Literatur am Abend: Montag, 8. November, 19.30 Uhr
Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne


Abb. © Verlag
Buchkritik

Ayad Akhtar: "Homeland Elegien“

Muslimisches Lebens in den USA: Eine Suche in Gesprächen, Begebenheiten, Situationen

Claassen Verlag, 2020, 464 Seiten

Darum geht es
Heimat, Zugehörigkeit, Identität – Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar fügt aus Mosaiksteinen autobiografischer Berichte und fiktionaler Erzählungen ein großes Gesellschaftspanaroma der USA als einem zusehends zerrissenen Land zusammen. Wo in dieser Suche nach sich selbst die Grenzen zwischen Wahrheit und literarischer Freiheit verlaufen, verrät der Autor seinen Leser*innen nicht. Sicher aber ist: Wie sein Alter Ego im Roman wuchs auch Ayad Akhtar als Sohn pakistanischer Einwanderer im Mittleren Westen der USA auf, und schaffte auch Akhtar mit einem vieldiskutierten Theaterstück über einen muslimisch-amerikanischen Blick auf die Anschläge vom 11. September den Sprung auf die große Bühne der Literatur.


Das Thema hat den Autor seither nicht mehr losgelassen. Und so lässt er die Leser*innen seiner „Homeland Elegien“ teilhaben an Gesprächen, Begebenheiten, Situationen seines Lebens, die alle um die eine Frage kreisen: Wie kann man heimisch sein und werden in einem Land, in dem viele nicht erst seit den Trump-Jahren mit teils unterschwelliger, teils offener Ablehnung auf Muslime blicken?


Akhtars Mutter träumt von der Rückkehr nach Pakistan – ein verklärter Blick in die vergangene Jugend, der, von einer befreundeten Familie wahrgemacht, im Albtraum des Jihad endet. Der Vater wird als Kardiologe für kurze Zeit zum Leibarzt von Donald Trump und findet Karriere und Ehre am Ende in einem von Rassismus geprägten Prozess zerschlagen. Oder Riaz, der als tollkühner Finanzjongleur die Gier des Kapitalismus für Moschee-Projekte einsetzen will. Die Antworten auf die große Frage des Buches sind so verschieden wie die Menschen, die Ayad Akhtar zeichnet. Am Ende wird klar: Er selbst wird ein Suchender bleiben.


So klingt der Roman
Ayad Akhtar wechselt gekonnt zwischen biografischem Bericht, einfühlsamer Erzählung und pointierten Dialogen. Theatermann, der er ist, gelingen ihm insbesondere in den Schilderungen seiner Erlebnisse am 11. September und der Gerichtsverhandlung gegen den Vater im ländlichen Wisconsin bildmächtige Szenen, die im Gedächtnis bleiben.


Das ist unsere Meinung
Die in der veröffentlichten Kritik häufig thematisierte Frage nach Wahrheit und Fiktion spielte in der Diskussion der Shortlistler*innen nur eine untergeordnete Rolle. Zu beeindruckt war der größte Teil der Runde von den eindringlichen Schilderungen des alltäglichen Rassismus. Die Technik, mit der Ayad Akhtar aus einer Vielzahl kleiner Szenen ein großes Bild schafft, wurde meistenteils ebenso gelobt. Ob der Roman auch die deutsche Debatte um strukturelle Ausgrenzung und Integration befördern kann, musste im Shortlist-Zirkel offenbleiben. Jedenfalls aber wird, wer Akhtars „Homeland Elegien“ gelesen hat, ein tieferes Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Situation in den USA entwickeln.


Fazit
3,3 von maximal 5 möglichen Punkten haben die „Homeland Elegien“ erreicht. Neben vielen noch besseren Bewertungen gab es auch einzelne Stimmen, die sich mit Sprache und Struktur – vor allem der englischen Originalfassung – nicht recht anfreunden konnten. ()

 

Weitere Kritiken:

Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück
Deniz Ohde: Streulicht
Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort
Mario Vargas Llosa: Harte Jahre
Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben
Ulrich Tukur: Ursprung der Welt
Dror Mishani: Drei
Eugen Ruge: Metropol
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios
John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt
Annette Hess: Deutsches Haus
Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Monica Sabolo: Summer
Nell Zink: Virginia
Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Stephan Thome: Gott der Barbaren
Fernando Aramburu: Patria
João Tordo: Die zufällige Biographie einer Liebe
Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Yaa Gyasi: Heimkehren
Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle
Lauren Groff: Licht und Zorn
Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken