Literatur am Abend: Montag, 15. Januar, 20 Uhr
Mirko Bonné - Lichter als der Tag

Abb. © Verlag
Buchkritik

Judith Schalansky: "Der Hals der Giraffe“

sprachlich überzeugend, vergnüglich-grausam, schnörkellos

Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 222 Seiten


Die Geschichte:
Inge Lohmark, 55, ist seit über dreißig Jahren Gymnasial-Lehrerin für Biologie und Sport in einer Kleinstadt im vorpommerschen Hinterland. In den drei Teilen des Romans wird jeweils ein Tag im Schuljahr der Protagonistin geschildert. Diese unterrichtet nicht nur Biologie und Sport. Sie hat sich völlig in einem biologistischen Weltbild eingerichtet, in dem ausschließlich das Recht des Stärkeren regiert.   


Schüler haben sich daher anzupassen, sind notwendiges Übel und werden von ihr kalt bis grausam behandelt, „Verlierer“ rücksichtslos bloßgestellt. Dabei ist die Zukunft von Inge Lohmark ungewiss: In der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an genau diesen Kindern, und in Kürze wird die Schule geschlossen werden.


Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nun Strauße und ist wenig präsent in Lohmarks Leben. Ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat sich von der Mutter sowohl räumlich als auch menschlich distanziert. Im Zeitverlauf des Schuljahres erleben wir, wie die Brüche in Inge Lohmarks Welt immer offensichtlicher und die Risse in ihrem Weltbild immer tiefer werden.


Das Buch:
Schalansky, gelernte Typographin und Buchgestalterin, hat ihr Buch mit detaillierten und liebevollen Zeichnungen von Tieren und Organismen angereichert. In den Seitenköpfen sind die Kapitelüberschriften der drei geschilderten Tage, "Naturhaushalte", "Vererbungsvorgänge" und "Entwicklungslehre" aufgeführt sowie wechselseitig kapitelähnliche Begriffe, allesamt ebenfalls der Welt der Biologie entliehen. Insgesamt erinnert das Buch mit seinem grauen Leinendeckel an eine alte DDR-Ausgabe oder an ein Buch aus den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es macht Spaß, das Buch in der Hand zu halten und aufzuschlagen.


Bewertung:
Wir haben das Buch gerne gelesen. Die Hoffnungslosigkeit der Schulprovinz ohne Zukunft ist von der Autorin sehr eindringlich beschrieben. Den brilliant formulierten, teilweise sehr gehässigen Gedankengängen der Protagonistin gegenüber ihren Schülern und Kollegen folgten wir mit einer Mischung aus Grausen und Faszination. Gegen Ende des Buches erschöpfte uns teilweise die Trostlosigkeit des Weltbildes der Lehrerin, da weder Entwicklung noch Katharsis absehbar sind. Der Untertitel des Romans "Entwicklungsroman" wird diesbezüglich ad absurdum geführt. Wir vergeben in gewohntem Bewertungsschema von 1 bis 5 Punkten (Bestnote) insgesamt 3,4 Punkte. (AB)

 

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