Literatur am Abend: Montag, 20. Februar, 20 Uhr
Edmund des Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen   
Empfehlung Alice Munro: "Zu viel Glück“

Ausdrucksvoll, sehr gut lesbare Kurzgeschichten
S.Fischer, 2011, 365 Seiten


Die Geschichten Alice Munros erzählen alle über das Leben. Die Figuren und ihre Probleme scheinen vertraut.


Themen der zehn Erzählungen: die Mühsal der Liebe, die entgangenen Gelegenheiten, das schreckliche Geheimnis.


Stil & Sprache: Ihre Sprache ist wortreich und gewandt, ihr Stil treffsicher.


Plot & Dramaturgie: Es macht Spaß den Aufbau einer Geschichte bis zum bitteren oder skurrilen Ende zu verfolgen. Alice Munro gelingt es perfekt, sich in die Seelenlandschaft Ihrer Helden und Heldinnen hineinzuversetzen und erweitert damit auch den Horizont Ihrer Leser. (bo)


Empfehlung Charles Lewinsky: "Gerron“

Spannend, dramatisch, erschreckend

Nagel & Kimche, 2011, 540 Seiten


Das Buch erzählt die Lebensgeschichte des jüdischen UFA-Stars Kurt Gerron. Gerron hat die Greuel des ersten Weltkriegs als verwundeter Soldat überlebt, hat im Berlin der 30er Jahre mit Stars wie Marlene Dietrich und Bertolt Brecht als Schauspieler und Regisseur gearbeitet und wird schließlich gemeinsam mit seiner Frau Olga im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert.


Über dieses Lager soll er einen Propagandafilm für die Nationalsozialisten drehen. Damit beginnt der Roman.


Der Autor lässt Gerron diese Lebensgeschichte (samt seinen ständigen Zweifeln nach dem richtigen Weg) selbst erzählen. Gelungen verknüpft er Rückblicke aus Gerrons Leben, seiner Jugend, von seiner Kriegsverletzung, dem Glück des Theaterspielens, von seiner großen Liebe zu Olga und von den wachsenden Schrecken und den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und deren Vertreibungs- und Tötungsmaschinerie, die ihn schließlich auch erreicht.

Lewinsky hat Kurt Gerron, der in die Geschichte als Nazi-Kollaborateur eingegangen ist, in seinem faktenreichen und doch erfundenen Roman als ausgesprochen sympathischen, guten Menschen dargestellt, dessen Leben gleichermaßen von Glück wie Unglück geprägt ist.


Immer wieder hinterfragt Gerron dabei seine eigene Handlungsweise, sich mit den entsetzlichen Gegebenheiten zu arrangieren und für sich selbst das Beste daraus zu machen. So könnte der geplante Propagandafilm ihn, Olga und die Mitspieler zumindest zeitweise vor Ausschwitz und dem sicheren Tod bewahren. Was tun? Und so entfaltet das Buch seinen Sog.


Nicht unbedingt auf jeder Seite große Literatur, aber in jedem Fall, so auch die FAZ, „großes Kino“.
(ut)


Empfehlung Petra Busch: "Schweig still, mein Kind“

Krimi mit Einblick in die Welt eines Autisten

Knaur Verlag, 2010, 488 Seiten


Mit diesem Buch hat die Autorin ihren ersten Kriminalroman vorgelegt. Das Werk reiht sich in die Reihe der zurzeit angesagten Kriminalgeschichten mit lokalem Bezug ein. Hier ist es ein kleines Dorf bei Freiburg; die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Doch die heile Welt der Bewohner ist natürlich alles andere als das.


Eine Redakteurin und ein Kommissar versuchen – mal gemeinsam, mal gegeneinander – Licht in das Dunkel der Dorfgeheimnisse zu bringen. Die attraktive Redakteurin, die gerade den Job verloren und sich von ihrem Freund getrennt hat und der einsilbige Kommissar, dessen zwei Katzen zumeist von einem Kollegen versorgt werden, bilden ein ungleiches, sich aber immer mehr annäherndes Gespann.


Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen steht schnell ein Autist, ein Savant. Die Art seiner Inselbegabung und sein Umgang mit den Mitmenschen erfordert von den Ermittlern eine andere Vorgehensweise als in einem konventionellen Fall, was der Geschichte besonderen Reiz verleiht.


Bieten sich dem Leser zu Beginn des Romans noch viele Theorien zu Täter und Motiv, so wird er mit Fortschreiten der Ereignisse immer mehr auf eine Fährte gelenkt. Das ist stilistisch sehr spannend und schlau gemacht, wobei die Figuren immer ihre Glaubwürdigkeit behalten.


Die Autorin beschreibt, sie bewertet nicht. Es bleibt dem Leser überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Und das ist am Ende alles andere als einfach. (AB)


Empfehlung Peter Stamm: "Seerücken“

Melancholisch, schnörkellos, raffiniert 2011, S. Fischer Verlag, 191 Seiten


10 Kurzgeschichten über ganz unterschiedliche Menschen, die mit ihrem Leben und den Umständen hadern, es aber nicht schaffen, sich zu lösen. Bis es einen Anstoß von außen gibt und die vage Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte.


Da gibt es den Pastor, der Angst vor seiner Gemeinde hat und sich davon auf überraschende Weise löst. Die Klavierlehrerin, die von der großen Karriere als Konzertpianistin träumt. Den Bio-Bauern, der gerne eine Partnerin hätte, und zur richtigen Zeit den richtigen Zug macht. Ihre Geschichten erzählt Peter Stamm in kurzen Sätzen, mal aus der Ich-Perspektive, mal aus der Erzählerperspektive, in Geschichten von 3 bis 30 Seiten. Es sind gut lesbare Episoden, mit kurzweiligen, mitunter surreal anmutenden Begebenheiten über die Herausforderungen des Alltags und das Vermögen der Hauptpersonen, diese zu meistern - oder nicht.


