Literatur am Abend: Montag, 20. Februar, 20 Uhr
Edmund des Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen   
Buchkritik Javier Cercas: "Anatomie eines Augenblicks“

Historisch interessant, langatmig, spannungslos
S.Fischer, 2011, 541 Seiten


Die Geschichte:

Am 23.Februar 1981 beginnt eine Gruppe rechtsgerichteter spanischer Militärs einen Putsch, indem sie die Mitglieder des Parlaments in Beugehaft nimmt. Während die Mehrheit der Abgeordneten unter ihren Bänken Schutz sucht, bleibt der scheidende Präsident Adolfo Suarez ruhig sitzen. Der Autor beschreibt die Rolle des Königs, des Militärs und des charismatischen Präsidenten Adolfo Suarez. Jedes seiner Buchteile beginnt mit einer Kameraeinstellung, wie bei einem Drehbuch und filmt die Entwicklung des Putsches bis zum Scheitern des Obersten Tejero.


Stil & Sprache:

Der Autor versucht ,wie ein Arzt, akribisch die Beweggründe jeder einzelnen Figur zu sezieren. Er schreibt ruhig und flüssig und beleuchtet die Figuren und Beweggründe, wie eine Kamera von außen,aus den verschiedensten Blickwinkeln. Spannung entsteht nur bei der Beschreibung der Schlüsselfigur, des Obersten Tejero, der nicht aufgeben will.


Einige vom Author gewählte Metaphern („die Plazenta des Putsches“) wirken insbesondere durch unzählige Wiederholungen aufgesetzt und affektiert. Auch das dem Roman vorangestellte Nachwort wirkt durch seine Rechtfertigung und Nabelschau eher ermüdend.


Plot & Dramaturgie:

Die zugrunde liegenden Ereignisse sind gut recherchiert und lassen den Leser an einem historischen Moment der jüngeren Geschichte Spaniens teilhaben. Gut gewählt erschien uns auch die Idee, sich den Geschehnissen jeweils von den unterschiedlichen Protagonisten des Putsches zu nähern, wobei von uns allen die Sicht des Spanischen Königs vermisst wurde.


Gesamtbewertung:

Wir haben uns mehrheitlich schwer getan. Das Buch ist zu langatmig und der Autor verliert sich in vielfältigen Wiederholungen. Unserer Ansicht nach hat der Autor eine Chance vertan, indem er einen wichtigen Moment der europäischen Geschichte, dessen Verlauf in Deutschland größtenteils nur oberflächlich bekannt sein dürfte, durch ausufernde und teilweise gekünstelte Darstellung auf über 560 Seiten aufbläst.

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Buchkritik Thomas Wolfe: "Die Party bei den Jacks“

Manesse Verlag 2011, 352 Seiten.


Die Handlung des Buches ist überschaubar: Der Autor erzählt von einer Party der New Yorker Upperclass Ende der  20er Jahre. Die Vorbereitungen und das Event selbst werden aus den Perspektiven der Beteiligten geschildert – vom Dienstmädchen über den aus Deutschland stammenden Mr. Jack bis hin zur Gastgeberin, der amerikanischen Bühnenbildnerin Esther Jack.


Mit den Augen eines Kindes


Thomas Wolfe versucht in seinem Buch, die Eigenschaften und Eigenarten der „vortrefflichen Gesellschaft“ New Yorks und der sie umgebenden Menschen darzustellen. Wolfe geht dabei allerdings in großen Teilen völlig kritiklos zu Werke, insbesondere in Hinblick auf seine Hauptfigur Esther Jack. Wie ein Kind schaut dieser Autor mit großen Augen staunend und voller Bewunderung dem ganzen Treiben zu. Lediglich in den Passagen, die sich mit den Dienstboten beschäftigen, zeigt er nachvollziehbar Konflikte auf.


Unklar bleibt auch, warum der eigentlichen Handlung des Romans eine traumartige Beschreibung der Kindheit des im späteren Verlauf eher wenig präsenten Mr. Jack vorangestellt wurde.  


Schwülstige Sprache


In übertriebener, schwülstiger und altmodischer Sprache zieht sich der handlungsarme Text dahin. „Keim des Lebens, Zauber der Mutter Erde, tiefer Frieden in seiner Seele“ – jeder Satz wird durch schlichte, trivale und abgegriffene Adjektive und Bilder banalisiert.


Einfaches Mahl, kluger Architekt, die starken mächtigen Nasenflügel leicht bebend, fühlte sich wie ein junger Hengst – um hier nur Beispiele einer einzigen von insgesamt 352 Seiten aufzuführen, in denen es zudem von Wiederholungen wimmelt.


Über die Frage, ob dies der fehlenden Überarbeitung durch den Autor – oder seinem fehlenden Talent? - geschuldet ist oder vom ihm bewusst zur Verdeutlichung der Oberflächlichkeit der dargestellten Personen eingesetzt wurde, konnten wir uns nicht einigen.


Unvollendet oder unfähig?


Insgesamt hat man den Eindruck, der Roman sei noch nicht fertig. Tatsächlich stammt das Werk aus dem Nachlass von Thomas Wolfe, wurde dort von Literaturagenten "entdeckt" und als Buch über den Vorabend der Weltwirtschaftskrise, die hier als ungeklärter Zusammenbruch im New Yorker Untergrund dargestellt wird, vermarktet.
Das Nachwort geht auch darauf ein, dass Thomas Wolfe durchaus mit Tom Wolfe verwechselt werden kann.


Die Kritik ist jedenfalls mit diesem Buch sehr wohlwollend umgegangen, hält es zwar für überbordend, aber auch aufschlussreich und literarisch interessant. Die Meinung teilen wir nicht: Wir geben 2,3 von 5 möglichen Punkten (sehr gut) und raten von der Lektüre ab.

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Buchkritik Zsuzsa Bánk: "Die hellen Tage“

S. Fischer, 541 Seiten, 2011

Über „Die hellen Tage“ der Kindheit und die dahinter liegenden dunklen Geheimnisse von Aja, Seri und Karl erzählt Zsuzsa Bánk in ihrem zweiten Roman, der sich auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises findet.


Die Geschichte des Romans
Die Ich-Erzählerin Seri lernt als Kind Aja kennen, die in einer Baracke lebt und deren Vater, der Artist Zigi, sie und seine Frau Évi nur wenige Monate im Jahr besucht und die restliche Zeit mit dem Zirkus unterwegs ist. Seri und Aja werden beste Freundinnen, wenig später stößt noch Karl dazu und sie verleben gemeinsam diese hellen Tage ihrer Kindheit, obwohl auch Karl und Seri nicht in einer heilen Familienwelt leben: Karls Bruder ist verschwunden und niemand weiß genau, was ihm passiert ist; Seris Vater ist bei einem Unfall ums Leben gekommen.


Die erste Hälfte des Buches kreist um Ajas Mutter Évi, die den drei Kindern viele unbeschwerte Erlebnisse ermöglicht und sie mitsamt ihren Eltern quasi miterzieht. Evi ist das Umherreisen der Roma leid und erarbeitet sich ein sesshaftes Leben in der süddeutschen Provinz. Mit ihrem großen Herz holt sie Karls Eltern ins Leben zurück und bittet auch selbst um Hilfe, wenn sie diese braucht.


Bei ihrem Studium in Heidelberg und Rom erfahren die drei die Grenzen ihrer Freundschaft und werden mit den bislang verdrängten dunklen Tagen ihrer Familien konfrontiert.


Themen des Buches
*Was macht das Glück der Kindheit aus?
*Wie kann eine Freundschaft Kindheit und Jugend überdauern?
*Kann eine Freundschaft zu dritt gutgehen?
*Wie geht man Geheimnissen und dunklen Punkten in der eigenen Vergangenheit oder der Familie um?


Bewertung des Buches
Wir haben uns mit diesem Buch mehrheitlich schwer getan. Die Schilderung der Kindheit der Protagonisten wurde von vielen als Kitsch betrachtet. Zudem fehlte über weite Strecken jede Handlung.


Der Stil des Buches wurde sehr unterschiedlich beurteilt. Während einige die langen Sätze und die bildreiche Sprache als gelungen lobten, haben andere dies und die ständigen Wiederholungen der gleichen Bilder als anstrengend und ermüdend empfunden.

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Buchkritik Michel Houellebecq: "Karte und Gebiet“

DuMont Verlag 2011, 416 Seiten


Wer ein neues Gebiet erkundet, ist gut beraten, sich vorher eine Karte zu besorgen. In seinem jüngsten Roman zeichnet Michel Houellebecq die persönlichen und ökonomischen Beziehungen seiner Figuren wie ein Kartograf nach, markiert Personen, Orte und Marken wie Sehenswürdigkeiten und macht sich Gedanken über Schicksal und Wille. Ist das Leben eine Straßenkarte?


