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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Eugen Ruge: "„In Zeiten des abnehmenden Lichts““

Sympathisch, stil- und pointensicher, bewegend
Rowohlt Verlag, 2011, 432 Seiten,


Geschichte & Inhalt:
Ruge ist ein Meister der Sprache. Jedes Wort, jeder Satz, jeder Einschub macht dieses Buch zum intelligenten Lesevergnügen. Schon das erste der 20 Kapitel, in dem Alexander seinen dementen Vater in der früheren DDR besucht, macht süchtig. Man will mehr wissen von dieser Familie, von ihrem Schicksal, von Alexander und seiner Familie.


Der demente Kurt war in früheren DDR-Zeiten eine wichtige Figur. Seine Frau Irina hat er in der russischen Gefangenschaft kenngelernt. Und doch kann er sich zeitlebens nicht von seinem Vater, dem alten Patriarchen Wilhelm, abnabeln. Ruge erzählt die Geschichte dieser drei Generationen aus immer wieder wechselnden Perspektiven der Familienmitglieder bis hin zum koksenden Berliner Schüler, Alexanders Sohn. Rückblicke wechseln sich mit aktuellen Zeitaufnahmen ab.


In nahezu allen dieser 20 Kapitel und Geschichten spielt die Anpassung der Familienmitglieder an das politische System und seine Anforderungen mit hinein - damals wie heute. Etwa, wenn Irina, Kurts Frau, mit ausgesprochen gewitzen Methoden im Mangelsystem der früheren DDR die Lebensmittel für ihre jährliche Weihnachtsgans beschafft. Oder Kurt entscheiden muss, wie er mit einem von der Partei verstoßenen Kollegen umgeht. Dennoch ist "„In Zeiten des abnehmenden Lichts“" kein politisches Buch. Es beschreibt, ohne zu werten, das Überleben wollen jedes Einzelnen vor dem politischen Hintergrund eines immer mehr zerfallenden Ostblocks.


Stil & Sprache:
Schon die ersten Sätze jedes der 20 Kapitels sind perfekt:  „"Vor zehn Jahren, auf den Monat genau, waren sie aus Rußland gekommen“. „Manchmal vergaß er, was zu tun war."“ Ruge erzeugt so vom ersten Moment an Spannung und hält diese konsequent jedes Kapital durch. Dazu kommt ein ausgesprochen abwechslungsreicher Satzbau. Lange Sätze, Einschübe, Doppelpunkte, Klammern:  Ruge handhabt Tempi, Schnitt und Dialoge souverän. Zudem verzichtet der Autor auf Adjektive, erzählt stattdessen, was er sieht und erlebt,– etwa, wie Kurt frisch „gewaschen und zähnegeputzt duftet. Und er beherrscht es meisterhaft, innere Dialoge widerzugeben.


So lebt und leidet und hofft der Leser mit jedem der Familienmitglieder - wider besseres Wissen: "„Nein, sie hatten sich nicht geirrt. Es gab ein Röntgenbild. Es gab ein CT. Es war klar. Krebs, langsam wachsender Typ. Gegen das es –- wie taktvoll ausgedrückt -– bis heute keine wirksame Therapie gäbe."


Bewertung:
Wir haben das Buch ausnahmslos gern gelesen. Besonders die Erzählstruktur des Autors, der das gleiche Geschehen aus der Sicht mehrerer Personen schildert, hat uns gefallen. Lediglich den oft zitierten Vergleich mit Thomas Manns Buddenbrooks fanden wir etwas zu hoch gegriffen. (ut)

 

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