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Buchkritik

Leon de Winter: "Ein gutes Herz“

Diogenes Verlag 2013, 512 Seiten

Spannend, gesellschaftskritisch, phantasievoll
Ein Buch mit Thrillerqualitäten


Der Autor
Leon de Winter, 60, zählt zu den wichtigsten holländischen Gegenwartsautoren. Viele seiner Romane tragen autobiographische Züge, mit einer männlichen, jüdischen Hauptfigur und deren Konflikten mit dem Judentum, Ehe, Treue und einem übermächtigen Vater. Dabei nimmt der Autor zunehmend eine islamkritische Haltung ein. Die Bedrohung der - hier niederländischen - Gesellschaft durch fanatische Muslime ist auch einer der zentralen Handlungsstränge in diesem Buch.


Die Handlung
„Ein gutes Herz“ beginnt dramatisch - mit einer realen Geschichte: der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh durch einen Islamisten. Und es bleibt nicht der einzige terroristische Anschlag, mit dem Amsterdam, dessen Politiker und die verschiedenen Figuren des Buches im Lauf der Erzählung fertig werden müssen.


Theo van Gogh behält auch nach seinem Tod die tragende Rolle der Geschichte. Um in den Himmel zu kommen, muss er sich erst nämlich erst einmal als Schutzengel bewähren. Angeleitet wird er dabei von Mentor Jimmy, einen gutmütigen Franziskanermönch, der es mit der sexuellen Enthaltsamkeit in seinem Leben nicht so genau genommen hat. Jimmys Herz ist auf der Erde geblieben – und schlägt nun in der Brust des charismatischen Max Kohn.


Das Leben des früheren Kriminellen Max Kohn dreht sich vor allem um den Versuch, seine in Amsterdam lebende verlorene Liebe Sonja und seinen Sohn Nathan wiederzugewinnen. Doch die Terroranschläge rund um den jungen, islamistischen Migranten Sallie, der in mehrere Terroraktionen verwickelt ist, bringen für alle Beteiligten zahlreiche Komplikationen mit sich.


Schließlich spielen auch niederländische Politiker ihre Rollen bei der Bewältigung der Terrorkrise, wie Geert Wilders und der Bürgermeister von Amsterdam,Cohen - allesamt reale Figuren der Amsterdamer Politik.


Und noch eine weitere reale Figur gibt es in diesem Buch – einen Autor Leon de Winter, der ebenfalls auf Sonjas Liebe hofft.


Plot & Dramaturgie
Reale und surreale Elemente, Liebesgeschichte und Terrorbedrohung: Die verschiedenen Handlungsstränge rund um die verschiedenen Figuren der Geschichte sind klug miteinander verschachtelt, die Auflösung am Ende so nicht vorhersehbar.


Stil & Sprache
Die Sprache ist flüssig und bildhaft. Dabei scheut Leon de Winter auch nicht vor Alltagssprache zurück – etwa, wenn Theo van Gogh seinen Mörder als Bartaffen abstempelt.


Bewertung
Unsere Runde war gespalten bei der Bewertung des Buches. Die eine Hälfte hat diese phantasievolle und unterhaltsame und oft auch selbstironische Mischung aus Krimi und gesellschaftskritischem Roman sehr gern gelesen. Die anderen fanden den Text aufgeblasen und überladen. Das Gesamtergebnis lag daher bei 3,6 Punkten, von 5 möglichen Punkten. (bo, ut)

 

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