Die Geschichte des Romans
Jed Martin macht Kunst mit Michelin-Straßenkarten, wird auf dem Markt platziert, hat Erfolg und gibt alles auf, um sich einem neuen Kunstprojekt zuzuwenden. Dieses Spiel wiederholt sich noch zweimal. Er verliebt sich, steht aber nicht dazu. Er verehrt und besucht den Schriftsteller Michel Houellebecq, der als menschenfeindlicher Eremit mit einer guten Portion Selbstmitleid auftritt. Jed dagegen ist selbstgenügsam, vertieft sich über Jahre in seine Projekte, und arbeitet an seinem Verhältnis zu seinem Vater.
Im zweiten Teil des Romans steht ein Verbrechen im Vordergrund. Es treten auf: ein Hauptkommissar mit Frau und passendem Kleinhund sowie sein fähiger Assistent und designierter Nachfolger. Die Polizisten müssen den Tatort, der nicht von ungefähr das Aussehen einer Satellitenbild-Aufnahme hat, "kartografieren", also Punkte und Verbindungen herstellen. Das gelingt ihnen lange nicht, obwohl sie sich im Gebiet des Mordens und der möglichen Motive gut auskennen. Der Künstler Jed Martin ist der letzte, der das Opfer besucht hat ...


Themen des Romans sind
Houellebecq skizziert mehrere bürgerliche Milieus des heutigen Frankreichs nebst allen Attributen, die dazu gehören - Marken, Verhaltensregeln, Personen, die man benutzen, einhalten und kennen muss, um dazu zu gehören. Das Leben, die Menschen und ihre Beziehungen als Straßenkarte:
- wie wird aus dem Gesprenkel einer Google-Earth-Satellitenaufnahme ein geordnetes Kartenbild?
- was definiert einen als Eintrag auf der Karte?
- wie verlaufen soziale und ökonomische Beziehungen?
- kann man seine Position auf der Karte verändern (was ist Schicksal, was bewegt Wille)?
- und lohnt sich das?
- Schließlich: können sich Gebiete und ihre Karten insgesamt verändern?


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
Ein gut lesbarer, hochaktueller, aber auch etwas zahmer Roman, der zum Nachdenken anregt, wenn man den Titel wörtlich nimmt. 3 von 5 Punkten.

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Buchkritik Jonathan Lethem: "Chronic City“

Tropen, 491 Seiten, 2011 (Original: 2009)


Chronic City ist der neue Roman des 1964 in New York geborenen Jonathan Lethem, der bisher sieben Romane veröffentlicht hat. Jonathan Lethem hat am renommierten Pomona College als Nachfolger von David Foster Wallace die Professur für Creative Writing übernommen.


Die Geschichte des Romans
Der alternde Ex-Kinderstar Chase Insteadman lässt sich als Mitglied der New Yorker Upper Class ohne Ambitionen von einem Event zum nächsten Treiben und unterhält dort durch seine Geschichten über seine Verlobte Janice Trumbull, die als Astronautin im All verschollen ist und ihm herzzerrreißende Briefe schreibt.


Als Chase Perkus Tooth, den Sonderling und ehemaligen Journalisten des Rolling Stone kennenlernt, offenbart sich ihm eine neue Welt, in der wilde Theorien über Filme, Literatur, das Leben und alles weitere gesponnen und miteinander verwoben werden. Zusammen lassen sie sich durch ein surreales ew York treiben, dass vom grauen Nebel an der Wall Street, einem vermeintlich riesigen und zerstörerischen Tiger, dauerhaftem Schneefall und allerlei exzentrischen Figuren bevölkert wird.


Themen des Romans sind
Die große Frage nach dem „richtigen Leben im falschen“
Freundschaft
Kunst, Kino, Literatur und Musik
Die Entwicklung der Mega Cities


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
Ein polarisierender Roman: Während eine Hälfte der Teilnehmer begeistert war, hat die andere Hälfte mit dem Roman gar nichts anfangen können.

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Buchkritik Siri Hustvedt: "Der Sommer ohne Männer“

Rowohlt Verlag, 252 Seiten, 2011



Inhalt:

In „Der Sommer ohne Männer“ geht es um die New Yorker Dichterin Mia, deren Mann ihr eines Tages eröffnet, dass er eine Pause von der Ehe haben möchte. Tatsächlich hat er eine Affäre mit einer jüngeren Arbeitskollegin. Die verletzte Mia erleidet eine Psychose und wird in eine Klinik eingeliefert. Als es Mia nach einiger Zeit wieder etwas besser geht, verlässt sie die Stadt, um den Sommer in der Nähe ihrer Mutter zu verbringen.


Zusätzlich will sie in ihrem Provinzheimatort einen Poesie Workshop geben. In diesem Kurs spielen sich dann vor ihren Augen ähnliche Szenen ab, wie Mia sie vor vielen Jahren selbst erlebt hat – eines der Mädchen, das „irgendwie anders ist“ wird von den übrigen gedemütigt.


Themen des Romans:

Das, was sich in der Kurzzusammenfassung liest wie eine außerordentlich erfolgreiche Psychoanalyse, ist so dezent beschrieben, dass es an keiner Stelle aufgesetzt wirkt und man es sogar überlesen könnte. Ein großer Verdienst dieses Romans!


Umso mehr war es verwunderlich, dass Siri Hustvedt und Dennis Scheck bei der Lesung der Autorin in Hamburg gar nicht darauf eingingen, sondern sich über Neurowissenschaften, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und die Reflexionen über Zeit im Roman unterhielten.


Themen, die uns als nicht so vorrangig erschienen. Außerdem wurden bei dieser Veranstaltung fast ausschließlich die expliziten Szenen vorgelesen, in denen Mia über Sexualität nachdenkt, und die wir alle uninteressant bis befremdlich fanden. Auch die Illustrationen hätte das Buch nicht gebraucht.


Bewertung der Shortlist-Mitglieder:

Trotz der angesprochenen Schwäche: Der sehr gut lesbare Roman kam bei unserer Wertung gut weg und schaffte 3,7 Punkte - bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Punkte (das perfekte Buch).

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Buchkritik Doron Rabinovici: "Andernorts“

Suhrkamp Verlag, 286 Seiten, 2010



Mit „Andernorts“ schaffte es der 1961 in Israel geborene, in Wien lebende Autor auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010.


Inhalt
Ethan Rosen ist Kulturwissenschaftler in Wien. Als er auf den Nachruf für einen Freund, einen Überlebenden der Shoa, eine wütende Antwort veröffentlicht, wird er vom Verfasser des Nachrufs, Rudi Klausinger, mit seinen eigenen Worten geschlagen und es entspinnt sich ein „Feuilletonkrieg“ zwischen beiden. Nachdem dieser Rudi Klausinger sich auf die für Ethan geschaffene Stelle an seinem Institut bewirbt, verlässt Ethan Österreich und reist nach Israel, um seinem schwerkranken Vater beizustehen. Dort muss er feststellen, dass Klausinger ebenfalls nach Tel Aviv gekommen ist und behauptet, dass Ethans Vater Felix auch sein Vater sei.


Themen des Buches sind
  • der Wettstreit zweier Männer um eine Professur, die Deutungshoheit über die Motive eines verstorbenen Freundes, den Vater und eine Frau
  • die Idee eines ultra-orthodoxen Rabbis, den Messias mit Hilfe der Gentechnik zu „rekonstruieren“, da er mit Hilfe kabbalistischer Studien ermittelt haben will, dass der Messias noch im Mutterleib im Holocaust ermordet wurde und so nie zur Welt kam
  • die Relativität der Wahrheit, abhängig davon, wo sie ausgesprochen wird
  • Die Frage „Was bedeutet es denn, sich als Israeli zu fühlen?“

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
  • Fast alle Mitglieder waren vom Einfallsreichtum und der Geschichte begeistert und vergaben für den Plot durchschnittlich mehr als vier (von fünf möglichen) Punkten. Insbesondere die Eingangsszene im Flugzeug wurde gelobt.
  • Die Sprache des Buches konnte nicht im gleichen Maße überzeugen, teilweise wurden Holprigkeiten bemängelt: durchschnittlich knapp drei Punkte.

Insgesamt haben wir - mit einer Ausnahme - den Roman gern gelesen und vergeben durchschnittlich 3,9 Punkte.

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Buchkritik Ian McEwan: "Solar“

Diogenes, 405 Seiten, 2010

Mit „Solar“ wirbelte der britische Erfolgsautor die deutschen Feuilletons auf, wurde als „erster großer Roman, der den Klimawandel thematisiert“ angekündigt und als „Wissenschaftssatire“ mit "scharfkonturierten Plots" gepriesen, in dem es jedoch nur am Rande um Solarenergie geht.


Inhalt


Michael Beard ist Physiker und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch das ist lange her und seine Prioritäten im Leben haben sich längst verändert: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat ist er stets auf der Jagd nach Annerkennung in der Frauenwelt. Bis die geniale Idee eines jungen Wissenschaftlers sowie dessen Tod für Wirbel in seinem Leben sorgt. In Solar geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie und menschliche Schwächen.


Themen des Buches sind


  • der Blick auf einen Wisschenschaftsbetrieb, der sich offiziell dazu verschrieben hat, dem Klimawandel entgegenzutreten, sich anstatt dessen jedoch in bestehenden Projekten verfängt
  • vor allem aber um einen genusssüchtigen, nobelpreisgekrönten Physiker, dessen Ruhm in der Wisschenschafts- wie in der Frauenwelt zunehmend verblasst, und der sich skrupellos der Forschungsergebnisse eines Assistenten bemächtigt, von denen er sich neue Anerkennung erhofft
  • die Doppelmoral eines Mannes, der sich mehr um sein eigens Wohl als um das seiner direkten Mitmenschen oder gar der Menschheit kümmert und sich in schöner Parallele zum Weltklima auf die Katastrophe zu bewegt

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder


  • Fast alle Mitglieder waren von der Satire begeistert und vergaben für den Plot durchschnittlich zwischen drei und 3,5 (von fünf möglichen) Punkten. Insbesondere die flotte Erzählweise und komischen, durch menschliche Schwächen geprägten Episoden im Leben des Protagonisten wurde gelobt.
  • Dennoch konnte das Buch nicht im gleichen Maße überzeugen, wie frühere Werke des Autors mit komplexeren Plots und vielschichtigeren Charakteren– z.B. „Abbitte“ oder „Saturday“.

Insgesamt haben wir - mit einer Ausnahme - den Roman gern gelesen und vergeben durchschnittlich 3,4 Punkte – bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Punkte (das perfekte Buch).

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Buchkritik Marie N´Diaye: "Drei starke Frauen“

Politisch, erschreckend, betrüblich
Suhrkamp, 2010, 300 Seiten


Die Autorin


Für „Drei starke Frauen“ wurde die aus dem Senegal stammende Französin Marie N´Diaye mit dem französischen Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Marie N´Diaye, 43, verließ Frankreich aus Protest gegen die Einwanderungspolitik von Sarkozy und lebt heute mit Mann und Kindern in Berlin.


Der Inhalt des Buches


In drei lose miteinander verwobenen Geschichten erzählt Marie N´Diaye die Lebensgeschichte von 3 afrikanischen Frauen.
- Norah, die sich erfolgreich als Juristin in Paris etabliert hat, besucht den gehassten Vater in Dakar, Senegal. Er hat sie gerufen, um den Bruder aus dem Gefängnis zu holen.
- Fanta, die Lehrerin, hat Dar es Salam verlassen, um ihrem Mann nach Frankreich zu folgen. Dessen Träume vom beruflichen Erfolg zerplatzen in der Provinz – und mit ihm der Lebenstraum von Fanta.
- Khady wird von den Eltern ihres verstorbenen Ehemanns verstoßen und soll illegal nach Frankreich einwandern. Diese Flucht überlebt Khady nicht.


Exil, Verrat und Gewalt in der Familie


Um diese drei Themen kreisen die Geschichten des Buches. Frankreich, die frühere Kolonialmacht – sie ist für Khady das unerreichbare Ziel, für Fanta und ihren Mann der Ort ihres Scheiterns und für Juristin Norah ein Ort, an dem sie sich nur mit äußerster Disziplin durchsetzen kann. Und alle drei werden von Männern aus Schwäche und Feigheit verraten. Da gibt es den Vater, der Frau und Töchter im Stich lässt. Den Mann, der seine Frau belügt, um sie nach Frankreich zu locken. Und den Begleiter der Flüchtigen, der sie opfert, um selbst zu entkommen. In jeder der Geschichten ist der Leser zudem mit Gewalt bis hin zum sinnlosen Mord konfrontiert.


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder:
  • Die reportageartig erzählte Fluchtgeschichte von Khady ist sicher die der drei Geschichten, die am meisten unter die Haut geht, die berührt und in ihrer Direktheit erschreckt.
  • Sprachlich gefiel uns dagegen die zweite Geschichte besonders gut. Über die Afrikanerin Fanta erfahren wir hier nur über ihren Mann, die Hauptfigur der Geschichte, der als Küchenverkäufer sein Leben in der Provinz fristet und von der Liebe zu Fanta zehrt.
  • Ermüdend und zu dick aufgetragen waren mitunter die magischen Motive, die zum Verständnis der Geschichte und der Situation wenig beitragen.
  • Und: Stark ist keine der drei Frauen. Duldsam, leidensfähig sicherlich. Aber nicht stark. Insofern passt eigentlich weder der Deutsche noch der Französische Titel zu den drei Geschichten (Trois femmes puissantes).

Gesamteindruck


Gut. Drei starke Frauen ist vor allem auch ein politisch interessantes Buch, dessen drei sprachlich ganz eigenständige Geschichten drei ganz unterschiedliche, aktuelle Schlaglichter auf das Leben afrikanischer Frauen im 21. Jahrhundert werfen. Wir geben deshalb 3,4 Punkte – bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Sterne (das perfekte Buch).

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Buchkritik Hans-Ulrich Treichel: "Grunewaldsee“

Suhrkamp Verlag, 237 Seiten, 2010


Grunewaldsee ist der neue Roman des 1952 in Versmold/Westfalen geborenen und in Berlin und Leipzig lebenden Germanistik-Professors Hans-Ulrich Treichel.


Die Geschichte des Romans:


Der aus der niedersächsischen Provinz stammende Paul wartet in West-Berlin nach Abschluss des Studiums auf einen Referendariatsplatz. Um die lange, mehrjährige Wartezeit zu überbrücken, nimmt er einen Job als Sprachlehrer in Spanien an, verliebt sich dort in die unglücklich verheiratete, schwangere Maria und verliebt mit ihr einen idyllischen Sommer, der all seine bisherigen Erlebnisse mit Frauen in den Schatten stellt, so dass er nach seiner Rückkehr nach Berlin nicht nur auf den Referendariatsplatz wartet, sondern auch auf das Wiedersehen mit seiner spanischen Geliebten.


Themen des Romans sind


  • die Suche des Helden nach einem Paradies, das er inmitten der Großstadt am titelgebenden Grunewaldsee zu finden hofft, das er im spanischen Sommer mit seiner Geliebten erlebt, aber aus dem er auch immer wieder vertrieben wird.
  • seine Eltern, insbesondere seine unter „Idyllenkrankheit“ leidende Mutter, sind Thema und bilden zusammen mit vielen anderen Familien einen großen Themenkomplex des Romans.
  • Die Passivität des dauerhaft wartenden Protagonisten, der nur für Handlungsverweigerungen belohnt wird, während ihn nach jeder Initiative und Handlung negative Konsequenzen erwarten.

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder:


  • Auf der Inhaltsebene gelesen fiel die Hauptfigur Paul bei den weiblichen Shortlist-Teilnehmern (Männer waren leider nicht anwesend) durch seine Trägheit als sehr unsympathisch auf, was es schwer machte, sich erstens mit ihm zu identifizieren und zweitens die Frauenfiguren des Romans, insbesondere Maria, nachzuvollziehen.
  • Die Sprache des Romans wurde als angenehm unprätentiös empfunden.
  • Einzelne Mitglieder lobten das Motivgeflecht des Romans und die Skizzen einiger Nebenfiguren (z.B. der Mutter und der türkischen Nachbarsfamilie von Paul).
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Buchkritik Richard Price: "Cash“

S. Fischer, 2010, 528 Seiten

Unsere Meinung: Drehbuchartig, realistisch, polarisierend


Die Story:


Die Lower East Side von New York. Polizisten, Diebe und Kneipenvögel steifen durch die Gegend. Die Perspektive wechselt zwischen ihnen. Dann werden drei junge, jeweils künstlerisch ambitionierte Männer von zwei Ghetto-Kids überfallen. Es kommt zu einem Wortwechsel und zu einem Schuss. Aus dem geplanten Raub wird Mord, einer der drei, Ike Markus stirbt und die Kids entkommen. Doch die Aufklärung der Tat ist nicht so einfach.

Die unterschiedlichen von dem Verbrechen berührten Personen: Der einsame Täter Tristan, der frustrierte, sich verweigernde Hauptzeuge Eric Cash, die an vielen Fronten kämpfenden Ermittler Matty Clark und seine Kollegin Yolanda, sowie der verzweifelte, übereifrige Vater des Toten Billy Markus, werden beschreiben und wie von einer Kamera begleitet, bis es begünstigt durch einen Zufall zur Lösung des Falles kommt.


Stil & Sprache:


Die viel gelobten Dialoge und die realistischen, stilistisch „schlanken“ Beschreibungen erinnern stark an ein Drehbuch. Wobei nur zu ahnen ist wie viel von seinem sprachlichen Reiz der Text durch die Übersetzung verliert.


Plot & Dramaturgie:


Der Anfang des Romans liest sich ein wenig sperrig. Erst ab Seite 100, nachdem man die Figuren kennen gelernt hat, setzt die Spannung ein und hält dann aber bis zum Ende an.


Gesamtbewertung:


Dieses Buch polarisiert. Es gibt echte Fans, die Mehrheit unserer Gruppe ist jedoch wenig begeistert. Bewertungen: von 0 (schlecht) bis 5 Sterne (das perfekte Buch).

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Buchkritik Colum McCann: "Die große Welt“

Unsere Meinung zu „Die große Welt“ von Colum Mc Cann: Literarisch, gut lesbar, stimmig.

Rowohlt, 2009, 537 Seiten


  • Die Story: An einem Tag des Jahrs 1974 laufen die Geschichten der zentralen Figuren des Romans zusammen. Es ist der Tag, an dem der Drahtseilartist Philippe Petit den Abgrund zwischen den Türmen des World Trade Center auf dem Seil überquert. Rund um diese reale Begebenheit knüpft der irische Schriftsteller Column Mc Cann die fiktiven Lebensgeschichten seiner zehn Figuren – quer durch alle Gesellschaftsschichten und die amerikanische Geschichte vom Vietnamkrieg bis zum 11. September. 10 Leben, jedes auf seine Weise absturzgefährdet. Etwa in Corrigan, dem aufopferungsvollen Iren, der sein Leben den Straßenhuren in der Bronx widmet. Die Story der schwarzen College-Absolventin Gloria, deren Söhne im Vietnamkrieg umgekommen sind. Oder der Prostituierten Tillie, die schon mit 38 Großmutter ist, und ihrer schönen Tochter Jazzlyn.

  • Stil & Sprache: In Büchern wie „Der Tänzer“ oder „Zoli“ schreibt Column Mc Cann emotional, leidenschaftlich. „Die große Welt“ dagegen ist gefällig, harmonisch, in ruhigem Stil geschrieben und damit angenehm zu lesen, aber eben auch weniger mitreißend als die früheren Bücher.

  • Plot & Dramaturgie: Rund um das Thema Absturz ist es Mc Cann geschickt gelungen, die historischen Details und das mosaikhafte Verweben der Lebensstränge dem Leser glaubhaft nahezubringen. So baut sich auch die Spannung im Verlauf der Geschichte(n) immer weiter auf.

  • Gesamtbewertung: Wir haben das Buch unisono gern gelesen und – schwanken in der Bewertung (bei 1 bis 5 Sternen) zwischen 3 und 4 Sternen.
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Buchkritik Stefan Thome: "Grenzgang“

Die Geschichte


Thome schildert das Leben in einer hessischen Kleinstadt. Nicht chronologisch, sondern immer nur das, was sich an jeweils drei Tagen des „Grenzgang“- Festes, einem alle sieben Jahre stattfindenden Volksfest, ereignet. Insgesamt achtundzwanzig Jahre umspannt der Roman, er begleitet das Leben seiner beiden Haupt-Charaktere von 1985 bis 2013. Was sich in den Jahren dazwischen ereignet, erfahren wir durch die Erinnerungen der beiden Protagonisten.


Unsere Bewertung:


Unisono gefällt uns die Beschreibung und Entwicklung der beiden Haupt-Charaktere, besonders der Frau. Es ist beeindruckend, wie beide es schaffen, sich aus ihren alten Lebensentwürfen zu befreien und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen. Auch wenn das kleinstädtische Umfeld bestehen bleibt. Wobei Thome ab und zu auch einfach den Zufall Regie spielen läßt – wie etwa, wenn die demente Mutter der Erzählerin stirbt und sie es so endlich schafft, sich aus der erdrückenden Enge des alten Hauses zu befreien und eine neue Liebe zu leben. Oder wenn sich beide voller Entsetzen in einem Provinz-Swingerclub begegnen – wunderbar beschrieben und für beide tatsächlich der Katalysator, um endgültig zueinander zu finden. Und so ist Grenzgang auch ein Buch über persönliche Grenzen, die jeder der Charaktere irgendwann überschreitet, überschreiten muss, um zum Glück zu finden.


Die Schwächen des Buches:


Die Beschreibung der drei Volksfeste ist zu detailliert und zu lang. Hier hätte Thome kürzen können. Auch die Sprache begeistert nicht durchweg.


Fazit:


"Grenzgang" ist ein Debüt mit einigen Tiefen und sehr vielen Höhen. Bei einer Skala von 1 bis 5 reicht die Bewertung innerhalb der Gruppe von der Höchstpunktzahl (5 = sehr gut) bis zu befriedigend( =3). Fest steht aber: In keinem Fall ist "Grenzgang" ein Roman über das Scheitern, wie es uns die Literatur-Kritik glauben lassen möchte, sondern ein Buch über die zweite Chance, die das Leben bieten kann.


Würden wir dieses Buch empfehlen?


Wir sagen Ja unter den vorab beschriebenen Einschränkungen. Und: Wir würden gerne mehr von Thome lesen.

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Buchkritik Kathrin Schmidt: "Du stirbst nicht“

Fest steht:


Sprachlich ist dieses Buch grandios. Knapp, mitleidlos, in kurzen Sätzen, Satzfetzen, beschreibt Kathrin Schmidt die Selbstwahrnehmung ihrer Protagonistin Helene.


Helene, die nach einem Gehirnschlag erwacht, ihre eigene physische und geistigen Beschränkung und die andauernde Entmündigung durch das Pflegepersonal wahrnimmt, analysiert und ironisiert - und doch kaum Chancen hat, sich der Umwelt mitzuteilen. Und sich dann Stück für Stück ihre Identität zurückerobert, sich immer mehr und öfter erinnert an ihr früheres Leben, ihre Lieben, ihre Kinder, ihren Mann und was sie für ihn empfand.   


Einig sind wir uns:


Mindestens ein Drittel hätte man kürzen können, und das Buch hätte gewonnnen. Irgendwann ermüdet das Schlabbern, die Mitteilungen über den hilflosen verschlauchten Körper und das Krankenhaus.   


Würden wir noch mal ein Buch von Kathrin Schmidt lesen?


Nein sagen die, die die ungeschminkte, übergewichtige Helene und die ganze Ostalgie nicht ausstehen konnten – und ähnliches bei anderen Büchern befürchten. Unbedingt, sagen die, die diese Frau unglaublich spannend, lebensbejahend finden und gerne mehr über solche Lebenskünstlerinnen lesen würden.

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Buchkritik Leon de Winter: "Das Recht auf Rückkehr“

Israel im Jahr 2024. In einem aussterbenden Land, das auf die Größe von Tel Aviv geschrumpft ist und in dem nur noch die Alten und Kranken zurückgeblieben sind, lebt Bram, Kind eines Nobelpreisträgers und früherer Nahost-Friedenforscher. Er unterstützt Eltern dabei, ihre verlorenen Kindern wieder zu finden. Bram selbst und sein erfolgreiches Familien- und Karriereleben sind zerbrochen, als 20 Jahre zuvor sein Sohn verschwand.



Die Frage nach dem richtigen politischen Weg


„Recht auf Rückkehr" plädiert für Härte, kritisiert die jüdische Milde gegenüber dem Feind. Bram, sein Sohn, der befreundete Politiker, der Staat Israel – sie alle haben 2024 die Schlacht gegen den Islamismus verloren. Das jüngste ist damit auch das bislang politischste Buch des jüdischen Autors, dessen extreme These beunruhigt, nachdenklich macht und die eigene bisherige Position hinterfragt.


Die Bewertung


Leon de Winter polarisiert: Die Meinungen für „Recht auf Rückkehr“ reichen von „konnte ich nicht fertig lesen“ bis zu „habe ich begeistert zweimal verschlungen“. Die einen geben 2 Punkte (1 = schlecht), die anderen 4 plus (5 = sehr gut). Schwierig bis abschreckend, so die Kritik, die vielen Vor- und Rückblenden. Auch die Bilderbuchehe des jungen Brams mit der schönen isrealischen Ärztin am Anfang des Buches wurde als holzschnittartig empfunden.


Unisono begeistert dagegen die Sprache dieser Nahost- und Familiengeschichte. Insbesondere die düsteren Zukunftspassagen in einem zum totalen Überwachungsstaat aufgerüsteten Israel sind beklemmend gut geschildert und kreisen um die eigentliche große Frage dieses Buches: Wie kann sich Israel inmitten der umgebenden feindlichen arabischen Staaten eine Zukunft sichern?

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