Beim oft bitteren Ende, das ein neuer Anfang werden kann, spielen Krankheit und Tod oft eine wichtige Rolle. Das passt zu der Vita des Autors: Peter Stamm, Ende 40, hat Anglistik, Psychologie und Pathopsychologie studiert. Danach reist er um die Welt, arbeitet als Journalist. 1998 erschien sein erstes Buch Agnes. Schon damals beschäftigte er sich mit Scheitern einer Liebe und dem Tod.


"Glück macht keine guten Geschichten" sagt Agnes in diesem Buch. Dem Credo ist Stamm treu geblieben. Die oft störende Distanziertheit von damals hat der Autor allerdings hinter sich gelassen. In seinem aktuellen Buch „Seerücken“ – einem Hügelzug am Rande des Bodensees – zeigt er Sympathie und Verständnis für seine Figuren und deren Leben. (ut)


Empfehlung Amos Oz: "Geschichten aus Tel Ilan“

dicht, unheimlich, geheimnisvoll
Suhrkamp-Verlag, 2009, 187 Seiten


In acht lose verknüpften Geschichten erzählt der israelische Autor Amos Oz über die Verlorenheit und Einsamkeit der Menschen einem kleinen fiktiven Dorf im Norden Israels.


Eine Lehrerin kümmert sich um ihren alten Vater, eine Bibliothekarin flirtet mit einem Jungen aus dem Dorf, ein Makler will ein altes Haus erwerben und abreißen, um Platz für einen Neubau zu schaffen; was sich alltäglich anhört, wird zunehmend unheimlicher und abstruser, wenn in einem Haus unerklärliche Geräusche zu hören sind oder Menschen einfach verschwinden. Anstelle einer Erklärung lässt Amos Oz die Geschichten enden und so den Leser mit einem Unbehagen zurück. (ka)


Empfehlung David Grossmann: "Eine Frau flieht vor einer Nachricht“

Emotional, tragisch, politisch
Carl Hanser Verlag, 2009, 728 Seiten


Der Titel ist Inhaltsbeschreibung: Die Geschichte spielt in Israel und erzählt von den Ängsten einer Mutter, deren Sohn sich freiwillig zu einem Kampfeinsatz gemeldet hat. Um einer möglichen Todesnachricht zu entgehen, flieht Ora aus der Wohnung. Auf einer langen Wanderung erzählt sie ihrem Jugendfreund Avram, der im Sechstagekrieg selbst Soldat war, von dessen Leben und dem Leben der Familie.

Immer weiter taucht der Leser in die Kindheit und Jugend der beiden Söhne ein. Parallel dazu läuft die Geschichte einer schwierigen Ehe mit einem Mann, der sie am Tag der Geburt ihres ersten Sohne allein lässt. Ihr Jugendfreund wiederum ist durch seine schrecklichen Kriegs-Erlebnisse fast verrückt geworden. Sukzessive wird der Leser in diese Hölle in all ihrer Sinnlosigkeit eingeführt – und fürchtet mit Ora nun das Schlimmste.

Was macht das Besondere dieses Buches aus? Es ist sehr berührend, emotional und erschreckend, weil es Menschen in all ihren Facetten zeigt – gute und böse. Über 780 Seiten lebt, liebt und leidet der Leser mit Ora, ihren Söhnen und ihren Männern. Denn Ihr Glück und das des Landes sind untrennbar verquickt. Der Nahostkonflikt wird zum Dreh- Angelpunkt ihren, wohl jedes israelischen das Familienlebens.

Tatsächlich haben sich bei Autor David Grossman Fiktion und Realität schließlich auf grausame Weise vermischt: Er saß an diesem Roman als ihn die Nachricht vom Tod seines eigenen Sohns ereilte. Er starb in den letzten Tagen des zweiten Libanon-Kriegs im Jahr 2006. (ut)


Empfehlung Joachim Zelter: "Der Ministerpräsident“

Vergnüglich, kurzweilig, politisch
Klöpfer und Meyer Verlag, 2010, 190 Seiten

Der schwäbische Ministerpräsident erwacht aus dem Koma - und weiß nicht mehr, wer er ist.


Für seine Partei ist dieser Unfall wenige Wochen vor der Wahl eine Katastrophe. Und so muss Claus Urspring ungeachtet seiner totalen Amnesie wieder auf die Politbühne. Die Reden kommen künftig vom Band – von einer Schnitttechnikerin, die der Falschheit des ganzen Betriebes auf ihre Art ein Schnippchen schlägt.


Mit seiner kurzweiligen Politsatire über den komplett inszenierten Landesvater „Urspring“ nimmt Autor Joachim Zelter die oberflächliche Botschaften und Bilderfixiertheit des Politzirkus aufs Korn. Eine Shortstory auf 190 Seiten, die unterhält und gleichzeitig nachdenklich macht und die sich in jedem Fall lohnt.


Homepage des Autors

(ut)


Empfehlung Hans Fallada: "Jeder stirbt für sich allein“

nüchtern, düster, eindringlich
Aufbau Verlag, 2011, 704 Seiten


Fallada schrieb „Jeder stirbt für sich allein“ 1947 auf der Grundlage einer wahren Begebenheit: Nachdem ihr Sohn gefallen ist, schreibt ein Berliner Arbeiterehepaar Postkarten gegen die NS-Diktatur und verteilt sie in Berlin. Zunächst sehr vorsichtig; nach einiger Zeit kommt ihnen jedoch die Gestapo auf die Spur und sie werden verhaftet.


