Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Franzobel: "Das Floß der Medusa“

Mitreißender, unkonventionell erzählter Historienroman
Zsolnay 2017, 592 Seiten


Zu grausam? Zu roh?
Ein Roman, an dem sich schon vor der Lektüre die Geister schieden! Jedenfalls blieben einige der Mitglieder dem monatlichen Treffen fern und ließen über andere weitergeben, dass sie Franzobels „Floß der Medusa“ aufgrund der Thematik bewusst nicht gelesen hätten. Diejenigen, die den Roman gelesen haben, zeigten sich in ihrem Urteil höchst unterschiedlich, nur kalt ließ dieser Roman niemanden!


Handlung
Doch zunächst zum Plot, der bereits vielen Lesern bekannt sein dürfte u. a. aufgrund der Berühmtheit des im Louvre hängenden Gemäldes Théodore Géricaults „Le radeau de La Méduse“, das auch im Ausschnitt auf dem Schutzumschlag des Buches zu sehen ist.
Der österreichische Autor Franzobel (es handelt sich hier um seinen vollständigen Namen – ein Pseudonym!) erzählt hier vom Schicksal der französischen Fregatte ‚La Méduse‘, die im Jahre 1816 auf ihrem geplanten Kurs von Frankreich in den Senegal vor der Küste Afrikas auf Sand läuft. Nicht unschuldig daran sind der selbstgefällige und unfähige Kapitän sowie sein hochstapelnder Berater, die beide schon schnell auf Konfrontationskurs mit ihren Offizieren gehen und deren Mahnungen und Ratschläge in den Wind schlagen. Ebenfalls an Bord ist der neue Generalgouverneur des Senegal, der auf große Eile drängt, die nach Ende der napoleonischen Kriege wieder an Frankreich gefallene Kolonie zu erreichen. Diese Mischung aus Stümperei und Eile führt zur Katastrophe: das Schiff steckt fest und für die 400 Passagiere gibt es lediglich sechs Beiboote, die gerade einmal Platz für 250 Personen bieten würden, hätte man sie denn ganz gefüllt. Einige bleiben an Bord des Wracks, 147 Personen finden Platz auf einem 20 Meter langen und sieben Meter breiten Floß, auf dem die Menschen zunächst bis zur Hüfte im Wasser stehen. Versucht man zunächst mit den Beibooten, das Floß mit sich an Land zu ziehen, kappt man recht schnell das Schlepptau, da das Floß die Boote zurück auf Meer treibt.
13 Tage treibt das Floß auf dem offenen Meer und schon in der ersten Nacht kommt es unter den eng beieinanderstehenden Schiffbrüchigen zu Kämpfen, werden Menschen von Bord gestoßen, werden aufgrund der hoffnungslos erscheinenden Versorgungslage gar Fleischstreifen aus den Toten geschnitten, werden die Schwachen von den Starken ausgesondert, um so das eigene Überleben zu sichern. Nur 15 Menschen überleben.


Franzobel erspart dem Leser nichts, das Unvorstellbare findet hier seine Versprachlichung, Etappe für Etappe des nahenden Unglücks werden in der ersten Hälfte des Romans in spannungsvoller chronologischer Abfolge erzählt.
Der zweite Teil ist dann ganz dem Kampf ums Überleben der Schiffbrüchigen gewidmet, wobei hier deutlich gedrängter erzählt wird als in der vorhergehenden Hälfte.


Dass dieser Stoff, der die Gefährdungen und Grenzen menschlicher Kultur in bedrohter Lage aufzeigt, nicht zu schwer daherkommt, liegt am frechen und unkonventionellen Ton des Erzählers, der trotz aller Tragik des Geschehens, eine zuweilen gar heitere Distanz schafft. So werden einzelnen Figuren Physiognomien von Hollywood-Schauspielern beigegeben und auch Intimstes wie beispielsweise die Diarrhoe des Kapitäns u. ä. wird hier nicht ausgespart.


Bewertung
Der Roman traf in unserem Kreis auf eine höchst gegensätzliche Resonanz, wobei zu konstatieren ist, dass er niemanden gleichgültig gelassen hat. Negative Reaktionen riefen vor allem das Sujet und dessen manchem zu detailliert erscheinende Beschreibung des Grausamen und Hässlichen hervor.


Lediglich sieben Mitglieder brachten in dieser Runde ihre Wertung ein, wobei es hier von zwei Lesern die absolute Höchstwertung von 5,0 gab, gefolgt von zweimal 4,6! Nur eine Leserin zeigte sich in allen Bereichen enttäuscht und vergab insgesamt eine 1,0. Zusammengerechnet kam die Gruppe auf eine 3,9. (mm)

 

Weitere Kritiken:

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken