische Präsenz, beeindruckend verknüpfte Handlungsverläufe. (ps)



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Empfehlung Ferdinand von Schirach: "Verbrechen“

Ein Berliner Strafverteidiger beschreibt elf außergewöhnliche, ungeheuerliche Verbrechen. Nüchtern, präzise, brilliant. (ut)



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Empfehlung Iris Hanika: "Das Eigentliche“

Ein Mann und eine Frau im Berlin der „Nullerjahre“ auf der Suche nach dem Eigentlichen im Leben oder auch dem eigentlichen Leben. Er sucht dieses in seiner Arbeit für die Holocaust-Gedenkkultur, sie in den heimlichen Treffen und im Begehren ihres verheirateten Liebhabers. Aber die Dinge ändern sich und ihre enge Freundschaft, die ihre Einsamkeit bisher erträglich gemacht hat, steht auf der Kippe. Ein komprimierter, intensiver Roman einer außergewöhnlichen Autorin mit einem fast expressionistischen Sprachstil; wo jeder Satz, jedes Wortspiel exakt „sitzt“ und der Leser zum Nachdenken über sein Leben angeregt wird. Die nützlichen Leerseiten für die eigen(tlich)en Aufzeichnungen werden gleich mitgeliefert. (ChBF)


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