Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Richard Ford: "Kanada“

Langweilig, uninteressant, unglaubwürdig.
Carl Hanser Verlag, 2012, 464 Seiten


Wir wissen nicht, was die Kritiker bewogen hat, dieses Buch in den höchsten Tönen zu loben. Warum sie gebannt der Handlung folgen, einen Spannungsbogen sehen, plastische Figurenbeschreibungen erkannt haben und schöne Sätze mit ausdrucksstarken Bildern.


Die Meinung unseres Literaturkreises weicht hiervon grundlegend ab und zwar nicht nur vereinzelt, sondern unisono bei praktisch allen Gruppenmitgliedern: Kanada erhält mit 1,5 Punkten von 5 möglichen eine der schlechtesten Bewertungen, die wir in dieser Gruppe seit 3 Jahren und 36 Buchkritiken vergeben haben.


Der Inhalt:
Glaubt man dem Klappentext, dann hat man es hier mit einer dramatischen Entwicklungsgeschichte eines Jugendlichen zu tun, der sich inmitten von Kriminalität und Brutalität behaupten muss. Illegaler Handel, ein Banküberfall, drei Morde. Dells Eltern, so erfährt man, sind nach einem gescheiterten Banküberfall festgenommen worden. Bei Arthur Remlinger kann Dell unterschlüpfen - doch der Besitzer eines heruntergekommenen Jagdhotels erweist sich als ein Mann mit dunkler Vergangenheit.


Liest man das Buch, das aus der Sicht des 60jährigen Ich-Erzählers geschrieben ist, findet sich weder Dramatik noch Katastrophe. Stattdessen serviert der Autor lediglich über und über Details, die weder zur Handlung noch zum Verständnis der Personen beitragen, und wird im zweiten Teil zudem völlig unglaubwürdig, wenn er das Personal des Jagdhotels samt seiner Vergangenheit vorstellt.


Sprache:
Die Sprache ist schlicht. Einfache Satzkonstruktionen, einfache Wörter, und zwischendrin banale Lebensweisheiten des Vaters. “Manchmal können einem schlimme Dinge passieren. Aber man lebt weiter, man steht sie durch.“


Die Erzählkonstruktion ist ermüdend und ärgerlich.


150 Seiten lang warnt der Autor immer wieder, dass und was die Eltern Unvorstellbares tun werden. Um dann im zweiten Teil 150 Seiten lang zu warnen, dass es in Kanada ein ganz schlimmes Ende nehmen wird. In beiden Fällen wird das tatsächliche Ereignis der künstlich aufgebauschten Spannung nicht im Ansatz gerecht.


Novelle hätte genügt
Eine einzige halbwegs kritische Stimme gab es im Reigen der Kritiker. "Die Zeit" fragt, ob die kleinere Prosaform nicht auch für die Geschichte von Dell Parson ausgereicht hätte. In jedem Fall. (ut)

 

Weitere Kritiken:

Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken