Literatur am Abend: Montag, 15. April, 19.30 Uhr
Judith Herrmann - Wir hätten uns alles gesagt

Abb. © Verlag
Buchkritik

Jennifer Egan: "Candy Haus“

S. Fischer Verlage, 2022, 416 Seiten


Darum geht es:
Das zentrale Thema dieses polyphonen, multiperspektivischen Science-Fiction-Collagenromans ist eine Erfindung namens „Own Your Unconcious“. Das ist eine Social Media-Plattform. Hier lässt sich das eigene Gedächtnis uploaden, um es mit einer Community zu teilen. Im Gegenzug erhält man Zugang zu allen Gedächtnisinhalten der übrigen User dieser Plattform.


Zwar steigt durch „Own your Unconcious“ die Aufklärungsquote diverser Straftaten einschließlich der Kinderpornographie. Es gibt aber keinerlei Privatsphäre mehr.


Um dieser totalen Öffentlichkeit zu entfliehen, setzen die Rebellen „Proxies“ ein. Sie selbst „verschwinden“ im Untergrund und lassen diese Strohpersonen für sich in den sozialen Medien oder in digitalen Konferenzen auftreten. Für diese Gemeinschaft der „Entflohenen“ etabliert sich ein „sicheres“ soziales Netzwerk namens „Mondrian“, das die Privatsphäre angeblich schützt.


Die Technologie hinter „Own your Unconcious“ wird auch zu Spionagezwecken genutzt, wie in dem Kapitel „Lulu the Spy“ - das an Egans Novelle „Black Box“ erinnert - ausführlich geschildert.


Eine Anthropologin verschwindet in die Welt der Entflohenen. Sie hatte mit ihrem Algorithmus menschlicher Interaktion einem Tech-Unternehmer erst zu der Erfindung „Own your Unconcious“ ungewollt verholfen.


Der Tech-Unternehmer versöhnt sich kurz vor seinem Tod mit den Betreibern des Entflohenen-Netzwerkes „Mondrian“. Er vererbt diesen einen großen Teil seines Vermögens; womöglich das Eingeständnis einer negativen Bilanz seines Lebenswerkes?


So klingt der Roman:
Einen einzigen Protagonisten gibt es in diesem Collagenroman, wie sie ihn selbst nennt, ebenso wie in dem Vorgängerroman „Der größere Teil der Welt“, nicht.


Jennifer Egan sagt über „Candy House“, es gebe nur drei Regeln:

Jedes Kapitel müsse
  1. aus einer anderen Perspektive geschrieben sein.
  2. in sich abgeschlossen und völlig eigenständig sein.
  3. sich lesen wie aus völlig unterschiedlichen Romanen.

Bewertung:
Unsere durchschnittliche Bewertung von 3,7 Punkten spiegelt eine Unzufriedenheit mit dem fehlenden „roten Faden“ wider. Eine stringente Handlung sucht man in „Candy House“ vergebens.


Viele bedauerten die verpassten Gelegenheiten zur Auserzählung der eher impressionistisch anmutenden Einzelplots. Die komplexe Konstruktion der vielen Verbindungen zwischen Figuren und Handlungselementen - zudem mit nicht-chronologischen Zeitsprüngen durchsetzt - war einigen „zu wirr“.


Ein wahrer Lesegenuss ohne Frustration und besseres Einordnen der Figuren stellt sich eher mit Kenntnis des Vorgängerromans „Der größere Teil der Welt“ ein. Dafür hatten es uns die virtuose Figurenzeichnung, die Ambivalenzen, der sprachliche Stil, die teils experimentelle Erzählform und der fehlende moralische Zeigefinger angetan.


Das Thema des Widerstreits von Freiheit und Sicherheit in Zeiten künstlicher Intelligenz scheint am Puls der Zeit und sprach uns sehr an.
(AK)

 

Weitere Kritiken:

Juli Zeh Simon Urban: Zwischen Welten
Johan Theorin: Nebelsturm
Milena Michiko Flasar: Herr Kato spielt Familie
András Forgách: Akte geschlossen
Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Jens Steiner: Carambole
Lily Brett: Lola Bensky
Ned Beauman: Der gemeine Lumpfisch
Jakob Guanzon: Überfluss
Fatman Aydemir: Dschinns
Claudia Schumacher: Liebe ist gewaltig
Isabel Allende: Violeta
Hernan Diaz: Treue
Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden
Eckhard Nickel: Spitzweg
Daniel Schreiber: Allein
Marie NDiaye: Die Rache ist mein
Jonathan Franzen: Crossroads
Stephan Thome: Pflaumenregen
Alex Schulman: Die Überlebenden
Mithu Sanyal: Identitti
Christian Kracht: Eurotrash
Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne
Ayad Akhtar: Homeland Elegien
Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück
Deniz Ohde: Streulicht
Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort
Mario Vargas Llosa: Harte Jahre
Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben
Ulrich Tukur: Ursprung der Welt
Dror Mishani: Drei
Eugen Ruge: Metropol
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios
John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt
Annette Hess: Deutsches Haus
Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Monica Sabolo: Summer
Nell Zink: Virginia
Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Stephan Thome: Gott der Barbaren
Fernando Aramburu: Patria
João Tordo: Die zufällige Biographie einer Liebe
Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Yaa Gyasi: Heimkehren
Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle
Lauren Groff: Licht und Zorn
Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken