Literatur am Abend: Montag, 15. April, 19.30 Uhr
Judith Herrmann - Wir hätten uns alles gesagt

Abb. © Verlag
Buchkritik

Claudia Schumacher: "Liebe ist gewaltig“

Sprachgewaltiges Debüt über familiäre Verletzungen und eine mögliche Heilung

dtv, 2022, 376 Seiten


Darum geht es:

Die Ich-Erzählerin Juli wächst in einem guten Stuttgarter Vorort auf. Sie ist die jüngste Tochter von vier Kindern. Es ist eine Vorzeigefamilie. Ihre Eltern sind Rechtsanwälte, die Familie ist angesehen. Juli ist Klassenbeste. Doch der Vater tyrannisiert die Familie, er schlägt und drillt auf Leistung. Die Mutter schweigt, streitet ab und kaschiert die Exzesse.


Wir begleiten Juli über drei Kapitel dabei, wie sie versucht, Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Wir erleben sie als 17-jährige Schülerin und schauen ihr als 25-jährige Studentin in Berlin sowie als 27-Jährige in Zürich beim Erwachsenwerden zu. Dabei erfahren wir immer wieder über die wechselnden Beziehungsdynamiken zu den anderen Familienmitgliedern.


Es ist nicht einfach, den Roman auf ein Thema zu begrenzen. Er verhandelt viele verschiedene Themen: neben psychischer und körperlicher Gewalt geht es um den Umgang mit diesen Erfahrungen und den Folgen davon. Themen wie Identität und Einsamkeit spielen ebenfalls eine zentrale Rolle.


Über die Autorin:
Die Autorin, 1986 in Tübingen geboren, hat den gleichen Lebenslauf wie ihre Heldin im Roman. Sie wuchs auf im Stuttgarter Speckgürtel, studierte in Berlin (Literaturwissenschaft, Amerikanistik und Kunstgeschichte), lebte dann in Zürich. Hier war sie als Journalistin und Kolumnistin tätig. Seit 2018 lebt sie als Autorin in Hamburg. Im Mai 2022 erschien ihr erster Roman und wurde schnell mit dem Literaturpreis der Hamburger Kulturbehörde ausgezeichnet.


Bewertung:

Unsere Bewertung von 3,8 von 5 Punkten zeigt, dass die meisten von uns von dem Roman begeistert waren und diesen weiterempfehlen würden. Die Mehrheit hat das Buch in den Bann gezogen und bis zum Ende mitgenommen. Insbesondere die Sprache war für viele von uns einmalig und ausschlaggebend: der „trotzige Ton“ der Ich-Erzählerin hatte etwas Halt gebendes und Hoffnungsvolles; ihre daraus anklingende Widerständigkeit beeindruckte uns. Einige fanden die Sprache eher störend, sie erschien zeitweise als abgehackt und zu gewollt erschien.


Wir waren uns einig über die Relevanz der Themen des Buches (Gewalterfahrungen im bürgerlichen Milieu), die wir so selten irgendwo anders gelesen haben. Besonders beeindruckte uns die authentischen und präzisen Beschreibungen.


Diese machten es gleichzeitig jedoch auch für viele von uns hart zu lesen. Nicht alle mochten daher das Buch bis zum Ende lesen. Manche fanden den Roman „zu überlagert an Themen“ mit dem einhergehenden Eindruck, dass das Buch manchmal „ein wenig zu viel will“. Darüber hinaus ging auch die Meinung zu der Stärke der einzelnen Kapitel sowie des Endes auseinander. (gm)

 

Weitere Kritiken:

Juli Zeh Simon Urban: Zwischen Welten
Johan Theorin: Nebelsturm
Milena Michiko Flasar: Herr Kato spielt Familie
András Forgách: Akte geschlossen
Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Jens Steiner: Carambole
Lily Brett: Lola Bensky
Ned Beauman: Der gemeine Lumpfisch
Jakob Guanzon: Überfluss
Jennifer Egan: Candy Haus
Fatman Aydemir: Dschinns
Isabel Allende: Violeta
Hernan Diaz: Treue
Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden
Eckhard Nickel: Spitzweg
Daniel Schreiber: Allein
Marie NDiaye: Die Rache ist mein
Jonathan Franzen: Crossroads
Stephan Thome: Pflaumenregen
Alex Schulman: Die Überlebenden
Mithu Sanyal: Identitti
Christian Kracht: Eurotrash
Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne
Ayad Akhtar: Homeland Elegien
Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück
Deniz Ohde: Streulicht
Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort
Mario Vargas Llosa: Harte Jahre
Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben
Ulrich Tukur: Ursprung der Welt
Dror Mishani: Drei
Eugen Ruge: Metropol
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios
John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt
Annette Hess: Deutsches Haus
Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Monica Sabolo: Summer
Nell Zink: Virginia
Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Maria Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Stephan Thome: Gott der Barbaren
Fernando Aramburu: Patria
João Tordo: Die zufällige Biographie einer Liebe
Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Yaa Gyasi: Heimkehren
Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle
Lauren Groff: Licht und Zorn
Franzobel: Das Floß der Medusa
Julian Barnes: Der Lärm der Zeit
Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Nathan Hill: Geister
Ian McEwan: Nussschale
Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses
Han Kang: Die Vegetarierin
Steven Galloway: Der Illusionist
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Joost Zwagerman: Duell
Dietmar Dath: Leider bin ich tot
Sascha Reh: Gegen die Zeit
Andreas Kollender: Kolbe
Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit
Monique Schwitter: Eins im andern
Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy
Amos Oz: Judas
Ludwig Winder: Der Thronfolger
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Carl Nixon: Settlers Creek
David Peace: GB84
Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers
Jhumpa Lahiri: Das Tiefland
Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen
Margriet de Moor: Melodie d'amour
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah
Michael Chabon: Telegraph Avenue
Daniel Galera: Flut
Elizabeth Strout: Das Leben natürlich
Terézia Mora: Das Ungeheuer
Uwe Timm: Vogelweide
Leon de Winter: Ein gutes Herz
Ned Beauman: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort
Juli Zeh: Nullzeit
Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Richard Ford: Kanada
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Stephan Thome: Grenzgang
Ursula Krechel: Landgericht
Stephan Thome: Fliehkräfte
Clemens J. Setz: Indigo
Vea Kaiser: Blasmusik Pop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Germán Kratochwil: Scherbengericht
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Toine Heijmans: Irrfahrt
Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen
Annette Pehnt: Chronik der Nähe
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg
Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm
Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten
Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks
Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Jonathan Lethem: Chronic City
Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
Doron Rabinovici: Andernorts
Ian McEwan: Solar
Marie N´Diaye: Drei starke Frauen
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee
Richard Price: Cash
Colum McCann: Die große Welt
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Alle Buchkritiken