In unzähligen Nebenfiguren stellt Fallada ein Panorama Berlins während des Krieges dar, und erzählt wie einzelne durch Angst und schreckliche Zufälle der Gestapo zum Opfer fallen und andere von deren Unglück profitieren.


Während in der ursprünglichen Ausgabe der Text an vielen Stellen „geglättet“ wurde, zeigt die Neuauflage mit dem Originaltext des Autors besonders die Widersprüchlichkeit der Figuren. (ka)


Empfehlung Silvia Bovenschen: "Wie geht es Georg Laub?“

Elegant, rätselhaft, absurd

Verlag Fischer (S.), 2011, 284 Seiten


Nachdem sein Stern zu sinken beginnt, bricht der Schriftsteller Georg Laub mit seinem bisherigen Leben als Literaturstar und zieht in das baufällige Haus seiner verstorbenen Tante. Dort lebt er, da seine finanzielle Reserven zügig zur Neige gehen, ein karges Leben ohne Internet, Fernsehen und Telefonanschluss und pflegt nur noch flüchtige Kneipenbekanntschaften. Jedoch scheint er trotz aller Verachtung für sein bisheriges Leben auch in Einsamkeit nicht richtig angekommen zu sein.


Als ein Bekannter aus seiner Vergangenheit ihn aufsucht und sich Facebook-Gruppen zu seinem Verschwinden gründen, wird Georg Laub schwer krank.


Zusätzlich schicken ihn Gestalten aus einem Manuskript, dessen Herkunft nur vermutet werden kann, in höllenartige Prüfungen.


Ein Buch mit mehreren Perspektiven, inneren und äußeren Handlungssträngen, das eine Wertung dem Leser selbst überlässt.
(ka)


Empfehlung Philip Roth: "Nemesis“

Tragisch, einfühlsam, angenehm altmodisch
Carl Hanser Verlag, 2011, 222 Seiten



Nemesis - in der griechischen Mythologie ist Nemesis die Göttin des „gerechten Zorns“


Tatsächlich hat die ahnungslose Verstrickung des Helden, eines jungen jüdischen Sportlehrers, in die Katastrophe viel von einer griechischen Tragödie.


Nemesis spielt im brütend heißen Sommer von 1944 in Newark. Dort bricht Kinderlähmung aus, und keiner weiß, wie er sich schützen kann. Der Sportlehrer Bucky Cantor, der sich aus einer düsteren Kindheit nach oben gearbeitet hat, will seinen Schülern helfen.


Doch Pflichtgefühl, die Angst vor der sich unter seinen Schülern rasch ausbreitenden tödlichen Erkrankung und die Liebe zu einer jungen Lehrerin lassen sich nicht vereinen. Bucky wird seinen eigenen Idealen nicht gerecht. Die Epidemie zerstört sein Leben.


Roth beschreibt seinen Helden mit großer Präzision, Ausführlichkeit und Einfühlsamkeit, ohne zu langweilen. Der vorgezeichnete Weg in die Katastrophe hat eine enorme Sogwirkung.


Der Leser teilt zudem den "gerechten Zorn" des Sportlehrers über diese unbarmherzige Krankheit und seine immer größer werdende Besorgnis, das Falsche zu tun. Denn Roths Romane haben selten ein Happy End. (ut)


Empfehlung Claudia Pinero: "Die Donnerstagswitwen“

mitfühlend, dicht, aktuell
Unionsverlag, 2010, 315 Seiten



In Altos de la Cascada, einer Gated Community vor den Toren Buenos Aires, lebt die gehobene Mittelschicht Argentiniens in ihrer eigenen, abgeschiedenen Welt geschützt durch Mauern und Wachleute.


Die „Donnerstagswitwen“ treffen sich jede Woche, während ihre Männer dem Alkohol zusprechen. Eines Tages werden am Freitagmorgen drei dieser Männer tot im Swimmingpool gefunden.


Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeitpunkten werden die einzelnen Bewohner der Siedlung vorgestellt und so die Risse in der Fassade jeder einzelnen Familie deutlich. Gewalt, Untreue, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und finanzielle Nöte werden vor der Nachbarschaft verheimlicht, was mit der ansteigenden Wirtschaftskrise zunehmend schwieriger wird bis schließlich die Abstiegsangst zur Katastrophe führt. (ke)


Empfehlung Colm Tóibín: "Brooklyn“

melancholisch, eindringlich, unsentimental
Carl Hanser Verlag 2010, 302 Seiten



Eilis lebt in den frühen 50er Jahren mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einer irischen Kleinstadt, der Vater ist bereits verstorben, ihre Brüder sind nach England ausgewandert. Da sie trotz guter Ausbildung keine angemessene Anstellung findet, wird sie von Mutter und Schwester gedrängt, das Angebot eines nach New York ausgewanderten Priesters anzunehmen, der ihr dort eine gute Stelle und weitere Fortbildungsmöglichkeiten verspricht.


In New York angekommen leidet Eilis unter Heimweh, der strengen Zimmerwirtin und den Intrigen ihrer Mitbewohnerinnen. Sie lernt auf einem Tanzabend den jungen Italiener Tony kennen. Obwohl sie Tony nicht liebt, läßt sie sich von ihm den Hof machen und verspricht ihm, ihn zu heiraten. Als sie nach einem Todesfall in der Familie ihre Mutter in Irland besucht, scheint es ihr für kurze Zeit möglich zu sein, das zu tun, was sie selbst möchte.


Colm Tóibín schildert völlig subjektiv das Leben von Eilis, die egal an welchem Ort den Zwängen ihrer Zeit ausgeliefert ist. (ke)


Empfehlung José Saramago: "Die Reise des Elefanten“

Unbeschwert, ironisch, kurzweilig
Hoffmann und Campe, 2010, 240 Seiten

Der portugiesische König beschließt 1551, Erzherzog Maximilian von Österreich einen Elefanten zur Hochzeit zu schenken. Ein Tross von Soldaten und Ochsenkarren wird zusammengestellt, um den Elefant von Lissabon zuerst nach Valladolid und dann nach Wien zu überführen. Mit dem Elefanten reist sein Pfleger Subhro, der wie der Elefant aus Indien stammt und nur langsam mit den europäischen Gebräuchen der frühen Neuzeit vertraut wird.


Während der Erzähler die strapaziösen Ereignisse der Reise – vom religiösen Wunder durch den Elefanten bis zum knapp verhinderten Kriegsausbruch – beschreibt, kommentiert er die Reisevorfälle philosophisch, abschweifend und anachronistisch (ka)


Empfehlung André Gorz: "Brief an D.: Geschichte einer Liebe“

Bewegend, berührend, voller Poesie.
btb Verlag, 2009, 112 Seiten.


"Soeben bist du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert.


Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.“


Dies sind die ersten Sätze des kleinen Büchleins, das auf seinen wenigen Seiten von dem vielleicht begehrtesten aller Güter erzählt: von der Liebe, die dauerhaft ist. Mit seiner besonderen Kunst der Verknappung ist es dabei auf eine seltene Weise sehr berührend und literarisch wie inhaltlich ein kleines Juwel. (sg)


Empfehlung Laurent Quintreau: "Und morgen bin ich dran“

Zynisch, spannend, amüsant
Unionsverlag, 2009, 192 Seiten


Elf Uhr, es ist so weit, das Meeting kann beginnen. Am Tisch elf Führungskräfte eines internationalen Unternehmens. Rorty, der Vorstandsvorsitzende, präsentiert Zahlen, Budgets und Umstrukturierungspläne, doch die Gedanken seiner Topleute schweifen ab.


In elf inneren Monologen werden Rachefeldzüge an dem Chef und den Kollegen geschmiedet, geneidet, intrigiert, über das eigene private und berufliche Schicksal lamentiert. Elf verschiedene Beurteilungen der Lage, der Kollegen und Kolleginnen am Tisch, die sich gegenseitig auf Schwächen belauern und nur hoffen, dass ihr Kopf nicht als Nächstes rollt.


Das ist spannend und unterhaltsam zu lesen, pointiert formuliert - und enthält vor allem sehr viele Wahrheiten. Deshalb bleibt beim Lesen auch immer wieder das Lachen im Halse stecken. Denn die Konferenzhölle ist überall. Und jeder, der in großen Unternehmen arbeitet, hat solche erschreckenden Zerfleischungsrituale bereits selber mitgemacht. (ut)


Empfehlung Iris Hanika: "Treffen sich zwei“

btb Verlag 2010, 240 Seiten


Das älteste Thema der Welt – ein Mann und eine Frau treffen und verlieben sich – wird hier aktuell, witzig und sprachlich äußerst abwechslungsreich erzählt.

Die beiden Protagonisten sind beide schon über vierzig, als sie sich in einer Berliner Bar erstmals begegnen und sofort voneinander hingerissen sind. Doch kann man ab einem gewissen Alter und der damit verbundenen Erfahrungen und – fast noch wichtiger – Vorurteile dieses unverhoffte Glück genießen? Aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln zeigt die Autorin, was die überspannte Galeristin Senta und der IT-Berater Thomas aus dem unverhofften Glück machen.

Doch zum Glück geht es jedoch nicht nur um die Liebesgeschichte: Die immer wieder abwechselnden Sprach- und Stilebenen machen das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis: Von wissenschaftlichen Einschüben über einem kleinen Theaterstück bis zu einer Jelinek-Übung werden immer wieder neue Töne angeschlagen und ergänzen den lakonischen Grundton des Buches.

Unbedingt lesen! (ca)


Empfehlung Andrej Longo: "Zehn“

Eichborn Verlag, 154 Seiten

Auswegslos, authentisch, berührend

Neapel und die Herrschaft der Camorra hat mit Roberto Saviano und seinem Roman "Gomorrha" traurige Berühmtheit erfahren. Andrej Longo zeichnet in zehn kurzen, knapp erzählten Portraits nach, wie die Mafia das Leben der jungen Napolitaner bestimmt.


Das ist in jeder Lage auswegslos: Sich raushalten, das geht nicht - niemand kann der Mafia entkommen. Sich mit Würde arrangieren, geht auch nicht - wen die Mafia hat, den gebraucht sie als Werkzeug für ihre Interessen. Und ist dabei erschreckend einfallsreich, wie Longo am Beispiel der lebenden Drogentester belegt.


Die zehn Portraits orientieren sich an den Zehn Geboten. Doch diese hätte Longo überhaupt nicht gebraucht. Die Allmacht der Mafia geht über die biblischen Regeln hinaus. Napolitaner sind Leibeigene im Europa des 21. Jahrhunderts.


Longo schreibt keine Reportagen. Jedes Portrait ist anders erzählt - mal als Erinnerungsbericht, mal als sich entwickelnde Geschichte. Fast immer gibt Longo dem Innenleben seiner Figuren viel Raum. Alternativ beschreibt er in knappen Worten die Handlungen der Sprachlosen - die, die notgedrungen die Umstände hinnehmen und sich doch auf ihre Art wehren.


