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Buchkritik

Stephan Thome: "Pflaumenregen“

Identitätssuche auf Taiwan
Suhrkamp, 2021, 529 Seiten


Handlung:
Erzählt wird die Geschichte von Umeko, die uns zunächst als ebenso kluges wie lebensfrohes Mädchen in einem kleinen Dorf im Norden Taiwans begegnet. Es sind die 40er-Jahre, Taiwan ist zu dieser Zeit seit Jahrzehnten japanisch besetzt und kolonialisiert.


Als der pazifische Krieg schließlich auch die Küsten Taiwans erreicht, bricht die vertraute Welt um Umeko herum zusammen. Die bisherigen Herren der Insel ziehen schmählich ab, und es beginnt eine neue Zeit: Was eben noch opportun war, wird jetzt gründlich auf den Kopf gestellt. Denn mit der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg wird Taiwan zur Zuflucht für zahlreiche Festland-Chinesen.


Chiang Kai-Shek und seine Kuomintang errichten ihre Diktatur. Umeko verliert in dieser Zeit ihre Heimat, ihren geliebten Bruder und sogar ihren Namen. Als Lee Ching-mei treffen wir Umeko, inzwischen eine alte Frau, schließlich im Taipeh der 2010er-Jahre wieder.


Zu ihrem Geburtstag trifft sich die Familie in der Stadt, sogar der Sohn aus den USA ist angereist. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit will er Ching-mei/Umeko wieder in das Dorf ihrer Kindheit bringen. Denn dort hat sich Unaussprechliches zugetragen, und der Sohn will das Schweigen der Familie darüber endlich brechen.


So klingt der Roman:
Erzählt wird „Pflaumenregen“ auf zwei zeitlichen Ebenen, die kapitelweise ineinander verschränkt sind. Auch wenn es manchmal ein paar Zeilen braucht sich zurechtzufinden – ein echtes Hemmnis für den Lesefluss ist diese Technik nicht. In der Geschichte von Umeko und den Lebenswegen ihrer Familie spiegelt sich die Geschichte eines Landes, das seit Langem zwischen den Mächten steht und mit seiner eigenen Identität ringt.


Bewertung:
„Pflaumenregen“ haben die meisten in unserer Runde als bereichernde literarische Geschichtsstunde erlebt. Die verpackt Stephan Thome – studierter Sinologe und seit Jahren (auch) in Taiwan beheimatet – in eine elegant konstruierte Handlung mit vielen interessanten Charakteren. Da und dort reißt der Spannungsbogen jedoch, und manche Schilderung versteht man ohne Vorkenntnisse der ostasiatischen Geschichte nur mit Mühe.


Mit 3,4 von 5 Punkten hat „Pflaumenregen“ in unserer Abstimmung vergleichsweise gut abgeschnitten. Auch die professionelle Kritik hatte den Roman überwiegend positiv bewertet. Nicht ausgeschlossen, dass Stephan Thome wieder einmal auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis landet. Allerdings sah sich der Autor auch dem Vorwurf nicht statthafter kultureller Aneignung ausgesetzt. Der Roman, so wurde berichtet, würde deshalb von internationalen Verlagen nicht übersetzt.

(AT)

 

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