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Buchkritik

João Tordo: "Die zufällige Biographie einer Liebe“

Komplex, melancholisch, schicksalshaft
Droemer, 2017, 391 Seiten


Inhalt:


Die Gegenwartshandlung des Romans spielt offenbar in etwa zur Zeit des Erscheinens der portugiesischen Originalfassung (2014).

Der Ich-Erzähler, ein Dozent für englische Literatur im spanisch-galizischen Santiago de Compostela, lernt im nahen Pontevedra einen jungen mexikanischen Dichter, Miguel Saldaña París, kennen. Die beiden freunden sich an. Im Laufe der nächsten Monate erfährt der Ich-Erzähler immer mehr über das bewegte Leben seines Freundes, bis dieser ihn eines Tages bittet, ein Manuskript an seiner statt zu lesen, welches vermeintlich von seiner vor etwa einem Jahr in Galizien verstorbenen Ehefrau, Teresa geb. de Sousa, welche ihn vor sieben Jahren urplötzlich verließ (ohne dass sie sich hätten scheiden lassen), verfasst wurde. Er selbst brächte es nicht über sich, ihre Zeilen zu lesen.

Der Ich-Erzähler willigt ein und deckt im weiteren Verlauf der Geschichte zahlreiche dunkle Geheimnisse aus dem Leben von Miguel und Teresa auf. Nach einem schrecklichen Vorkommnis macht sich der Ich-Erzähler schließlich auf, um die letzten „dunklen Flecken“ der beiden zu erhellen. Ein Vorhaben, dass ihn u.a. nach London, Kanada und Lissabon führen wird …


Thema und Sprache:


Neben der zentralen Liebesgeschichte zwischen Miguel und Teresa spielt die Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler und dem mexikanischen Dichter eine wichtige Rolle.

Eine Freundschaft, die bei aller Intensität auch äußerst konfliktgeladen ist und schließlich in eine Katastrophe zu führen droht.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Tordo insbesondere dem Konzept der Melancholie viel Raum widmet; es darf vermutet werden, dass er diesen Begriff synonym oder doch wenigstens eng verwandt mit dem im Portugiesischen Sprachraum sehr verbreiteten Begriff der saudade (in etwa: Weltschmerz, sanfte Melancholie) verwendet. Ein zentrales Thema in der zweiten Hälfte des Romans ist die „Übernahme“ bzw. der „Übergang“ der Melancholie Saldaña París‘ auf den Ich-Erzähler. Das Motiv der verlorenen Liebe knüpft thematisch stark an das saudade-Konzept an.


Aufbau und Dramaturgie:


Tordo nutzt zahlreiche Textformate, um die Biographien Miguels und Teresas darzustellen, u.a. klassisch-literarisches Erzählen, (fiktiv) autobiographische Manuskripte, Interviews u.a. Überdies arbeitet er mit zahlreichen Rückblenden, die durch den Ich-Erzähler in der Gegenwartshandlung gewissermaßen „zusammengehalten“ werden.

Auffällig ist, dass zahlreiche Informationen in Gesprächen mit Bekannten Miguels/Teresas gegeben, man könnte auch sagen: aus der Nase gezogen, werden, wodurch einige Teilnehmer das Gefühl hatten, dass dem Roman jener „Sog“ abhanden kommt, der oft entsteht, wenn weniger berichtet, als (subtil) „gezeigt“ wird (i. S. d. „show, don’t tell!“). Die Handlung ist nicht strengchronologisch aufgebaut, steuert allerdings zielstrebig auf die Aufdeckung eines düsteren Geheimnisses aus Teresas Leben hin.


Bewertung:


Die Bewertungen fielen gemischt aus, wobei im Schnitt 2,3 von maximal 5 Punkten vergeben wurden (Range: 1,0-3,4). Bemängelt wurden von einzelnen Teilnehmern u.a. fehlende Emotionalität der Darstellung, „Hyperkonstruktion“ der Geschichte sowie wiederholte, als störend empfundene metafiktionale Exkurse Tordos/des Ich-Erzählers.

Positiv bewertet wurde unter anderem häufig die poetische Sprache bzw. der Stil Tordos sowie die Spannung, die sich aus der Rekonstruktion der Biographie(n) ergibt sowie die Darstellung/Charakterisierung Teresas. (MM)

 

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