"Diese Geschichten erzählen mehr über Neapel als jeder Untersuchungsbericht", hat die italienische Zeitung Republicca geschrieben. In Italien hat Andrej Longo, früher Pizzabäcker und heute Drehbuchautor aus Neapel, für sein Werk bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten. "Zehn" ist sein erstes in Deutsch übersetztes Buch. (ut)


Empfehlung Richard Yates: "Ruhestörung“

düster, lakonisch, schonungslos
DVA, 2010, 316 Seiten

John Wilder ist im New York des Jahres 1961 Anzeigenverkäufer bei einem renommierten naturwissenschaftlichen Magazin, Familienvater und Alkoholiker. Nach einer Geschäftsreise weigert er sich, zu seiner Familie nach Hause zu kommen und wird von einem Freund, der sich nicht anders zu helfen weiß, in die Psychiatrie eingewiesen.


Wegen eines verlängerten Feiertagswochenendes muss er länger als nötig auf der geschlossenen Station bleiben, nach seiner Entlassung beginnt jedoch sein gänzlicher Untergang: Trotz Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern nimmt sein Alkoholkonsum weiter zu und er lernt eine junge Frau kennen, die sich vor allem für seinen Aufenthalt in der Nervenklinik interessiert. Er beginnt eine Affäre mit ihr und beide brennen nach Kalifornien durch, um ein Leben als Filmproduzenten zu führen.


Yates zeichnet detailliert den Weg eines Mannes, der am Alkohol und am amerikanischen Familienidyll zerbricht.
(ka)


Empfehlung Eva Baronsky: "Herr Mozart wacht auf“

Überraschend, amüsant, intelligent
Aufbau Verlag, 2009, 319 Seiten


Am Vorabend noch hat er auf dem Sterbebett gelegen. Nun erwacht Wolfgang an einem unbekannten Ort und – wie ihm nach und nach klar wird- in einer fremden Zeit. Die Ungeheuerlichkeit seiner Zeitreise ins Jahr 2006 kann er nur mit einem göttlichen Auftrag erklären: Er soll endlich sein Requiem beenden.

Als wunderlicher Kauz und lebender Anachronismus irrt Wolfgang durch das moderne Wien, wagt nicht mehr, sich Mozart zu nennen und scheitert an U-Bahntüren und fehlenden Ausweisen. Einzig die Musik dient ihm als Kompass, um sich in der erschreckend veränderten Welt zu orientieren. Zur Seite stehen ihm ein polnischer Stehgeiger, das Mädchen Anju und seine Lust, hergebrachte Harmonien auf den Kopf zu stellen. Doch je länger sich Wolfgang in der fremden Zeit aufhält, desto drängender wird die Frage, was ihn erwartet, wenn er das Requiem vollendet hat. (RS)


Empfehlung Paul Auster: "Unsichtbar“

Doppelbödig, düster, spannend

Rowohlt, 2010, 320 Seiten


Im New York der sechziger Jahre begegnet der Literaturstudent und Möchtegern-Schriftsteller Adam Walker dem Schweizer Rudolf Born, einem Professor für politische Wissenschaften an der New Yorker Columbia Universität. Die Begegnung wird Walkers Leben für immer verändern.


Erscheint sie ihm zum Anfang geradezu wie ein Wunder, denn Born bietet Walker an, mit seiner finanziellen Unterstützung eine Literaturzeitschrift zu gründen, deren Chefredakteur Walker werden soll, so nimmt die Begegnung doch schnell eine unangenehme Wendung, die darin gipfelt, dass Born einen jungen Schwarzen niedersticht, der Born und Walker eines Abends auf der Straße ausrauben will. Walker läuft weg und ruft anonym Hilfe, die Polizei sucht er jedoch erst später auf, nachdem er erfahren hat, dass der schwarze Jugendliche mit mehreren Messerstichen getötet worden ist. Für Walker kann nur Born der Täter sein und er fühlt sich mitschuldig am Tod des Jugendlichen. Das Gefühl der Schuld wird ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen.


Dies ist die Rahmenhandlung des Romans, die im ersten von insgesamt vier Kapiteln geschildert wird. In den folgenden Kapiteln erfahren wir mehr über Walkers weiteren Lebensweg, der aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Immer wieder kreuzt er Borns Weg und wir erfahren mehr über die Menschen im Umfeld der beiden Charaktere. Doch ist wirklich alles wahr, was wir erfahren? Hat Walker wirklich ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester Gwyn? Oder glauben wir der Schilderung Gwyns?

Nichts ist so wie es scheint in dieser doppelbödigen Geschichte über Mord und Sühne, Wahrheit und Täuschung. (gf)


Empfehlung Michal Viewegh: "Engel des letzten Tages“

Leicht, tiefgründig, klug
Deuticke Verlag, 2010, 128 Seiten


In Tschechien stehen Michal Viehweghs Bücher auf den Bestsellerlisten. In Deutschland wäre es diesem feinen, tiefgründigen Buch in jedem Fall zu wünschen. Ein Engelsquartett hat die Mission, Todgeweihten die letzten Stunden ihres Lebens zu verschönern. Je nach Erfahrung nehmen sie diese Aufgabe mit Unglauben, Ohnmacht oder Zynismus war. Denn ändern können sie nichts.


