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Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin“

Neapel-Epos über eine Kindheit in den 50er Jahren
Suhrkamp Verlag, 2016, 422 Seiten


In vier Büchern beschreibt die Autorin, die unter dem Pseudonym Elene Ferrante publiziert, die Freundschaft zwischen zwei Frauen, die aus einem armen und von Gewalt regierten Viertel Neapels stammen. Elena Greco, die Lenu genannte Tochter des Pförtners, und Lila, die Tochter des Schusters, verbindet von ihrer Kindheit an eine Haßliebe, die das Leben der beiden prägt.

Die Tetralogie löste insbesondere in den USA ein Ferrante-Fieber aus, dem Kritiker und Schriftsteller in Reihen verfielen. Danach begann man sich auch in Deutschland für die Neapel-Saga zu interessieren. Im August erschien der erste Band mit seinen 422 Seiten, und nun fiebern auch einige aus unserer Gruppe den Fortsetzungen entgegen.


Inhalt:
Der Roman setzt mit einer Mutprobe ein, dem Besuch des als böse und gefährlich geltenden Don Achille, als die beiden Mädchen sechs Jahre alt sind, und begleitet sie bis zum Alter von 16 Jahren. Erzählt wird diese Geschichte des Erwachsenwerdens im Neapel der 50er Jahre aus der Perspektive von Lenu, dem artigen, angepassten Mädchen, das in seinem Gedanken und Handeln stets auf die unberechenbare, mutige und sehr intelligente Lila fixiert ist.


Im Buch heißt es: „Ich widmete mich dem Lernen und vielen anderen schwierigen Dingen, die mir fernlagen, nur um mit diesem schrecklichen, strahlenden MädchenSchritt halten zu können. „ Dabei wandelt sich das Kräfteverhältnis der beiden und die Abhängigkeiten voneinander im Lauf der Zeit. Denn Lenu schafft es nach langen Jahren der Paukerei auf die Mittelschule und schließlich aufs Gymnasium. Lila dagegen muss die Schule verlassen, um zu Hause in der Schusterei zu helfen. Dennoch triumphiert Lila am Ende des Romans wieder, denn aus dem mageren Kind ist eine schöne junge Frau geworden, die sich mit 16 Jahren den für dortige Verhältnisse reichen Lebensmittelhändler Stefano angelt und ihn heiratet.


Stefano ist nicht der einzige, der sich für Lila interessiert. Auch Marcello, selbstherrlicher Sohn des örtlichen Mafiabosses, wirbt lange und vergeblich um Lila. Lenu wiederum träumt von Nino, dem intellektuellen Sohn des Zugschaffners und Dichters Donato Sarratore. Auf der Hochzeit kommt sie aber mit dem Automechaniker Antonio Cappucio, dem Sohn der verrückten Melina… Die Autorin hat dem Buch eine Übersicht der wichtigsten Charaktere vorangestellt – einprägsame Figuren sind das, Männer und Frauen, alte und junge, alle gefangen in ihrem Viertel und der Tradition und geprägt von der bitteren Armut, der alle entkommen wollen.


Gemeinsam ist allen Figuren auch ein extremes Maß an Gewaltbereitschaft. Streitigkeiten werden nicht mit Worten, sondern mit Fäusten, Steinen, Gewehren ausgetragen. Schon Kinder hauen sich gegenseitig Steine an den Kopf, Männer schlagen regelmäßig ihre Frauen und Kinder. „Ich sehne mich nicht nach meiner Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Die Frauen bekämpften sich untereinander noch heftiger als die Männer“ schreibt so auch Lenu an einer Stelle.


Sprache und Stil:
Die Autorin beschreibt das Leben der Mädchen in ihrem Viertel sehr bildhaft und atmosphärisch. Dabei steht weniger der Ort – ein beliebiges Viertel in Neapel - selbst als vielmehr die Personen im Vordergrund, die das Rione prägen. Immer wieder gibt es auch Einblicke in den politischen und sozialen Hintergrund der Figuren, die sich mit den Nachwirkungen des Faschismus, den archaischen Strukturen und der in der Gesellschaft immer stärker werdenden Camorra arrangieren.


Bewertung:
„Sprachlich elegant, bildstark und dramaturgisch gekonnt“, schreibt die FAZ. Andere Rezensenten sehen das kritischer und sprechen von anekdotenhaften Schilderungen, die sich eine an die andere reihen. Auch in unserer Gruppe waren die Meinungen nicht nur durchweg positiv. Es gab völlige Begeisterung für einen „ wunderbar erzählten Entwicklungsroman“ mit „gekonnt und geschickt geschilderten und verknüpften Charakteren“. Es gab aber auch kritische Stimmen zu einem „netten Buch mit deutlichen Längen, das man nicht gelesen haben muss“ – und das auch nicht von allen fertig gelesen wurde.


In Summe ergab das eine 3,4 von 5 möglichen Punkten. Möglicherweise ist es aber auch zu früh, ein 1700-Seiten-Epos nach 422 Seiten abschließend zu bewerten. Das jedenfalls erklärte uns eine Ferrante-Verehrerin aus unserer Gruppe, die bereits 3 Bände auf Englisch gelesen hat und dem Ende des 4. Bandes entgegenfiebert.


Wer „Die geniale Freundin“ auf Deutsch weiter lesen will, muss sich jedenfalls noch gedulden. Möglicherweise wird in dieser Zeit auch die Identität der Autorin ganz geklärt. Aktuell wird die Tetralogie einer Übersetzerin mit deutschen Wurzeln zugeschrieben – Anita Raja - die in Neapel aufgewachsen ist und lebt. ()

 

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