Literatur am Abend: Montag, 4. November, 19.30 Uhr
András Forgách - Akte geschlossen

Abb. © Verlag
Buchkritik

Stephan Thome: "Gott der Barbaren“

historisch, schwergewichtig, komplex
Suhrkamp, 2018, 719 Seiten


Die Geschichte:

Im China der 1860er Jahre trifft der britische Sonderbotschafter Lord Elgin auf eine fremde Welt, die er im Namen der britischen Krone für den Opiumhandel öffnen soll – ob der Kaiser von China nun will oder nicht. Die chinesische Regierung leistet passiven Widerstand, und so bereitet er den Militärschlag vor.


Zerrissen zwischen politischer Pflicht und ethischen Fragen verliert er sich in gedanklichen Nebenschauplätzen. Warum ist sein Attaché Maddox so ein furchtbarer Streber, und was geschah wirklich mit den gebundenen Füßen der Chinesinnen?


Auch der chinesische General Zeng Guofan tut, was er tun muss, um die parallel stattfindende, parachristliche Taiping-Revolution in China aufzuhalten, träumt aber indes vom ruhigen Gelehrtenleben. Seine konfuzianischen Tugenden gegenüber seiner Familie hat er schlecht erfüllt, und auch sein Protegé Li Hongzhang tanzt ihm auf der Nase herum, statt demütig Aufsätze über seine eigenen Schwächen zu verfassen.


Die Taiping-Revolutionäre wollen ganz Schluss machen mit Konfuzianismus, mit Ahnenverehrung, mit der Korruption im alten Beamtenstaat China. Sie wollen eine Bodenreform zugunsten der in Armut lebenden Massen durchsetzen. Ihre Ideen haben sich von denen der pietistischen Missionare, die sie mit dem Christentum bekannt gemacht haben, schon weit entfernt.


Inmitten des Bürgerkriegs zwischen kaiserlichen Truppen und Taiping-Revolutionären sucht Philipp Johann Neukamp, Missionar, Zweifler und Abenteurer, sein Glück.


Stil & Sprache:

In unkomplizierter Sprache lädt Thome den Leser ein, dem umso komplexeren Plot zu folgen. Er spart dabei nicht an inneren Monologen, Dialogen und Originaldokumenten wie etwa historischen Zeitungsartikeln und Parlamentsreden.


Plot & Dramaturgie:

Nicht chronologisch und in den oben genannten vier Plots entfaltet Thome seinen Roman. Berührungspunkte gibt es zwischen den Plots nur, was die Historie betrifft. Bis auf eine Ausnahme führt der Autor aber die handelnden Personen nicht zusammen. Missionar Philipp ist die einzige Figur, die kein echtes historisches Vorbild hat.


Bewertung:

Die durchschnittliche Bewertung von 3,8 repräsentiert nicht unser Qualitätsurteil: Nur wenige von uns lasen den ambitionierten Roman überhaupt zu Ende.


Schuld trugen Längen im Mittelteil, Zerfaserung des Plots in rein episodische Fäden und Handelnde, die uns nicht recht ans Herz wachsen wollten. So störten dann die brutalen Kriegsszenen nur diejenigen, die überhaupt bis zu ihnen vorzudringen vermochten. Die fühlten sich dafür aber mit enormem Wissen nicht nur über eine fremde Kultur, sondern auch über eine hierzulande kaum bekannte humanitäre Katastrophe bereichert.


Thome bedient sich am Fundus seines Stammberufs als Sinologe. Dem schwergewichtigen Sujet hätte es gut getan - gegen den literarischen Trend - keinen fiktionalen Helden hinzuzufügen. (ak)

 

Weitere Kritiken:

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Fernando Aramburu: Patria
João Tordo: Die zufällige Biographie einer Liebe
Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Yaa Gyasi: Heimkehren
Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle
Lauren Groff: Licht und Zorn
Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken