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Buchkritik

Edna O’Brien: "Die kleinen roten Stühle“

Kriegsverbrecher betört irisches Dorf
Steidl Verlag 2017, 344 Seiten


Die Geschichte:
In einem abgelegenen westirischen Dorf taucht Dr. Vlad Dragan auf, vordergründig, um sich als Heilpraktiker und Sexualtherapeut niederzulassen. Rasch gewinnt er die Sympathien der Dorfbewohner; die einzigen Bedenkenträger, den Pfarrer, eine Nonne, und den pensionierten Dorflehrer, kann er überzeugen bzw. erfolgreich ignorieren.


Die unglücklich verheiratete Fidelma, früher Inhaberin einer Modeboutique, die dem infrastrukturellen Aufschwung der Region zum Opfer fiel, hat einen dringlichen Kinderwunsch. Sie verliebt sich in Dr. Dragan und bietet sich ihm an, um ein Kind zu zeugen. Dr. Dragan lässt sich darauf ein und entwickelt parallel leicht skurrile Nebentätigkeiten als Kindergärtner und Führer einer literarischen Reisegruppe. Doch ein Dorfbewohner, Immigrant aus Dr. Dragans Heimat Serbien, erkennt ihn. Noch im Reisebus wird Dragan verhaftet und zum Kriegsverbrechertribunal in DenHaag gebracht. Für die schwangere Fidelma beginnt nun eine Odysse des Verrats, der Stigmatisierung, der Gewalt, der Heimatvertreibung und des Rassismus.


Stil & Sprache:
Die bildreiche, klangvolle und doch nicht klischeehafte Sprache gefiel uns sowohl in der Übersetzung als auch im englischen Originaltext sehr gut. Die dichterische Veranlagung der Autorin, die nach eigener Aussage als Dichterin nicht taugt, ist unüberlesbar.


Einige störten sich an den vielen, willkürlich und teils zusammengewürfelt wirkenden Zeit- und Perspektivsprüngen. Andere sahen in der leicht chaotischen Form einen passenden, technisch virtuosen Spiegel der chaotischen Ereignisse vor Allem des zweiten und dritten Teils. Auch das Tempo steigert sich vom zweiten Teil an deutlich, möglicherweise aus demselben Grund.


Plot & Dramaturgie:
Ein wenig willkürlich, aber doch auch autorinnentypisch, erschien uns die Verpflanzung des doppelgesichtigen Psychopathen in die bigotte, frauenfeindliche irische Dorfgemeinschaft -- letztere ein Leitmotiv im umfangreichen Gesamtwerk der Autorin.


Kollektive Schuld, kollektive Schuldverdrängung per Sündenbock sowie individuelle Fahrlässigkeit und Naivität sind die zentralen Themen dieses Romans, der seine in der Presse gepriesene Virtuosität erst auf den zweiten Blick entfaltet. Das Wissen um den historischen Hintergrund ist Voraussetzung dafür.


Wie aus Briefen angedeutet weist die Figur Dragan starke Bezüge zu Radovan Karadzic auf, einem der verurteilten Hauptkriegsverbrecher aus den Jugoslawien-Kriegen in den 1990er Jahren. Den Landsleuten von Radovan Karadzic wurde vorgeworfen, ihn jahrelang gedeckt und versteckt zu haben. Denn er praktizierte, obwohl als Kriegsverbrecher gesucht, jahrelang nach Kriegsende als Heilpraktiker in Belgrad. Mithin unterstellte man seinen Landsleuten, was auch die Figur des Dr. Dragan bis zum Ende aufrecht erhält: Die Billigung von Völkermord als „Notwehr“ und deren religiöse und völkische Motivation als sich im Zirkelschluss selbsterklärende, legitime Weltanschauung.


Bewertung:
„Die kleinen roten Stühle“ wurden von der Gruppe mit 3,3 von 5 möglichen Bewertungspunkten als lesenswertes, aber nicht leicht verdauliches Werk einer erfahrenen, national berühmten Autorin bewertet. Zwar fanden wir den Roman spannend, doch störten sich einzelne an der „unblutigen Grausamkeit“ vor allem des Fidelma-Schicksals.

(ak)

 

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