Karel, der Fahrlehrer, der in einer unglücklichen Ehe verharrt und vom wilden Sex träumt, wird heute sterben. Wie genau dieser Unfall passieren wird der Leser erst am Schluss erfahren. Dann kennt er auch die Rolle von Esther, der Ärztin und eigentlichen Hauptfigur des Buches. Sie hat ihren an Krebs sterbenden Mann Tomas bis zum Schluss zuhause gepflegt. Die Erinnerungen an diese Krankenzeit und Esthers Kampf mit der Trauer gehören zu den stärksten Passagen des Buches.


Unser Leben, so lautet denn auch die Botschaft des Buches, kann jederzeit zu Ende sein. Wir sollten aus jedem Tag das Beste machen. So leicht und doch so nachdrücklich hat man das noch nicht gelesen. (ut)


Empfehlung Christoph Meckel: "Licht“

Bezaubernd, anrührend, voller Poesie.
Fischer, 1980, 128 Seiten.


Diese Geschichte eines Abschieds, der durch den Unfalltod der Geliebten unwiderruflich wird, ist vor allem die Geschichte einer Leidenschaft, in der Beruf und Alltag keinen Platz haben. In der Erinnerung des Ich-Erzählers ziehen die glücklichen Augenblicke des gemeinsamen Nichtstun wie Sommerwolken vorüber - die Ferien im Süden, die langen Nächte und die scheinbar endlosen Morgenstunden. Eine Liebesgeschichte, als wäre der Traum Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum.
Eine hochgelungene Erzählung, geprägt von bildhafter Poesie. In jedem Satz sind die Talente des Schiftstellers, Lyrikers und grafischen Künstlers spürbar, der Wörter zu wahren Wort-Gemälden werden lässt.


Fazit: Für Genußmenschen. Eine kleines Buch, das zu lesen trotz der Kürze ein wenig Zeit braucht, um richtig genossen zu werden. (sg)


Empfehlung Jedediah Berry: "Handbuch für Detektive“

Verlag C.H.Beck, 383 Seiten, 2010
Spannend, unterhaltsam, unbedingt lesenswert


Charles Unwin ist ein ordentlicher Mensch. Als Schreiber einer Detektivagentur konstruiert er allein aus den Berichten der Detektive eine logische Welt. Doch dann gerät seine Welt aus den Fugen: Ein Detektiv verschwindet spurlos und Charles Unwin – inzwischen gegen seinen Willen zum Detektiv befördert – muss aus seiner Schreibstube heraus in die reale Welt, die sich leider nicht ganz so einfach ordnen lässt.


Der Autor Jedediah Berry hat in seinen ersten Roman nicht nur den überaus sympathischen, lebensfremden, Fahrradfahrenden Charles Unwin zum Leben erweckt, sondern eine absurde, an Kafka, Borges und Fellini erinnernde Welt aus Zirkusdirektoren, Magiern und Gedankenlesern, Ganoven und gefährlichen schönen Frauen erschaffen. (ca)


Empfehlung Julian Barnes: "Nichts, was man fürchten müsste“

Autobiographisch, anrührend, anspruchsvoll.
Kiepenheuer und Witsch, 2010, 333 Seiten.

Mit „Nichts, was man fürchten müsste“ hat der britische Schriftsteller Julian Barnes einen Essay über die existenzielle Frage vorgelegt, die jeden von uns ein Leben lang begleitet: Der Tod und wie wir am besten mit ihm umgehen. Trotz oder gerade wegen des zugegebenermaßen nicht gerade leichtgewichtigen Themas ist es ein „echter Barnes“.

Nicht düster und schwer, sondern voller Wärme, leiser Ironie und einem unglaublichen Gespür für menschliche Gefühle. Dabei verwebt Barnes mitreißende und anrührende autobiographische Details der Familie Barnes mit Betrachtungen berühmter Schriftsteller und Komponisten über den Tod wie Flaubert, Renard, Montaigne, Daudet, Zola, Strawinsky und Rachmaninow.

Das Fazit: Wir alle sterben, der eine früher, der andere später. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, hier zitiert Barnes Woody Allen, werden wir da in der Lage sein, einen Zwanziger wechseln zu können? (gf)


Empfehlung Elizabeth Hay: "Nachtradio“

Elegisch, einfühlsam, nachdenklich.
Schöffling & Co Verlag, 2009. 423 Seiten
Nordkanada in den 70er Jahren: Elizabeth Hay erzählt die Geschichte der Mitarbeiter eines Lokalradiosenders der kleinen Stadt Yellowknife, der versucht, sich gegen das aufkommende Fernsehen zu behaupten.

Harry, Radiomacher der alten Schule, ist bereits beim Fernsehen gescheitert und wird übergangsweise zum Chef des Senders ernannt. Mit Dido und Gwen hat der Sender zwei junge Frauen als Moderatorinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Veränderungen bedrohen das Leben der Bewohner Yellowknifes auch in anderer Hinsicht. In der ganzen Provinz wird über den Bau einer Ölpipeline und dessen Folgen für die Natur diskutiert. Auf den Spuren des Entdeckers John Hornby gehen die Protagonisten auf eine Kanu-Tour durch die menschenleere Wildnis.

Kleine Intrigen und echte Tragödien spielen sich ab, wobei die Hauptfigur des Romans immer die kanadische Wildnis bleibt. (kath)


Empfehlung Joyce Carol Oates: "Niagara“

Dramatisch, bewegend, zeitlos.
Fischer, 2007, 567 Seiten.

Vor der spektakulären, soghaften Kulisse der Wasserfälle entwickelt sich die Geschichte der Familie Burnaby von 1950 bis 1978.
Auftakt ist die desolate Hochzeitsnacht zweier in Konventionen und Verklemmtheit erstarrter Endzwanziger, die in diese Verbindung ohne Gefühle füreinander und fast ohne eigenes Zutun gekommen sind und aus der sich der beschämte und verzweifelte Bräutigam nur mit einem selbstmörderischen Sprung in die Fälle „retten“ kann.
Hieraus entwickelt sich das Psychogramm des Paares, dem sich die weitere Geschichte der verlassenen Braut anschließt. Diese wird den Ort ihrer ersten Hochzeitsnacht nicht mehr verlassen, sondern sich drei Monate später hier erneut verheiraten.
Erzählt wird aus der Perspektive des Ehepaars und der drei Kinder aus dieser Ehe. „Alle Dramen sind Familiendramen“ sagt die Autorin und füllt ihren Roman mit prallem Leben. Korruption, bigotte Schicksalsergebenheit, Eifersucht und Liebe sind die Zutaten. (ps)


Empfehlung Rolf Lappert: "Nach Hause schwimmen“

Traurig, intensiv, schön.
Hanser Verlag, 2008, 544 Seiten

Mit „Nach Hause schwimmen“ hat der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert einen Bildungsroman über das Schicksal eines kleinwüchsigen Halbwaisen geschrieben.
Wilburs Mutter stirbt bei seiner Geburt, sein Vater verlässt ihn. Bevor er adoptiert wird, wird er von seiner Großmutter aus den USA nach Irland geholt. Als die Großmutter stirbt, beginnt Wilburs Irrweg durch Pflegefamilie, Besserungsanstalt, Hotel und psychiatrische Klinik. Für Wilbur ist Glück „nur dein Lieblingssong aus dem Radio eines Autos, das an dir vorbeirast und in den Abgrund stürzt."


Die Intensität des Stils von Rolf Lappert wird durch zwei Erzählperspektiven noch verstärkt. Ein Roman über ein trauriges Leben, der den Leser trotzdem glücklich zurücklässt. (kath)


Empfehlung Yiyun Li: "Die Sterblichen“

Erschreckend, dokumentarisch, menschlich.
Hanser Verlag, 2009, 378 Seiten

In einer Provinzstadt weit weg von Peking soll die junge Gu Shan hingerichtet werden. Sie war während der Kulturrevolution fanatische Rotgardistin. Shans Tod wird weitreichende Konsequenzen haben. Nicht nur für ihre Eltern, sondern auch für die Rundfunksprecherin Kai, die längst an der Partei zweifelt oder für die verkrüppelte Nini, die wie eine Sklavin gehalten wird.
Yiyun Li lebt seit 1976 in den USA. Die gebürtige Chinesin zeichnet mit nüchtern-dokumentarischem Blick ein plastisches und erschreckendes Bild der grausamen Lebenswirklichkeit und Ereignisse in China am Ende der siebziger Jahre, die von beklemmender Aktualität sind. (ut)


Empfehlung Mary Ann Shaffer: "Deine Juliet“

Romantisch, berührend, witzig.

Kindler Verlag, 2008, 304 Seiten

(Briefroman) Im London der Nachkriegszeit erhält die junge Buchhändlerin und Schriftstellerin Juliet überraschend Post von einem Landwirt der Kanalinsel Guernsey, Er hat ein Buch erworben, welches zuvor ihr gehörte. Es entsteht ein Briefwechsel, der Zeugnis über die Kriegszeiten auf den Inseln, die dort lebenden Menschen und ihre Schicksale aufzeigt, gleichzeitig aber auch das Leben der Protagonistin in London widerspiegelt. Diese reist später nach Guernsey, um die Menschen kennenzulernen. Romantisch, berührend, niemals kitschig, sondern mit Wortwitz geschrieben – ein Buch, welches mich in seinen Bann gezogen hat und mir gleichzeitig die mir unbekannte Situation der Kanalinselbewohner während der deutschen Besatzung nahebrachte. Platz 1 der NEW YORK TIMES–Bestsellerliste mit > 1 Mio. verkauften Exemplaren weltweit. (ps)


Empfehlung Joey Goebel: "Heartland“

Unterhaltsam, politisch, gesellschaftskritisch.
Diogenes Verlag, 2009, 720 Seiten

John Mapother, Sohn einer der reichsten Familien des Mittleren Westen, soll den Traum seines Vaters erfüllen und Kongressabgeordneter werden. Um Wählerstimmen bei den "einfachen Leuten" zu gewinnen, versöhnt er sich mit seinem Bruder Blue Gene, der dem Luxusleben der Oberschicht abgeschworen hat und ein Leben als Flohmarktverkäufer führt. Dieser ist zwar skeptisch, willigt aber ein und gerät in die Machenschaften seines Bruders, der alles tut um die Wahl zu gewinnen. Während die Welt der Wohltätigkeitsbälle und Gala-Diners auf die Welt der Monstertruck-Shows trifft, haben die Mapothers zusätzlich mit einem Familiengeheimnis zu kämpfen, das Johns Wahlkampf gefährlich werden könnte.
Die Charaktere sind unterhaltsam dargestellt, vielleicht gerade auch weil sie etwas überzeichnet sind. Zwar werden einige Klischees bedient, dennoch zeichnet das Buch doch ein interessantes Bild des "Heartland". (kath)


