Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Ludwig Winder: "Der Thronfolger“

Altertümliches, interessantes Psychogramm eines Unsympathen
Zsolnay Verlag, Wien 2014, 576 Seiten


Ludwig Winder beschreibt die letzten Jahre der k.u.k. Monarchie. Im Zentrum der Erzählung steht das Leben des letzten Thronfolgers Franz Ferdinand. Menschenscheu und -verachtend und mit grimmiger Willensstärke drängt es Franz Ferdinand zur Macht. Er wälzt Staatspläne, sucht seltsame Koalitionen, wird von Ehrgeiz gequält und wird doch vom Kaiser Franz Joseph in keine wichtigen Staatsangelegenheiten einbezogen.


Ruhe findet Franz Ferdinand nur neben seiner vom Hofe als nicht standesgemäß angesehenen Gattin und bei dem manischen Ausleben seiner Schießwut. Als der Thronfolger in Sarajevo ermordet wird, ist er von seinen lang gehegten Staatspläne schon wieder abgerückt und von seiner Mission selbst nicht mehr überzeugt.


Der Roman von Ludwig Winder erschien bereits 1937 in der Schweiz. Der jüdische Autor durfte in Deutschland nicht publizieren; in Österreich wurde der Roman ob des Gesetzes „Zum Schutz des Österreichischen Ansehens“ verboten. 2014 wurde das Buch wieder neu aufgelegt und von den Feuilletons als literarische Kunstwerk gefeiert, in dem ein zugleich abstoßender und doch bemitleidenswerter Tyrann historisch exakt, psychologisch differenziert und menschlich gerecht dargestellt wird.


In unserem Lesekreis wurde die Meinung der Feuilletons bedingt geteilt. Insgesamt lasen wir das Buch mit Interesse und fanden, trotz bekanntem Ende, das Buch doch spannend und überraschend aktuell. Letztendlich störten wir uns etwas an dem eher altertümlichen und schlichten Sprachstil. Der Perspektivwechsel im letzten Teil des Buches hin zu den Innenansichten der Attentäter wurde von einigen Lesern als störend empfunden, und den meisten von uns wurden die 576 Seiten über die letzten Jahre der k.u.k Monarchie etwas arg lang.


In Summe wurde das Buch bei uns mit einer 3,3 bewertet. Und wie so häufig ist dieses eher indifferente Ergebnis nur der mittige Durchschnitt vieler Meinungen. Der Großteil von uns war jedenfalls angetan von dem Psychogramm des Unsympathen. (aw)

 

Weitere Kritiken:

Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken