Buchkritik, Rezension
Fien Veldman: Xerox

Der Alltag einer jungen Frau in einem Start-up und ihre Vergangenheit in einem sozialen Randviertel, ihre Kindheit und Jugend mit daran geknüpften Gewalterfahrungen und den Bürodrucker Xerox als Erzähler. Der Verlag versprach ein „gefeiertes Debüt“ über „die Leere der modernen Arbeitswelt“. Wir finden: Themen und Figuren fehlt die Tiefe, Sprache und Stil haben uns nicht überzeugt.






Abb. © Verlag

Bewertung der hamburgerShortlist:

3.0 von 5 Punkten




Buchkritik von AW

Eine junge Frau und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben
Hanser Verlag, 2024, 223 Seiten


Darum geht es:
Eine junge Frau, aus einem sozialen Randviertel stammend, einer „Welt aus Gewalt und Schweigen“ am „Rand der Gesellschaft“, versucht den Schritt in ein anderes, besseres Leben.

Mit dem Job in einem Start-up in Amsterdam verknüpft sie die Hoffnung auf eine Aufnahme in die so genannte Bürogesellschaft. Doch sie spürt, dass sie nun noch offensichtlicher „an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrückt wird“ – sie fühlt sich ausgegrenzt und grenzt sich gleichermaßen ab, der Job ist zudem stupide und unterbezahlt.

In selbsterzählerischen Sequenzen werden zudem ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen skizziert, die von Gewalt und Ausgrenzung geprägt sind, eine Traumatisierung der jungen Frau wird angedeutet. Sie begreift, dass sie ihren biografischen Hintergrund, den sie als stigmatisierend empfindet, nicht einfach ablegen und vor allem nicht vergessen kann.

So wenig sie einen Zugang zu anderen Menschen und vor allem zu ihren Arbeitskollegen findet, so sehr entwickelt sie eine zunehmende Verbundenheit mit einem Objekt: dem Drucker „Xerox“ in ihrem Büro, dem sie sich in ihren vielen Selbstgesprächen anvertraut. Sie fühlt sich diesem näher als ihren Arbeitskollegen, denen sie fremd bleibt und denen gegenüber sie sich selbst entfremdet.


Über die Autorin:
Fien Veldman wurde 1990 in Leeuwarden geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin und Theaterkritikerin. Für ihre Essays wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Xerox ist ihr erster Roman.


So klingt der Roman:
In den vier Kapiteln dieses Romans werden drei Erzählstränge miteinander verknüpft: der Alltag der jungen Frau in einem Start-up und ihre Vergangenheit in einem sozialen Randviertel aus einer Erzählerperspektive; Selbstgespräche der jungen Frau über ihre Kindheit und Jugendzeit und daran geknüpften Gewalterfahrungen. Im dritten Kapitel schließlich tritt der Drucker Xerox als Erzähler auf, der seine Sicht auf die Menschen, sich selbst und auf die Protagonistin und ihre Biografie darlegt.


Auffallend ist, dass die Protagonistin namenlos und damit konturlos bleibt – so wie auch die meisten anderen Personen in diesem Roman. Ihre beste Freundin, ein Straßenkehrer oder die Arbeitskollegen, die lediglich jeweils mit der Job-Position in dem Start-up bezeichnet werden: Sie alle sind namenlos und werden nur durch ihre Funktion beschrieben und benannt. Nur einige wenige Menschen aus ihrer Vergangenheit und der Drucker – Xerox – sind davon ausgenommen. Während die meisten Personen durch ihre Funktionsbezeichnungen eine austauschbare Identität erhalten und gleichermaßen für die junge Frau unzugänglich bleiben, wird das Objekt Xerox zum emotionalen Bezugspunkt für die junge Frau.


Das ist unsere Meinung:
Während das Buch allgemein sehr gute Besprechungen erhalten hat, wurde der Roman von uns Shortlister:innen eher durchschnittlich bewertet. Der Umschlagtext versprach uns ein „gefeiertes Debüt“ über „die Leere der modernen Arbeitswelt“ – gelesen haben wir jedoch einen Roman über eine womöglich traumatisierte, sicherlich aber psychisch belastete junge Frau, die sich nicht von ihrem biografischen Hintergrund lösen kann und sich Menschen gegenüber womöglich auch deshalb entfremdet fühlt.


Wir waren uns einig, dass, auch wenn ihr Lebensalltag in einem Start-up beschrieben wird, die Betrachtung der modernen Arbeitswelt und der Sinnentleerung der Arbeit nur den Rahmen für die Geschichte dieser jungen Frau abbildet und damit sehr in den Hintergrund rückt. Alle Shortlister:innen hatten damit ein gänzlich andere Erwartungshaltung an diesen Roman.


Neben dem Thema der Objektbezogenheit greift Fien Veldmann in ihrem Debütroman weitere Themen auf: Ausgrenzung und Abgrenzung, Integration und der Begriff der sinnentleerten Arbeit, Feminismus und Sexismus. Vor allem Chancenungleichheit und ungerechte Verteilung kehren in diesem Roman als Themen immer wieder: „Du kannst jahrelang so tun, als ob, du kannst darin immer besser werden, die meisten Menschen, die du kennenlernst, werden dir glauben, aber du bleibst immer dieselbe. Es ist nichts Äußerliches, es ist verinnerlicht. Du bist nun mal so geformt, manche Dinge sind unumkehrbar. Der Ton ist schon getrocknet.“ Können wir uns von negativ geprägten Lebensereignissen befreien? Können wir Lebensumstände und unsere eigene Biografie selbst positiv gestalten?


Die Autorin greift damit eine so spannende wie komplexe und viel gestellte Frage auf. Leider bleibt sie jedoch hier wie auch bei den davor genannten Themen lediglich an der Oberfläche. Die Themen wie auch die Figuren in dem Buch bleiben skizzenhaft, es fehlt die Tiefe. Vielleicht zeichnet die Autorin ihre Figur mit all ihren Erfahrungen und ihren Lebensfragen aus zu großer Distanz – und vielleicht bleibt den meisten Shortlister:innen die Protagonistin deshalb fremd.


Bewertung:
Der Roman wurde von uns mit 3,06 von möglichen 5 Gesamtpunkten bewertet. Während einige Shortlister:innen vor allem das Thema und auch die Darstellung der Figuren in diesem Roman noch recht überzeugend fanden, konnten sich andere genau darin nicht wiederfinden. Vor allem die Sprache und der Stil in diesem Roman haben die meisten von uns nicht überzeugt.

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