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Judith Herrmann - Wir hätten uns alles gesagt

Abb. © Verlag
Buchkritik

Hernan Diaz: "Treue“

Steigert sich zu einem vielschichtigen Werk mit großen Themen
Hanser Berlin, 2022, 416 Seiten


Darum geht es:
Ein Finanzmagnat im New York der 1920er Jahre kämpft um die Deutungshoheit seiner Biographie, um seine Reputation als Börsenguru. Er setzt er alle Macht ein, um eine skandalträchtige, unautorisierte Biographie seiner selbst und seiner philantropen, inzwischen verstorbenen Ehefrau in der Versenkung verschwinden zu lassen. Mit Erfolg.


Viel lieber möchte er als mathematisch-psychologisches Genie in die Geschichte der Wall Street und damit in die amerikanische Geschichte eingehen, flankiert von seiner liebevollen, zartbesaiteten, naiven Ehefrau, die seinem Reichtum - zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus - einen altruistischen, philantropen Touch verliehen hat.


Dazu engagiert er eine Ghostwriterin, die seinem großen Ego hinter seiner spröden Fassade eine authentische Stimme verleihen soll. Dass ihr Vater ein italienischstämmiger Anarchist und antikapitalistischer Aktivist ist, weiß der Auftraggeber längst. Doch die Macht seines Reichtums schirmt ihn von aller Unbill ab. So kann ihm auch der erpresserische Freund seiner Ghostwriterin nichts anhaben. Die zweifelt bei aller Faszination für den Magnaten und dessen Umfeld bald an seinen Angaben.


Wer war die Ehefrau wirklich? Das ungelöste Rätsel holt die Ghostwritern Jahrzehnte später wieder ein. In detektivischer Manier schickt sie sich an, es durch die eigene Stimme der Ehefrau zu lösen.


So klingt der Roman:
Hier werden viele große Themen behandelt. Die Natur des Kapitalismus, die Unterdrückung der Frauen, die blutlose Gewalt, die Geld ausübt, Macht, Ehe, Liebe, Treue, Vertrauen und „Unternehmensfusionen“ (so die Bedeutung des Originaltitels „Trust“) als Allegorie der Ehe des Magnaten. Aber hier hört es nicht auf. Der Autor stellt auch Fragen nach der Deutungshoheit über die eigene und fremde Biographien sowie, welche Auswirkungen eine Todesart und Krankheiten auf die Reputation haben. Zuletzt versucht Diaz sich am Erzählen des Sterbens in Fast-Echtzeit.


Bemerkenswert daran ist die multiperspektivische Erzählstruktur, verwirklicht anhand vierer Dokumente: einer Biographie, einer Autobiographie, eines Memoir und eines Tagebuchfragments.


Die unterschiedlichen Tonarten dieser Dokumente und ihrer Erzähler, besonders an ihrem jeweiligen Zeitpunkt in der Literaturgeschichte, finden deutlichen Ausdruck. So liest sich die unautorisierte Biographie wie ein konventioneller Roman des 19. Jahrhunderts. Die Autobiographie ist zwar bombastisch, aber blutleer – und bleibt dennoch im Spannungsbogen des gesamten Romans. Die Ghostwriterin erzählt ihre eigene Geschichte wiederum im eher reißerischen Stil des „New Journalism“.


Bewertung:
Unsere Bewertung von 4,17 Punkten reflektiert, wie sehr es den meisten von uns der Roman angetan hatte. Gar „so viele neue Welten eröffnet“(e) jemandem das Buch. Auch die anschwellende „slow burn“-Spannung, die ohne jegliche Sex- oder Gewaltszenen auskommt, faszinierte viele. Technisch bestach uns „Treue“ durch seine vielen Ebenen und unterschiedlichen Stimmen. Auch blieb genug Raum für uns Leser, die moralische Bewertung der Figuren selbst vorzunehmen.


Allerdings fiel es den meisten schwer, in den Roman hineinzufinden, und manche kamen nicht über den ersten Teil hinaus, den sie als zu zäh empfanden. Auch die Schilderung der Börsentransaktionen geriet Fachleuten unter uns nicht ganz gelungen. Der Autor selbst beklagt die „Sprache, in der über Geld geredet wird“, wollte diese im Roman vereinfachen und aus einer männlich dominierten Szene herausholen. Ob dies gelang, bleibt offen. Die Sterbeszenen hingegen fanden Fachleute sehr überzeugend und berührend.


Insgesamt erstaunt uns die Fähigkeit des Autoren, sich in beide Geschlechter, verschiedene Epochen und Lebensbereiche einzufühlen.
(AK)

 

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