Buchkritik, Rezension
Milena Michiko Flasar: Herr Kato spielt Familie
Ein Rentner in Japan übernimmt Stand-in-Aufträge als Schauspieler und verkörpert wie durch Zufall drei Rollen, die er selbst bisher knapp verpasst hat: Opa, Bald-Ex-Ehemann und Chef. Das färbt auch auf sein Leben ab – und scheint doch zu spät. Die klare, schlichte und schöne Sprache gefiel uns. Der Aufbau ist dramaturgisch schlicht, aber spannend. Das Thema schnitt bei allen von uns gut ab. Dennoch war es ein Buch, das wegen seiner Vorhersehbarkeit nur von wenigen richtig gern gelesen wurde.
Abb. © Verlag
Bewertung der hamburgerShortlist:
3.5 von 5 Punkten
Buchkritik von AK
Pappa ante portas in Japan
Wagenbach, 176 Seiten
Die Geschichte:
Der namenlose Protagonist ist als frischgebackener Rentner zu Hause mehr als überflüssig. Seine ihm entfremdete Frau kann es ihm nicht recht machen, und schickt ihn – ob nun als Retourkutsche oder nicht – gerne auf ziellose Spaziergänge. Ausgerechnet auf dem Friedhof trifft er eine mysteriöse Frau schwer bestimmbaren Alters, die ihn als Schauspieler für Stand-In-Situationen rekrutiert. In den drei nun folgenden Stand-In-Aufträgen hat der Rentner wie durch Zufall drei Rollen inne, die er selbst bisher knapp verpasst hat: Opa, Bald-Ex-Ehemann und Chef. Das färbt auch auf sein bisheriges Leben ab – und scheint doch zu spät.
Stil und Sprache:
Eine klare, schlichte und schöne Sprache ist das Markenzeichen der österreichisch-japanischen Autorin, die den „diskreten“ Stream of conciousness erfindet – das perfekte Kolorit für den ebenso diskreten, ja, farblosen Helden, dessen Fragen und Unsicherheiten Flasar gekonnt auszumalen weiß.
Plot & Dramaturgie:
Mit der personalen Erzählperspektive und einer chronologischen Ereignisabfolge mit nur einem Zeitsprung nach vorne, ganz am Ende, bleibt Flasar dramaturgisch schlicht, aber auch in altbewährter Tradition. Durchaus spannend gestalten sich die auf den Helden einwirkenden Ereignisse, auch wenn der Leser sich des Eindrucks einer gewissen Pädagogik seitens der Autorin nicht erwehren kann. Dies sei als ein wesentlicher Kritikpunkt der Feuilletons auch früherer Werke Flasars erwähnt. Leider bleibt der Ausgang der Handlung damit eher vorhersehbar.
Bewertung:
In unserer Gruppe erhielt das Buch überwiegend gute Bewertungen. Insbesondere das Thema schnitt bei allen gut ab. Dennoch war es ein Buch, das nur von wenigen richtig gern gelesen wurde. Das hatte auch viel mit der schlichten Dramaturgie zu tun. In Summe liegt dieser kurze Roman mit 3,5 von 5 möglichen Punkten deutlich über dem Schnitt der sonst von uns gelesenen Bücher.