Literatur am Abend: Montag, 4. November, 19.30 Uhr
András Forgách - Akte geschlossen

Abb. © Verlag
Buchkritik

Fernando Aramburu: "Patria“

Spannend, aufwühlend, brillant erzählt
Rowohlt Verlag 2018, 907 Seiten


Thema:


2011 gibt die ETA des Endes des bewaffneten Kampfes bekannt. Doch für die Bewohner eines kleinen Dorfes im spanischen Baskenland ist kein Friede in Sicht. Anhand der Geschichte zweier Familien lotet der Autor im Verlauf von 125 kurzen Kapiteln, die allesamt einen Titel tragen, das Verhältnis von Opfern und Tätern aus. Fernando Aramburu ist selbst Baske, lebt aber schon seit über 30 Jahren in Deutschland. In Spanien erschien Patria bereits 2016.


Inhalt:


Bittori – eine der neun Hauptfiguren des Romans- sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen der Terrororganisation erschossen wurde, da er vermeintlich die ‚Revolutionssteuer` schuldig blieb. Die von der ETA so genannte ‚Revolutionssteuer‘ ist die Haupteinnahmequelle der Terrororganisation. Ihre Opfer sind vor allem baskische Großindustrielle und Großunternehmer. Bittori erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten, wie ihre Familie ausgegrenzt wurde. Das Auftauchen von Bittori beendet schlagartig die vermeintliche Ruhe im Dorf. Vor allem die Nachbarin Miren, damals ihre beste Freundin, heute Mutter eines Sohnes, der als Terrorist in Haft sitzt, zeigt sich alarmiert. Dass Mirens Sohn etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, ist Bittoris schlimmste Befürchtung. Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich die lange erwartete Begegnung nicht mehr vermeiden und es kommt zu ersten Annäherungsversuchen.
Doch nicht nur die Mütter stehen im Fokus, auch deren Kinder und deren Lebensgeschichten gewinnen Kontur in diesem Roman.


Bewertung:


Wohl lange nicht wurde in unserem Literaturkreis ein Roman so überaus gut besprochen wie Patria. Er erhielt in der durchschnittlichen Gesamtbewertung 4,4!


Die Mehrzahl der Lesenden gab dem Roman die Höchstnote für Dramaturgie und Spannung, auch die facettenreiche und glaubwürdige Charakterisierung der einzelnen Figuren wurde von fast allen gelobt. Darüber hinaus wurden auch Stil und die recht schmucklose, auf Metaphern weitgehend verzichtende, lakonische Sprache mit überwiegend positiv bewertet. Interessant ist der stetige Wechsel der Erzählperspektiven, die dem Erzählten zusätzliche Dimensionen verleiht. Abgesehen davon stieß aber auch das Thema auf großes Interesse. Ein überaus lesenswertes Buch! (MM)

 

Weitere Kritiken:

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Stephan Thome: Gott der Barbaren
João Tordo: Die zufällige Biographie einer Liebe
Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Yaa Gyasi: Heimkehren
Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle
Lauren Groff: Licht und Zorn
Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken