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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

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Buchkritik

Germán Kratochwil: "Scherbengericht“

thematisch vielversprechender, authentischer Familienroman
Picus Verlag Wien 2012, 312 Seiten


Die Geschichte
Unter dem blühenden Lindenbaum eines idyllischen patagonischen Landguts treffen zur Jahrtausendwende zwölf Personen aus drei Generationen aufeinander, um den 90sten Geburtstag der Familienpatriarchin Clementine zu feiern.


Die Gästeschar könnte unterschiedlicher nicht sein und doch vereint sie die gemeinsame Vergangenheit der Auswanderung und Emigration aus einem aus den Fugen geratenen Europas: So reicht die Geschichte der Jubilarin Clementine, ihres Sohn Martin, der Enkel Katha und Gabriel und der anderen Gäste von dem Wien der Kaiserzeit über die Nazijahre hin zum Familienexil in Patagonien. In der kargen Landschaft Patagoniens sehen sich die Gäste nicht bloß mit ungelösten Familienproblemen, sondern auch mit den Geistern der jüngsten Vergangenheit konfrontiert.


Stil & Sprache
Der Autor Germán Kratochwil beweist ein sicheres Gespür für den Sprachduktus von Menschen verschiedenster Herkunft, Mentalität und Generation. Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus Österreich geflohen oder ausgewandert sind, resümieren ihr 20. Jahrhundert, und für alle findet Kratochwil eine eigene Stimme.
Jede Episode hat eine eigene Erzählfarbe, ohne jedoch aus dem schlichten Sprachstil wirklich auszubrechen. Dabei bleibt die Frage offen, inwiefern die (teilweise) Überzeichnung der Charaktere und eine spürbar ironische Distanz des Autors zum Geschehen unbewusst stattfindet oder doch beabsichtigt ist.


Plot & Dramaturgie
In „Scherbengericht“ kommen an die dreißig Personen vor, dank des narrativen Geschicks des Autors, verliert man jedoch nicht den Faden und bleibt immer in der Handlung. Die Erzählweise ist eher auf die Beschreibung der jeweiligen Rückblenden und Einzelschicksale ausgerichtet als auf das tatsächliches Vorantreiben der Handlung in der Gegenwart des Festmahls. Kratochwil bettet mühelos historische Informationen in die vielen Familienerzählungen ein, schließlich ist der 70-jährige Autor als Kind selbst nach Argentinien ausgewandert.


Trotz einer gewissen Leichtigkeit, mit der Kratochwil die Geschichte der Vergangenheit erzählt, schafft er einen Spannungsbogen bis hin zum gegenwärtigen Geschehen.


Unsere Bewertung
In unserer Runde haben zwölf Jurorinnen Wertungen von 0 (schlecht) bis 4,5 (von 5 Punkten als Höchstwertung) erteilt. Die Durchschnittsnote liegt bei 3, wobei Stil/Sprache sowie das Thema besser bewertet wurden als die Konstruktion und Dramaturgie des Romans.

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