Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

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Buchkritik Franzobel: "Das Floß der Medusa“

Mitreißender, unkonventionell erzählter Historienroman
Zsolnay 2017, 592 Seiten


Zu grausam? Zu roh?
Ein Roman, an dem sich schon vor der Lektüre die Geister schieden! Jedenfalls blieben einige der Mitglieder dem monatlichen Treffen fern und ließen über andere weitergeben, dass sie Franzobels „Floß der Medusa“ aufgrund der Thematik bewusst nicht gelesen hätten. Diejenigen, die den Roman gelesen haben, zeigten sich in ihrem Urteil höchst unterschiedlich, nur kalt ließ dieser Roman niemanden!


Handlung
Doch zunächst zum Plot, der bereits vielen Lesern bekannt sein dürfte u. a. aufgrund der Berühmtheit des im Louvre hängenden Gemäldes Théodore Géricaults „Le radeau de La Méduse“, das auch im Ausschnitt auf dem Schutzumschlag des Buches zu sehen ist.
Der österreichische Autor Franzobel (es handelt sich hier um seinen vollständigen Namen – ein Pseudonym!) erzählt hier vom Schicksal der französischen Fregatte ‚La Méduse‘, die im Jahre 1816 auf ihrem geplanten Kurs von Frankreich in den Senegal vor der Küste Afrikas auf Sand läuft. Nicht unschuldig daran sind der selbstgefällige und unfähige Kapitän sowie sein hochstapelnder Berater, die beide schon schnell auf Konfrontationskurs mit ihren Offizieren gehen und deren Mahnungen und Ratschläge in den Wind schlagen. Ebenfalls an Bord ist der neue Generalgouverneur des Senegal, der auf große Eile drängt, die nach Ende der napoleonischen Kriege wieder an Frankreich gefallene Kolonie zu erreichen. Diese Mischung aus Stümperei und Eile führt zur Katastrophe: das Schiff steckt fest und für die 400 Passagiere gibt es lediglich sechs Beiboote, die gerade einmal Platz für 250 Personen bieten würden, hätte man sie denn ganz gefüllt. Einige bleiben an Bord des Wracks, 147 Personen finden Platz auf einem 20 Meter langen und sieben Meter breiten Floß, auf dem die Menschen zunächst bis zur Hüfte im Wasser stehen. Versucht man zunächst mit den Beibooten, das Floß mit sich an Land zu ziehen, kappt man recht schnell das Schlepptau, da das Floß die Boote zurück auf Meer treibt.
13 Tage treibt das Floß auf dem offenen Meer und schon in der ersten Nacht kommt es unter den eng beieinanderstehenden Schiffbrüchigen zu Kämpfen, werden Menschen von Bord gestoßen, werden aufgrund der hoffnungslos erscheinenden Versorgungslage gar Fleischstreifen aus den Toten geschnitten, werden die Schwachen von den Starken ausgesondert, um so das eigene Überleben zu sichern. Nur 15 Menschen überleben.


Franzobel erspart dem Leser nichts, das Unvorstellbare findet hier seine Versprachlichung, Etappe für Etappe des nahenden Unglücks werden in der ersten Hälfte des Romans in spannungsvoller chronologischer Abfolge erzählt.
Der zweite Teil ist dann ganz dem Kampf ums Überleben der Schiffbrüchigen gewidmet, wobei hier deutlich gedrängter erzählt wird als in der vorhergehenden Hälfte.


Dass dieser Stoff, der die Gefährdungen und Grenzen menschlicher Kultur in bedrohter Lage aufzeigt, nicht zu schwer daherkommt, liegt am frechen und unkonventionellen Ton des Erzählers, der trotz aller Tragik des Geschehens, eine zuweilen gar heitere Distanz schafft. So werden einzelnen Figuren Physiognomien von Hollywood-Schauspielern beigegeben und auch Intimstes wie beispielsweise die Diarrhoe des Kapitäns u. ä. wird hier nicht ausgespart.


Bewertung
Der Roman traf in unserem Kreis auf eine höchst gegensätzliche Resonanz, wobei zu konstatieren ist, dass er niemanden gleichgültig gelassen hat. Negative Reaktionen riefen vor allem das Sujet und dessen manchem zu detailliert erscheinende Beschreibung des Grausamen und Hässlichen hervor.


Lediglich sieben Mitglieder brachten in dieser Runde ihre Wertung ein, wobei es hier von zwei Lesern die absolute Höchstwertung von 5,0 gab, gefolgt von zweimal 4,6! Nur eine Leserin zeigte sich in allen Bereichen enttäuscht und vergab insgesamt eine 1,0. Zusammengerechnet kam die Gruppe auf eine 3,9.

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Buchkritik Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit“

Komponist zerbricht an diktatorischem Regime
Kiepenheuer und Witsch, 256 Seiten


Der britische Autor Julian Barnes hatte 1984 mit dem Roman „Flauberts Papagei“ seinen literarischen Durchbruch. In seinen Büchern beschäftigt er sich regelmäßig mit Literatur, Kultur und dem Unterschied zwischen Sein und Schein. Viele seiner Werke haben zudem einen geschichtlichen Bezug.
„Lärm der Zeit“ passt genau in diesen Themenbereich. Der Autor nimmt den Leser sehr einfühlsam mit in die Gefühls- und Gedankenwelt des russischen Komponist Dimitri Schostakowitsch und zeigt auf, wie sehr die politischen Gegebenheiten und Ereignisse seine musikalischen Werke und sein Leben beeinflussen.


Dimitri Schostakowitsch wurde 1906 in Petrograd (Petersburg) geboren und komponierte bereits als elfjähriger seine ersten Werke.1936 erklärte ihn Stalin wegen seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zum Staatsfeind. Die Angst vor dem Regime bestimmt fortan sein Leben. Widerstrebend folgt Schostakowitsch mit seinen Kompositionen und seinem Lebens als Künstler den herrschenden und wechselnden Leitlinien der russischen Kulturpolitik.


Schostakowitsch, zeigt Barnes, beugt sich der politischen Macht, um seine Familie zu schützen, weiter arbeiten zu können und um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Äußerlich ist er ein gefeierter Mann, eine Persönlichkeit. Seine Musik wird gerühmt, er bekommt wichtige Ämter und herausragende Auszeichnungen. Doch Schostakowitsch zerbricht an seinem Leben, weil er verachtet, was aus ihm geworden ist.


Inhalt:
Das Buch, dem ein Prolog vorangestellt ist, gliedert sich in drei Abschnitte (Lebensphasen).


Auf der Treppe: Dimitri Schostakowitsch sitzt nächtelang mit gepacktem Koffer neben dem Aufzug. Er rechnet mit seiner Abholung durch den Geheimdienst. Die Bedrohung durch die politischen Machthaber lassen ihn nicht schlafen. Gedanken jagen durch seinen Kopf und gehen zurück in die Vergangenheit, seine Kindheit, seine erste Liebe zu Tanja. Seine erste Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ entsteht. Auf der einen Seite wird die Oper international gefeiert, auch in der UdSSR, jedoch später von Stalin verurteilt. Stalins Ablehnung ist der Grund für seine momentane bedrohliche Lebenssituation.


Im Flugzeug: „Dies war die schlimmste Zeit“, so beginnt der zweite Abschnitt des Buches, die Zeit seines Schaffens hauptsächlich unter Stalin. Bei der Reise in die USA, nach New York zum Weltfriedenskongress hat er zwiespältige Gefühle. Er wird unter Druck gesetzt, mit der russischen Delegation mitzufliegen. Das erhoffte Gefühl von Freiheit bleibt aus. Die Reise verläuft nicht so frei wie gedacht sondern eher demütigend.

Schostakowitsch beginnt „realistische“ Musik zum Wohle des Volkes zu komponieren, Sinfonien und auch Filmmusiken. Dafür bekommt er etliche sowjetische Auszeichnungen. Er steht unter ständiger Beobachtung und tritt gegen seine Überzeugung der kommunistischen Partei bei. Dadurch erhält er einen Posten im sowjetischen Komponistenverband. So schützt er sich und seine Familie und kann so seine Existenz sichern. Eigentlich möchte er aber sein Leben der Musik widmen und komponieren.


Im Auto: Schostakowitsch lebt wohlsituiert in Moskau. Chruschtschow ist an der Macht. Die politische Situation ist leichter geworden. Er sitzt im Auto hinter seinem Chauffeur und betrachtet ihn von hinten. Seine Gedanken wanderten zurück. Seine Frau Nina war gestorben, von der zweiten hat er sich scheiden lassen und die dritte war nur zwei Jahre älter als seine Tochter. Schostakowitsch ist krank, verkannt, verehrt, verunsichert und mit sich unzufrieden.


Bewertung:
Die Gesprächsrunde zu diesem Buch war sehr engagiert und angeregt, weil die Positionen und Betrachtungsweisen sehr unterschiedlich waren. Wer eine Beziehung zur Musik und ein Hintergrundwissen zu Schostakowitsch hatte war sehr berührt und angetan. Anderen fehlten historische oder musikalische Bezüge.
Insgesamt kam eine gute Bewertung von 3,6 zustande, wobei einzelne Bewertungen zwischen 1 – 5 schwankten. Das Thema, Stil und Sprache und der Aufbau der Handlung wurden gut bewertet, und das Buch wurde von den allermeisten gern gelesen.
ho

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Buchkritik Dorit Rabinyan: "Wir sehen uns am Meer“

Moderne Romeo und Julia-Story
Kiepenheuer & Witsch 2016, 379 Seiten


Hintergründe
Die Autorin Dorit Rabinyan widmet das Buch dem 2003 ertrunkenen palästinensischen Maler Hasan Hourani, den sie persönlich kannte und dem sie nach seinem Tod einen berührenden Farewell Letter schrieb. Auch lebte sie selbst für ein Jahr in New York und lernte in Brooklyn eine Gruppe von Palästinensern kennen. So ist die dem Buch zugrundeliegende Geschichte über Chilmi und Liat in weiten Teilen die Liebesgeschichte von Hasan Hourani und Dorit Rabinyan. Allerdings gibt die Autorin in einem Interview an, dass diese Liaison nur das Fundament des Buches sei, der Rest sei Fiktion.


In der Presse wird die Story als moderne Fassung von Romeo und Julia gesehen. Eher handelt es sich aber wohl um die zwei Königskinder, die nicht zu einander kommen können, da das Wasser zu tief ist und der Königssohn nicht schwimmen kann.


Der Klappentext des Verlages verspricht eine Liebesgeschichte vor einem politischen Nahost-Konflikt. Tatsächlich spielt der Hauptteil des Romans in New York. Nur das Ende, ab Kapitel 29 von 37 und damit auf 62 von 379 Seiten, spielt sich überhaupt vor Ort in Nahost, unter anderem in Tel Aviv, Jaffa und Hebron ab.


Dass das israelische Bildungsministerium das Buch auf den Index setzte und es ablehnte, den Roman als Lektüre in der Schule zu empfehlen, ist in der deutschen Presse negativ aufgenommen worden, zumal das Buch den Bernstein-Preis der israelischen Verlegerorganisation erhalten hatte. Begründet wurde die Entscheidung des Ministeriums damit, dass die Geschichte über eine Liebe einer Jüdin zu einem Palästinenser bzw. nichtjüdischem Mann die separate Identität der Juden bedrohe und die Assimilation fördere. Das Buch stand jedoch auf der Liste der zehn besten Bücher des Jahres der Tageszeitung „Ha’aretz“. Die Autorin ist auf dem internationalen Literaturfestival in Berlin im September 2017 zu Gast und stellt ihr Buch vor.


Begrenzte Liebe
Von Beginn an macht die jüdische Ich-Erzählerin Liat deutlich, dass die Liebesbeziehung mit dem aus Hebron stammenden Chilmi zeitlich mit ihrem Wegzug aus New York enden muss und sich nur noch in den Köpfen abspielen kann. Sie kann damit die Sympathien der Leser nicht für sich gewinnen, sondern diese gelten dem Künstler Chilmi, welcher der Liebe eine Chance geben will. Während Liat keine Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt sieht, wünscht Chilmi sich ein harmonisches Miteinanderleben der unterschiedlichen Kulturen in einem Land.


Diese politischen Dimensionen, die von der Ich-Erzählerin aus der israelischen Sicht immer wieder aufgegriffen werden, sind interessant und der politische Konflikt und die Liebesgeschichte sind sehr gut miteinander verknüpft. Die starke Bindung der Jüdin an ihre Familie und ihr Heimatland wird überaus deutlich.


In der doch recht lang umschriebenen Liebesgeschichte des ersten Teils („Herbst“) sind trotz zahlreicher Be- und Umschreibungen die Persönlichkeiten der beiden Protagonisten aber nicht hinreichend klar umrissen, insbesondere nicht die der Ich-Erzählerin. Fraglich bleibt, woher die erotische Faszination füreinander kommt, sodass die Liebesbeziehung nicht glaubhaft erscheint. Insgesamt nimmt diese zu viel Raum ein und plätschert fast immer gleichbleibend vor sich hin. Erst zum Ende hin kann der Leser mit den Liebenden mitfiebern, ob sie letztlich noch dauerhaft werden zusammenleben können.


Der zweite Teil („Winter“), der mit über 200 Seiten den längsten Part des Romans ausmacht, ist hingegen viel besser gelungen. Wie die beiden Protagonisten den für sie ungewöhnlich harten Winter erleben, ist sehr gut beschrieben. Die Ich-Erzählerin gibt zahlreiche Beispiele für die Konflikte auf, die sich aus den unterschiedlichen Kulturen und politischen Ansichten der beiden Protagonisten ergeben. Dies wurde zum Teil jedoch als zu konstruiert und plakativ empfunden, zumal die Geschichte kurz nach dem 11. September 2001 in New York spielt.
Während das Ende für viele nicht überraschend war oder als zu einfache Konfliktlösung angesehen wurde, war dies für andere Leser bis zum Ende spannend und die Geschichte ein Leseerlebnis mit Herzklopfen.


Bewertung
Das Buch bewertete die Gruppe mit 3 Punkten in der Gesamtbenotung. Sein Thema wurde mit knapp 4 von 5 Punkten als interessant eingestuft und auch Stil und Sprache der Autorin erhielt überdurchschnittliche 3,3 Punkte, wenngleich die überbordende, sehr bildhafte Sprache zum Teil als anstrengend empfunden wurde. Demgegenüber wurden der Aufbau als eher einfach (2,6 Punkte) eingeschätzt, da der Roman fast rein chronologisch aufgebaut ist, und der Plot als wenig spannend (2,6 Punkte) eingestuft.

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Buchkritik Nathan Hill: "Geister“

Mitreißender US-Roman, der Psychologie und Zeitgeschehen geschickt zu verbinden weiß
Piper Verlag, 2016, 864 Seiten


Der Debütroman von Nathan Hill erschien 2016 in den USA unter dem Titel „The Nix“. Viel Lob von Seiten der Kritik, aber auch von seinem Mentor John Irving wecken hohe Erwartungen. Irving hat Hill sogar mit Charles Dickens verglichen. Autor Hill, laut Wikipedia 1978, laut Verlag 1976 in Iowa geboren, hat zehn Jahre an diesem Roman gearbeitet. Donald Trumps Wahlerfolg verstärkt noch das Interesse an dem Roman, da er quasi die aktuellen Geschehnisse in der US-Innenpolitik vorwegzunehmen scheint. “The Nix“ wird direkt in zwanzig Sprachen übersetzt.


Inhalt und Aufbau:
In seinem sehr umfangreichen Erstlingsroman entwirft der Autor ein Panorama der USA zwischen den Jahren 1968 und 2011 und verwebt dieses mit einer Mutter-Sohn-Geschichte.


Im Zentrum steht das Trauma eines verlassenen Kindes und die Weitergabe dieses Traumas über nachfolgende Generationen hinweg. In zehn Kapiteln und einem Prolog verbindet Hill die Schicksale von bald einem Dutzend Personen.


Protagonist des Romans ist Samuel, der weder als Schriftsteller noch als Literaturdozent zu reüssieren weiß und dann plötzlich nach 23 Jahren seiner Mutter wiederbegegnet. Diese wird in der Presse als Terroristin hochstilisiert, da sie (scheinbar) einen Angriff auf den rechtskonservativen republikanischen Präsidentschaftskandidaten begeht. In Rückblenden erfahren wir dann von den wahren Beweggründen von Samuels Mutter und ihrer Entwicklung als Jugendliche und Studentin in Chicago, wo sie zur unfreiwillig Beteiligten der Studentenrevolte wird. Neben diesem Erzählstrang werden aber auch die anderen Figuren sehr eigenständig gezeichnet. Alle Schicksale laufen zum Schluss zusammen und werden vom Erzähler gebündelt.


Stil und Sprache:
Der Autor zeigt in seinem Debütroman eine Fülle von Stilebenen. So verleiht er jeder Figur eine eigene Sprache, die diese eindeutig in ihrer Lebens- und Gedankenwelt situiert. Die Spannbreite reicht hier vom stream of consciousness der Figur des Pwnage, der mühsam der Welt der Computerspiele abzuschwören versucht, über den einer Spielanleitung gleichen tragikomischen Dialog zwischen dem Protagonisten Samuel, der sich in seiner Funktion als Literaturdozent mit der dummdreisten Studentin Laura Pottsdam auseinanderzusetzen hat bis hin zur atemlosen Schilderung der Ereignisse der Studentenrevolte in Chicago im Jahre 1968 in äußerst kurzen, konzentrierten Kapiteln.


Bewertung:
Insgesamt erhielt dieser Roman von fast allen Mitgliedern großes Lob und wurde von den meisten sehr gern gelesen. Dabei gab es aber auch durchaus kritische Stimmen, die dem Plot eine gewisse Konstruiertheit vorwarfen. Dass der Erzähler alle Figuren am Schluss zusammen zu zwingen versucht, schade der Glaubwürdigkeit. Zudem sei die Handlung in Norwegen zu wenig ausgeführt und falle deutlich gegenüber anderen Handlungssträngen ab. Auch schien einigen die Beziehung des Protagonisten zu seiner Mutter nach ihrer Wiederbegegnung zu wenig ausgestaltet und psychologisch zweifelhaft. Trotz dieser Einschränkungen erzielt das Buch fast durchweg sehr hohe Wertungen. Lediglich von einer Leserin wurden nur 1,8 Punkte vergeben. Die Wertungen der anderen Mitglieder bewegen sich von 3,4 bis mehrheitlich im Bereich 4 Punkte (von maximal 5) und höher. (mm)

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Buchkritik Ian McEwan: "Nussschale“

Kriminalgeschichte auf hohem sprachlichem Niveau
Diogenes Verlag 2017, 288 Seiten


Zum 400. Todestag von William Shakespeare im Jahr 2016 hat der Verlag The Hogarth Press, der 1917 von Leonard und Virginia Woolf gegründet wurde, namhafte Schriftsteller zu Neuerzählungen von Shakespeare-Werken aufgefordert. "Nussschale" ist der Beitrag von Ian McEwan.


Inhalt und Aufbau:
McEwan hat sich in seiner Auftragsarbeit "Hamlet" vorgenommen. Die Handlung ist deshalb vorhersehbar: Es geht um Bruder - und Gattenmord,um die Ermordung von Hamlets Vater. Trudy (Gertrude) und Claude (Claudius) planen raffiniert und ruchlos die Ermordung von Trudys Gatten. Das Besondere - wenn auch nicht Neue - ist die Erzählperspektive: Der Erzähler ist nämlich ein altkluger Fötus. Trudy ist im 8. Monat schwanger von ihrem Gatten.


Stil und Sprache:
In gewohnter erzählerischer Meisterschaft (so wurde es von den meisten von uns beurteilt) lässt McEwan den Fötus nicht nur über die Mordpläne seiner Mutter und seines Onkels räsonieren,sondern auch über Weltgeschehnisse und Literatur und wie ein kundiger Sommelier über erlesene Weine, deren reichlichen Genuss er mit der Mutter oft bis zur Trunkenheit teilt. "Der Rest ist Chaos" (Zitat aus dem Roman)


Bewertung:
Hamlets komplizierte Sein oder Nichtsein Problematik wird zur vorhersehbaren Kriminalgeschichte banalisiert, nicht im entferntesten auf McEwans gewohntem Niveau. Allerdings wurde der Roman von einigen doch gerne gelesen, auch wegen des nicht abzustreitenden Humors des liebenswerten Fötus. Im Schnitt ergab das nur 2,6 Punkte von 5 möglichen Punkten, bei einer Bandbreite von 1.2 bis zu 4.8 Punkten.

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Buchkritik Elif Shafak: "Der Geruch des Paradieses“

Hochaktuelle poetische fesselnde Geschichte über Glauben, Identität und die Türkei
Kein und Aber, 2017, 560 Seiten


Inhalt:
Die Rahmenhandlung spielt 2016 im heutigen Istanbul, bei dem die 35jährige Peri auf dem Weg zu einer Abendgesellschaft beraubt wird. Bei diesem Überfall fällt der Tochter ein Foto der Mutter in die Hände, das sie als Studentin mit zwei Freundinnen und dem gemeinsamen Professor in Oxford zeigt. Diese Vergangenheit als Studentin hat Peri bisher vor allen verborgen gehalten, denn sie hat Oxford verlassen, ohne das Studium abzuschließen.


Die blutige Auseinandersetzung auf der Straße und zu viel Wein später inmitten der wohlhabenden, doch in latenter Angst vor dem Staat lebenden und feiernden Gesellschaft führen Peri in Gedanken zurück in ihre Kindheit und nach Oxford.


Diese Kindheit in den 80er Jahren ist vom Streit um den richtigen Umgang mit Gott geprägt. Der Vater ist streng weltlich. Atatürks Portrait hängt überall im Haus. Peris Mitter nimmt dagegen ihren Glauben zunehmend ernster. Sie verbietet der kleinen Peri sogar Schuhe, da Leim aus Schweineknochen enthalten sein könnte. Peri muss mit Sandalen in die Schule gehen.


Zwischen diesen beiden extremen Polen versucht Peri ihre eigene Antwort auf die Frage nach Gott zu finden. Während die Eltern sich täglich zu Hause bekriegen und der geliebte Bruder wegen seiner politischen Aktivitäten gefoltert und schließlich ins Gefängnis geworfen wird, will Peri alles richtig machen. Sie flüchtet sich ins Lernen und Lesen und schließt die Schule als Jahrgangsbeste ab. Damit erfüllt sich ein Traum ihres Vaters: Peri stehen die Türen für ein internationales Studium offen.


Ihre Zeit in Oxford wird durch zwei Freundinnen bestimmt, mit denen sie schließlich auch zusammen in eine Wohnung zieht: Shirin, Iranerin, und Mona, Ägypterin. Die eine liberal, die andere religiös. Alle drei sind von ihrem Professor fasziniert – Azur, der Bücher über Gott veröffentlicht und Seminare dazu abhält. Peri, die Philosophie studiert, erhofft sich hier Antworten auf die Fragen, die sie seit ihrer Kindheit verfolgen.


Die 45jährige Politikwissenschaftlerin Elif Shafak thematisiert immer wieder das Leben muslimischer Frauen zwischen Tradition und Moderne, zwischen religiös geprägten Moralvorstellungen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Dabei gibt sie den verschiedenen Lebensentwürfen ihren Raum, ohne zu werten.


Thema und Sprache:
Die Entwicklungsgeschichte von Peri ist gleichzeitig spannend erzählt, feinsinnig und berührend. Dazu liefert Shafak Einblicke in die Türkei und deren heutige Gesellschaft, mit der sich Peri arrangieren muss: „Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten und das, wie sie von sich hielt. “ Für das Thema des Buches und die Sprache hat die Gruppe unisono Bestnoten verteilt.


Aufbau und Dramaturgie:
Der Einstieg ins Buch ist mitreißend, und Peris Geschichte bleibt bis zum Schluss spannend. Allerdings hat das Buch im zweiten Teil Längen. Der Professor bleibt als Figur blass, die Studienzeit in Oxford samt ihrem dramatischen Finale wirkt damit auch eher unglaubwürdig und ist aus unserer Sicht der schwächste Teil des Romans.


Schade auch, dass die drei Freundinnen in ihren langen und kontroversen Diskussionen in Oxford keine neuen und überzeugenden Argumente für ihre persönliche Lebensweise und ihren Umgang mit Gott finden. Dementsprechend fand unsere Gruppe den Aufbau und die Dramaturgie auch nicht ganz überzeugend.


Bewertung:
Ungeachtet dieser kleinen Schwächen hat jede/r aus unserer Gruppe Elif Shafaks Buch gerne gelesen und zu Ende gelesen. Mit einer Gesamtnote von 4 von 5 möglichen Punkten schafft der „Geruch des Paradieses“ in Summe damit eine der besten Noten der vergangenen 12 Monate.   

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Buchkritik Han Kang: "Die Vegetarierin“

Spannend, verstörend, aber auch berührend
Aufbau Verlag, 190 Seiten


»Ich hatte einen Traum« erklärt Yong-Hye - in den Augen ihres eigenen Ehemannes bis dahin durchschnittlichste Frau der Welt - als sie beschließt, Vegetarierin zu werden. Sie verzichtet fortan auf alle tierischen Produkte in ihrem Leben. Die bis dahin ohnehin leidenschaftslose Ehe löst sich auf, wie auch alles andere in Yong-Hyes Welt. Die nur vorgeblich funktionale Beziehung zu ihren Eltern und Geschwistern zerfällt, ebenso das trügerische Eheglück ihrer ernsthaften, bis zum Ende pflichtbewusst-fürsorglichen und selbstlosen Schwester In-Hye. Und letztlich Yong-Hye auch selbst.


Inhalt & Aufbau:
„Die Vegetarierin“ erzählt die Geschichte einer Frau, die ihr Leben immer danach ausgerichtet hat, das zu tun was man von ihr erwartet und darüber hinaus möglichst wenig aufzufallen – und die sich am Ende mit aller Macht dafür entscheidet, einen anderen, eigenen Weg zu gehen. Yong-Hye selbst, die Protagonistin und Auslöserin vieler fundamentaler Lebensumbrüche kommt in Hang Kangs Roman allerdings nicht als Erzählerin zu Wort. In drei Abschnitte unterteilt erzählt „Die Vegetarierin“ in wechselnden Perspektiven zunächst aus dem Blickwinkel von Yong-Hyes Ehemann, anschließend aus dem ihres Schwagers Chong, und im abschließenden dritten Teil aus dem ihrer Schwester In-Hye. Yong-Hyes Gedankenwelt bleibt damit weitgehend unergründet, etwas worüber die Leserin ebenso spekulieren kann wie ihr nahestehendes Umfeld.


Stil & Sprache:
Han Kang erzählt die Geschichte geradlinig und ohne große Umwege, mit der Knappheit eines Tatsachenberichts. Ihre schlichte Sprache und die klare Struktur des Romans lassen die Geschichte aber nahe gehen. Der Roman ist trotz aller offen bleibenden Fragen doch spannend und auch berührend, wenn auch verstörend.


Bewertung:
In unserem Lesekreis wurde das Buch freundlich besprochen und letztendlich mit der Gesamtnote 2,9 bewertet. Auch wenn Thema und Ausgang des Romans befremden, so wurden Stil, Aufbau und Konstruktion des Romans positiv aufgenommen. Die zentrale Frage des Buches, wo Selbstbestimmung ihre Berechtigung hat und wo sie aufhört – oder ob sie überhaupt eine Grenze haben sollte, haben auch wir in unserem Kreis lange diskutiert.

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Buchkritik Steven Galloway: "Der Illusionist“

Leicht lesbare Lektüre zwischen Wahrheit und Illusion Luchterhand, 2015, 349 Seiten


Als Martin Strauss von seinem Arzt erfährt, dass er an Konfabulation, einer unheilbaren und fortschreitenden Erinnerungsstörung, leidet, will er unbedingt seine Erinnerungen an sein Leben an der Seite des Magiers und Entfesselungskünstlers Houdini rekapitulieren. Martin Strauss hat Houdinis Aufstieg und Fall begleitet, glaubt er zumindest. Er hat ihn schließlich sogar getötet, glaubt er zumindest. Doch was ist wahr an Strauss´ Erinnerung, und was ist Illusion?


Stil und Sprache:
Steven Galloway hat sich bei seiner Erzählung sehr eng an die über Houdini bekannte Fachliteratur gehalten. So lesen sich auch Strauss´ Erinnerungen über oder aus dem Leben Houdinis wie eine Biographie oder ein Sachbuch und sind in einem sehr nüchternen, fast schon hölzernen Stil geschrieben. Die Ausschmückungen der bekannten Houdini Abenteuer sind teilweise sehr in die Länge gezogen. Über den Magier oder den Menschen Houdini erfährt man nichts Neues.


Um so lebhafter und unterhaltsamer sind Strauss´ Erinnerungen an sein eigenes Leben dargestellt. Auch der Erzählstrang, in dem er die Diagnose Konfabulatur erhält und beschließt, seine Erinnerungen umgehend noch einmal zu erzählen, ist einfühlend, einfallsreich und mit sehr feinem Humor geschrieben.


Bewertung:
In unserem Literaturkreis reichten die Meinungen von langweilig bis spannend. Als teilweise anstrengend wurden die Sprünge zwischen den drei Erzählsträngen empfunden. Mit einer durchschnittlichen Bewertung von 2,9 ist Der Illusionist eine unterhaltsame Lektüre, ohne sich durch besondere Magie von anderen Büchern abzuheben.

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Buchkritik Jane Gardam: "Ein untadeliger Mann“

Leicht zu lesende, bewegte und bewegende britische Lebensgeschichte
Hanser Berlin, 346 Seiten


Mit einer kurzen Unterhaltung zweier Mitglieder in der Londoner Honourable Society of Inner Temple über Old Filth beginnt Jane Gardam den ersten Teil ihrer Triologie, in dem sie anhand zweier Erzählstränge die Lebensgeschichte des britischen Gentlemans Edward Feathers beschreibt.


Inhalt:
Durch den plötzlichen Tod seiner Ehefrau Betty brechen langverdrängte Erinnerungen in Edward auf, die in Rückblenden erzählt werden. Da ist seine Kindheit als Raj-Waise in Malaysia, die kurze Unterbringung in einer Pflegefamilie in England und seine Jugend auf einem Internat; danach sein Studium, seine Erlebnisse während des zweiten Weltkrieges und seine juristische Karriere als Kronanwalt in Hong Kong. Frisch verwitwet macht sich Edward nun auf den Weg, seine Cousinen zu besuchen und sich seinen Erinnerungen zu stellen.


Bewertung:
Bei der Besprechung in unserer Runde stellte sich sehr schnell heraus, dass man dieses Buch entweder sehr mag oder wenig damit anfangen kann. Für die einen ist die Lebensgeschichte Edwards zu ereignisreich und damit unglaubwürdig, für die anderen sind die einzelnen Episonden warmherzig und unterhaltsam erzählt. Den einen gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der Jane Gardam auch die tragischen Lebensabschnitte erzählt, für die anderen macht gerade diese das Besondere an diesem Roman aus. Für die einen ist Edward Feathers ein kauziger, aber liebenswerter, alter Mann, für die anderen ist er unhöflich und ignorant. Die einen fanden den Sprung zwischen den beiden Erzählsträngen leicht und mochten die offen gebliebenen Geheimnisse, die anderen taten sich mit dem Wechsel und den fehlenden Auflösungen schwer.


Einig waren wir uns allerdings darin, dass wir die überschwenglichen Kritiken, die Jane Gardams Roman als Meisterwerk feiern und mit Werken wie „Der große Gatsby“ und „Abbitte“ auf eine Stufe stellen, nicht nachvollziehen können. Insgesamt vergaben wir 3,1 von 5 Punkten und meinen: Wer „Ein untadeliger Mann“ gern gelesen hat, wird auch den zweiten Teil der Trilogie „Eine treue Frau“ sehr mögen.

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Buchkritik Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin“

Neapel-Epos über eine Kindheit in den 50er Jahren
Suhrkamp Verlag, 2016, 422 Seiten


In vier Büchern beschreibt die Autorin, die unter dem Pseudonym Elene Ferrante publiziert, die Freundschaft zwischen zwei Frauen, die aus einem armen und von Gewalt regierten Viertel Neapels stammen. Elena Greco, die Lenu genannte Tochter des Pförtners, und Lila, die Tochter des Schusters, verbindet von ihrer Kindheit an eine Haßliebe, die das Leben der beiden prägt.

Die Tetralogie löste insbesondere in den USA ein Ferrante-Fieber aus, dem Kritiker und Schriftsteller in Reihen verfielen. Danach begann man sich auch in Deutschland für die Neapel-Saga zu interessieren. Im August erschien der erste Band mit seinen 422 Seiten, und nun fiebern auch einige aus unserer Gruppe den Fortsetzungen entgegen.


Inhalt:
Der Roman setzt mit einer Mutprobe ein, dem Besuch des als böse und gefährlich geltenden Don Achille, als die beiden Mädchen sechs Jahre alt sind, und begleitet sie bis zum Alter von 16 Jahren. Erzählt wird diese Geschichte des Erwachsenwerdens im Neapel der 50er Jahre aus der Perspektive von Lenu, dem artigen, angepassten Mädchen, das in seinem Gedanken und Handeln stets auf die unberechenbare, mutige und sehr intelligente Lila fixiert ist.


Im Buch heißt es: „Ich widmete mich dem Lernen und vielen anderen schwierigen Dingen, die mir fernlagen, nur um mit diesem schrecklichen, strahlenden MädchenSchritt halten zu können. „ Dabei wandelt sich das Kräfteverhältnis der beiden und die Abhängigkeiten voneinander im Lauf der Zeit. Denn Lenu schafft es nach langen Jahren der Paukerei auf die Mittelschule und schließlich aufs Gymnasium. Lila dagegen muss die Schule verlassen, um zu Hause in der Schusterei zu helfen. Dennoch triumphiert Lila am Ende des Romans wieder, denn aus dem mageren Kind ist eine schöne junge Frau geworden, die sich mit 16 Jahren den für dortige Verhältnisse reichen Lebensmittelhändler Stefano angelt und ihn heiratet.


Stefano ist nicht der einzige, der sich für Lila interessiert. Auch Marcello, selbstherrlicher Sohn des örtlichen Mafiabosses, wirbt lange und vergeblich um Lila. Lenu wiederum träumt von Nino, dem intellektuellen Sohn des Zugschaffners und Dichters Donato Sarratore. Auf der Hochzeit kommt sie aber mit dem Automechaniker Antonio Cappucio, dem Sohn der verrückten Melina… Die Autorin hat dem Buch eine Übersicht der wichtigsten Charaktere vorangestellt – einprägsame Figuren sind das, Männer und Frauen, alte und junge, alle gefangen in ihrem Viertel und der Tradition und geprägt von der bitteren Armut, der alle entkommen wollen.


Gemeinsam ist allen Figuren auch ein extremes Maß an Gewaltbereitschaft. Streitigkeiten werden nicht mit Worten, sondern mit Fäusten, Steinen, Gewehren ausgetragen. Schon Kinder hauen sich gegenseitig Steine an den Kopf, Männer schlagen regelmäßig ihre Frauen und Kinder. „Ich sehne mich nicht nach meiner Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Die Frauen bekämpften sich untereinander noch heftiger als die Männer“ schreibt so auch Lenu an einer Stelle.


Sprache und Stil:
Die Autorin beschreibt das Leben der Mädchen in ihrem Viertel sehr bildhaft und atmosphärisch. Dabei steht weniger der Ort – ein beliebiges Viertel in Neapel - selbst als vielmehr die Personen im Vordergrund, die das Rione prägen. Immer wieder gibt es auch Einblicke in den politischen und sozialen Hintergrund der Figuren, die sich mit den Nachwirkungen des Faschismus, den archaischen Strukturen und der in der Gesellschaft immer stärker werdenden Camorra arrangieren.


Bewertung:
„Sprachlich elegant, bildstark und dramaturgisch gekonnt“, schreibt die FAZ. Andere Rezensenten sehen das kritischer und sprechen von anekdotenhaften Schilderungen, die sich eine an die andere reihen. Auch in unserer Gruppe waren die Meinungen nicht nur durchweg positiv. Es gab völlige Begeisterung für einen „ wunderbar erzählten Entwicklungsroman“ mit „gekonnt und geschickt geschilderten und verknüpften Charakteren“. Es gab aber auch kritische Stimmen zu einem „netten Buch mit deutlichen Längen, das man nicht gelesen haben muss“ – und das auch nicht von allen fertig gelesen wurde.


In Summe ergab das eine 3,4 von 5 möglichen Punkten. Möglicherweise ist es aber auch zu früh, ein 1700-Seiten-Epos nach 422 Seiten abschließend zu bewerten. Das jedenfalls erklärte uns eine Ferrante-Verehrerin aus unserer Gruppe, die bereits 3 Bände auf Englisch gelesen hat und dem Ende des 4. Bandes entgegenfiebert.


Wer „Die geniale Freundin“ auf Deutsch weiter lesen will, muss sich jedenfalls noch gedulden. Möglicherweise wird in dieser Zeit auch die Identität der Autorin ganz geklärt. Aktuell wird die Tetralogie einer Übersetzerin mit deutschen Wurzeln zugeschrieben – Anita Raja - die in Neapel aufgewachsen ist und lebt.

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Buchkritik Joost Zwagerman: "Duell“

Rasante, amüsante Novelle über die Welt der Kunst
Weidle Verlag, 2016, 148 Seiten


Im Zentrum der Novelle stehen Jelmer Verhooff, erfolgreicher, hipper Direktor des wichtigsten Museums für moderne Kunst in den Niederlanden und ein (fiktives) Gemälde von Mark Rothko, Vertreter des abstrakten Expressionismus. Das Bild "Untitled No. 18", einer der größten Schätze des Hollands Museum, ist verschwunden. Ausgetauscht hat es eine Kopistin, die mit dem Original eine Kunstaktion initiiert. „Ich gebe Rothko den Menschen wieder“, sagt sie.


Statt den Diebstahl anzuzeigen, versucht Verhooff zusammen mit seinem schrulligen Restaurator das Bild wieder in den Besitz des Museums zu bringen. In einer rasanten, amüsanten und auch bissigen Story stellt der Autor die Frage nach dem wahren Wert der Kunst und nach ihrem Marktwert. Den Kunstbetrieb und seine Vertreter führt er ad absurdum.


Besonderheiten des Buches
Der niederländische Autor Joost Zwagermann hat das "Duell" 2010 für die niederländische Bücherwoche geschrieben. In dieser Woche vergeben niederländische Buchhändler das Boekenweekgeschenk unentgeltlich an Kunden, die in ihrem Geschäft einen bestimmten Mindestbetrag ausgegeben haben. Diese Tradition geht bis ins Jahr 1930 zurück. Das "Duell" erreichte damit eine Auflage von 950.000 Stück.


Im Nachwort des deutschen Übersetzers, Gregor Seferens, erfahren wir zudem mehr über den in den Niederlanden sehr populären Autor, der seit den 90er Jahren Erzählungen und Romane veröffentlicht, zwei Jahre lang auch eine TV-Talkshow moderierte und der sich im September 2015 in seinem Wohnort Haarlem das Leben nahm.


Bewertung durch die Hamburger Shortlist
Wir bewerten das Buch zum Großteil sehr positiv als unterhaltsame, genussvolle Geschichte, die uns auch am Abend noch zu einer hitzigen Diskussion zum Thema „Was ist Kunst?“ verleitete. Das Thema fanden wir insgesamt sehr interessant (Durchschnitt 4,4 bei einer Skala von 0-5) das Buch dramaturgisch spannend aufgebaut (Durchschnitt 4) und wir haben es gerne gelesen (Durchschnitt 4,2).


Einige fanden die Sprache des Buches an einigen Stellen etwas platt - möglicherweise auch ein Problem der Übersetzung. Mit einem Ergebnis über alle Kriterien hinweg von 4.0 erreicht das niederländische "Duell" jedenfalls unter den Büchern, die wir bisher gemeinsam gelesen haben, eine der höchsten Bewertungen.

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Buchkritik Dietmar Dath: "Leider bin ich tot“

Rätselhafter, schwer lesbarer Roman
Suhrkamp Verlag, 2015, 464 Seiten


Zwischen Himmel und Erde, heißt es in Dietmar Daths jüngstem Roman, gehen viele „Sachen“ vor, „von denen der beschränkte menschliche Verstand blutwenig begreift“.


Es ereignen sich zum Beispiel Kriege, „die heute noch keiner sieht, obwohl sie schon stattfinden“. Ferner gibt es „natürliche Systeme“, die „etwas empfinden, vielleicht auch denken“. Sie sind „Götter“, möglicherweise aber auch „etwas noch Unbekannteres“.


Die handelnden Personen heißen Kain und Abel oder Cerulean (die Himmlische) und Nathalie (Die am Geburtstag des Herrn geborene (dies natalis=der Tag des Geburtstages des Herrn). Allein für das Verständnis der vielen verschiedenen Namen wäre ein Glossar hilfreich gewesen.


Die Grenzen zwischen gut und böse verschieben sich in einer Tektonik der Zeitplatten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eins. „Etwas wollte geschehen, das sich nicht überblicken ließ“.
Mit wenigen Worten gelingen Dietmar Dath zwar gute Beschreibungen von Personen und Situationen, nur stellt er sie leider nicht in einen schlüssigen Zusammenhang. Auch die wissenschaftlichen Abhandlungen über das Wetter und über „Gott und die Welt“, helfen dem Leser nicht.


Bewertung:
Das Buch ist nicht flüssig lesbar. Vier Leser der shortlist haben sich durch die Seiten hindurch gequält, andere haben entnervt aufgegeben. Die Bandbreite in der Bewertung reichte von 0 bis zu 2,3 Punkten. Das Gesamtergebnis lag bei einem Schnitt von 1,3 von 5 möglichen Punkten (Optimum) und damit einem der schlechtesten Werte, die bisher vergeben wurden.


Worum geht es in dem Buch?
In Dietmar Daths Roman "Leider bin ich tot" lernen wir zunächst Nasrin, Abel und Wolf kennen, entfernte Jugendfreunde, deren Lebenswege sehr unterschiedliche Verlaufe genommen haben.

Wolfs Werdegang hat ihn ins Pfarramt geführt, doch endet seine Existenz als Berufsgeistlicher, nachdem er eine Rollstuhlfahrerin zu Tode geprügelt hat. Nasrin hat mit der Zeit zu einem strengen muslimischen Glauben gefunden; derzeit beteiligt sie sich an einer unkonventionellen Forschungsarbeit zur Logik des Windes. Allerdings gerät sie als mutmaßlich terrorbereite Islamistin ins Visier des BND. Ihr Bruder Abel hingegen führt einen areligiösen Lebenswandel, er ist Kosmopolit und erfolgreich als Avantgarde-Filmemacher. Seine Karriere hat er maßgeblich seiner ständigen Begleiterin Cyan Cerulean zu verdanken.


Cerulean, die weitreichende Kontakte zu Branchengrößen und Mäzenen besitzt, hat jedoch eine eigene Agenda. Dass diese Agenda eine viel größere Dimension besitzt, und sozusagen nicht von dieser Welt ist, erkennt der Leser zunächst, als sich zeigt, dass Cyan mit dem Wind zu kommunizieren vermag. Es wird vollends erkennbar, als sie Abel plötzlich in Gestalt seines eigenen Doppelgängers gegenübertritt und sich ihm als Kain vorstellt.


Das fatale Wirken Cyan Ceruleans führt allerdings nicht nur Nasrin, Abel und Wolf zueinander; es greift auch mächtig in Schicksale und Lebenswege aller beteiligten Figuren ein – vorwärts wie rückwärts. Das halbirdische Wesen besitzt nämlich die Fähigkeit, sich und andere nach Belieben innerhalb der Zeit wie von einem Ort zum nächsten zu bewegen.


Nach und nach erfolgt im Roman eine Aufdeckung des Beziehungsgeflechts und der Wirkungszusammenhänge, die zwischen den Figuren und Ereignissen bestehen. Und davon gibt es rund um die Protagonisten einige:
  • Eine junge Rock-Band, die sich allmählich vom Nazi-Sumpf, aus dem sie gekrochen kam, entfernt und später den Black Metal-Sektor revolutionieren wird.
  • Das sehr besondere Mädchen Nathalie, das in der Luft herumschwebende Glyphen erkennen und entziffern kann und die die Bandpolitik maßgeblich beeinflussen wird.
  • Eine ausufernde Party im Porno-Milieu.
  • Eine linkspolitische Bloggerin, die sich, leicht verliebt, für Nasrin interessiert.
  • Einen für die FAZ tätigen Journalisten namens Dietmar Dath.
  • Und eine Clique undurchsichtiger, mächtiger Männer aus dem Nahen und Fernen Osten, die ein wissenschaftliches Geheimprojekt befördern, das Belege für eine aberwitzig anmutende These liefert: Das Wetter denkt, es lernt, und es reagiert – auf uns.

Erzählung und Handlungsstränge vollführen Zeitsprünge, auch die Figuren selbst finden sich mitunter in Vergangenheiten wieder. Und so wie die Zeit durchlässig ist, zerfließt auch die erzählte Geschichte in mehrere Stränge. So entrückt Cerulean zum Beispiel irgendwann durch einen Spiegel hindurch in eine Vergangenheit, wo sie stirbt.


Die Geschichte verästelt sich in zwei gleich wahre Verläufe – einen, an dem sie beteiligt ist, und einen anderen, bei dem sie leider tot war. Und wenn das Buch schließlich mit derselben Szene endet, die eingangs aus anderer Perspektive beschrieben wird, so weiß der Leser nicht, ob dies ein erklärender Rückgriff darstellt oder ob es vielleicht doch der Beginn eines alternativen Geschichtsverlaufs sein könnte.

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Buchkritik Sascha Reh: "Gegen die Zeit“

Hochinteressantes Thema, distanziert emotionsloser Sprachstil, blasse Figuren
Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2015, 360 Seiten


Zwischen 1970 und 1973 versucht Präsident Salvador Allende in Chile auf demokratischem Weg einen sozialistischen Staat aufzubauen. Die drei Jahre sind geprägt von der Hoffnung derer, die an eine gerechte Gesellschaft glaubten, und dem Hass derjenigen, die befürchteten, dadurch ihre privilegierte Stellung zu verlieren. Der Versuch endet am 11. September 1973 als Pinochets Militärputsch Allendes Utopie begräbt. Mitten hinein in die dramatischen Stunden dieses Putsches führt uns Sascha Rehs Roman „Gegen die Zeit“.


Hans Everding ist ein junger deutscher Industriedesigner, der über ein Austauschprogramm die Möglichkeit erhalten hat, an der Universität in Santiago de Chile jungen Studenten die Grundzüge effektiver industrieller Produktion beizubringen. Everding wird von einem Regierungsvertreter angesprochen und eingeladen, an einem kybernetischen Projekt mitzuarbeiten.


Ziel ist es, die gesamte Industrie Chiles miteinander zu vernetzen. Durch die Koordination aller Produktionsmittel und der Auswertung aller Bedürfnisse soll die Mangelwirtschaft beseitigt werden, ohne in die Fehler einer Planwirtschaft zu verfallen. Es soll so weit gehen, dass exakt die Produkte hergestellt werden, von denen die Menschen im Moment der Produktion noch gar nicht wissen, dass sie sie demnächst benötigen werden. Unter Leitung eines profilierten britischen Wissenschaftlers versucht eine junge Gruppe hochmotivierter Wissenschaftler und Techniker, den ehrgeizigen Plan umzusetzen. Gegen alle sich auftürmenden Widerstände der Mangelwirtschaft und fehlender finanzieller und technischer Ressourcen schafft es die Gruppe dennoch, das futuristische Vorhaben zu beginnen und zumindest ansatzweise umzusetzen. Als 1972 der LKW-FahrerInnen-Streik das Land lahmlegt, kann das Projekt CORFO mit seinen aufgebauten Strukturen zumindest die gröbsten Versorgungsnöte lindern. Mit dem aufgebauten Netzwerk koordiniert die Projektgruppe den Transport der Produktion aus den noch arbeitenden Fabriken in die Städte. CORFO kann erste Erfolge verbuchen.


Die Handlung des Buches beginnt, als alles zu Ende ist. Hans Everding und sein Kollege Óscar fliehen am Tag des Putsches aus der Schaltzentrale ihres Projekts und versuchen, die Software und die Magnetbänder mit Aufzeichnungen vor den Putschisten in Sicherheit zu bringen. Denn auf den Bändern sind die Namen und Adressen der Allende-Unterstützer verzeichnet. Einen Tag später hat sich der erste Pulverdampf verzogen, alles ist zu Ende. Die Panzer rollen. Was wird aus den Menschen? Wer kann fliehen? Untertauchen? Wer wird verhaftet, gefoltert, gequält, getötet? Wer kooperiert? Ein Kampf um die Bänder beginnt, der mit allen Mitteln ausgefochten wird.


Plot & Dramaturgie
Das Buch wurde in den deutschen Feuilletons sehr wohlwollend besprochen. Der Plot sei fesselnd, hochaktuell und interessant. Und fraglos ist das Thema ungemein spannend. Das Projekt gab es wirklich, der Großteil des im Buch geschilderten Plots spielte sich tatsächlich so ab. Allende beauftragte tatsächlich ein kybernetisches Projekt, welches die neue Technik für ein nicht totalitäres antikapitalistisches Gesellschaftssystem liefern sollte. Leiter und Assistenten des Projektes brachten tatsächlich unter Lebensbedrohung 1973 Bänder und Software in Sicherheit.


Stil & Sprache:
Die spannenden historischen Tatsachen waren aber dennoch den meisten unserer LeserInnen das Buch nicht tragfähig genug, um über einen eigenwillige Sprachstil hinwegzuhelfen. Sascha Reh schreibt sein Buch "Gegen die Zeit" in einem sehr distanzierten, eher gewollt emotionslosen Stil. Figuren und deren Motivation bleiben blass. Ängste und Gefühle werden zwar geschildert, vermögen aber Leser und Leserin nicht zu berühren. Ob dies so die Intention des Autoren ist, der vielleicht Thema und Zeitkolorit mit dieser sprachlichen Distanz darstellen möchte?


Bewertung
Aus unserer Gruppe konnte das Buch nur 2 Leser mitreißen und begeistern. Bei 8 weiteren LeserInnen gelang dies nicht, sie waren eher gelangweilt oder gar enttäuscht. Dass das Buch in Summe dennoch die Gesamtwertung von 2,7 erhielt, liegt somit nur an dem interessanten Thema, welches die Wertung nach oben zog.


Wer zu dem spannenden Thema mehr nachlesen möchte, der kann dies hier tun.

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Buchkritik Andreas Kollender: "Kolbe“

Spannender Roman über Spion der Nazizeit
Pendragon Verlag, 2015, 446 Seiten


Fritz Kolbe hat als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes am Anfang des zweiten Weltkrieges eine Schlüsselfunktion inne, über seinen Tisch laufen streng geheime Dokumente. Eine Kurierfahrt in die Schweiz ermöglicht ihm die Kontaktaufnahme mit den Amerikanern. Er übergibt Ihnen hochbrisantes Material, unter anderem von der Wolfsschanze, die die Amerikaner in die Lage versetzen könnten, Hitler zu töten. Aber nichts passiert, der Krieg geht unvermindert weiter, er zweifelt an seiner Mission, doch seine Freundin Marlene, die ihm alles bedeutet, ermutigt ihn weiterzumachen


Stil & Sprache:
Die beiden ineinander verwobenen Geschichten wurde sehr unterschiedlich bewertet: Die Agentengeschichte galt als sehr flüssig und spannend erzählt, die eingeschobene Liebesgeschichte wurde als zu gefühlig, fast kitschig empfunden.


Plot & Dramaturgie:
Die Rahmengeschichte, die einige Jahre nach Kriegsende in den Bergen spielt, wurde von allen Teilnehmern der Shortlistgruppe als unnötig erachtet. Sie stört den Lesefluss und bringt nicht wirklich neue Erkenntnisse.


Bewertung:
Die Bandbreite in der Bewertung reichte von 2,1 bis zu 3,9 Punkten. Die Mehrzahl der Gruppe hat das Buch gern gelesen. Das Gesamtergebnis lag bei einem Schnitt von 3,1 von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Yiyun Li: "Schöner als die Einsamkeit“

Hanser Verlag 2015, 352 Seiten
Verstörend, Kulturunterschied Ost-West, Schuld/ Unschuld


Yìyún Lǐ wurde 1972 in Peking geboren und emigrierte 1996 in die USA. Ihr Roman „Schöner als die Einsamkeit“ beschreibt das Leben in einer dorfähnlichen Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Repression durch den Staat und die Flucht aus diesem Leben durch Emigration in die USA.   


Inhalt:
Ruyu ist ein Waisenkind, das von zwei katholischen Schwestern aufgezogen wurde. Sie kommt als Teenager zu entfernten Verwandten nach Peking und trifft dort auf die gleichaltrigen Moran und Boyang und auf die Tochter ihrer Gastfamilie, die in die Proteste von 1989 verwickelte Shaoai.

Über zwanzig Jahre später teilt der in Peking reich gewordene Boyang seinen beiden in die USA ausgewanderten früheren Schulfreundinnen Ruyu und Moran mit, das Shaoai gestorben ist.


Aufbau:
Der Roman pendelt zwischen diesen beiden Zeitebenen. Stück um Stück enthüllen sich die unseligen Beziehungen der vier jungen Chinesen und ihrer Verantwortung für das Leiden von Shaoai, die körperlich und geistig zum Pflegefall wurde. Diese Vergangenheit scheint derart toxisch in die Gegenwart zu wirken, dass Ruyu, Moran und Boyang nicht in der Lage sind, funktionierende Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.


Stil:
Dieses Leben ohne Mitgefühl für andere Menschen schildert die Autorin in einer sehr distanzierten, nüchternen Sprache. Das macht das Buch wenig einnehmend, fast unangenehm zu lesen, gleichwohl aber auch eigen und interessant.


Bewertung:
Polarisiert hat uns vor allem die Beurteilung der Hauptfigur Ruyu. Ist sie ein misshandeltes, bedauernswertes Kind mit Selbstmordgedanken, das nicht weiß, was es tut, oder ein empathieloser Roboter, ein Monster sogar, das schwere Schuld auf sich lädt?


Wir konnten uns nicht einigen, unsere Wertungen schwanken zwischen 1,8 und 4,5 von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Monique Schwitter: "Eins im andern“

Lahme Liebeleien in sprachlich gutem Stil
Literaturverlag Droschl, Graz, Wien 2015, 232 Seiten


DIE IDEE:
„Wenn man plötzlich nach seiner ersten Liebe googelt“ und erfährt, dass die erste große Liebe Selbstmord beging, nimmt Frau das zum Anlass, über die vergangenen Beziehungen zu Männern zu rekapitulieren. Insgesamt zählt die Ich-Erzählerin zwölf unterschiedliche Beziehungen zu Männern. Sie gibt ihnen überwiegend die Namen der biblischen zwölf Apostel: Petrus, Andreas, Jakob, Philip, Nathanel, Tadeusz, Mathieu, Thomas, Simon, ihr Bruder, ihre beiden Söhne, der kleine Großer und der kleiner Kleine. Diese Affären und Freundschaften werden aus der Sicht der Ich-Erzählerin in zahlreichen Rückblicken dargestellt.


„BUNTE“-STORIES
Die Aneinanderreihung dieser Liebesgeschichten wirkt mühsam und zum Teil konstruiert. Trotz Tratsch wie in der Bunten berühren sie emotional nur selten. Die Verschachtelungen und immer wieder rückblickende Geschichten aus der Vergangenheit erleichtern das Verständnis der Leser nicht.


Die Ich-Erzählerin scheint um sich herum immer wieder Halt und das Glück zu suchen, zu dem die Männer ihr verhelfen sollen. Sie wirkt sprunghaft, letztlich erfährt der Leser über ihren Charakter aber nur wenig. Die männlichen Figuren sind dafür umso exakter beschrieben und gut voneinander abgrenzbar. Ein roter Faden ist nicht zu erkennen. Lediglich der Tod und der Verfall tauchen immer wieder in verschiedenen Aspekten auf.


BEWERTUNG:
Über diese Schwächen des Buches konnte auch die angenehme bis sehr gute Schreibe der Gewinnerin des Schweizerischen Buchpreises nicht hinwegtäuschen. Die Hamburger Shortlist konnte die zahlreichen Nominierungen des Buches auf anerkannten Shortlists nicht gänzlich nachvollziehen. Die Geschichten wurden als lapidar und langweilig empfunden. Viele von uns mussten mehrere Anläufe nehmen, um das Buch durchzulesen, da ein guter Spannungsbogen fehlt.


Die großen Gefühle vermisst nicht nur die Ich-Erzählerin in ihren zwölf Liebesgeschichten, sondern auch die LeserInnen. „Die Liebe sucht man sich nicht aus, sie sucht dich aus“ lautet die Weisheit der Großmutter der Ich-Erzählerin, die immer wieder biografische Züge ihrer Schöpferin widerspiegelt. Das Trostpflaster der LeserInnen: Die Lektüre können wir uns aussuchen.


Insgesamt erhielt das Buch knapp 2 Punkte in der Gesamtbewertung. Am besten wurden Stil und Sprache eingeschätzt mit bis zu 4 Punkten in der Einzelnote.

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Buchkritik Maylis de Kerangal: "Die Lebenden reparieren“

Dramatisch, poetisch, sprachgewaltig
Suhrkamp, 255 Seiten


Um 5.50 klingelt der Wecker von Simon Limbres. Es ist der letzte Tag seines Lebens, denn der 20 jährige Surfer wird sterben – und sein Tod anderen ermöglichen, weiter zu leben. Vorausgesetzt, die Eltern stimmen zu, der Arzt sucht die richtigen Empfänger aus, die Chirurgen geben ihr Bestes. Die Zeitspanne für eine erfolgreiche Organspende ist kurz bemessen.


24 entscheidende Stunden
Den Konsequenzen dieser Entscheidung verfolgt der Roman von Maylis de Kerangal aus den verschiedenen Perspektiven der involvierten Personen über einen Zeitraum von 24 Stunden. Eine Menschenkette, die die Autorin mit ihren Gefühlen und Gedanken, Stärken und Schwächen vorstellt. Zehn Menschen, für die dieser Unfall eine Katastrophe, das Ende einer Liebe, einen interessanten medizinischen Fall, eine Chance, ein großes Glück bedeutet. Dabei liefert sie kurze, schlaglichtartige Einblicke in das Leben der Erzähler wie etwa dem kauzigen Stationsarzt, dem singenden Organspende-Experten oder der auf den Moment der Spende hinlebenden Empfängerin. Gleichzeitig wird Maschinerie der Organspende präzise und nüchtern geschildert. Aus diesem Zusammenspiel von emotional aufrührenden Szenen und deskriptivem Reportagestil vor dem Hintergrund der immer knapper werdenden Zeit bezieht das Buch eine enorme Spannung.


Langgestreckte Sätze
Dazu kommt eine sehr kraftvolle Sprache, in der sie die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten beschreibt. In langen, mitunter über mehrere Seiten gehenden Sätzen spiegelt sie die Atemlosigkeit, die Hast der 24 Stunden für die erfolgreiche Transplantation wider. „Langgestreckte Sätze von konzentrierter Schönheit“ hat das die NZZ genannt. Gleichzeitig findet die Französin wunderbare Bilder in unmittelbarer Nähe des Todes. „Es gelingt ihr, dem Grauen eine poetische Stimmung zu entlocken“, schreibt der hr.


Zahlreiche Auszeichnungen
Tatsächlich hat die Autorin zahlreiche Preise erhalten. Schon 2010 stand ihr Buch „Die Brücke von Coca“ auf der Shortlist des renommierten Prix Goncourt. Auch „Die Lebenden reparieren“ hat in Frankreich nachhaltig begeistert. Dort gilt mittlerweile – anders als in Deutschland – für Organspenden die Widerspruchsregelung. Jeder Franzose, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat, ist Spender; Angehörig haben kein Widerspruchsrecht mehr.


Bewertung
Unsere Gruppe war mit wenigen Ausnahmen völlig begeistert von diesem sprachgewaltigen, spannenden, aktuellen und gleichzeitig sehr nachdenklichen stimmenden Roman. Dreimal wurde in allen Kategorien die Bestnote 5 vergeben (Stil, Aufbau Story, Thema, Spannung, gern gelesen) - das gab es in sechs Jahren Literaturclub noch nie.


Allerdings gab es auch kritische Stimmen, die zu dem Buch gerade wegen der vielen Personen, der überbordenden Sprache und des atemlosen Stils keinen Zugang fanden. In Summe erzielte „Die Lebenden reparieren“ dennoch 4 von 5 Punkten und damit die beste Bewertung unseres Literaturclubs in 6 Jahren.

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Buchkritik Harper Lee: "Gehe hin, stelle einen Wächter“

Belangloser Vorgänger von „Wer die Nachtigall stört“
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), 2015, 320 Seiten

Harper Lee hat bisher nur einen Roman veröffentlicht, doch dieser hat der US-amerikanischen Schriftstellerin Weltruhm eingebracht: "Wer die Nachtigall stört", erschienen 1960 und ein Jahr später mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ist mit 40 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen eines der meistgelesenen Bücher weltweit.


Handlung:
"Gehe hin, stelle einen Wächter" spielt 20 Jahre später, im Amerika der 1950er-Jahre. Die 26jährige Jean Louise Finch besucht ihre Familie in ihrem Heimatort in Alabama und muss entdecken, dass ihr Vater Atticus nicht mehr ihrem Bild aus Kindheitstagen entspricht. Statt Toleranz, Gleichheit und Vorurteilsfreiheit für alle Menschen zu vertreten, setzt er sich nun politisch vehement gegen die Aufhebung der Rassentrennung ein. Es kommt zu einem großen Streit zwischen Tochter und Vater.


Diese Auseinandersetzung findet allerdings erst auf den letzten Seiten des Buches statt. Bis dahin plätschert die Geschichte vor sich hin. Beschaulich wird die heimatliche Umgebung der Familie Finch beschrieben. Ausführlich, fast schon langatmig wird der Leser über die gesellschaftlichen und moralischen Umstände der damaligen Zeit samt den Problemen einer Jugendlichen in den 50ern informiert.


In diese eher schlichte Backfischthematik streut die Autorin zum Ende Einsichten und eine politisch fragwürdige Argumentation des Vaters gegen die Aufhebung der Rassentrennung. Weder der als Höhepunkt gedachte Streit zwischen Tochter und Vater noch die anschließende Versöhnung sind dann wirklich überraschend und überzeugend.


Stil und Dramaturgie
Diese Geschichte lässt sich flüssig lesen, ohne besonders Highlights beim Erzähl- und Sprachstil. Dass man das Buch lesen sollte fanden allerdings nur die aus unserer Gruppe, die auch „Wer die Nachtigall stört“ kannten und so ein Wiedersehen mit den Figuren feiern konnten. Bei den anderen überwog Erstaunen ob einer sehr belanglosen dünnen Geschichte und Novelle.


Bewertung:
Die Bandbreite der Bewertung reichte daher auch von 1,2 bis zu 4,3 Punkten - und ergab einen Durchschnitt von 3,2 Punkten (Höchstzahl 5).

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Buchkritik Nadifa Mohamed: "Black Mamba Boy“

Geographisch literarisches Neuland, thematisch hochaktuell
366 Seiten, C.H. Beck Verlag 2015


Nadifa Mohamed erzählt in Black Mamba Boy das an das Leben ihres Vaters angelehnte Schicksal des somalischen Waisen Jama. Dessen Odysee führt in zwischen 1935 und 1947 durch einen vom Kolonialkrieg gebeutelten afrikanischen Kontinent bis hin nach Europa.


Handlung:
Jama, der früh seine Mutter verliert, wächst im Jemen ohne gesellschaftlichen Halt als Straßenjunge aus. Die Suche nach seinem Vater, der die Familie verlassen hat und im Sudan arbeiten soll, wird für Jahre zu seinem großen, unerfüllten Ziel.


Jama verpflichtet sich als Söldner bei der italienischen Besatzungsarmee. Nach dem willkürlichen Massaker seines Freundes durch einen italienischen Soldaten flieht Jama vor der Rohheit der Kolonialherren weiter nach Ägypten. Dank der Hilfe eines Mannes aus seinem Klan kann er als Seemann auf einem englischen Schiff heuern und reist bis nach Europa, während seine Frau in Äthiopien auf ihn wartet.


Bewertung
In unserem Club erzielte das Buch mit Gesamtnote 3 eine durchschnittliche Bewertung. Die Handlung und vor allem die unbekannten Teile von Afrika, in denen die Geschichte spielt, fanden die meisten von uns interessant.


Aber die Übersetzung samt ihrer überladenen Sprache stieß auf Kritik. Als Debutroman fanden wir dieses Buch dennoch bemerkenswert und das Thema der Flucht sehr aktuell.

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Buchkritik Amos Oz: "Judas“

Konstruierte Konflikte in handlungsarmen Buch
Suhrkamp Verlag 2015, 332 Seiten


Die Geschichte
Im Winter 1959/60 befindet sich Schmuel Asch in einer schwierigen Lage. Seine Eltern können ihn bei seinem Studium nicht mehr finanziell unterstützen und seine Freundin heiratet einen anderen. Deshalb nimmt er eine Stelle an, die ihn verpflichtet mit einem meinungsstarken alten Mann namens Gerschom Wald zu diskutieren.


Wald lebt mit der 45-jährigen Atalya, seiner Schwiegertochter zusammen, die den jungen Schmuel sofort in ihren Bann zieht. Schmuel arbeitet während seines Aufenthaltes weiter an seiner Examensarbeit, die sich mit Person des Judas befasst, der sich von einem Spitzel zu einem glühenden Verehrer von Jesus wandelt. Als der alte Mann erkrankt, pflegt Schmuel ihn und erfährt, wie Micha, der Sohn des alten Wald, ums Leben kam.


Stil & Sprache
Oz hat einen sehr knappen, fast lakonischen Schreibstil, der den Leser bei der „Beziehungsgeschichte“ oft allein lässt. Hin und wieder blitzt eine gelungene Formulierung auf, aber das Gefühlsleben der handelnden Personen wird nur sehr karg beschrieben. Zudem häufen sich Wiederholungen und wortgleiche Sequenzen in der Beschreibung von Schmuels Alltag und Aussehen.


Plot & Dramaturgie
Die Geschichte zwischen Schmuel, Ataly und Gerschom ist kaum ausgearbeitet. Trotzdem gelingt es dem Autor einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Das ist besonders der Rahmenhandlung, in der das Leben des Judas beschrieben wird, geschuldet, die die Geschichte vorantreibt.


Bewertung
Die Bandbreite in der Bewertung reichte von 1,4 bis zu 3,6 Punkten. Nur einige wenige aus unserer Gruppe haben das Buch wirklich gern gelesen. Das Gesamtergebnis lag bei einem Schnitt von 2,7, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Ludwig Winder: "Der Thronfolger“

Altertümliches, interessantes Psychogramm eines Unsympathen
Zsolnay Verlag, Wien 2014, 576 Seiten


Ludwig Winder beschreibt die letzten Jahre der k.u.k. Monarchie. Im Zentrum der Erzählung steht das Leben des letzten Thronfolgers Franz Ferdinand. Menschenscheu und -verachtend und mit grimmiger Willensstärke drängt es Franz Ferdinand zur Macht. Er wälzt Staatspläne, sucht seltsame Koalitionen, wird von Ehrgeiz gequält und wird doch vom Kaiser Franz Joseph in keine wichtigen Staatsangelegenheiten einbezogen.


Ruhe findet Franz Ferdinand nur neben seiner vom Hofe als nicht standesgemäß angesehenen Gattin und bei dem manischen Ausleben seiner Schießwut. Als der Thronfolger in Sarajevo ermordet wird, ist er von seinen lang gehegten Staatspläne schon wieder abgerückt und von seiner Mission selbst nicht mehr überzeugt.


Der Roman von Ludwig Winder erschien bereits 1937 in der Schweiz. Der jüdische Autor durfte in Deutschland nicht publizieren; in Österreich wurde der Roman ob des Gesetzes „Zum Schutz des Österreichischen Ansehens“ verboten. 2014 wurde das Buch wieder neu aufgelegt und von den Feuilletons als literarische Kunstwerk gefeiert, in dem ein zugleich abstoßender und doch bemitleidenswerter Tyrann historisch exakt, psychologisch differenziert und menschlich gerecht dargestellt wird.


In unserem Lesekreis wurde die Meinung der Feuilletons bedingt geteilt. Insgesamt lasen wir das Buch mit Interesse und fanden, trotz bekanntem Ende, das Buch doch spannend und überraschend aktuell. Letztendlich störten wir uns etwas an dem eher altertümlichen und schlichten Sprachstil. Der Perspektivwechsel im letzten Teil des Buches hin zu den Innenansichten der Attentäter wurde von einigen Lesern als störend empfunden, und den meisten von uns wurden die 576 Seiten über die letzten Jahre der k.u.k Monarchie etwas arg lang.


In Summe wurde das Buch bei uns mit einer 3,3 bewertet. Und wie so häufig ist dieses eher indifferente Ergebnis nur der mittige Durchschnitt vieler Meinungen. Der Großteil von uns war jedenfalls angetan von dem Psychogramm des Unsympathen.

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Buchkritik Patrick Modiano: "Gräser der Nacht“

blass, handlungsarm, langweilig
Carl Hanser Verlag, 2014, 175 Seiten


Patrick Modiano erhielt 2014 den Literaturnobelpreis nachdem er bereits div. andere renommierte Preise (Großer Romanpreis der Académie Française, Prix Goncourt) gewonnen hat. Die Übersetzung von „Gräser der Nacht“ ist zudem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.


Inhalt:
Der Ich-Erzähler erinnert sich mithilfe seines alten Notizbuchs und einer Polizeiakte an die sechziger Jahre, als er sich in den Kreise von mysteriösen Menschen bewegte, die alle eine Verbindung zu Marokko hatten. Er verliebt sich in die undurchsichtige Dannie, die ihren wahren Namen, Wohnsitz, ihre Herkunft und Ziele verschweigt und nur andeutet, dass sie in eine „üble Geschichte“ verwickelt ist. Dabei scheint es sich um die Ermordung des marokkanischen Exilpolitikers Ben Barka zu handeln. Nach drei Monaten verschwindet Dannie spurlos und hinterlässt nur einen Abschiedsbrief. Der Erzähler wird von dem Polizisten verhört, der ihm Jahre später die Polizeiakte zukommen lässt, danach hört er nie wieder etwas von Dannie und ihren Bekannten.


Stil:
Modianos Stil ist geprägt von der Erinnerung, die nebulös bleibt. „Gegenwart oder Vergangenheit hat es für mich nie gegeben. Alles verschmilzt.“ sagt der Ich-Erzähler an einer Stelle und vielfach fragt sich der Leser aufgrund der nur angedeuteten Ereignisse, ob er sich überhaupt tatsächlich an das erinnern will, was war.


Diese Unschärfe der Handlung und die vage Sprache konnten uns – mit zwei Ausnahmen – nicht überzeugen. Was in der Kritik als „zutiefst romantisch, zutiefst melancholisch“ (Spiegel Online) gelobt wurde, erschien uns handlungsarm und langweilig. Insbesondere der gerühmte – in unseren Augen andeutungsschwangere - „Modiano-Sound“ wurde von uns als enervierend empfunden, die Figuren und ihre Handlungen als blass und unglaubwürdig.


Es gibt Kritiker, die behaupten, Modiano schreibe „immer dasselbe Buch“. Für die meisten Mitglieder der Shortlist wird es so oder so bei diesem einen bleiben. Mit 1,5 von 5 Punkten erhält „Gräser der Nacht“ eine der schlechtesten Bewertungen unserer Shortlist.

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Buchkritik Carl Nixon: "Settlers Creek“

Spannender Zweikampf um den toten Sohn
Weidle Verlag, 343 Seiten


Ein jugendlicher Toter wird gefunden. Die Mutter des Jungen ruft Ihren Mann, der in einer anderen Stadt auf eine Baustelle jobbt, sofort an. Box, so heißt der Neuseeländer, setzt sich sofort ins Flugzeug.


Es folgen Rückblenden über das bessere Leben der Familie vor der Wirtschaftskrise. Box war gut situierter Bauunternehmer, der es sich leisten konnte, seine Kinder auf teure Privatschulen zu schicken; heutzutage arbeitet er nur als Handlanger am Bau und die Familie kommt gerade so durch. Mark, der Junge, der offensichtlich Selbstmord begangen hat, ist der Sohn des ersten Mannes seiner Frau, eines Maoris.


Dieser leibliche Vater, Tipene, kommt mit einem großen Troß von Maoris, um zu trauern. Box ist verärgert, weil Tipene sich in der Vergangenheit nie um seinen Sohn gekümmert hat.


Die Geschichte erreicht einen Höhepunkt, als die Leiche von Mark kurz vor der Beerdigung auf dem alten Siedlerfriedhof von den Maoris gestohlen wird. Mark macht sich auf den Weg, um die sterblichen Überreste seines Sohnes zurückzuholen.


Stil & Sprache
Der Leser wird ausschließlich mit der Sichtweise des Ziehvaters Box konfrontiert, seine Sprache ist direkt und deftig, möglicherweise in Anlehnung an die Sprache der ersten Siedler. Mitunter irritieren einige seltsame Metaphern (Tanzbär unter Starkstrom). Das könnte auch eine Folge der etwas holprigen deutschen Übersetzung sein


Plot & Dramaturgie
Die Geschichte, die von Stolz, Ehre und Gerechtigkeit handelt, hat etwas von einem „Western“ an sich, in dem sich zwei Männer duellieren. Die Wut und Trauer des Ziehvaters Box werden glaubwürdig beschrieben, die Gefühle und Beweggründe des leiblichen Vaters kommen allerdings zu kurz.


Bewertung
Die Bandbreite in der Bewertung reichte von 2,5 bis zu 4,6 Punkten. Einige wenige haben "Settlers Creek" sehr gern gelesen. Das Gesamtergebnis lag bei einem guten Schnitt von 3,3, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik David Peace: "GB84“

Schwierige Lektüre, sehr eigenwillig, fragmentierte Sprache und Handlung
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2014, 544 Seiten


Was für ein vielversprechendes Thema: Der Autor David Peace arbeitet den britischen Bergarbeiterstreiks von 1984-85 auf. Margaret Thatcher geht mit aller Vehemenz gegen die Gewerkschaften vor. Nach einem Jahr hartem Streik sind die Gewerkschaften am Boden zerstört, eine politische Wende ist eingeleitet worden.


In die Aufarbeitung dieser britischen Geschichte verwoben ist eine Kriminalhandlung, die Spannung verspricht. Und nicht zuletzt ist der Autor mit Preisen dekoriert und das Buch in den Feuilletons hoch gelobt. Wir haben uns viel versprochen von dem Buch - es wurde uns nicht eingelöst.


Aufbau und Struktur
GB84 ist ein akribisch komponierter Roman: Der einjährige Streik findet sich in 53 Kapiteln des Buches wieder, jede Streikwoche wird in einem eigenen Kapitel beschrieben. In jedem Kapitel werden drei Erzählstränge weitergeführt. Jeder Erzählstrang hat seine eigene Sprache, eigene Zeitebene und sogar eigene Typografie. Und nicht nur der Erzählrahmen ist komponiert, auch die Sprache ist vielschichtig arrangiert. Jede Überschrift birgt Doppeldeutiges, Namen und Pseudonyme sind höchst bedeutungsschwanger. Gedichtzeilen werden eingestreut, Satzfetzen in altertümlichen Sprachen eingewoben.


In diesen kompositorischen Rahmen wollte der Autor das widerspiegeln, was seiner Meinung nach den Bergarbeiterstreik kennzeichnete: chaotische Strukturen, unklare Machtverhältnisse, ein Umfeld von Bedrohung, Machtmissbrauch, Korruption und die Unfähigkeit und den Unwillen aller beteiligten Parteien zu einer einvernehmlichen Kommunikation oder gar einem Kompromiss zu kommen. Dieses Durcheinander zu dechiffrieren ist aber in Deutschland, 30 Jahre nachdem der Streik in Britannien zu Ende gegangen ist, nicht mehr möglich.


Zwei Beispiele mögen das veranschaulichen:
  1. Die zentrale Krimi-Handlung rankt sich um einen schiefgelaufenen Job einer Bespitzelungs-Truppe, bei der die abzuhörende ältere Dame zu Tode kommt. Dass es sich dabei um einen hochbrisanten, bis heute ungeklärten Mord der Atom-Gegnerin Hilda Murrell handelt, wird keinem deutschen Leser erkennbar werden. Die Brisanz der These von David Peace, dass letztendlich die Regierung in diesen Mord verwickelt ist, bleibt damit dem deutschen Leser ebenfalls verborgen.
  2. Zahlreiche hochpolitische Thesen des Autoren finden 2014 in Deutschland keinen Widerhall. So stellt Peace in GB84 dar, wie der britische MI5 den Gewerkschaftsboss Terry Winter (damals Roger Windsor) dazu bringt, sich mit Gaddafi zu treffen. Die Presse lichtet den Gewerkschaftsboss ab, eine Woche nachdem eine britische Polizistin mit einem Schuss aus der Lybischen Botschaft ermordete wurde. Es war ein Auftritt, der in Britannien offensichtlich bis heute präsent ist: "Who can forget the television Images of Roger Windsor kissing Gadaffi in his tent?" Diese Fernsehbilder sind in Deutschland nicht präsent - und somit wird die politische Brisanz der These, dass der MI5 dieses Image zerstörende Marketingdesaster der Gewerkschaft zu verantworten hatte, nicht klar.

Stil und Sprache
Die Sprache, in der der Roman verfasst ist, macht das Lesen und Dechiffrieren nicht einfacher. Denn David Peace erzählt nicht nur ein Geschichte oder Handlung, sondern er formt mit seiner Sprache eine Melodie, die in sich selber bereits etwas ausdrückt. Seine fragmentierte Sprache mit Stakkato-Wörter und -Sätze zeugen von verzweifelten Menschen die sich in einer zertrümmerten Welt bewegen.


Nach eigener Aussage hätte Peace zudem gerne noch mehr Altenglisch, lateinische und französische Wörter eingestreut, um die Referenz auf den Normannen William the Conqueror (Wilhelm den Eroberer) zu ziehen, der 1066 England eroberte. In der Tradition von William, der damals England und Yorkshire überrannte und in den folgenden Jahren lokale Aufstände blutig unterdrückte, sieht der Autor das Vorgehen von Thatcher gegen die streikenden Bergarbeiter. (1)

Und schließlich kommt in diese Mischung von angedeuteten Namen und Handlungen, geschrieben in einer höchst eigenwilligen Stakkato-Sprache noch der erklärte Willen des Autoren, das Chaos des Streiks und die unklaren Machtverhältnisse dieser Zeit in seinem Roman genauso abzubilden. Das heißt es gibt auch in dem fiktiven Krimi-Geschehen keine eindeutige Struktur. Jeder betrügt jeden, wer von wem welchen Auftrag bekommt, bleibt willentlich im Unklaren. Nur durch indirektes Schlussfolgern wird klar, welche Motive bei welchem Protagonisten zu welchen Handlungen führt.


Bewertung
Was für den heutigen Leser außerhalb Großbritanniens übrig bleibt, ist ein sehr schwer lesbares Buch, das eindrucksvoll darstellt, wie Thatcher einen persönlichen Krieg gegen die Gewerkschaften führt und wie die Streikenden von einer instrumentalisierten Presse als "Feind im Staat" verunglimpft wurden. Und es bleibt ein Krimikonstrukt, das mehr von Stimmung und Sprachmelodie lebt denn von stringenter Handlung. Eine Sprachmelodie, die sich zudem nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt.


David Peace weiß, wie schwierig er schreibt. Sein kommerzieller Erfolg verwundert ihn selber. Er geht sogar davon aus, dass viele seiner Bücher nur aufgrund der guten Kritiken gekauft werden, von Lesern, die nicht wissen worauf sie sich einlassen. Leser, die dann nach den Erstseiten-Schock das Buch für immer zur Seite legen. (2)


Und genauso erging es uns. Niemand von uns kam über ein Drittel des Buches hinaus. Unsere These: Nur sehr wenige Leser werden in Deutschland das Buch und den Krimi genießen können.


Referenzen und Sekundärliteratur zu GB84

(1) "I particularly wanted to excise as much Latin and French derived words from the text as possible. This relates to the idea of the North, and of Yorkshire in particular, being a separate country within a country. Thatcher's treatment of the miners, for me, echoed William the Conqueror's 'Harrowing of the North' - when Norman troops killed every male in Yorkshire and salted the earth - following his victory at Hastings"
Zitat David Peace aus: "The Strange Language of David Peace or The Exile from Yorkshire" Stéphanie Benson, 2009
europolar.eu

(2) Sehr interessantes Interview mit David Peace bei Spiegel Online


(3) "The Third English Civil War: David Peace's "Occult History" of Thatcherism" von Matthew Hart
Contemporary Literature
Volume 49, Number 4, Winter 2008
Seiten 573-596
online



(4) “A Scar Across the Country”: Representations of the Miners’ Strike
in David Peace’s GB84, Rhona Gordon
Kapitel 11, Seiten 142-151 aus: "Digging the Seam, Popular Cultures of the 1984/5 Miners’ Strike", Edited by Simon Popple and Ian W. Macdonald, Cambridge Scholars Publishing
cambridgescholars

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Buchkritik Hilary Mantel: "Die Ermordung Margaret Thatchers“

Zynisch, bösartig, sprachlich perfekt
DuMont, 2014, 158 Seiten


Inhalt:
In zehn Kurzgeschichten spürt die britische Autorin Hilary Mantel absurden, verstörenden und erschreckenden Begegnungen und Ereignissen in der Kindheit, Jugend, Ehe und fortgeschrittenen Berufslaufbahn ihrer ebenso vielen Protagonisten nach. Es geht um Magersucht, Kindesmissbrauch, Ehebruch, IRA-Terror, das Leben im England der 60er bis 80er Jahre und dessen dunklen Seiten.


Offenkundig sind autobiografischen Erfahrungen und Erlebnisse der Autorin in die Geschichten mit eingeflossen. Heute zählt Hilary Mantel zu den Stars der britischen Literatur. Für ihre historischen Romane „Wölfe“ und „Falken“ über die Tudorzeit im England des beginnenden 16. Jahrhunderts wurde sie 2009 und 2012 gleich zweimal mit dem britischen Booker Prize ausgezeichnet und von der Queen geadelt.


Doch Hilary Mantels Kindheit und ihr Start als Schriftstellerin waren bitter. Die Kritik erinnert an   frühere Jahre, in denen sie als zunächst wenig erfolgreiche Autorin über die Dörfer tingelte. Mit ihrem Mann verbrachte sie vier Jahre im saudi-arabischen Dschidda. Und sie lebte 1983 in Windsor, mit Blick auf das Krankenhaus, in dem sich die damalige Premierministerin Margaret Thatcher einer Augenoperation unterzog.


Sprache & Stil:
Hilary Mantel erzählt ohne Anteilnahme, aus der Sicht einer interessierten Beobachterin, zynisch und lakonisch. Sie beobachtet die Geliebte des Vaters, die Schwester beim Verhungern und den Mörder beim Anschlag.


Dabei gelingt es ihr in jeder Geschichte, mit wenigen treffenden Worten Situationen und Personen zu charakterisieren und den Leser einzufangen. Sie benutzt ungewöhnliche Bilder, arbeitet mit Anspielungen und zielsicher gesetzten Schock-Effekten. Die Ereignisse sind tragisch, komisch, niemals gemütlich. Und schon die ersten Sätze der Geschichten ziehen den Leser in den Bann: „Er war 45, als seine Ehe an einem langen Herbsttag, dem letzten mit Grillwetter, definitiv endete“ oder: „Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm“.


Dramaturgie & Spannung:
Die Spannung, die Hilary Mantel mit den ersten Sätzen aufbaut, hält sie allerdings nicht bei jeder Geschichte durch. Manche der Erzählungen haben Längen, sind nicht verständlich, mitunter irritiert auch Übersinnliches. Highlight ist in jedem Fall die letzte Geschichte rund um den IRA-Anschlag auf Margaret Thatcher, die auch als letzte der Erzählungen entstand und zu Recht auf dem Titel steht.


Bewertung:
Trotz seiner großartigen Sprache – da war unsere Gruppe sich einig – erhielt der Erzählband daher in puncto Spannung durchweg nur eine durchschnittliche Bewertung und wurde auch nicht von allen wirklich gerne gelesen. Andererseits fielen die „zeitgenössischen Spukgeschichten“ (FAZ) auch bei keinem aus der Gruppe völlig durch.


Soviel Konsens war selten – und als Ergebnis mit 3,2 Punkten auch eine klassische Durchschnittsnote – von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Jhumpa Lahiri: "Das Tiefland“

Interessanter, gut zu lesender Familienroman
Rowohlt 2014, 528 Seiten


Inhalt:
Es ist die Geschichte von 2 Brüdern, die in Kalkutta aufwachsen. Der ältere Bruder geht nach dem Studium in die USA und setzt erfolgreich seine Karriere fort. Sein jüngerer Bruder schließt sich dem politischen Widerstand an und heiratet ohne die Zustimmung seiner Eltern Gauri. Das junge Ehepaar ist an einem Attentat gegen einen Polizisten beteiligt, das für die ganze Familie fatale Folgen hat.


Bewertung:
Von unserer Gruppe wurde das Buch begeistert aufgenommen („schon im Januar das beste Buch des Jahres!“) und die präzise Darstellung der inneren Entwicklung der Figuren gelobt. Die Handlung, die sowohl in den Staaten als auch in Indien spielt, war wenig vorhersehbar und dadurch sehr interessant. Die Sprache Jhumpa Lahiris ist schlicht und subtil. Die Autorin entwickelt ihren eigenen überzeugenden Stil. Insgesamt erzielte „Das Tiefland“ in unserer Gruppe eine sehr hohe Bewertung von 4.2 Punkten - von 5 möglichen. Einhelliges Urteil: ein sehr empfehlenswertes Buch.

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Buchkritik Yasmina Reza: "Glücklich die Glücklichen“

Episodenroman über Paare und ihre Probleme
Carl Hanser Verlag, 2014, 175 Seiten


Das Buch beginnt mit einer Episode der Toscanos, Odile und Robert, die in der Mitte eines Netzwerkes stehen. Sie streiten sich über den „falschen Kauf“ einer Käsesorte, die Situation eskaliert und entlädt sich schließlich in einem Ringkampf um die Autoschlüssel. Im Laufe des Buches erweitert sich der Kreis der Handelnden, Hauptfiguren der einen Episode sind Nebenfiguren in der nächsten ...


Stil & Sprache:
Die Schauspielerin und Theaterdramaturgin Yasmin Reza kann auch in ihrem Buch ihre Affinität zum Theater nicht verleugnen. Bei ihrer Wortwahl handelt es sich fast um Regieanweisungen, die schlaglichtartig auf eine Situation hinsteuern. Die Dialoge sind teilweise skurril, trivial und bitter, aber immer sehr glaubhaft. “Dem Einfachen entspringt das Pathetische“, hat Yamin Reza einmal über ihr eigenes Schreiben gesagt.


Plot & Dramaturgie:
Der Roman von Yasmin Reza ist kurz, es handelt sich um einen Episodenroman, der das Leben der oberen Mittelschicht in Episoden mit Eltern, Freunden, Geliebten und Vertrauten beschreibt. Gern gelesen: Jede der kurzen Episoden samt ihren Ehe- und Beziehungswahrheiten liest sich gut, doch in der Fülle aneinandergereiht verlieren sie an Reiz.


Spätestens ab der Mitte des Buches geht der Überblick über die Figuren verloren und damit auch das Interesse an den immer wieder neuen Konstellationen und Tiefschlägen.


Bewertung:
Die Jury war gespalten bei der Bewertung des Buches, die Bewertung reichte von 1,0 bis zu 4,25 Punkten, von trivial bis genial. Einige haben es gern gelesen, einige nicht. Das Gesamtergebnis lag daher im Schnitt bei 2,8 Punkten, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Margriet de Moor: "Melodie d'amour“

Gut konstruiertes, aber eher schwaches altbackenes Alterswerk
Carl Hanser Verlag, 2014, 384 Seiten


Handlung:
In Margriet de Moors Roman Mélodie d'amour geht es um die verschiedenen Spielarten der Liebe: der Liebe zwischen Menschen, die in einer langen Beziehung leben, der Liebe als Obsession, der Liebe zwischen Geschwistern, der freundschaftlichen und der platonischen Liebe. Ihr Panaorama entfaltet die Autorin in vier voneinander unabhängigen Kapiteln um den Rotterdamer Stadtarchäologen Luuk Doesburg, der allerdings nicht im Mittelpunkt des Buches steht. Die Geschichten drehen sich vielmehr um Menschen, die Luuk lieben.


  • In der ersten Geschichte ist Luuk der Teenager-Sohn, der Zeuge wird, wie sein Vater Gustaaf die Mutter Atie mit der Untermieterin betrügt. Dabei führen die Eltern eine gute Ehe und Gustaaf wird niemals aufhören, Atie zu lieben, auch nachdem Atie die Scheidung verlangt hat.
  • In der zweiten Geschichte erzählt die Lehrerin Cindy von ihrer Liebe zu dem nun 20 Jahre älteren und verheirateten Luuk. Er lässt sich auf eine Affäre mit ihr ein. Als er sich ihr zu entziehen beginnt, überschreitet sie die Grenze zum Stalking.
  • Im dritten Kapitel erzählt die Geliebte von Luuk die Geschichte der Liebe ihres Lebens. Dies ist nicht Luuk, sondern ihr früh verstorbenen Bruder Rogier, der sie nach dem frühen Tod der Eltern großgezogen hat.
  • Luuks Frau Myrte ist die Erzählerin der vierten Geschichte über die Liebe und in dieser findet ihr Mann mit keinem Wort Erwähnung. Sie erzählt vom Vater einer Freundin, ein berühmter Wasserbau-Architekt. Er war vor vier Jahrzehnten Myrtes große – platonische - Liebe.

Stil und Aufbau:
„Das Wie ist nicht das Warum“ hat Margriet de Moor als Motto ihrem Roman vorangestellt. Und dieser Gedanke mag der Schlüssel zum Buch sein. Für viele Handlungen im Buch gibt es keine Erklärungen oder Begründungen. Es geht nur um die Geschichte an sich und die Art, wie sie erzählt wird.


Es wird im Buch nicht geurteilt oder bewertet. Die Freiräume in den Beschreibungen sollen die Leser selber füllen. Eine Identifikation mit den Protagonisten ist damit aufgrund der fehlenden Perspektiven schwierig. Denn die vier Kapitel sind aus unserer Sicht zu wenig miteinander verwoben. Die vier Strophen der Melodie d'Amour empfinden wir als mehr oder weniger unabhängige Teile, die als eigene Bücher stehen könnten.


Bewertung:
Insgesamt erscheint uns das Buch als ein eher schwächeres Alterswerk einer ansonsten bemerkenswerten Autorin. In gewohnt präziser Sprache findet sie auch in diesem Werk schöne Bilder. Die Geschichten aber werden in der zweiten Buchhälfte weniger interessant.


Und eine eher altbackene Weltanschauung, in der die Frauen und Geliebten zu Hause dem Wohle des Mannes verpflichtet sind, scheint uns etwas aus der Zeit gefallen zu sein. In unserem Leserkreis wurden dem Buch mehrheitlich schwache zwei Punkte vergeben. Mit der Unterstützung der Margriet de Moor-Fans ist das Buch aber letztendlich in unserem Leserkreis mit 3,0 Punkten bewertet worden.

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Buchkritik Chimamanda Ngozi Adichie: "Americanah“

608 Seiten, S.Fischer 2014


Dieses Buch handelt von der Entwicklung der jungen Nigerianerin Ifemelu, die alleine nach Amerika geht und dort nach anfänglichem Scheitern aufgrund ihrer Intelligenz und Schönheit den ersehnten Erfolg hat. Ihrer großen Liebe Obinze gelingt es nicht wie verabredet nachzukommen. Stattdessen hat Obinze einen eigenen Erfolg im wirtschaftlich erstarkenden Nigeria. Am Ende entschließt sich Ifemelu doch nach Nigeria zurückzukehren und wird dort eine „Americanah“, eine Nigerianerin, die in den USA gelebt hat.


Das Buch schildert sehr authentisch das Aufeinandertreffen zwischen der nigerianischen und amerikanischen Kultur. Die Identifikationsängste, die Erwartungen und die vielen Unterschiede werden sehr genau dargestellt. Die Sprache bleibt hinter dem packenden und mitreißendem Inhalt etwas zurück. Dennoch ein sehr lesenswertes Epos.

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Buchkritik Michael Chabon: "Telegraph Avenue“

Sprachverliebt, ausufernd, detailverliebt
Kiepenheuer & Witsch, 2014, 592 Seiten


Handlung:
Archie Stallings und Nat Jaffe betreiben einen kleinen Jazz-Plattenladen in Oakland, der ehemaligen Industriestadt in der Bucht von San Francisco. Es ist das Jahr 2004, der Laden läuft mehr schlecht als recht und eigentlich ist "Broken Records" eher ein Treffpunkt für Stammkunden und Nachbarn aus der Telegraph Avenue.


In unmittelbarer Nähe zum Plattenladen will der schwerreiche Gibson Goode demnächst einen großen MultimediaStore eröffnen . Mit seiner gut sortierter Second-Hand-Abteilung wird der neu Megastore mit ziemlicher Sicherheit das Aus für den Plattenladen bedeuten.


Die beiden Ehefrauen der Plattenladenbesitzer, Gwen und Aviva, sind selbständige Hebammen und ebenfalls in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Eine Hausgeburt endet unter Komplikationen im Krankenhaus und der Kindsvater droht mit Klage.


Mitten in dieses Chaos tritt Titus auf, der (sozial etwas sperrige) uneheliche Sohn von Archie. Mit 14 Jahren steht er nun zum ersten Mal vor der Tür seines Vaters. Und dann ist da noch Luther Stallings, der Vater von Archie, ein ehemaliger Kung-Fu-Action-Darsteller, Kampfsportler und Ex-Junkie. Auch er spielt eine Rolle, aber nicht jene, die er sich erträumt, nämlich das späte Comeback in einer Fortsetzung seiner jahrzehntealten Erfolgsfilme.


Dramaturgie und Stil
Diese ganzen Handlungsstränge, zusammen mit noch vielen weiteren kleinen und großen Rahmenhandlungen sowie weiteren Protagonisten und Randfiguren werden in Telegraph Road, dem neusten 500 Seiten-Roman von Michael Chabon bereits im ersten Kapitel eingeführt.


Und ab dem zweiten Kapitel ist der Weg das Ziel. Nicht die Auflösung der vielen Dilemmata der Protagonisten steht im Vordergrund der Romanhandlung. Viel wichtiger sind dem Autor liebevolle Abhandlungen über Jazz, detailreiche Beschreibung einzelner Handlungsszenen oder wortreiche Ausführungen zu Kleidungsstücken. Keine Frage, der Roman ist sprachverliebt. Und wer auf derselben Wellenlänge liest wie der Autor mit seinem Sprachgefühl schreibt, wird den Roman sehr gerne lesen. Für einen Großteil der Feuilletonisten und Literaturkritiker trifft das zu. Der Roman wird ausgesprochen positiv rezensiert, Kritiker im In- und Ausland loben Telegraph Avenue aufs höchste.


Bewertung
Für unseren Literaturkreis traf das nicht zu. Nur ein Bruchteil unserer LeserInnen hat das Buch gerne - und dann auch bis zum Ende - gelesen. Der Rest hat vorher kapituliert. Zu ausufernd, zu detailverliebt, zu viel des Guten, das waren die vorherrschenden Eindrücke. Unsere gewohnte Punktewertung haben wir daher bei diesem Buch ausgesetzt. Auch wenn "Telegraph Avenue" bei uns seine Liebhaber gefunden hat - aber dass gut zwei Drittel unseres Kreises das Buch nicht zu Ende lesen konnten, war uns ungewöhnlich genug.

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Buchkritik Daniel Galera: "Flut“

Harte Männer am Meer, karge Sprache, spannender Plot Suhrkamp Verlag 2013, 425 Seiten


Seine große Liebe hat ihn verlassen, sein Vater hat sich wie angekündigt umgebracht. Vor diesem Hintergrund zieht der Schwimmer und Fitnesstrainer, der im Roman namenslos bleibt, in den brasilianischen Badeort Garopaba, um den angeblich gewaltsamen Tod seines Großvaters aufzuklären. In Garopaba lernt die Hauptfigur in der Nebensaison verschieden Frauen und harte Männer kennen, kann und will aber seiner Einsamkeit nicht entkommen.


Eine zentrale Rolle in diesem Leben und in Galeras Buch spielt das Meer und seine Ambivalenz. Denn das Meer bietet einen weiten Horizont und Ausweg, aber das Meer macht die Menschen auch zu einem "Gefangenen des Landes".


Ein Männerroman? Das fand ein Teil unserer Gruppe und langweilte sich auch zwischendrin mit der eher schlicht gestrickten ewig Sport treibenden Hauptfigur. Der überwiegende Teil schätzte das Buch dagegen als moderne Auseinandersetzung mit dem Brasilien von heute und würde es weiterempfehlen: spannend zu lesen durch seinen Krimiplot, und vor allem im Winter anregend, da das Buch auf faszinierende und ambivalente Weise von Sonne und Meer spricht und in der Auflösung des Rätsels um den Großvater schockiert.


In der Gesamtnote schaffte das Buch eine 3,6 von 5 möglichen Punkten - bei einer Bandbreite von 0 (totalem Flop) bis zu 5 (absolute Begeisterung)

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Buchkritik Elizabeth Strout: "Das Leben natürlich“

Lesenswert, interessant, pointiert
Luchterhand 2013, 325 Seiten

Die Geschichte:


Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag.
Der neunzehnjährige, schüchterne, stille, sprachverweigernde Zach wirft einen Schweinekopf in die Moschee von Shirley Falls. Die dort betenden Somalis sind entsetzt. Die Stadt ist in Aufruhr, die einen, die eine harte Strafe fordern, um ein Exempel zu statuieren, die anderen, die die Aktion als Dummejungenstreich ansehen und die Somalier eigentlich nicht in Shirley Falls haben wollen.


Shirley Falls hängt am Tropf, hohe Arbeitslosigkeit, es gib keine Jobs, ein kleine, mutlose Stadt in Maine. Im Gegensatz zu New York, das lebendige, farbige Kaladeioskop Amerikas. Die Mutter des Jungen Susan, eine geborene Burgess ruft ihre Brüder zur Hilfe, beide Anwälte in New York.


Jim, der ältere, Harvard Absolvent, eine bekannte Größe nach der Verteidigung von Wally Pecker, befindet sich gerade im Urlaub mit seiner Frau Helen, die ihm drei Kinder geboren hat. Sie bringt das Geld in die Ehe und hält die Familie zusammen. Jim schickt seinen Bruder Bob nach Maine, um sich des Falles anzunehmen.


Bob arbeitet als Rechtshelfer am Berufungsgericht, ist geschieden, und wohnt sehr bescheiden. Er trinkt und raucht viel und trifft sich regelmässig mit seiner Ex Frau Pam. Er wird gern von seinem Bruder als Loser gehänselt und hat einen Schuldkomplex, weil er glaubt, seinen Vater getötet zu haben. Doch davon später.


Zach wird auf Kaution freigelassen, aber der Fall wird nicht, wie erwartet, wegen Geringfügigkeit fallen gelassen. Demonstrationen sind angekündigt und die Burgess Brüder beschließen widerwillig, nach Shirley Falls zu fahren, um Flagge zu zeigen. Jim hält eine viel beachtete Rede, er ist ein mitreißender Rhetoriker, hält sich aber nicht an die Gepflogenheiten des engstirnigen Maine und verlässt die Szene, bevor der Gouverneur gesprochen hatte. Ein Faux Pas, wie sich später herausstellt. Wieder zurück in New York versucht Jim und seine Verbindungen auszuspielen, indem er Anklage (District Attorney) und Richter zu beeinflussen sucht...


Stil und Sprache:


Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout beschreibt den Konflikt zwischen Stadt (New York) und Land (Maine) bildhaft, kratzt aber leider öfters nur an der Oberfläche der Probleme.


Plot & Dramaturgie:


Das Potential des Plots, ein Familiengeheimnis, Fremdenfeindlichkeit, Perspektivlosigkeit der Jugend wird leider nicht genutzt. Die Geschichte plätschert so dahin, die Charaktere werden nicht in der Tiefe ausgeleuchtet.


Bewertung:


Die Jury war gespalten bei der Bewertung des Buches, die Mehrheit hat es gern gelesen, einige wenige nicht. Trotz verpasster Chancen fanden die Leser die angesprochenen Themen sehr interessant Das Gesamtergebnis lag daher im Schnitt bei 3,1 Punkten, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Terézia Mora: "Das Ungeheuer“

Fordernd, tragisch, preiswürdig
Luchterhand 2013, 688 Seiten


Inhalt
Darius Kopp, Workaholic aus dem Vorgängerroman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, hat nichts mehr zu verlieren: seine Frau Flora hat sich im Wald erhängt, seinen Job bei der mysteriösen IT-Firma hat er verloren. Mit zwei Kartons - einer enthält die Urne mit Floras Asche, der andere Geld unbekannter Herkunft aus seinem Ex-Büro – macht er sich mit dem Auto auf die Reise durch die ehemalige UdSSR, um Flora auf die Spur zu kommen. Auf dem Weg durch den Balkan begegnet er allerlei tragikkomischen Gestalten und findet dabei zaghaft heraus aus der Isolation der Trauer.
Parallel dazu kommt Flora in ihren Tagebucheinträgen zu Wort, einem Dokument von Migration, Wurzellosigkeit, Talent, Krankheit, Hoffnung, Kampf, Zähigkeit, Einsamkeit und zuletzt dem Zerbrechen an einer Krankheit, die Flora sich selbst zerstören lässt.


Stil & Sprache
Kopps und Floras Leben verlaufen parallel – sie berühren sich trotz der zehnjährigen Ehe nie. In einer horizontalen Trennlinie sämtlicher Seiten macht Terézia Mora diese Parallele und Beziehungslosigkeit beider überdeutlich.
Auch Wortwahl und Syntax unterscheiden sich bei beiden stark: Kopp erzählt emotional, voller Zwischentöne; von ihm wird teils auch aus der auktorialen Perspektive erzählt; er sieht über sich selbst hinaus, kann andere noch spüren. Flora berichtet mehr, als von sich zu erzählen; andere Menschen scheint sie bestenfalls als austauschbar, schlimmstenfalls als bedrohlich wahrzunehmen; ihr Bericht mutet zunehmend brüchig an und zerfällt zuletzt bis auf Buchstaben.


Dramaturgie
Sowohl das Warten auf eine Erklärung für Floras rätselhafte Krankheit als auch das Warten auf eine Erlösung Kopps von seiner Trauer vermochte einige unter uns beim Lesen bis zum Schluss zu halten.


Themen
Wanderschaft, die teils vergebliche Suche nach Antworten, nach Genesung, nach einer Identität, einem Lebenssinn, nach Arbeit, nach Liebe und Verbindung.


Bewertung
Die Gesamtnote von 2,1 reflektiert die Bewertung des Werks weniger als die Tatsache, dass nur einzelne aus unserer Runde „Das Ungeheuer“ vollständig gelesen haben. Nur ein Mitglied hat die Tagebuchfragmente Floras bis zu ihrem Ende gelesen. Kopps Reisegeschichte ist vergleichsweise lesefreundlich, hat dennoch nur wenige bis zum Schluss gefesselt.


Bei aller Relevanz, die den Themen zugestanden werden mag, und allem Respekt vor der neuartigen formalen Umsetzung dieser Themen, bleibt die mangelhafte Lesbarkeit des Romans geradezu "ungeheuerlich".


Die Auszeichnung mit dem deutschen Buchpreis 2013 stimmte deshalb einige unter uns - die wir uns nicht auf bequeme Literatur beschränkte Leser halten - nachdenklich.

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Buchkritik Uwe Timm: "Vogelweide“

eine bildungslastige Amour Fou, etwas blass
Kiepenheuer und Witsch Verlag 2013, 336 Seiten


Themen
Im neuen Roman von Uwe Timm geht es um Liebe, Treue und Begehren. Zwei Paare brechen auseinander und gruppieren sich vorübergehend neu. Ausgelöst durch eine ebenso unvernünftige wie unwiderstehbare Begierde wendet sich der Protagonist Christian Eschenbach von seiner Partnerin Selma ab und der gemeinsamen Freundin Anna zu. Anna, Mutter zweier Töchter und glücklich verheiratet mit Ewald, kann nicht anders, als dem Werben von Eschenbach nachzugeben. Ihr Verhältnis wird für ihn zu einer großen Erfüllung. Sie hingegen leidet unter der ihr plötzlich so überdimensional erscheinenden Beliebigkeit des Begehrens. Sie beendet die Amour Fou mit einem Kraftakt, verlässt Mann und Liebhaber und wandert nach Amerika aus. Eschenbach, der zeitgleich auch noch den Konkurs seiner Firma verkraften muss, muss sein Leben neu ausrichten. Von einem Marktforschungsinstitut finanziert beschäftigt er sich nun u.a. mit den Unterschieden von Liebe und Begehren, Ehe und Leidenschaft.


Inhalt
Der Roman "Vogelweide" spielt im Jahr 2011 auf der Insel Scharhörn, auf die sich Eschenbach für einen Sommer als Vogelwart einquartiert hat. Dort erhält er einen Anruf von Anna, die ihn auf der Insel besuchen möchte. Anlässlich des bevorstehenden Besuches kreisen Eschenbachs Gedanken und Erinnerungen um die Erlebnissen von vor sechs Jahren, als seine Affäre mit Anna endete, seine Beziehung mit Selma zerbrach und er mit seinem Unternehmen Konkurs anmelden musste.


Stil & Sprache
"Vogelweide" zeichnet sich durch den ruhigen und schönen Sprachstil von Uwe Timm aus. In Verbindung mit einem geglückten Romanaufbau aus mehrere Zeitebenen und Rückblenden lässt sich das Buch sehr gut lesen. Aber obwohl der Protagonist große Themen bewegt und bewältig (Tod, Konkurs, Verlust, Begierde ..), bleibt für den Leser die Lektüre doch wenig bewegend. Die eigentlich doch so relevanten Themen wirken eher lapidar und belanglos. Die Frauenfiguren im Roman bleiben enttäuschend blass, wenn nicht sogar befremdlich lieblos gezeichnet. Gerne würde man mehr über Anna oder auch Tochter oder Ex-Frau des Protagonisten lesen. Insgesamt wirkt der Plot und insbesondere das dramatische Ende der beiden Paarbeziehungen eher konstruiert. So bleibt im Ganzen der Eindruck eines schönes und leicht lesbaren, aber insgesamt doch eher konstruiert und wenig tiefgründiges Buches bestehen.


Bewertung
In unserem Lesekreis haben wir das Buch insgesamt durchschnittlich bewertet. Zwar wurden Stil und Sprache des Buches positiv bewertet (3,9 Punkten von 5 möglichen Maximalpunkten), dennoch fielen die Bewertungen für Dramaturgie (2,5 Punkte) und Themenauswahl (2,8 Punkte) leicht unterdurchschnittlich aus. Über alle unseren fünf Bewertungskriterien hinweg wurden von uns für Uwe Timms Vogelweide in Summe 3,0 Punkte vergeben.

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Buchkritik Leon de Winter: "Ein gutes Herz“

Diogenes Verlag 2013, 512 Seiten

Spannend, gesellschaftskritisch, phantasievoll
Ein Buch mit Thrillerqualitäten


Der Autor
Leon de Winter, 60, zählt zu den wichtigsten holländischen Gegenwartsautoren. Viele seiner Romane tragen autobiographische Züge, mit einer männlichen, jüdischen Hauptfigur und deren Konflikten mit dem Judentum, Ehe, Treue und einem übermächtigen Vater. Dabei nimmt der Autor zunehmend eine islamkritische Haltung ein. Die Bedrohung der - hier niederländischen - Gesellschaft durch fanatische Muslime ist auch einer der zentralen Handlungsstränge in diesem Buch.


Die Handlung
„Ein gutes Herz“ beginnt dramatisch - mit einer realen Geschichte: der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh durch einen Islamisten. Und es bleibt nicht der einzige terroristische Anschlag, mit dem Amsterdam, dessen Politiker und die verschiedenen Figuren des Buches im Lauf der Erzählung fertig werden müssen.


Theo van Gogh behält auch nach seinem Tod die tragende Rolle der Geschichte. Um in den Himmel zu kommen, muss er sich erst nämlich erst einmal als Schutzengel bewähren. Angeleitet wird er dabei von Mentor Jimmy, einen gutmütigen Franziskanermönch, der es mit der sexuellen Enthaltsamkeit in seinem Leben nicht so genau genommen hat. Jimmys Herz ist auf der Erde geblieben – und schlägt nun in der Brust des charismatischen Max Kohn.


Das Leben des früheren Kriminellen Max Kohn dreht sich vor allem um den Versuch, seine in Amsterdam lebende verlorene Liebe Sonja und seinen Sohn Nathan wiederzugewinnen. Doch die Terroranschläge rund um den jungen, islamistischen Migranten Sallie, der in mehrere Terroraktionen verwickelt ist, bringen für alle Beteiligten zahlreiche Komplikationen mit sich.


Schließlich spielen auch niederländische Politiker ihre Rollen bei der Bewältigung der Terrorkrise, wie Geert Wilders und der Bürgermeister von Amsterdam,Cohen - allesamt reale Figuren der Amsterdamer Politik.


Und noch eine weitere reale Figur gibt es in diesem Buch – einen Autor Leon de Winter, der ebenfalls auf Sonjas Liebe hofft.


Plot & Dramaturgie
Reale und surreale Elemente, Liebesgeschichte und Terrorbedrohung: Die verschiedenen Handlungsstränge rund um die verschiedenen Figuren der Geschichte sind klug miteinander verschachtelt, die Auflösung am Ende so nicht vorhersehbar.


Stil & Sprache
Die Sprache ist flüssig und bildhaft. Dabei scheut Leon de Winter auch nicht vor Alltagssprache zurück – etwa, wenn Theo van Gogh seinen Mörder als Bartaffen abstempelt.


Bewertung
Unsere Runde war gespalten bei der Bewertung des Buches. Die eine Hälfte hat diese phantasievolle und unterhaltsame und oft auch selbstironische Mischung aus Krimi und gesellschaftskritischem Roman sehr gern gelesen. Die anderen fanden den Text aufgeblasen und überladen. Das Gesamtergebnis lag daher bei 3,6 Punkten, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Ned Beauman: "Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“

Schwarzhumorig, originell, Booker-Prize-Longlist
DuMont 2013, 425 Seiten


Die Story:
Abstrus, pubertär, albern ... Kann uns so Buch gefallen? Es kann! Wenn es sich um „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ von Ned Beauman handelt.


Egon Loeser ist Bühnenbildner in Berlin, wo er eine Vorrichtung zur "augenblicklichen Beförderungen eines Menschen von Ort zu Ort" erfunden hat, deren Einsatz jedoch mit Verletzten endet. Weit stärker als sein Job treibt ihn jedoch die Frage um, wie er es erreichen kann, Adele Hitler („nicht verwandt und nicht verschwägert“) ins Bett zu bekommen, denn dort ist es seit der Trennung von seiner letzten Freundin recht einsam.


Auf der Suche nach Adele kommt Egon über Paris nach Los Angeles, wo er überall Freunde und Bekannte trifft, die vor den Nazis fliehen mussten, was ihn jedoch völlig unberührt lässt. Nachrichten liest er nicht, die deprimieren ihn nur. So nimmt er z.B. an der Bücherverbrennung der Nazis am 10.03.1933 teil, ohne die Bedeutung auch nur ansatzweise zu realisieren.


In Ausschnitten von 1931 bis 1962 erzählt der Roman das Leben eines Egozentrikers an der Grenze zum Unsympathen, dessen Leben zwar durch die Weltgeschichte massiv beeinflusst wird, diese selbst jedoch nur bezogen auf sein eigenes Leben wahrnimmt und so von einer grotesken und peinlichen Situation zur nächsten stolpert – und weiterhin keine Frau in sein Bett bekommt.


Stil & Sprache:
Dabei sprüht der Autor nur vor Ideen, die zwar teilweise tatsächlich abstrus, pubertär und albern sind, jedoch enorm Spaß machen, wenn Egon Loeser z.B. einen Produzenten von Autopolitur kennenlernt, der aufgrund der ständigen Politurdämpfe nicht mehr zwischen Bildern und Realität unterscheiden kann und deshalb nicht nur Fotos von Personen begrüßt sondern auch Bilder von Gurken verspeist.


Weil aber alle wichtigen Themen des Lebens berührt werden, stimmt der Roman trotzdem nachdenklich. Besonders positiv fiel uns auf, dass eine große Anzahl an Handlungsfäden begonnen, jeder davon aber später - meist unerwartet – wieder aufgenommen und zu einem überraschenden Ende geführt wird.


Die Bewertung:
Von acht Lesern aus unserer Gruppe waren sechs von dem Roman sehr angetan, zwei waren unentschieden und ein Mitglied konnte ihm gar nichts abgewinnen, sodass wir insgesamt 3,7 Punkte vergeben.

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Buchkritik Juli Zeh: "Nullzeit“

Leichthändig erzähltes Kammerspiel
Schöffling & Co. 2012, 256 Seiten


Die Geschichte:
Sven, gescheiterter Jurist, betreibt mit seiner Freundin Antje eine Tauchschule auf Lanzarote. Die Beziehung ist abgekühlt, der Alltag ist trist. Das ändert sich schnell, als Jola und Theo auftauchen, die einen 14tägigen Tauchkurs gebucht haben.


Jola, Schauspielerin ohne Durchbruch, und Theo, 42, Schriftsteller mit Schreibblockade, sind ein Pärchen mit Konfliktpotential. Sie bekämpfen sich unentwegt, erniedrigen sich, stellen sich bloß. Während der Tauchgänge entwickelt sich ein Flirt zwischen Sven und der von Selbstzweifeln geplagten Daily-Soap-Darstellerin Jola. Das will Theo nicht hinnehmen. Beim Tauchgang zu einem Wrack, den Sven sich zum 40. Geburtstag schenkt, eskaliert der Konflikt.


Stil, Sprache, Plot:
Die Sprache treibt die Geschichte voran, sie ist dicht und leichthändig, kurze Hauptsätze und kurze Dialoge prägen den Stil. Dabei stellt die Autorin den Flirt aus zwei Perspektiven dar: Svens Erinnerungen und Jolas Tagebuchaufzeichnungen. Der Leser weiß daher nicht genau, was passiert ist. Das ist ein interessanter Kunstgriff, der aber auch verwirrt. Erst Recht nach der Lektüre des Klappentextes, der einen „Psychothriller“ verspricht.


Tatsächlich bekommt der Leser hier zu wenig Psycho und zu wenig Thriller. Stattdessen findet er sich in einem Kammerspiel wieder: Ein kleiner Personenkreis verhandelt einen Problemkern, und alle involvierten Personen erfahren den Konflikt am eigenen Leib – ein Schauspiel in intimen Rahmen.


Hintergründe:
Die Anregung für ihr Buch könnte die passionierte Taucherin Julie Zeh, deren Lieblingstauchspot Lanzarote ist, bei Lotte Hass gefunden haben. Die Biografie der Tauchpionierin aus den 50er Jahren wurde 2010 verfilmt. Yvonne Catterfeld, ehemaliger Daily-Soap-Star, spielt in „Das Mädchen auf dem Meeresgrund“ die Hauptrolle.


Gesamtbewertung:
Die Gruppe hat Punkte von 2,5 bis 4,5 (von 5) gegeben, im Durchschnitt 3,5. Gelobt wurde die genaue Sprache, die Leichtigkeit des Stils und die zu spürende Spannung zwischen den Protagonisten. Eher kritisch betrachtet wurden die Belanglosigkeit des Inhalts und die kleinen „Fehler“ in der Handlung.

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Buchkritik Taiye Selasi: "Diese Dinge geschehen nicht einfach so“

Kraftvolle, prosaische Familiengeschichte
S. Fischer, 2013, 400 Seiten


Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Sai, einer Familie mit afrikanischen Wurzeln, die in Boston lebt, bis dem Vater, einem erfolgreichen Chirurgen, ein Kunstfehler zur Last gelegt wird. Daraufhin verläßt er nach 20 Ehejahren seine Frau und die vier Kinder und kehrt nach Ghana zurück. Die Familie zerbricht daran.


Die Geschichte des Buches beginnt 16 Jahre später mit dem Tod des Vaters, der plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt. Die Familie, die bis dahin überall verstreut war und jeder auf der Suche nach seinem persönlichen Lebensinhalt, nähert sich durch den Tod des Vaters wieder an. Im Haus der Mutter in Ghana, in das sie zurückgekehrt ist, treffen sich alle, um Abschied zu nehmen.


Stil/Sprache:
Der Autorin ist mit ihrem teils autobiografischen Roman ein sprachlich gelungenes Debüt geglückt. Kurze, knappe Sätze wechseln sich ab mit metaphorischen Formulierungen, ohne dabei ins kitschige abzugleiten.


Taiye Selasi prägte den Begriff "Afropolitan" und beschreibt damit jene jüngste Generation afrikanischer und kosmopolitischer Emigranten, die auf die Frage nach ihrer Herkunft keine einfache Antwort kennt. Die in dem Roman beschriebenen Charaktere bringen die Suche nach dem persönlichen Glück glaubhaft nahe.


Plot/Dramaturgie:
Es ist eine Familiengeschichte, die interessant aufgebaut ist. In Rückblenden erfährt der Leser mehr über die Personen, über ihr Leben und ihre Erlebnisse. Gerne hätten einige von uns mehr über die Geschichte Ghanas und Nigerias erfahren.


Gesamtbewertung:
Bei den meisten Leser/innen kam das Buch gut bis sehr gut an. Es erreicht eine Gesamtpunktzahl von 3,3.

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Buchkritik Richard Ford: "Kanada“

Langweilig, uninteressant, unglaubwürdig.
Carl Hanser Verlag, 2012, 464 Seiten


Wir wissen nicht, was die Kritiker bewogen hat, dieses Buch in den höchsten Tönen zu loben. Warum sie gebannt der Handlung folgen, einen Spannungsbogen sehen, plastische Figurenbeschreibungen erkannt haben und schöne Sätze mit ausdrucksstarken Bildern.


Die Meinung unseres Literaturkreises weicht hiervon grundlegend ab und zwar nicht nur vereinzelt, sondern unisono bei praktisch allen Gruppenmitgliedern: Kanada erhält mit 1,5 Punkten von 5 möglichen eine der schlechtesten Bewertungen, die wir in dieser Gruppe seit 3 Jahren und 36 Buchkritiken vergeben haben.


Der Inhalt:
Glaubt man dem Klappentext, dann hat man es hier mit einer dramatischen Entwicklungsgeschichte eines Jugendlichen zu tun, der sich inmitten von Kriminalität und Brutalität behaupten muss. Illegaler Handel, ein Banküberfall, drei Morde. Dells Eltern, so erfährt man, sind nach einem gescheiterten Banküberfall festgenommen worden. Bei Arthur Remlinger kann Dell unterschlüpfen - doch der Besitzer eines heruntergekommenen Jagdhotels erweist sich als ein Mann mit dunkler Vergangenheit.


Liest man das Buch, das aus der Sicht des 60jährigen Ich-Erzählers geschrieben ist, findet sich weder Dramatik noch Katastrophe. Stattdessen serviert der Autor lediglich über und über Details, die weder zur Handlung noch zum Verständnis der Personen beitragen, und wird im zweiten Teil zudem völlig unglaubwürdig, wenn er das Personal des Jagdhotels samt seiner Vergangenheit vorstellt.


Sprache:
Die Sprache ist schlicht. Einfache Satzkonstruktionen, einfache Wörter, und zwischendrin banale Lebensweisheiten des Vaters. “Manchmal können einem schlimme Dinge passieren. Aber man lebt weiter, man steht sie durch.“


Die Erzählkonstruktion ist ermüdend und ärgerlich.


150 Seiten lang warnt der Autor immer wieder, dass und was die Eltern Unvorstellbares tun werden. Um dann im zweiten Teil 150 Seiten lang zu warnen, dass es in Kanada ein ganz schlimmes Ende nehmen wird. In beiden Fällen wird das tatsächliche Ereignis der künstlich aufgebauschten Spannung nicht im Ansatz gerecht.


Novelle hätte genügt
Eine einzige halbwegs kritische Stimme gab es im Reigen der Kritiker. "Die Zeit" fragt, ob die kleinere Prosaform nicht auch für die Geschichte von Dell Parson ausgereicht hätte. In jedem Fall.

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Buchkritik Jenny Erpenbeck: "Aller Tage Abend“

Roman über viele Leben
Spannende Konstruktion –Intensiv-Gegen Ende abflachend
Knaus, 284 Seiten


Die Geschichte:
Ein kleines Mädchen stirbt. Der Vater verlässt daraufhin seine Familie und lässt Frau und Großmutter unversorgt zurück. Die Autorin Erpenbeck fragt nun, was gewesen wäre, wenn das Kind überlebt hätte - und beschreibt die fiktive Zukunft.


Das halbjüdische Mädchen wächst in Wien zusammen mit der (in diesem was-wäre-wenn-Ansatz) intakten Familie auf. Sie verliebt sich unglücklich - und bringt sich um. Und wieder fragt Erpenbeck: Was wäre gewesen, wenn das Mädchen überlebt hätte? Die (nun) junge Frau flieht als aktive Kommunistin vor den Nazis aus Österreich nach Moskau - und wird von den Sowjets hingerichtet. Aber vielleicht ist sie ja doch am Leben geblieben.....


Stil & Sprache:
Die Sprache ist direkt und eindringlich, in der Diktion fast brutal, für den Leser oft kaum erträglich.


Plot & Dramaturgie:
Die Technik, viele Geschichten und Leben ineinander zu verschachteln und zu verweben ist interessant und erfordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers.


Bewertung:
Die Jury war gespalten bei der Bewertung des Buches, die eine Hälfte hat es gern gelesen, die andere nicht. Der vielschichtige Aufbau der Geschichte und der durchgehende Spannungsbogen fand jedoch mehrheitlich Anklang. Das Gesamtergebnis lag im Schnitt bei 2,5 Punkten, von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Stephan Thome: "Grenzgang“

Die Geschichte


Thome schildert das Leben in einer hessischen Kleinstadt. Nicht chronologisch, sondern immer nur das, was sich an jeweils drei Tagen des „Grenzgang“- Festes, einem alle sieben Jahre stattfindenden Volksfest, ereignet. Insgesamt achtundzwanzig Jahre umspannt der Roman, er begleitet das Leben seiner beiden Haupt-Charaktere von 1985 bis 2013. Was sich in den Jahren dazwischen ereignet, erfahren wir durch die Erinnerungen der beiden Protagonisten.


Unsere Bewertung:


Unisono gefällt uns die Beschreibung und Entwicklung der beiden Haupt-Charaktere, besonders der Frau. Es ist beeindruckend, wie beide es schaffen, sich aus ihren alten Lebensentwürfen zu befreien und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen. Auch wenn das kleinstädtische Umfeld bestehen bleibt. Wobei Thome ab und zu auch einfach den Zufall Regie spielen läßt – wie etwa, wenn die demente Mutter der Erzählerin stirbt und sie es so endlich schafft, sich aus der erdrückenden Enge des alten Hauses zu befreien und eine neue Liebe zu leben. Oder wenn sich beide voller Entsetzen in einem Provinz-Swingerclub begegnen – wunderbar beschrieben und für beide tatsächlich der Katalysator, um endgültig zueinander zu finden. Und so ist Grenzgang auch ein Buch über persönliche Grenzen, die jeder der Charaktere irgendwann überschreitet, überschreiten muss, um zum Glück zu finden.


Die Schwächen des Buches:


Die Beschreibung der drei Volksfeste ist zu detailliert und zu lang. Hier hätte Thome kürzen können. Auch die Sprache begeistert nicht durchweg.


Fazit:


"Grenzgang" ist ein Debüt mit einigen Tiefen und sehr vielen Höhen. Bei einer Skala von 1 bis 5 reicht die Bewertung innerhalb der Gruppe von der Höchstpunktzahl (5 = sehr gut) bis zu befriedigend( =3). Fest steht aber: In keinem Fall ist "Grenzgang" ein Roman über das Scheitern, wie es uns die Literatur-Kritik glauben lassen möchte, sondern ein Buch über die zweite Chance, die das Leben bieten kann.


Würden wir dieses Buch empfehlen?


Wir sagen Ja unter den vorab beschriebenen Einschränkungen. Und: Wir würden gerne mehr von Thome lesen.

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Buchkritik Ursula Krechel: "Landgericht“

Aufrührend, sperrig, authentisch - Deutscher Buchpreis 2012
Jung und Jung, 2012, 492 Seiten


Geschichte
1947 kommt Richard Kornitzer aus Kuba, wohin er – aus einer jüdischen Familie stammend – vor den Nazis geflüchtet war, zurück nach Deutschland an den Bodensee. Dorthin hat es seine Frau Claire im Krieg verschlagen. Beide stehen vor dem Nichts. Richard, vor 1933 Gerichtsassessor, war durch die Nationalsozialisten jegliche Tätigkeit in der Justiz verboten worden, Claire wurde ihre Reklamefirma von den Nazis genommen, weil sie sich nicht scheiden lassen wollte; die Kinder der beiden waren 1937 mit einer Hilfsorganisation nach England geschickt worden und wollten nach der langen Zeit nicht zu den Eltern nach Deutschland zurück.


Kornitzer wird eine Stelle als Richter am Landgericht Mainz angeboten, dort stürzt er sich zum einen in seine Arbeit, zum anderen in die Auseinandersetzung mit den bundesrepublikanischen Behörden um sogenannte „Wiedergutmachung“. Dabei verzweifelt er zum einen an einer auf Abwehr gepolten Bürokratie, zum anderen an seiner eigenen Unerbittlichkeit.


Stil & Sprache
Leichtgängig ist dieses Buch nicht, Ursula Krechel schreibt ist kühl und voll von Klammertexten, Rückblenden, Wechsel der Erzählzeiten und unzähligen Wortlauten der Briefe, die Kornitzer mit den Behörden wechselt.
Auch wenn uns dies teilweise etwas sperrig erschien, haben wir Stil und Sprache durchgängig als dem Thema angemessen empfunden.


Themen des Buches
Ursula Krechel erzählt hier sehr frei und mit deutlichen Abweichungen die Lebensgeschichte eines Mannes, auf den sie bei der Recherche zu ihrem Roman „Shanghai fern von wo“ aufmerksam wurde.


„Landgericht“ behandelt, wie bereits im Titel angedeutet, zum einem den Umgang der Justiz mit ihren während der NS-Zeit ausgeschlossenen und verfolgten und zurückgekehrten Mitgliedern, wobei die Justiz sicher exemplarisch für einen großen Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft stehen kann.


Daneben geht es um das „Gericht“, das der zurückgekehrte Kornitzer über sein Land hält und an dem er aufgrund seiner Hartnäckigkeit verzweifelt. Ob er dabei die Verhältnismäßigkeit verliert oder ob seine Verbitterung verständlich ist, wurde von uns sehr kontrovers diskutiert.


Bewertung
Das Thema des Buches wurde von allen Mitgliedern als sehr interessant bewertet, lediglich die Schilderung von Kornitzers Leben auf Kuba hatte in unseren Augen einige Längen. Bemängelt wurde, dass sich das Buch zum Ende nur noch auf Kornitzers Bemühen um „Wiedergutmachung“ konzentriert und so die Geschichte von Claire und den beiden Kindern nicht auserzählt wird. So oder so lohnt das Durchhalten: Ursula Krechel gelingt ein perfektes, dramatisches und erschütterndes Finale des Buches.


„Landgericht“ wurde von uns mit einer Ausnahme sehr gut bewertet, ein Mitglied vergab 5 von 5 möglichen Punkten; unsere Durchschnittsnote ist eine 4,3.

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Buchkritik Stephan Thome: "Fliehkräfte“

Suhrkamp Verlag, 2012, 474 Seiten
Stilistisch schön, aber wenig interessant


Die Geschichte:
"Fliehkräfte" handelt von einem Professor Ende 50, dessen Leben und Ehe in eine Krise geraten ist. Auf einer Reise von Deutschland nach Portugal trifft Hartmut Hainbach alte und neue Freunde und grübelt darüber nach, wie es weitergehen soll.


Seine Ehefrau Maria ist vor zwei Jahren von Bonn nach Berlin gezogen. Er leidet unter der Trennung: eine Wochenendbeziehung ist nicht das, was er unter seiner Ehe vorgestellt hat. Eventuell kann er in Berlin eine neue Stelle bei einem kleinen Verlag aufnehmen. Zwar ist Professor Hainbach mit seiner Arbeit in Bonn zutiefst unzufrieden - aber für die sich öffnende berufliche Chance in Berlin müsste er seine Professur nebst Rentenansprüchen aufgeben. Will er das?


Der Anspruch:
Fliehkräfte" wird in den Feuilletons als gelungenes "Sittengemälde der Republik" (Süddeutsche Zeitung) gelobt. Dem Autor werden Sprachgewandtheit, natürlich wirkende Dialoge und Entwürfe starker Figuren zugesprochen. Das Buch sei eine präzise Ausleuchtung der "Abgründe einer typisch deutschen Familie aus dem akademischen Establishment" (FAZ).


Unsere Bewertung:
In unserem Lesekreis teilen wir das Lob der Feuilletonisten nur bedingt. Zwar finden auch wir das Buch leicht und gut zu lesen, Stephan Thome schreibt gekonnt. Aber interessant? Interessant fanden wir das Buch nicht.


Hartmut Hainbach bei seiner Lebenskrise zuzuschauen ist nur bedingt fesselnd. Es fehlt an Dramaturgie und Spannung, der Held des Buches ist wenig sympathisch. In Summe vergaben wir in unserem Lesekreis indifferente 2,5 Punkte (von möglichen 5), in denen sich der Eindruck eines etwas vor sich hin dümpelnden, wenn auch schön geschriebenen Buches widerspiegelt.

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Buchkritik Clemens J. Setz: "Indigo“

Experimentell, spannend, gruselig
Suhrkamp, 479 Seiten


Inhalt
Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren (Relokationen). Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt zunächst nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen.


Fünfzehn Jahre später (2021) berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben. Doch der Vorwurf klebt, ebenso wie der des Alkoholismus, weiter an Setz.


Die Geschichte eines seiner ehemaligen Schüler, Robert Tätzel, ist mit der Recherche des Lehrers in Sachen der Indigokinder verflochten, wobei der Erzählstrang über den Lehrer sich zeitlich auf den des 2021 erwachsen gewordenen, „ausgebrannten“ Indigos Robert zubewegt. Beide treffen sich am Ende, dessen Tragik in der Kommunikationsbarriere besteht: Der Lehrer ist 2021 zu verrückt für das Gespräch geworden, das der Schüler 2007 wegen des Indigosyndroms noch nicht mit ihm führen konnte.


Stil & Sprache
Setz‘ Diktion, überzeugend in direkter und indirekter Rede, hat uns gut gefallen und das Kriterium der Lesbarkeit allemal efüllt. Ungewöhnlich, und damit für manchen auch gewöhnungsbedürftiger, ist die experimentelle Struktur, in der Setz mit täuschend echten „Originaldokumenten“ den Wirklichkeitsbegriff eines jeden ad absurdum zu führen versucht.


Dramaturgie & Plot
Die Eigenart der Andeutung, nach dem Vorbild der klassischen Gruselgeschichte, betrifft bei Setz ganze Handlungsstränge und zerrt an den Lesernerven – dies ist übrigens ein erklärtes Ziel des Autors. Zeitsprünge, Rechercheschnipsel und verschlungene Fährten fordern – nicht gerade entspannend, aber spannend.


Themen des Buches
Das Themenspektrum ist nichts für zarte Gemüter und hat den ein oder anderen bewogen, das Buch entweder frühzeitig aus der Hand zu legen oder Passagen zu überspringen. In beunruhigend wenig absurden Zukunftsvisionen zeigt Setz Sadismus gegen Menschen und Tiere, der unter allerlei Deckmänteln, oft auch unverborgen daherkommt. Di autismusähnliche Kinderkrankheit und deren soziale Quarantäne, fatale Annäherungsversuche Kranker untereinander, Kranker und Gesunder, Gesunder und Rekonvaleszenter, trotz der erzwungenen Distanz, (Selbst-)mord, Verschwinden und dessen Aufklärungsversuche, die ins Irrsein führen – wer sich auf avantgardistische passt-in-kein-Genre-Weise gruseln will, ist bei Setz richtig.


Die Bewertung
An diesem Roman scheiden sich die Gemüter - das aber auf hohem Niveau, wie unsere Durchschnittsnote von 3,5 zeigt.

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Buchkritik Vea Kaiser: "Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“

Lektüre lohnt nicht
Kiepenheuer und Witsch, 492 Seiten


Die Geschichte:
Vea Kaiser erzählt die Geschichte eines Dorfes in den Bergen, die der Bergbarbaren von St. Peter am Anger.


Gegen Engstirnigkeit und unreflektierten Traditionssinn hegt der Arzt genauso, wie sein Enkel gleichen Namens eine tiefe Abneigung.


Als Johannes aus Starrköpfigkeit durch das Abi rasselt, beginnt er sich mit seinem Dorf auseinanderzusetzen. Er orientiert sich an seinem Vorbild Herodot, der auch zu Beginn eines jeden Kapitels zitiert wird. Er verstrickt sich in seine erste Liebesgeschichte und initiert unfreiwillig ein sportliches Großereignis….


Stil & Sprache:
Die Sprache ist einfach, teilweise mundartlich, die Beschreibungen oft gut gelungen.


Plot & Dramaturgie:
Der Plot wirkt antiquiert, die Geschichte scheint aus den 1960ger Jahren zu stammen. Die Jury empfand das Buch mehrheitlich als lapidar, kitschig, zu lang und ohne Tiefgang. Mehr als die Hälfte der Leserinnen und Leser hat das Buch nicht zu Ende lesen wollen.


Bewertung:
Das Buch wird mit zwei von fünf Punkten bewertet und von den meisten Shortlistmitgliedern nicht als Lektüre empfohlen.

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Buchkritik Germán Kratochwil: "Scherbengericht“

thematisch vielversprechender, authentischer Familienroman
Picus Verlag Wien 2012, 312 Seiten


Die Geschichte
Unter dem blühenden Lindenbaum eines idyllischen patagonischen Landguts treffen zur Jahrtausendwende zwölf Personen aus drei Generationen aufeinander, um den 90sten Geburtstag der Familienpatriarchin Clementine zu feiern.


Die Gästeschar könnte unterschiedlicher nicht sein und doch vereint sie die gemeinsame Vergangenheit der Auswanderung und Emigration aus einem aus den Fugen geratenen Europas: So reicht die Geschichte der Jubilarin Clementine, ihres Sohn Martin, der Enkel Katha und Gabriel und der anderen Gäste von dem Wien der Kaiserzeit über die Nazijahre hin zum Familienexil in Patagonien. In der kargen Landschaft Patagoniens sehen sich die Gäste nicht bloß mit ungelösten Familienproblemen, sondern auch mit den Geistern der jüngsten Vergangenheit konfrontiert.


Stil & Sprache
Der Autor Germán Kratochwil beweist ein sicheres Gespür für den Sprachduktus von Menschen verschiedenster Herkunft, Mentalität und Generation. Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus Österreich geflohen oder ausgewandert sind, resümieren ihr 20. Jahrhundert, und für alle findet Kratochwil eine eigene Stimme.
Jede Episode hat eine eigene Erzählfarbe, ohne jedoch aus dem schlichten Sprachstil wirklich auszubrechen. Dabei bleibt die Frage offen, inwiefern die (teilweise) Überzeichnung der Charaktere und eine spürbar ironische Distanz des Autors zum Geschehen unbewusst stattfindet oder doch beabsichtigt ist.


Plot & Dramaturgie
In „Scherbengericht“ kommen an die dreißig Personen vor, dank des narrativen Geschicks des Autors, verliert man jedoch nicht den Faden und bleibt immer in der Handlung. Die Erzählweise ist eher auf die Beschreibung der jeweiligen Rückblenden und Einzelschicksale ausgerichtet als auf das tatsächliches Vorantreiben der Handlung in der Gegenwart des Festmahls. Kratochwil bettet mühelos historische Informationen in die vielen Familienerzählungen ein, schließlich ist der 70-jährige Autor als Kind selbst nach Argentinien ausgewandert.


Trotz einer gewissen Leichtigkeit, mit der Kratochwil die Geschichte der Vergangenheit erzählt, schafft er einen Spannungsbogen bis hin zum gegenwärtigen Geschehen.


Unsere Bewertung
In unserer Runde haben zwölf Jurorinnen Wertungen von 0 (schlecht) bis 4,5 (von 5 Punkten als Höchstwertung) erteilt. Die Durchschnittsnote liegt bei 3, wobei Stil/Sprache sowie das Thema besser bewertet wurden als die Konstruktion und Dramaturgie des Romans.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Véronique Olmi: "In diesem Sommer“

Paare in der Krise. Leichtes für den Strand.
Verlag Antje Kunstmann, 2012, 272 Seiten


Die Geschichte
Drei Paare treffen sich in einem Ferienhaus in der Normandie, um wie jedes Jahr den französischen Nationalfeiertag gemeinsam zu feiern.
Delphine und Denis, das Gastgeber-Ehepaar und Eltern von Alex und Jeanne, haben sich mit dem Haus in der Normandie vor Jahren einen Traum erfüllt.
Ihre Gäste sind - wie jedes Jahr - Nicolas und Marie, er Lehrer, sie Schauspielerin und die Journalistin Lola, mit ihrem aktuellen Freund Samuel.
Und so verbringen alle das lange Wochenende auf der Terrasse über dem Meer, beim gemeinsamen Essen im Schatten der großen Kiefer, beim Tennis, schwelgen in Erinnerungen und versuchen ihre vertrauten Rituale zu bewahren, führt ihnen doch das Alter der Kinder vor Augen, wie viel Zeit vergangen ist.


In diesem Jahr ist alles anders: Die Gastgeber stehen kurz vor der Trennung und schaffen es nicht mehr, miteinander zu kommunizieren, ohne die schwelende Aggression spüren zu lassen. Nicolas und Marie schützen sich mit ihrer Liebe vor der traurigen Realität seiner Depression und ihres Karriereendes. Schließlich scheint Lola's Lover ernstere Absichten zu haben, als sie es sich von ihm wünscht.
Und dann taucht noch der rätselhafte junge Dimitri auf, der jedem eine andere Geschichte erzählt und großes Interesse an Jeanne hat. Oder doch nicht?


Stil und Sprache
Kurze Szenarien zu Beginn stellen uns die Protagonisten vor und stimmen uns kurz und knapp auf die Geschichte ein. Vielversprechend! Leider verliert die Geschichte an Tempo, die anfänglich aufgebaute Spannung verliert sich in der französischen Sommerhitze.


Véronique Olmi, eine der bekanntesten Dramatikerinnen Frankreichs, versäumt es, der Geschichte den gewünschten Tiefgang zu verleihen. Auch wenn sie uns hinter die Fassaden der einzelnen Protagonisten blicken lässt, bleibt die wirkliche Wendung aus und uns der Blick in die Seelen verwährt. Das Buch lässt sich einfach lesen und bringt nicht die erwarteten Überraschungen, auf die man, nicht zuletzt durch Dimitris Rolle, gehofft hat.


Unsere Bewertung
So leicht und unspektakulär wie die Geschichte größtenteils empfunden wurde, ist auch unsere Bewertung ausgefallen. Die Noten reichen von 0 (schlecht) bis 5 (sehr gut):


  • Stil und Sprache: 3
  • Konstruktion/Aufbau der Story: gute 3
  • Thema interessant: 3
  • Dramaturgie/Spannung: 2
  • Gern gelesen: 3

Diese fünf Unterpunkte münden in einer guten 3 als Gesamtbewertung.

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Buchkritik Toine Heijmans: "Irrfahrt“

Leichte, unspektakuläre Lektüre
Arche Verlag, 2012, 160 Seiten


Die Geschichte
In dem Roman nimmt sich ein Mann eine dreimonatige Auszeit und erfüllt sich einen Traum. Er unternimmt einen Segeltörn auf der Nord- und Ostsee. Für die letzten beiden Tage seines Segeltörns nimmt er seine sieben Jahre alte Tochter mit an Bord.


Donald, der Skipper, zelebriert seine Glücksmomente auf hoher See, die Unbeschwertheit und die Nähe zur Tochter. Und doch lesen wir aus den Gedankengängen des Protagonisten heraus, unter welchem Druck er in seinem Leben steht. Druck ein guter Vater sein zu wollen, ohne recht zu begreifen, was das eigentlich ist. Druck in der Firma, in der Karriere ohne ihn stattgefunden hat und Druck in seiner Beziehung, zu der er sich erst nach langer Zeit auf See langsam wieder zurück sehnt. Auch seine Ansprüche an sich selbst als guten Skipper kann er nicht erfüllen. Zunehmend läuft ihm sein Törn aus dem Ruder. Und dann zieht auch noch ein Sturm auf, bisher unbemerkt, alles entgleitet ihm.


Stil und Sprache
Das Buch von Toine Heijmans ist einfach. Die Sprache ist sehr schlicht, die Sätze sind kurz und einfach gehalten. Das mag eventuell dem Sujet geschuldet sein um die zunehmende Weltabgewandtheit des Protagonisten darzustellen. Es lässt aber den Roman auch als einen Jugendroman erscheinen. Der Plot ist spannend - die Tochter verschwindet im Sturm, ist sie über Bord gegangen? - aber die Auflösung ist (wenn auch in seinem Twist für den Leser überraschend) so doch sehr einfach hergeleitet. Die 160 Seiten, eher eine Novelle denn ein Roman und zudem hübsch bebildert, lesen sich leicht.


Unsere Bewertung
In unserem Leserkreis wurde das Buch unspektakulär aufgenommen: ein Text, der nicht wehtut, den man lesen kann aber nicht muss. Unsere Bewertungen pendelten größtenteils zwischen 2,5 und 3,5 Punkten.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Thomas von Steinaecker: "Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen“

Eigenartiger bis surrealer Karriere-Roman
S. Fischer, 2012, 389 Seiten


Die Geschichte:
Renate Meißner, Managerin bei der Cavere Versicherung wird nach München versetzt. Diese Karrierefrau, die perfekt gestylt durch Ihr Leben stöckelt, ist über eine Affäre mit einem Ihrer Chefs gestolpert. RM ist zerrissen zwischen ihrem äußeren Auftreten und Ihren inneren Konflikten, ein fast tragische Figur. Angst und Einsamkeit werden im Beruf mit statistischen Elementen kaschiert, ihre Einsatzfähigkeit wird mit Tabletten aufrecht erhalten. Der Tod der Mutter und das Verschwinden des Liebhabers aus Ihrem Leben ziehen ihr den Boden unter den Füssen weg. Mit der Sicherheit entgleitet ihr auch die Realität. Die Paranoia wird durch Renates Künstler-Freundin und deren Happenings genährt, die die Grenzen zwischen Aktion und Kunst verschwimmen lassen. Die Geschichte gleitet endgültig ins Surreale ab, als RM nach Russland reist, um die Versicherung eines Vergnügungsparks einzuleiten.


Stil & Sprache:
Der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Steinaecker versucht die Diktion der Versicherungswirtschaft nachzuahmen. Die Sprache ist einfach und direkt und gleitet zeitweise ins Vulgäre ab.


Plot & Dramaturgie:
Der Plot ist interessant, die Figuren glaubwürdig. Das Buch spielt vor dem Hintergrund der beginnenden Finanzkrise. Etwas skurril sind die Unterbrechungen durch Bilder, Zettel sowie die Fußnoten wie „High Heels tragen“.


Gesamtbewertung:
Zehn Juroren unserer Gruppe haben Wertungen von 1 bis 3,5 (von 5 Punkten als Höchstwertung) erteilt. Die Durchschnittsnote liegt bei 2,5. Die Bewertung reicht von „fesselnd“ und „authentisch“ bis zu „simple Sprache. Man musste sich zwingen, weiterzulesen“. Wer sich informieren will, wie die Versicherungswirtschaft tickt, hat hier jedenfalls die passende Lektüre.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Annette Pehnt: "Chronik der Nähe“

Verwirrende Mutter-Tochter-Beziehungen
Piper Verlag, 2012, 224 Seiten


Annette Pehnt erzählt in „Chronik der Nähe“ von drei Frauengenerationen. Großmutter, Mutter und Tochter. Beschrieben werden die Lebensumstände und Lebensverläufe aus zwei Perspektiven - aus der der Mutter Annie und aus der Ich-Perspektive, der Tochter. Die erzählte Zeit reicht von den Kriegswirren bis in die Gegenwart.


Sowohl die Großmutter als auch Annie sind zwar aktive Frauen, stellen sich jedoch gegenüber ihrer jeweils einzigen Tochter immer als Leidende dar. Sie behandeln sie nicht wie Kinder, sondern überfordern sie mit Vorwürfen und den eigenen Wünschen nach Bestätigung. Weder Freunde noch Männer spielen eine Rolle.


Einzig die Ich Erzählerin scheint ein innigeres Verhältnis zu ihrem Ehemann zu haben. Doch sie ist nicht die große Heldin des Romans. Im Gegenteil. Im Vergleich zu der Geschichte ihrer Großmutter, die während und nach dem Krieg unter abenteuerlichen Umständen Geld und Lebensmittel für sich und ihr Kind organisiert, wirken die zwei anderen Frauenfiguren (eine Hausfrau der siebziger und eine Akademikerin der Gegenwart) ziemlich uninteressant. Dennoch hat nur die Großmutter, bei der man als einziges noch ein paar nicht auserzählte Geheimnisse vermuten kann, keine „eigene Perspektive“ und wird dem Leser nur durch die Erzählungen von Annie nähergebracht.


Generell war unser Eindruck, dass die Spannung zum Ende des Romans nachlässt. Die Handlung hat keinerlei unerwartete Wendung, sondern ist eine oft auch verwirrende Aneinanderreihung von diversen Szenen von emotionaler Erpressung in den drei Generationen.


Einige von uns fanden den Stil des Textes interessant – andere hingegen sahen darin ein schlechtes Tagebuch. Insgesamt schien uns „Chronik der Nähe“ vorwiegend ein Buch für Töchter zu sein, die mit ihren Müttern hadern und kein Sachbuch, sondern einen Roman zu dem Thema lesen wollen. Fest steht auch: Andere Bücher von Annette Pehnt haben uns deutlich besser gefallen.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Anna Katharina Hahn: "Am Schwarzen Berg“

Dramatisch, präzise, dabei leicht und schön zu lesen.
Suhrkamp, 2012, 236 Seiten


Emil und Veronika Bub haben die Hoffnung auf ein eigenes Kind aufgegeben müssen. Als der ehrgeizige Arzt Hajo Rau mit seiner Frau und ihrem neunjährigen Sohn Peter im Nachbarhaus einziehen, wird der Junge für das kinderlose Ehepaar Bub zu einem Ersatzsohn. Der Lehrer und Mörike-Verehrer Emil und seine Frau Veronika knüpfen mit kleinen und großen Kniffen den Nachbarssohn eng an sich - Peter wächst gleichsam mit zwei Elternpaaren auf. In dieser Konstellation entwickelt er sich zu einem Mann, der die ehrgeizigen Lebensziele seiner Eltern nicht übernimmt. Er macht sich nichts aus Besitz und Karriere. Lieber möchte er sich intensiv um seine beiden Söhne kümmern als eine Teilhaberschaft in der Logopädie-Praxis zu übernehmen, in der er angestellt ist. Für seine Ehefrau Mia, die als Tochter einer allein erziehenden Putzfrau aufwuchs und sozial aufsteigen möchte, wird seine Leistungsverweigerung im Lauf der Jahre unerträglich.


Der Roman "Am Schwarzen Berg" von Anna Katharina Hahn beginnt kurz vor dem Ende: Peter wurde vor wenigen Wochen von seiner Frau verlassen und dadurch psychisch und physisch aus der Bahn geworfen. Sowohl seine Eltern als auch seine Zieheltern aus dem Nachbarhaus versuchen, ihn aus seiner Depression zu befreien. In eingeschobenen Rückblenden erinnern sich Emil und Veronika an frühere Erlebnisse mit Peter. In den beiden vorletzten Kapiteln des Buches kommt Mia zu Wort. Aus ihrer Sicht wird die Entwicklung und das Scheitern der Ehe beschrieben. Im letzten Kapitel bringt die Autorin ihre Geschichte um Peter und seinen beiden Elternpaaren gekonnt zu einem dramatischen Ende.


Stil & Sprache:
Der Schreibstil der Autorin hat uns mehrheitlich sehr gefallen. Die Beschreibungen der Wohnsiedlungen in den Vororten von Stuttgart, die Darstellungen der lauen Sommerabenden in den kleinen Gärtchen vor den Einfamilienhäusern und auch das Ringen der beiden Elternpaare um ihr eigenes wie auch Peters Gleichgewicht sind fast schon poetisch. Die präzisen Beschreibungen von Stimmungen und Situationen sind leicht und schön zu lesen.

Störend allerdings empfanden wir teilweise die detailreichen und häufigen Hinweise auf Straßenzüge und -namen der Stadt Stuttgart. Auch die umfassenden Mörike-Passagen, in denen die Verehrung Emils zu dem schwäbischen Dichter ausgebreitet werden, sind wir etwas zu langatmig geraten.


Themen des Buches:
Die Autorin selber hat ihr Buch mit den Worten angekündigt "Es geht um die Liebe zwischen zwei Männern, eine Art Wahlverwandtschaft. Es geht um zwei Generationen und ihre Sehnsüchte. Es geht um Mörike und wieder um Stuttgart, mein ganz eigenes Stuttgart".


Diese Themen haben wir in dem Buch von Anna Katharina Hahn zwar wiedergefunden, fanden aber andere Handlungsstränge wesentlich vorherrschender: die erdrückende Liebe zweier Elternpaare auf ein Kind, die Obsession eines kinderlosen Paares mit dem Ersatzsohn und die sich über Generationen hinweg wiederholende Geschichte eines im Grunde narzisstischem Verhältnisses von (Ersatz-)Vater zu Sohn.


Die Bewertung:
In unserem Kreis wurde das Buch fast ausnahmslos gerne gelesen. Die Bewertungen spiegeln das wider: fast alle abgegebene Werte liegen zwischen 3 und 4 Punkten.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Olga Grjasnowa: "„Der Russe ist einer, der Birken liebt“

Sprachstark, mitreißend, konfliktgeladen
Hanser-Verlag, 2012, 288 Seiten.


Die Geschichte: Gut lesbar mit starkem Auftakt

Die aus Aserbaidschan stammende jüdische Sprachstudentin Mascha Kogan lebt mit ihrem Freund Elias in Frankfurt am Main. Als Elias völlig unerwartet stirbt, fühlt Mascha sich nicht nur verantwortlich. Sein Tod bricht in Mascha auch alte Wunden auf. In ihrer Kindheit war sie Zeuge von Progromen. Insbesondere ein Erlebnis hat sie zutiefst verstört. Nach Elias Tod verliert sich Mascha in einer zunehmend depressiven, desorganisierten Gemütsverfassung. Auch ihre beiden besten Freunde, der Araber Sami und der Türke Cem, vermögen sie kaum zu motivieren. Aller Ehrgeiz und alle berufliche Zielstrebigkeit kommen der hochintelligenten jungen Frau abhanden. Mit letzer Kraft schafft sie ihren Studienabschluss und zieht nach Tel Aviv, um dort zu arbeiten und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Eine Flucht ohne den erhofften Ausweg.


Themen des Buches: Fremdenfeindlichkeit, Nahostkonflikt und Progrome, Suche nach der Identität

Zwischen dem Leben der Autorin und ihrer Romanfigur gibt es viele Parallelen. Mit diesem Wissen wirken viele der Szenen und Themen beklemmend, denn sie zeigen ein sexistisches und in hohem Maße ausländerfeindliches Deutschland. Auch die blutige Gewalt und Grausamkeit, die Mascha als Kind erlebt hat, erschrecken. In Rückblicken erzählt Mascha von einer entsetzlichen Zeit in Aserbaidschan. Dieser sinnlosen Gewalt begegnen Mascha und der Leser auch in Israel wieder.


Die Bewertung: sprachgewaltig, aber nicht in allen Szenen und Figuren überzeugend

Die ersten 100 Seiten des Debütromans von Olga Grjasnowa bis zum Tod von Elias sind bewegend und mitreißend. Die in der Folge immer zahlreicher auftauchenden Figuren sind innerhalb unseres Lesekreises allerdings unterschiedlich bewertet worden: von "völlig überzeichnet" bis hin zu "wunderbar treffend geformt“. Die Meinungen zu dem Schreibstil reichten von „sprachgewaltig“ und „großartig“ bis zu „eher mäßig“. Die Vielzahl der Themen, die in dem Roman aufgegriffen werden, konnte die einen anregen und begeistern, auf andere wirkten die vielen Schwerpunkte von Identität, Nahostkonflikt und posttraumatischer Störung lediglich angerissen und wenig ausgearbeitet.


Unsere Bewertungen des Romans von Olga Grjasnowa spiegelten dieses heterogene Bild wieder: Mit der Vergabe von schwachen 2 Punkten bis hin zu starken 4,5 Punkten kamen wir auf eine Durchschnittsbewertung von 3,5 von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Eugen Ruge: "„In Zeiten des abnehmenden Lichts““

Sympathisch, stil- und pointensicher, bewegend
Rowohlt Verlag, 2011, 432 Seiten,


Geschichte & Inhalt:
Ruge ist ein Meister der Sprache. Jedes Wort, jeder Satz, jeder Einschub macht dieses Buch zum intelligenten Lesevergnügen. Schon das erste der 20 Kapitel, in dem Alexander seinen dementen Vater in der früheren DDR besucht, macht süchtig. Man will mehr wissen von dieser Familie, von ihrem Schicksal, von Alexander und seiner Familie.


Der demente Kurt war in früheren DDR-Zeiten eine wichtige Figur. Seine Frau Irina hat er in der russischen Gefangenschaft kenngelernt. Und doch kann er sich zeitlebens nicht von seinem Vater, dem alten Patriarchen Wilhelm, abnabeln. Ruge erzählt die Geschichte dieser drei Generationen aus immer wieder wechselnden Perspektiven der Familienmitglieder bis hin zum koksenden Berliner Schüler, Alexanders Sohn. Rückblicke wechseln sich mit aktuellen Zeitaufnahmen ab.


In nahezu allen dieser 20 Kapitel und Geschichten spielt die Anpassung der Familienmitglieder an das politische System und seine Anforderungen mit hinein - damals wie heute. Etwa, wenn Irina, Kurts Frau, mit ausgesprochen gewitzen Methoden im Mangelsystem der früheren DDR die Lebensmittel für ihre jährliche Weihnachtsgans beschafft. Oder Kurt entscheiden muss, wie er mit einem von der Partei verstoßenen Kollegen umgeht. Dennoch ist "„In Zeiten des abnehmenden Lichts“" kein politisches Buch. Es beschreibt, ohne zu werten, das Überleben wollen jedes Einzelnen vor dem politischen Hintergrund eines immer mehr zerfallenden Ostblocks.


Stil & Sprache:
Schon die ersten Sätze jedes der 20 Kapitels sind perfekt:  „"Vor zehn Jahren, auf den Monat genau, waren sie aus Rußland gekommen“. „Manchmal vergaß er, was zu tun war."“ Ruge erzeugt so vom ersten Moment an Spannung und hält diese konsequent jedes Kapital durch. Dazu kommt ein ausgesprochen abwechslungsreicher Satzbau. Lange Sätze, Einschübe, Doppelpunkte, Klammern:  Ruge handhabt Tempi, Schnitt und Dialoge souverän. Zudem verzichtet der Autor auf Adjektive, erzählt stattdessen, was er sieht und erlebt,– etwa, wie Kurt frisch „gewaschen und zähnegeputzt duftet. Und er beherrscht es meisterhaft, innere Dialoge widerzugeben.


So lebt und leidet und hofft der Leser mit jedem der Familienmitglieder - wider besseres Wissen: "„Nein, sie hatten sich nicht geirrt. Es gab ein Röntgenbild. Es gab ein CT. Es war klar. Krebs, langsam wachsender Typ. Gegen das es –- wie taktvoll ausgedrückt -– bis heute keine wirksame Therapie gäbe."


Bewertung:
Wir haben das Buch ausnahmslos gern gelesen. Besonders die Erzählstruktur des Autors, der das gleiche Geschehen aus der Sicht mehrerer Personen schildert, hat uns gefallen. Lediglich den oft zitierten Vergleich mit Thomas Manns Buddenbrooks fanden wir etwas zu hoch gegriffen.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Judith Schalansky: "Der Hals der Giraffe“

sprachlich überzeugend, vergnüglich-grausam, schnörkellos

Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 222 Seiten


Die Geschichte:
Inge Lohmark, 55, ist seit über dreißig Jahren Gymnasial-Lehrerin für Biologie und Sport in einer Kleinstadt im vorpommerschen Hinterland. In den drei Teilen des Romans wird jeweils ein Tag im Schuljahr der Protagonistin geschildert. Diese unterrichtet nicht nur Biologie und Sport. Sie hat sich völlig in einem biologistischen Weltbild eingerichtet, in dem ausschließlich das Recht des Stärkeren regiert.   


Schüler haben sich daher anzupassen, sind notwendiges Übel und werden von ihr kalt bis grausam behandelt, „Verlierer“ rücksichtslos bloßgestellt. Dabei ist die Zukunft von Inge Lohmark ungewiss: In der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an genau diesen Kindern, und in Kürze wird die Schule geschlossen werden.


Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nun Strauße und ist wenig präsent in Lohmarks Leben. Ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat sich von der Mutter sowohl räumlich als auch menschlich distanziert. Im Zeitverlauf des Schuljahres erleben wir, wie die Brüche in Inge Lohmarks Welt immer offensichtlicher und die Risse in ihrem Weltbild immer tiefer werden.


Das Buch:
Schalansky, gelernte Typographin und Buchgestalterin, hat ihr Buch mit detaillierten und liebevollen Zeichnungen von Tieren und Organismen angereichert. In den Seitenköpfen sind die Kapitelüberschriften der drei geschilderten Tage, "Naturhaushalte", "Vererbungsvorgänge" und "Entwicklungslehre" aufgeführt sowie wechselseitig kapitelähnliche Begriffe, allesamt ebenfalls der Welt der Biologie entliehen. Insgesamt erinnert das Buch mit seinem grauen Leinendeckel an eine alte DDR-Ausgabe oder an ein Buch aus den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es macht Spaß, das Buch in der Hand zu halten und aufzuschlagen.


Bewertung:
Wir haben das Buch gerne gelesen. Die Hoffnungslosigkeit der Schulprovinz ohne Zukunft ist von der Autorin sehr eindringlich beschrieben. Den brilliant formulierten, teilweise sehr gehässigen Gedankengängen der Protagonistin gegenüber ihren Schülern und Kollegen folgten wir mit einer Mischung aus Grausen und Faszination. Gegen Ende des Buches erschöpfte uns teilweise die Trostlosigkeit des Weltbildes der Lehrerin, da weder Entwicklung noch Katharsis absehbar sind. Der Untertitel des Romans "Entwicklungsroman" wird diesbezüglich ad absurdum geführt. Wir vergeben in gewohntem Bewertungsschema von 1 bis 5 Punkten (Bestnote) insgesamt 3,4 Punkte.

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Buchkritik Edmund de Waal: "Der Hase mit den Bernsteinaugen“

Historisch interessant, gut lesbar, stimmig

Zsolnay, 2011, 352 Seiten


Die Geschichte:


Edmund de Waal ist ein direkter Nachfahre der jüdischen Bankiersfamilie Ephrussi, die es über Generationen hinweg in Europa zu großem Reichtum brachte. Er verfolgt die Geschichte von 264 Netsuke,-kleinen geschnitzten, japanischen Kostbarkeiten.
Seine Erzählung beginnt mit Charles Ephrussi, der die Netsuke in Paris erworben hatte. Dieser Charles war nicht nur Bankier, wie die meisten Mitglieder der Familie Ephrussi, sondern auch Kunsthistoriker, Herausgeber einer Zeitung und Mäzen der Pariser Impressionisten und Freund von Marcel Proust. Die Dreyfusaffäre, die unfassbare 12 Jahre währt, bringt die Juden und auch Charles in Mißkredit.
Die Netsuke werden als Hochzeitsgeschenk nach Wien gesandt, für Victor und Emmy, die in Wien in einem Palast residieren. Sie leben als reiche, angesehene Angehörige des Adels ohne Sorgen und Zukunftsängste. Die Vitrine mit den Netsuke hat jetzt seinen Platz im Ankleidezimmer von Emmy gefunden. Ihre Kinder haben nutzen sie fantasievoll als kleine Spielzeuge.


Der Erste Weltkrieg mit dem nachfolgenden Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie leitet den Niedergang der Familie Ephrussi mit Ihrem Familiennetzwerk in halb Europa ein. Aus Russland und anderen Landesteilen des Ostens kommen die „Ostjuden“ nach Wien. Bei lautstarken Demonstrationen wird nun gegen Juden gehetzt. Erschütternd sind die Ausführungen de Waals über den Einmarsch der deutschen Truppen in Wien und seiner Beschreibung der perfiden, kriminellen Enteignungsmaschinerie.


Der Weg der Netsuke endet jedoch nicht in den weiten Taschen der Nazis. Sie finden im Dezember 1945 ihren Weg zurück nach Japan, und gehen schließlich als Erbe an den Autor. Der letzte Rastplatz der Sammlung ist London.


Stil & Sprache:


Flüssige Sprache, die die Tragik der Juden treffend darstellt, ohne anklagend zu wirken. Gute Beschreibungen mit interessanter Wortwahl.


Plot & Dramaturgie:


Mit der Verfolgung der Netsuke bis in die heutige Zeit ist dem Autor ein kluger, dramaturgischer Schachzug gelungen, der die einzelnen Generationen der Familie Ephrussi geschickt verbindet. Etwas zu kurz kommt die Beschreibung der persönlichen Beweggründe der einzelne Personen. Über ihr Seelenleben erfährt der Leser nur wenig.


Gesamtbewertung:


Wir haben das Buch überwiegend gern gelesen und – schwanken in der Bewertung (bei 1 bis 5 Sternen) zwischen 3 und 3,5 Sternen.      

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Buchkritik Aravind Adiga: "Letzter Mann im Turm“

Anrührend, anschaulich, dramatisch

C.H. Beck, 2011, 513 Seiten


Die Geschichte:


Wie weit geht der Mensch, geht eine Gemeinschaft, um an Geld zu kommen? Friedrich Dürrenmatt gab 1956 in seinem Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“ eine klare Antwort. Die Dorfgemeinschaft bringt den früheren Schänder der zu Geld gekommenen Klara um.


Der indische Autor Aravind Adiga erzählt, basierend auf einer realen Begebenheit aus Mumbai, die indische Variante: Ein Immobilienhai will ein altes Haus abreißen. Er bietet den Bewohnern viel Geld, damit sie ausziehen. Alle willigen ein, nur einer nicht: ein alter Lehrer, der damit die Wut der anderen auf sich zieht.


Stück um Stück zerbrechen die alten Freundschaften der Bewohner des Wohnblocks, wird der an seinen Erinnerungen hängende Lehrer isoliert und lächerlich gemacht. Der bis dahin seit Jahrzehnten funktionierende Mikrokosmos aus ganz unterschiedlichen Bewohnern mit all ihren Schwächen und Macken zerfällt. Endlich scheint es eine Chance zu geben, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu verwirklichen. Schließlich kämpft jeder Bewohner um das Geld für sich und seine Angehörigen – und gegen den Lehrer.


Bewertung:


Der Leser folgt dieser sehr bildhaften Beschreibung einer indischen Hausgemeinschaft mit dem bezeichnenden Namen Confidence (Vertrauen) und den Winkelzügen des Immobilienhais und seiner Handlanger mit einer Mischung aus Vergnügen, Bangen und wechselnden Sympathien. Denn Adiga vermeidet jedes Gut-Böse-Schema. Jeder der Handelnden in dieser Geschichte hat nachvollziehbare Gründe für das, was er will und tut - oder lässt. Bis hin zum verstörenden Ende.


Mitunter verwirren allerdings die vielen ähnlich klingenden Namen. Auch werden die Marotten der Bewohner an manchen Stellen zu sehr ausgebreitet. 100 Seiten weniger hätten dem Buch gut getan. In jedem Fall fehlt der Sog, die Rasanz und auch die stückweise Bösartigkeit des ersten Buches von Aravind Adiga, dem „Weißen Tiger“.


Wir geben daher – bei 1 bis 5 (Bestnote) möglichen - 2,9 Punkte.

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Buchkritik Mario Vargas Llosa: "Der Traum des Kelten“

Historisch interessant, literarisch enttäuschend

Suhrkamp Verlag, 2011, 447 Seiten


Der Inhalt des Romans:


In „Der Traum des Kelten“ beschreibt Mario Vargas Llosa das Leben des Roger Casement (1864-1916). Casement ist Sohn eines protestantischen irischen Soldaten und einer früh verstorbenen Katholikin. Im Auftrag der britischen Regierung untersucht er Gräueltaten der Kolonialherren gegen die Bevölkerung im Kongo und im peruanischen Amazonasgebiet. Mit seinen Berichten sorgt er für großes Aufsehen in Europa. In seinem späteren Leben tritt er für die Unabhängigkeit Irlands vom Vereinigten Königreich ein. Während des 1. Weltkriegs verhandelt er mit Deutschland, um Unterstützung für den Befreiungskampf der Iren zu erhalten; dies wird jedoch von den britischen Behörden entdeckt. Casement wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet.


Bewertung:


Wir haben das Buch mehrheitlich mit Interesse gelesen. Das Leben Casements bietet genug für eine Biographie oder einen Roman. Dass Vargas Llosa jedoch diese beiden Genres in „Der Traum des Kelten“ zu vermischen scheint, ist nach unserer Ansicht nicht geglückt. Die Konstruktion des Rückblicks, den der bereits inhaftierte Casement auf sein Leben wirft, scheint uns denkbar schlicht. Daneben blieb uns die Hauptfigur trotz der Tatsache, dass es sich um Rückblicke auf sein Leben handelt, fremd. Unklar bleiben die Motive, warum sich Casement – im Gegenteil zu der überwiegenden Mehrheit seiner Zeitgenossen – für die Gräueltaten in den Kolonien interessiert und Mitgefühl für die ausgebeutete und gequälte Bevölkerung empfindet.


Auch sein übermäßiges Engagement für den irischen Befreiungskampf wird nicht nachvollziehbar motiviert. Die Nebenfiguren bleiben selbst und in ihrem Verhältnis zu Casement blass, einige werden zwar in die Handlung eingeführt, ihr weiteres Schicksal jedoch nicht weiter erwähnt.


An anderer Stelle enthält das Buch dagegen eine unnötige Faktendichte wie z.B. Nennung unzähliger Namen deutscher Ministerialbürokraten, mit denen Casement verhandelt, ohne dass diese für den weiteren Verlauf der Handlung in irgendeiner Weise von Bedeutung sind.


Auch erscheinen die Schrecken der Gräueltaten insbesondere im Amazonasgebiet durch besondere Detailgenauigkeit und Wiederholungen fast ausgewalzt.
Stilistisch fallen insbesondere viele Wiederholungen und sperrige Formulierungen wie z.B. "die boshaften Äuglein in dem schwammigen Gesicht mit dem blonden Schnurrbart" auf. Nicht einigen konnten wir uns über die Frage, ob die teilweise abwertenden und rassistischen Formulierungen dem Zeitgeist Casements geschuldet sind oder nicht.


Gesamteindruck


Sehr interessantes Thema, die Umsetzung scheint uns insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei dem Autor um einen Träger des Literaturnobelpreises handelt, jedoch nicht sehr geglückt.

Wir vergeben 2,6 von 5 möglichen Punkten.

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Buchkritik Javier Cercas: "Anatomie eines Augenblicks“

Historisch interessant, langatmig, spannungslos
S.Fischer, 2011, 541 Seiten


Die Geschichte:

Am 23.Februar 1981 beginnt eine Gruppe rechtsgerichteter spanischer Militärs einen Putsch, indem sie die Mitglieder des Parlaments in Beugehaft nimmt. Während die Mehrheit der Abgeordneten unter ihren Bänken Schutz sucht, bleibt der scheidende Präsident Adolfo Suarez ruhig sitzen. Der Autor beschreibt die Rolle des Königs, des Militärs und des charismatischen Präsidenten Adolfo Suarez. Jedes seiner Buchteile beginnt mit einer Kameraeinstellung, wie bei einem Drehbuch und filmt die Entwicklung des Putsches bis zum Scheitern des Obersten Tejero.


Stil & Sprache:

Der Autor versucht ,wie ein Arzt, akribisch die Beweggründe jeder einzelnen Figur zu sezieren. Er schreibt ruhig und flüssig und beleuchtet die Figuren und Beweggründe, wie eine Kamera von außen,aus den verschiedensten Blickwinkeln. Spannung entsteht nur bei der Beschreibung der Schlüsselfigur, des Obersten Tejero, der nicht aufgeben will.


Einige vom Author gewählte Metaphern („die Plazenta des Putsches“) wirken insbesondere durch unzählige Wiederholungen aufgesetzt und affektiert. Auch das dem Roman vorangestellte Nachwort wirkt durch seine Rechtfertigung und Nabelschau eher ermüdend.


Plot & Dramaturgie:

Die zugrunde liegenden Ereignisse sind gut recherchiert und lassen den Leser an einem historischen Moment der jüngeren Geschichte Spaniens teilhaben. Gut gewählt erschien uns auch die Idee, sich den Geschehnissen jeweils von den unterschiedlichen Protagonisten des Putsches zu nähern, wobei von uns allen die Sicht des Spanischen Königs vermisst wurde.


Gesamtbewertung:

Wir haben uns mehrheitlich schwer getan. Das Buch ist zu langatmig und der Autor verliert sich in vielfältigen Wiederholungen. Unserer Ansicht nach hat der Autor eine Chance vertan, indem er einen wichtigen Moment der europäischen Geschichte, dessen Verlauf in Deutschland größtenteils nur oberflächlich bekannt sein dürfte, durch ausufernde und teilweise gekünstelte Darstellung auf über 560 Seiten aufbläst.

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Abb. © Verlag
Buchkritik Thomas Wolfe: "Die Party bei den Jacks“

Manesse Verlag 2011, 352 Seiten.


Die Handlung des Buches ist überschaubar: Der Autor erzählt von einer Party der New Yorker Upperclass Ende der  20er Jahre. Die Vorbereitungen und das Event selbst werden aus den Perspektiven der Beteiligten geschildert – vom Dienstmädchen über den aus Deutschland stammenden Mr. Jack bis hin zur Gastgeberin, der amerikanischen Bühnenbildnerin Esther Jack.


Mit den Augen eines Kindes


Thomas Wolfe versucht in seinem Buch, die Eigenschaften und Eigenarten der „vortrefflichen Gesellschaft“ New Yorks und der sie umgebenden Menschen darzustellen. Wolfe geht dabei allerdings in großen Teilen völlig kritiklos zu Werke, insbesondere in Hinblick auf seine Hauptfigur Esther Jack. Wie ein Kind schaut dieser Autor mit großen Augen staunend und voller Bewunderung dem ganzen Treiben zu. Lediglich in den Passagen, die sich mit den Dienstboten beschäftigen, zeigt er nachvollziehbar Konflikte auf.


Unklar bleibt auch, warum der eigentlichen Handlung des Romans eine traumartige Beschreibung der Kindheit des im späteren Verlauf eher wenig präsenten Mr. Jack vorangestellt wurde.  


Schwülstige Sprache


In übertriebener, schwülstiger und altmodischer Sprache zieht sich der handlungsarme Text dahin. „Keim des Lebens, Zauber der Mutter Erde, tiefer Frieden in seiner Seele“ – jeder Satz wird durch schlichte, trivale und abgegriffene Adjektive und Bilder banalisiert.


Einfaches Mahl, kluger Architekt, die starken mächtigen Nasenflügel leicht bebend, fühlte sich wie ein junger Hengst – um hier nur Beispiele einer einzigen von insgesamt 352 Seiten aufzuführen, in denen es zudem von Wiederholungen wimmelt.


Über die Frage, ob dies der fehlenden Überarbeitung durch den Autor – oder seinem fehlenden Talent? - geschuldet ist oder vom ihm bewusst zur Verdeutlichung der Oberflächlichkeit der dargestellten Personen eingesetzt wurde, konnten wir uns nicht einigen.


Unvollendet oder unfähig?


Insgesamt hat man den Eindruck, der Roman sei noch nicht fertig. Tatsächlich stammt das Werk aus dem Nachlass von Thomas Wolfe, wurde dort von Literaturagenten "entdeckt" und als Buch über den Vorabend der Weltwirtschaftskrise, die hier als ungeklärter Zusammenbruch im New Yorker Untergrund dargestellt wird, vermarktet.
Das Nachwort geht auch darauf ein, dass Thomas Wolfe durchaus mit Tom Wolfe verwechselt werden kann.


Die Kritik ist jedenfalls mit diesem Buch sehr wohlwollend umgegangen, hält es zwar für überbordend, aber auch aufschlussreich und literarisch interessant. Die Meinung teilen wir nicht: Wir geben 2,3 von 5 möglichen Punkten (sehr gut) und raten von der Lektüre ab.

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Buchkritik Zsuzsa Bánk: "Die hellen Tage“

S. Fischer, 541 Seiten, 2011

Über „Die hellen Tage“ der Kindheit und die dahinter liegenden dunklen Geheimnisse von Aja, Seri und Karl erzählt Zsuzsa Bánk in ihrem zweiten Roman, der sich auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises findet.


Die Geschichte des Romans
Die Ich-Erzählerin Seri lernt als Kind Aja kennen, die in einer Baracke lebt und deren Vater, der Artist Zigi, sie und seine Frau Évi nur wenige Monate im Jahr besucht und die restliche Zeit mit dem Zirkus unterwegs ist. Seri und Aja werden beste Freundinnen, wenig später stößt noch Karl dazu und sie verleben gemeinsam diese hellen Tage ihrer Kindheit, obwohl auch Karl und Seri nicht in einer heilen Familienwelt leben: Karls Bruder ist verschwunden und niemand weiß genau, was ihm passiert ist; Seris Vater ist bei einem Unfall ums Leben gekommen.


Die erste Hälfte des Buches kreist um Ajas Mutter Évi, die den drei Kindern viele unbeschwerte Erlebnisse ermöglicht und sie mitsamt ihren Eltern quasi miterzieht. Evi ist das Umherreisen der Roma leid und erarbeitet sich ein sesshaftes Leben in der süddeutschen Provinz. Mit ihrem großen Herz holt sie Karls Eltern ins Leben zurück und bittet auch selbst um Hilfe, wenn sie diese braucht.


Bei ihrem Studium in Heidelberg und Rom erfahren die drei die Grenzen ihrer Freundschaft und werden mit den bislang verdrängten dunklen Tagen ihrer Familien konfrontiert.


Themen des Buches
*Was macht das Glück der Kindheit aus?
*Wie kann eine Freundschaft Kindheit und Jugend überdauern?
*Kann eine Freundschaft zu dritt gutgehen?
*Wie geht man Geheimnissen und dunklen Punkten in der eigenen Vergangenheit oder der Familie um?


Bewertung des Buches
Wir haben uns mit diesem Buch mehrheitlich schwer getan. Die Schilderung der Kindheit der Protagonisten wurde von vielen als Kitsch betrachtet. Zudem fehlte über weite Strecken jede Handlung.


Der Stil des Buches wurde sehr unterschiedlich beurteilt. Während einige die langen Sätze und die bildreiche Sprache als gelungen lobten, haben andere dies und die ständigen Wiederholungen der gleichen Bilder als anstrengend und ermüdend empfunden.

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Buchkritik Michel Houellebecq: "Karte und Gebiet“

DuMont Verlag 2011, 416 Seiten


Wer ein neues Gebiet erkundet, ist gut beraten, sich vorher eine Karte zu besorgen. In seinem jüngsten Roman zeichnet Michel Houellebecq die persönlichen und ökonomischen Beziehungen seiner Figuren wie ein Kartograf nach, markiert Personen, Orte und Marken wie Sehenswürdigkeiten und macht sich Gedanken über Schicksal und Wille. Ist das Leben eine Straßenkarte?


Die Geschichte des Romans
Jed Martin macht Kunst mit Michelin-Straßenkarten, wird auf dem Markt platziert, hat Erfolg und gibt alles auf, um sich einem neuen Kunstprojekt zuzuwenden. Dieses Spiel wiederholt sich noch zweimal. Er verliebt sich, steht aber nicht dazu. Er verehrt und besucht den Schriftsteller Michel Houellebecq, der als menschenfeindlicher Eremit mit einer guten Portion Selbstmitleid auftritt. Jed dagegen ist selbstgenügsam, vertieft sich über Jahre in seine Projekte, und arbeitet an seinem Verhältnis zu seinem Vater.
Im zweiten Teil des Romans steht ein Verbrechen im Vordergrund. Es treten auf: ein Hauptkommissar mit Frau und passendem Kleinhund sowie sein fähiger Assistent und designierter Nachfolger. Die Polizisten müssen den Tatort, der nicht von ungefähr das Aussehen einer Satellitenbild-Aufnahme hat, "kartografieren", also Punkte und Verbindungen herstellen. Das gelingt ihnen lange nicht, obwohl sie sich im Gebiet des Mordens und der möglichen Motive gut auskennen. Der Künstler Jed Martin ist der letzte, der das Opfer besucht hat ...


Themen des Romans sind
Houellebecq skizziert mehrere bürgerliche Milieus des heutigen Frankreichs nebst allen Attributen, die dazu gehören - Marken, Verhaltensregeln, Personen, die man benutzen, einhalten und kennen muss, um dazu zu gehören. Das Leben, die Menschen und ihre Beziehungen als Straßenkarte:
- wie wird aus dem Gesprenkel einer Google-Earth-Satellitenaufnahme ein geordnetes Kartenbild?
- was definiert einen als Eintrag auf der Karte?
- wie verlaufen soziale und ökonomische Beziehungen?
- kann man seine Position auf der Karte verändern (was ist Schicksal, was bewegt Wille)?
- und lohnt sich das?
- Schließlich: können sich Gebiete und ihre Karten insgesamt verändern?


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
Ein gut lesbarer, hochaktueller, aber auch etwas zahmer Roman, der zum Nachdenken anregt, wenn man den Titel wörtlich nimmt. 3 von 5 Punkten.

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Buchkritik Jonathan Lethem: "Chronic City“

Tropen, 491 Seiten, 2011 (Original: 2009)


Chronic City ist der neue Roman des 1964 in New York geborenen Jonathan Lethem, der bisher sieben Romane veröffentlicht hat. Jonathan Lethem hat am renommierten Pomona College als Nachfolger von David Foster Wallace die Professur für Creative Writing übernommen.


Die Geschichte des Romans
Der alternde Ex-Kinderstar Chase Insteadman lässt sich als Mitglied der New Yorker Upper Class ohne Ambitionen von einem Event zum nächsten Treiben und unterhält dort durch seine Geschichten über seine Verlobte Janice Trumbull, die als Astronautin im All verschollen ist und ihm herzzerrreißende Briefe schreibt.


Als Chase Perkus Tooth, den Sonderling und ehemaligen Journalisten des Rolling Stone kennenlernt, offenbart sich ihm eine neue Welt, in der wilde Theorien über Filme, Literatur, das Leben und alles weitere gesponnen und miteinander verwoben werden. Zusammen lassen sie sich durch ein surreales ew York treiben, dass vom grauen Nebel an der Wall Street, einem vermeintlich riesigen und zerstörerischen Tiger, dauerhaftem Schneefall und allerlei exzentrischen Figuren bevölkert wird.


Themen des Romans sind
Die große Frage nach dem „richtigen Leben im falschen“
Freundschaft
Kunst, Kino, Literatur und Musik
Die Entwicklung der Mega Cities


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
Ein polarisierender Roman: Während eine Hälfte der Teilnehmer begeistert war, hat die andere Hälfte mit dem Roman gar nichts anfangen können.

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Buchkritik Siri Hustvedt: "Der Sommer ohne Männer“

Rowohlt Verlag, 252 Seiten, 2011



Inhalt:

In „Der Sommer ohne Männer“ geht es um die New Yorker Dichterin Mia, deren Mann ihr eines Tages eröffnet, dass er eine Pause von der Ehe haben möchte. Tatsächlich hat er eine Affäre mit einer jüngeren Arbeitskollegin. Die verletzte Mia erleidet eine Psychose und wird in eine Klinik eingeliefert. Als es Mia nach einiger Zeit wieder etwas besser geht, verlässt sie die Stadt, um den Sommer in der Nähe ihrer Mutter zu verbringen.


Zusätzlich will sie in ihrem Provinzheimatort einen Poesie Workshop geben. In diesem Kurs spielen sich dann vor ihren Augen ähnliche Szenen ab, wie Mia sie vor vielen Jahren selbst erlebt hat – eines der Mädchen, das „irgendwie anders ist“ wird von den übrigen gedemütigt.


Themen des Romans:

Das, was sich in der Kurzzusammenfassung liest wie eine außerordentlich erfolgreiche Psychoanalyse, ist so dezent beschrieben, dass es an keiner Stelle aufgesetzt wirkt und man es sogar überlesen könnte. Ein großer Verdienst dieses Romans!


Umso mehr war es verwunderlich, dass Siri Hustvedt und Dennis Scheck bei der Lesung der Autorin in Hamburg gar nicht darauf eingingen, sondern sich über Neurowissenschaften, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und die Reflexionen über Zeit im Roman unterhielten.


Themen, die uns als nicht so vorrangig erschienen. Außerdem wurden bei dieser Veranstaltung fast ausschließlich die expliziten Szenen vorgelesen, in denen Mia über Sexualität nachdenkt, und die wir alle uninteressant bis befremdlich fanden. Auch die Illustrationen hätte das Buch nicht gebraucht.


Bewertung der Shortlist-Mitglieder:

Trotz der angesprochenen Schwäche: Der sehr gut lesbare Roman kam bei unserer Wertung gut weg und schaffte 3,7 Punkte - bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Punkte (das perfekte Buch).

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Buchkritik Doron Rabinovici: "Andernorts“

Suhrkamp Verlag, 286 Seiten, 2010



Mit „Andernorts“ schaffte es der 1961 in Israel geborene, in Wien lebende Autor auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010.


Inhalt
Ethan Rosen ist Kulturwissenschaftler in Wien. Als er auf den Nachruf für einen Freund, einen Überlebenden der Shoa, eine wütende Antwort veröffentlicht, wird er vom Verfasser des Nachrufs, Rudi Klausinger, mit seinen eigenen Worten geschlagen und es entspinnt sich ein „Feuilletonkrieg“ zwischen beiden. Nachdem dieser Rudi Klausinger sich auf die für Ethan geschaffene Stelle an seinem Institut bewirbt, verlässt Ethan Österreich und reist nach Israel, um seinem schwerkranken Vater beizustehen. Dort muss er feststellen, dass Klausinger ebenfalls nach Tel Aviv gekommen ist und behauptet, dass Ethans Vater Felix auch sein Vater sei.


Themen des Buches sind
  • der Wettstreit zweier Männer um eine Professur, die Deutungshoheit über die Motive eines verstorbenen Freundes, den Vater und eine Frau
  • die Idee eines ultra-orthodoxen Rabbis, den Messias mit Hilfe der Gentechnik zu „rekonstruieren“, da er mit Hilfe kabbalistischer Studien ermittelt haben will, dass der Messias noch im Mutterleib im Holocaust ermordet wurde und so nie zur Welt kam
  • die Relativität der Wahrheit, abhängig davon, wo sie ausgesprochen wird
  • Die Frage „Was bedeutet es denn, sich als Israeli zu fühlen?“

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder
  • Fast alle Mitglieder waren vom Einfallsreichtum und der Geschichte begeistert und vergaben für den Plot durchschnittlich mehr als vier (von fünf möglichen) Punkten. Insbesondere die Eingangsszene im Flugzeug wurde gelobt.
  • Die Sprache des Buches konnte nicht im gleichen Maße überzeugen, teilweise wurden Holprigkeiten bemängelt: durchschnittlich knapp drei Punkte.

Insgesamt haben wir - mit einer Ausnahme - den Roman gern gelesen und vergeben durchschnittlich 3,9 Punkte.

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Buchkritik Ian McEwan: "Solar“

Diogenes, 405 Seiten, 2010

Mit „Solar“ wirbelte der britische Erfolgsautor die deutschen Feuilletons auf, wurde als „erster großer Roman, der den Klimawandel thematisiert“ angekündigt und als „Wissenschaftssatire“ mit "scharfkonturierten Plots" gepriesen, in dem es jedoch nur am Rande um Solarenergie geht.


Inhalt


Michael Beard ist Physiker und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch das ist lange her und seine Prioritäten im Leben haben sich längst verändert: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat ist er stets auf der Jagd nach Annerkennung in der Frauenwelt. Bis die geniale Idee eines jungen Wissenschaftlers sowie dessen Tod für Wirbel in seinem Leben sorgt. In Solar geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie und menschliche Schwächen.


Themen des Buches sind


  • der Blick auf einen Wisschenschaftsbetrieb, der sich offiziell dazu verschrieben hat, dem Klimawandel entgegenzutreten, sich anstatt dessen jedoch in bestehenden Projekten verfängt
  • vor allem aber um einen genusssüchtigen, nobelpreisgekrönten Physiker, dessen Ruhm in der Wisschenschafts- wie in der Frauenwelt zunehmend verblasst, und der sich skrupellos der Forschungsergebnisse eines Assistenten bemächtigt, von denen er sich neue Anerkennung erhofft
  • die Doppelmoral eines Mannes, der sich mehr um sein eigens Wohl als um das seiner direkten Mitmenschen oder gar der Menschheit kümmert und sich in schöner Parallele zum Weltklima auf die Katastrophe zu bewegt

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder


  • Fast alle Mitglieder waren von der Satire begeistert und vergaben für den Plot durchschnittlich zwischen drei und 3,5 (von fünf möglichen) Punkten. Insbesondere die flotte Erzählweise und komischen, durch menschliche Schwächen geprägten Episoden im Leben des Protagonisten wurde gelobt.
  • Dennoch konnte das Buch nicht im gleichen Maße überzeugen, wie frühere Werke des Autors mit komplexeren Plots und vielschichtigeren Charakteren– z.B. „Abbitte“ oder „Saturday“.

Insgesamt haben wir - mit einer Ausnahme - den Roman gern gelesen und vergeben durchschnittlich 3,4 Punkte – bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Punkte (das perfekte Buch).

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Abb. © Verlag
Buchkritik Marie N´Diaye: "Drei starke Frauen“

Politisch, erschreckend, betrüblich
Suhrkamp, 2010, 300 Seiten


Die Autorin


Für „Drei starke Frauen“ wurde die aus dem Senegal stammende Französin Marie N´Diaye mit dem französischen Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Marie N´Diaye, 43, verließ Frankreich aus Protest gegen die Einwanderungspolitik von Sarkozy und lebt heute mit Mann und Kindern in Berlin.


Der Inhalt des Buches


In drei lose miteinander verwobenen Geschichten erzählt Marie N´Diaye die Lebensgeschichte von 3 afrikanischen Frauen.
- Norah, die sich erfolgreich als Juristin in Paris etabliert hat, besucht den gehassten Vater in Dakar, Senegal. Er hat sie gerufen, um den Bruder aus dem Gefängnis zu holen.
- Fanta, die Lehrerin, hat Dar es Salam verlassen, um ihrem Mann nach Frankreich zu folgen. Dessen Träume vom beruflichen Erfolg zerplatzen in der Provinz – und mit ihm der Lebenstraum von Fanta.
- Khady wird von den Eltern ihres verstorbenen Ehemanns verstoßen und soll illegal nach Frankreich einwandern. Diese Flucht überlebt Khady nicht.


Exil, Verrat und Gewalt in der Familie


Um diese drei Themen kreisen die Geschichten des Buches. Frankreich, die frühere Kolonialmacht – sie ist für Khady das unerreichbare Ziel, für Fanta und ihren Mann der Ort ihres Scheiterns und für Juristin Norah ein Ort, an dem sie sich nur mit äußerster Disziplin durchsetzen kann. Und alle drei werden von Männern aus Schwäche und Feigheit verraten. Da gibt es den Vater, der Frau und Töchter im Stich lässt. Den Mann, der seine Frau belügt, um sie nach Frankreich zu locken. Und den Begleiter der Flüchtigen, der sie opfert, um selbst zu entkommen. In jeder der Geschichten ist der Leser zudem mit Gewalt bis hin zum sinnlosen Mord konfrontiert.


Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder:
  • Die reportageartig erzählte Fluchtgeschichte von Khady ist sicher die der drei Geschichten, die am meisten unter die Haut geht, die berührt und in ihrer Direktheit erschreckt.
  • Sprachlich gefiel uns dagegen die zweite Geschichte besonders gut. Über die Afrikanerin Fanta erfahren wir hier nur über ihren Mann, die Hauptfigur der Geschichte, der als Küchenverkäufer sein Leben in der Provinz fristet und von der Liebe zu Fanta zehrt.
  • Ermüdend und zu dick aufgetragen waren mitunter die magischen Motive, die zum Verständnis der Geschichte und der Situation wenig beitragen.
  • Und: Stark ist keine der drei Frauen. Duldsam, leidensfähig sicherlich. Aber nicht stark. Insofern passt eigentlich weder der Deutsche noch der Französische Titel zu den drei Geschichten (Trois femmes puissantes).

Gesamteindruck


Gut. Drei starke Frauen ist vor allem auch ein politisch interessantes Buch, dessen drei sprachlich ganz eigenständige Geschichten drei ganz unterschiedliche, aktuelle Schlaglichter auf das Leben afrikanischer Frauen im 21. Jahrhundert werfen. Wir geben deshalb 3,4 Punkte – bei einer möglichen Bewertung von 0 (schlecht) bis 5 Sterne (das perfekte Buch).

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Buchkritik Hans-Ulrich Treichel: "Grunewaldsee“

Suhrkamp Verlag, 237 Seiten, 2010


Grunewaldsee ist der neue Roman des 1952 in Versmold/Westfalen geborenen und in Berlin und Leipzig lebenden Germanistik-Professors Hans-Ulrich Treichel.


Die Geschichte des Romans:


Der aus der niedersächsischen Provinz stammende Paul wartet in West-Berlin nach Abschluss des Studiums auf einen Referendariatsplatz. Um die lange, mehrjährige Wartezeit zu überbrücken, nimmt er einen Job als Sprachlehrer in Spanien an, verliebt sich dort in die unglücklich verheiratete, schwangere Maria und verliebt mit ihr einen idyllischen Sommer, der all seine bisherigen Erlebnisse mit Frauen in den Schatten stellt, so dass er nach seiner Rückkehr nach Berlin nicht nur auf den Referendariatsplatz wartet, sondern auch auf das Wiedersehen mit seiner spanischen Geliebten.


Themen des Romans sind


  • die Suche des Helden nach einem Paradies, das er inmitten der Großstadt am titelgebenden Grunewaldsee zu finden hofft, das er im spanischen Sommer mit seiner Geliebten erlebt, aber aus dem er auch immer wieder vertrieben wird.
  • seine Eltern, insbesondere seine unter „Idyllenkrankheit“ leidende Mutter, sind Thema und bilden zusammen mit vielen anderen Familien einen großen Themenkomplex des Romans.
  • Die Passivität des dauerhaft wartenden Protagonisten, der nur für Handlungsverweigerungen belohnt wird, während ihn nach jeder Initiative und Handlung negative Konsequenzen erwarten.

Die Bewertung der Shortlist-Mitglieder:


  • Auf der Inhaltsebene gelesen fiel die Hauptfigur Paul bei den weiblichen Shortlist-Teilnehmern (Männer waren leider nicht anwesend) durch seine Trägheit als sehr unsympathisch auf, was es schwer machte, sich erstens mit ihm zu identifizieren und zweitens die Frauenfiguren des Romans, insbesondere Maria, nachzuvollziehen.
  • Die Sprache des Romans wurde als angenehm unprätentiös empfunden.
  • Einzelne Mitglieder lobten das Motivgeflecht des Romans und die Skizzen einiger Nebenfiguren (z.B. der Mutter und der türkischen Nachbarsfamilie von Paul).
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Buchkritik Richard Price: "Cash“

S. Fischer, 2010, 528 Seiten

Unsere Meinung: Drehbuchartig, realistisch, polarisierend


Die Story:


Die Lower East Side von New York. Polizisten, Diebe und Kneipenvögel steifen durch die Gegend. Die Perspektive wechselt zwischen ihnen. Dann werden drei junge, jeweils künstlerisch ambitionierte Männer von zwei Ghetto-Kids überfallen. Es kommt zu einem Wortwechsel und zu einem Schuss. Aus dem geplanten Raub wird Mord, einer der drei, Ike Markus stirbt und die Kids entkommen. Doch die Aufklärung der Tat ist nicht so einfach.

Die unterschiedlichen von dem Verbrechen berührten Personen: Der einsame Täter Tristan, der frustrierte, sich verweigernde Hauptzeuge Eric Cash, die an vielen Fronten kämpfenden Ermittler Matty Clark und seine Kollegin Yolanda, sowie der verzweifelte, übereifrige Vater des Toten Billy Markus, werden beschreiben und wie von einer Kamera begleitet, bis es begünstigt durch einen Zufall zur Lösung des Falles kommt.


Stil & Sprache:


Die viel gelobten Dialoge und die realistischen, stilistisch „schlanken“ Beschreibungen erinnern stark an ein Drehbuch. Wobei nur zu ahnen ist wie viel von seinem sprachlichen Reiz der Text durch die Übersetzung verliert.


Plot & Dramaturgie:


Der Anfang des Romans liest sich ein wenig sperrig. Erst ab Seite 100, nachdem man die Figuren kennen gelernt hat, setzt die Spannung ein und hält dann aber bis zum Ende an.


Gesamtbewertung:


Dieses Buch polarisiert. Es gibt echte Fans, die Mehrheit unserer Gruppe ist jedoch wenig begeistert. Bewertungen: von 0 (schlecht) bis 5 Sterne (das perfekte Buch).

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Buchkritik Colum McCann: "Die große Welt“

Unsere Meinung zu „Die große Welt“ von Colum Mc Cann: Literarisch, gut lesbar, stimmig.

Rowohlt, 2009, 537 Seiten


  • Die Story: An einem Tag des Jahrs 1974 laufen die Geschichten der zentralen Figuren des Romans zusammen. Es ist der Tag, an dem der Drahtseilartist Philippe Petit den Abgrund zwischen den Türmen des World Trade Center auf dem Seil überquert. Rund um diese reale Begebenheit knüpft der irische Schriftsteller Column Mc Cann die fiktiven Lebensgeschichten seiner zehn Figuren – quer durch alle Gesellschaftsschichten und die amerikanische Geschichte vom Vietnamkrieg bis zum 11. September. 10 Leben, jedes auf seine Weise absturzgefährdet. Etwa in Corrigan, dem aufopferungsvollen Iren, der sein Leben den Straßenhuren in der Bronx widmet. Die Story der schwarzen College-Absolventin Gloria, deren Söhne im Vietnamkrieg umgekommen sind. Oder der Prostituierten Tillie, die schon mit 38 Großmutter ist, und ihrer schönen Tochter Jazzlyn.

  • Stil & Sprache: In Büchern wie „Der Tänzer“ oder „Zoli“ schreibt Column Mc Cann emotional, leidenschaftlich. „Die große Welt“ dagegen ist gefällig, harmonisch, in ruhigem Stil geschrieben und damit angenehm zu lesen, aber eben auch weniger mitreißend als die früheren Bücher.

  • Plot & Dramaturgie: Rund um das Thema Absturz ist es Mc Cann geschickt gelungen, die historischen Details und das mosaikhafte Verweben der Lebensstränge dem Leser glaubhaft nahezubringen. So baut sich auch die Spannung im Verlauf der Geschichte(n) immer weiter auf.

  • Gesamtbewertung: Wir haben das Buch unisono gern gelesen und – schwanken in der Bewertung (bei 1 bis 5 Sternen) zwischen 3 und 4 Sternen.
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Buchkritik Kathrin Schmidt: "Du stirbst nicht“

Fest steht:


Sprachlich ist dieses Buch grandios. Knapp, mitleidlos, in kurzen Sätzen, Satzfetzen, beschreibt Kathrin Schmidt die Selbstwahrnehmung ihrer Protagonistin Helene.


Helene, die nach einem Gehirnschlag erwacht, ihre eigene physische und geistigen Beschränkung und die andauernde Entmündigung durch das Pflegepersonal wahrnimmt, analysiert und ironisiert - und doch kaum Chancen hat, sich der Umwelt mitzuteilen. Und sich dann Stück für Stück ihre Identität zurückerobert, sich immer mehr und öfter erinnert an ihr früheres Leben, ihre Lieben, ihre Kinder, ihren Mann und was sie für ihn empfand.   


Einig sind wir uns:


Mindestens ein Drittel hätte man kürzen können, und das Buch hätte gewonnnen. Irgendwann ermüdet das Schlabbern, die Mitteilungen über den hilflosen verschlauchten Körper und das Krankenhaus.   


Würden wir noch mal ein Buch von Kathrin Schmidt lesen?


Nein sagen die, die die ungeschminkte, übergewichtige Helene und die ganze Ostalgie nicht ausstehen konnten – und ähnliches bei anderen Büchern befürchten. Unbedingt, sagen die, die diese Frau unglaublich spannend, lebensbejahend finden und gerne mehr über solche Lebenskünstlerinnen lesen würden.

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Buchkritik Leon de Winter: "Das Recht auf Rückkehr“

Israel im Jahr 2024. In einem aussterbenden Land, das auf die Größe von Tel Aviv geschrumpft ist und in dem nur noch die Alten und Kranken zurückgeblieben sind, lebt Bram, Kind eines Nobelpreisträgers und früherer Nahost-Friedenforscher. Er unterstützt Eltern dabei, ihre verlorenen Kindern wieder zu finden. Bram selbst und sein erfolgreiches Familien- und Karriereleben sind zerbrochen, als 20 Jahre zuvor sein Sohn verschwand.



Die Frage nach dem richtigen politischen Weg


„Recht auf Rückkehr" plädiert für Härte, kritisiert die jüdische Milde gegenüber dem Feind. Bram, sein Sohn, der befreundete Politiker, der Staat Israel – sie alle haben 2024 die Schlacht gegen den Islamismus verloren. Das jüngste ist damit auch das bislang politischste Buch des jüdischen Autors, dessen extreme These beunruhigt, nachdenklich macht und die eigene bisherige Position hinterfragt.


Die Bewertung


Leon de Winter polarisiert: Die Meinungen für „Recht auf Rückkehr“ reichen von „konnte ich nicht fertig lesen“ bis zu „habe ich begeistert zweimal verschlungen“. Die einen geben 2 Punkte (1 = schlecht), die anderen 4 plus (5 = sehr gut). Schwierig bis abschreckend, so die Kritik, die vielen Vor- und Rückblenden. Auch die Bilderbuchehe des jungen Brams mit der schönen isrealischen Ärztin am Anfang des Buches wurde als holzschnittartig empfunden.


Unisono begeistert dagegen die Sprache dieser Nahost- und Familiengeschichte. Insbesondere die düsteren Zukunftspassagen in einem zum totalen Überwachungsstaat aufgerüsteten Israel sind beklemmend gut geschildert und kreisen um die eigentliche große Frage dieses Buches: Wie kann sich Israel inmitten der umgebenden feindlichen arabischen Staaten eine Zukunft sichern?

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