Empfehlung Don De Lillo: "Der Omega Punkt“

Eingebettet in einer Eingangs- und Schlusssequenz über eine Beschreibung der Videoinstallation "24 Hour Psycho" von Douglas Gordan im New Yorker MoMa, die Hitchcocks Psycho verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden zeigt, liegt die Haupthandlung des Romans:   Ein 73-jähriger Gelehrter, Richard Elster, lebt in der kalifornischen Wüste. Nachdem er zwei Jahre lang militärischer Berater der amerikanischen Regierung unter George Bush war, hat er sich zurückgezogen, um über die Welt, ihre Vergangenheit und Zukunft nachzudenken.   Ein junger Filmemacher kommt zu Besuch. Er möchte Elster zu einem Projekt überreden. In einer einzigen, endlos langen Einstellung soll dieser, bloß vor einer Wand stehend, über seine Erfahrungen berichten. Die beiden erhalten Besuch von Elsters Tochter Jessie, bis diese plötzlich spurlos verschwindet – so, wie am Ende des Romans der Betrachter der Videoinstallation glaubt, von ihr aufgesogen zu werden. Gerade mal 110 Seiten, mehr benötigt DeLillo nicht, um mit erzählerischer Wucht über Raum und Zeit zu sinnieren. ()


Empfehlung Gerbrand Bakker: "Oben ist es still“

Gerbrand Bakker, Jahrgang 1962, hat Sprach- und Literaturwissenschaften in Amsterdam studiert. In „Oben ist es still“ erzählt der Niederländer vom Leben eines Mannes, der den elterlichen Hof bewirtschaftet. Dieses Leben wird auf den Kopf gestellt, als er sich mit seiner Biographie auseinandersetzen muss. Tragikomisch, skurril, lakonisch-stiller Erzählfluss, nicht nur der Protagonist muss sich dabei Fragen zur menschlichen Existenz und dem zu gehenden oder gegangenen Weg stellen. (ps)


Empfehlung Siri Hustvedt: "Die zitternde Frau“

Vor einigen Jahren starb der Vater der Schriftstellerin. Fast drei Jahre nach seinem Tod überfällt Siri Hustvedt anlässlich einer öffentlichen Gedenkrede auf ihn erstmals ein unkontrollierbares körperliches Zittern. Seitdem nennt sich Siri Hustvedt selbst die „zitternde Frau“, auch wenn das Zittern nicht immer auftritt. Weder Mediziner noch Psychiater kommen zu einer aussagekräftigen Diagnose. Hustvedt startet eine akribische Recherche zu allen medizinischen und neurowissenschaftlichen Fragestellungen. Und so ist ihr nicht nur ein kluger Essay über Neurowissenschaften und die Psychoanalyse gelungen, sondern gleichzeitig eine spannend zu lesende Beschäftigung mit der Frage: „Was macht unseren Körper und unseren Geist eigentlich aus?“ (gf)


Empfehlung Christian Mähr: "Semmlers Deal“

Wer Suters Bücher mag, wird „Semmler“ lieben: In dieser höchst vergnüglichen Geschichte über das Leben und die Lieben des vermögenden Österreichers Semmler vermengt Autor Christain Mähr gekonnt Realität und Fiktion. Um seine immer größer werdenden Wünsche und die Sehnsucht nach der Frau des Lebens zu erfüllen verbündet sich Semmler mit dem Schicksal. Das fordert immer größere Opfer, und der Leser verfolgt atemlos Aufstieg und Untergang des sympathischen Helden. Von der ersten bis zur letzten Seite amüsant, spannend und unterhaltend erzählt. (ut)


Empfehlung Martin Suter: "Der Koch“

Asylantenschicksal, Big Business, Molekularküche und die Suche nach der einen wahren Liebe: Gekonnt verknüpft Martin Suter die Schicksale seiner Protagonisten. Ein tamilischer Koch arbeite in einer Züricher Hotelküche weit unter seinen fachlichen Möglichkeiten, findet dabei die Freundin fürs Leben und spätere Geschäftspartnerin. Die Geschäftsidee: Erotische Dinés im privatem Rahmen für eine gut betuchte aber unerfüllte Klientel. Äußerst amüsant und lecker serviert von einem genialen Texter - samt Rezepten...zum Nachkochen. (ut)


Empfehlung Margaret Atwood: "Der blinde Mörder“

Familiensaga, Tragödie, Sittenbild; von 1930 bis zur Gegenwart reichend. In der eigentlichen Handlung wird parallel der namens gebende Roman erzählt und in diesem wiederum eine weitere Geschichte. Wunderbar geschrieben, starke literarische Präsenz, beeindruckend verknüpfte Handlungsverläufe. (ps)


Empfehlung Ferdinand von Schirach: "Verbrechen“

Ein Berliner Strafverteidiger beschreibt elf außergewöhnliche, ungeheuerliche Verbrechen. Nüchtern, präzise, brilliant. (ut)


Empfehlung Iris Hanika: "Das Eigentliche“

Ein Mann und eine Frau im Berlin der „Nullerjahre“ auf der Suche nach dem Eigentlichen im Leben oder auch dem eigentlichen Leben. Er sucht dieses in seiner Arbeit für die Holocaust-Gedenkkultur, sie in den heimlichen Treffen und im Begehren ihres verheirateten Liebhabers. Aber die Dinge ändern sich und ihre enge Freundschaft, die ihre Einsamkeit bisher erträglich gemacht hat, steht auf der Kippe. Ein komprimierter, intensiver Roman einer außergewöhnlichen Autorin mit einem fast expressionistischen Sprachstil; wo jeder Satz, jedes Wortspiel exakt „sitzt“ und der Leser zum Nachdenken über sein Leben angeregt wird. Die nützlichen Leerseiten für die eigen(tlich)en Aufzeichnungen werden gleich mitgeliefert. (ChBF)


Empfehlung Eva Menasse: "Lässliche Todsünden“

Sieben Geschichten über die Liebe und das Leben und warum Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier oft die Oberhand gewinnen. (ChBF)


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