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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

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Buchkritik

Mario Vargas Llosa: "Der Traum des Kelten“

Historisch interessant, literarisch enttäuschend

Suhrkamp Verlag, 2011, 447 Seiten


Der Inhalt des Romans:


In „Der Traum des Kelten“ beschreibt Mario Vargas Llosa das Leben des Roger Casement (1864-1916). Casement ist Sohn eines protestantischen irischen Soldaten und einer früh verstorbenen Katholikin. Im Auftrag der britischen Regierung untersucht er Gräueltaten der Kolonialherren gegen die Bevölkerung im Kongo und im peruanischen Amazonasgebiet. Mit seinen Berichten sorgt er für großes Aufsehen in Europa. In seinem späteren Leben tritt er für die Unabhängigkeit Irlands vom Vereinigten Königreich ein. Während des 1. Weltkriegs verhandelt er mit Deutschland, um Unterstützung für den Befreiungskampf der Iren zu erhalten; dies wird jedoch von den britischen Behörden entdeckt. Casement wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet.


Bewertung:


Wir haben das Buch mehrheitlich mit Interesse gelesen. Das Leben Casements bietet genug für eine Biographie oder einen Roman. Dass Vargas Llosa jedoch diese beiden Genres in „Der Traum des Kelten“ zu vermischen scheint, ist nach unserer Ansicht nicht geglückt. Die Konstruktion des Rückblicks, den der bereits inhaftierte Casement auf sein Leben wirft, scheint uns denkbar schlicht. Daneben blieb uns die Hauptfigur trotz der Tatsache, dass es sich um Rückblicke auf sein Leben handelt, fremd. Unklar bleiben die Motive, warum sich Casement – im Gegenteil zu der überwiegenden Mehrheit seiner Zeitgenossen – für die Gräueltaten in den Kolonien interessiert und Mitgefühl für die ausgebeutete und gequälte Bevölkerung empfindet.


Auch sein übermäßiges Engagement für den irischen Befreiungskampf wird nicht nachvollziehbar motiviert. Die Nebenfiguren bleiben selbst und in ihrem Verhältnis zu Casement blass, einige werden zwar in die Handlung eingeführt, ihr weiteres Schicksal jedoch nicht weiter erwähnt.


An anderer Stelle enthält das Buch dagegen eine unnötige Faktendichte wie z.B. Nennung unzähliger Namen deutscher Ministerialbürokraten, mit denen Casement verhandelt, ohne dass diese für den weiteren Verlauf der Handlung in irgendeiner Weise von Bedeutung sind.


Auch erscheinen die Schrecken der Gräueltaten insbesondere im Amazonasgebiet durch besondere Detailgenauigkeit und Wiederholungen fast ausgewalzt.
Stilistisch fallen insbesondere viele Wiederholungen und sperrige Formulierungen wie z.B. "die boshaften Äuglein in dem schwammigen Gesicht mit dem blonden Schnurrbart" auf. Nicht einigen konnten wir uns über die Frage, ob die teilweise abwertenden und rassistischen Formulierungen dem Zeitgeist Casements geschuldet sind oder nicht.


Gesamteindruck


Sehr interessantes Thema, die Umsetzung scheint uns insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei dem Autor um einen Träger des Literaturnobelpreises handelt, jedoch nicht sehr geglückt.

Wir vergeben 2,6 von 5 möglichen Punkten.
(ka, aw)

 

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