Buchkritik von sho
Hochinteressantes Thema, distanziert emotionsloser Sprachstil, blasse Figuren
Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2015, 360 Seiten
Zwischen 1970 und 1973 versucht Präsident Salvador Allende in Chile auf demokratischem Weg einen sozialistischen Staat aufzubauen. Die drei Jahre sind geprägt von der Hoffnung derer, die an eine gerechte Gesellschaft glaubten, und dem Hass derjenigen, die befürchteten, dadurch ihre privilegierte Stellung zu verlieren. Der Versuch endet am 11. September 1973 als Pinochets Militärputsch Allendes Utopie begräbt. Mitten hinein in die dramatischen Stunden dieses Putsches führt uns Sascha Rehs Roman „Gegen die Zeit“.
Hans Everding ist ein junger deutscher Industriedesigner, der über ein Austauschprogramm die Möglichkeit erhalten hat, an der Universität in Santiago de Chile jungen Studenten die Grundzüge effektiver industrieller Produktion beizubringen. Everding wird von einem Regierungsvertreter angesprochen und eingeladen, an einem kybernetischen Projekt mitzuarbeiten.
Ziel ist es, die gesamte Industrie Chiles miteinander zu vernetzen. Durch die Koordination aller Produktionsmittel und der Auswertung aller Bedürfnisse soll die Mangelwirtschaft beseitigt werden, ohne in die Fehler einer Planwirtschaft zu verfallen. Es soll so weit gehen, dass exakt die Produkte hergestellt werden, von denen die Menschen im Moment der Produktion noch gar nicht wissen, dass sie sie demnächst benötigen werden. Unter Leitung eines profilierten britischen Wissenschaftlers versucht eine junge Gruppe hochmotivierter Wissenschaftler und Techniker, den ehrgeizigen Plan umzusetzen. Gegen alle sich auftürmenden Widerstände der Mangelwirtschaft und fehlender finanzieller und technischer Ressourcen schafft es die Gruppe dennoch, das futuristische Vorhaben zu beginnen und zumindest ansatzweise umzusetzen. Als 1972 der LKW-FahrerInnen-Streik das Land lahmlegt, kann das Projekt CORFO mit seinen aufgebauten Strukturen zumindest die gröbsten Versorgungsnöte lindern. Mit dem aufgebauten Netzwerk koordiniert die Projektgruppe den Transport der Produktion aus den noch arbeitenden Fabriken in die Städte. CORFO kann erste Erfolge verbuchen.
Die Handlung des Buches beginnt, als alles zu Ende ist. Hans Everding und sein Kollege Óscar fliehen am Tag des Putsches aus der Schaltzentrale ihres Projekts und versuchen, die Software und die Magnetbänder mit Aufzeichnungen vor den Putschisten in Sicherheit zu bringen. Denn auf den Bändern sind die Namen und Adressen der Allende-Unterstützer verzeichnet. Einen Tag später hat sich der erste Pulverdampf verzogen, alles ist zu Ende. Die Panzer rollen. Was wird aus den Menschen? Wer kann fliehen? Untertauchen? Wer wird verhaftet, gefoltert, gequält, getötet? Wer kooperiert? Ein Kampf um die Bänder beginnt, der mit allen Mitteln ausgefochten wird.
Plot & Dramaturgie
Das Buch wurde in den deutschen Feuilletons sehr wohlwollend besprochen. Der Plot sei fesselnd, hochaktuell und interessant. Und fraglos ist das Thema ungemein spannend. Das Projekt gab es wirklich, der Großteil des im Buch geschilderten Plots spielte sich tatsächlich so ab. Allende beauftragte tatsächlich ein kybernetisches Projekt, welches die neue Technik für ein nicht totalitäres antikapitalistisches Gesellschaftssystem liefern sollte. Leiter und Assistenten des Projektes brachten tatsächlich unter Lebensbedrohung 1973 Bänder und Software in Sicherheit.
Stil & Sprache:
Die spannenden historischen Tatsachen waren aber dennoch den meisten unserer LeserInnen das Buch nicht tragfähig genug, um über einen eigenwillige Sprachstil hinwegzuhelfen. Sascha Reh schreibt sein Buch "Gegen die Zeit" in einem sehr distanzierten, eher gewollt emotionslosen Stil. Figuren und deren Motivation bleiben blass. Ängste und Gefühle werden zwar geschildert, vermögen aber Leser und Leserin nicht zu berühren. Ob dies so die Intention des Autoren ist, der vielleicht Thema und Zeitkolorit mit dieser sprachlichen Distanz darstellen möchte?
Bewertung
Aus unserer Gruppe konnte das Buch nur 2 Leser mitreißen und begeistern. Bei 8 weiteren LeserInnen gelang dies nicht, sie waren eher gelangweilt oder gar enttäuscht. Dass das Buch in Summe dennoch die Gesamtwertung von 2,7 erhielt, liegt somit nur an dem interessanten Thema, welches die Wertung nach oben zog.
Wer zu dem spannenden Thema mehr nachlesen möchte, der kann dies
hier tun.