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Buchkritik

Jakob Guanzon: "Überfluss“

Elster Verlag 2023, 380 Seiten


Ein starker Roman, der Fehler im System aufzeigt, wenn es darum geht, dem Armutsstrudel zu entrinnen, und zeigt, wie wichtig letztendlich die Kaufkraft ist.

Handlung:
Es ist Juniors 8. Geburtstag. Henry, sein Vater, der bereits seit einem halben Jahr mit seinem Sohn obdachlos ist und auf der Ladefläche seines Pick-ups lebt, hegt den verzweifelten Wunsch, seinem Sohn an diesem besonderen Tag eine unvergessliche Erfahrung zu schenken. Trotz seiner finanziellen Nöte beschließt er, sein letztes Erspartes für einen Besuch bei McDonald's, ein Geschenk und eine Übernachtung in einem Motel zu verwenden.


Die letzten Jahre hatte Henry im Gefängnis verbracht und steht nun vor einer ungewissen Zukunft, geprägt von der Suche nach einem Arbeitsplatz. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bietet sich in Form eines Jobinterviews, das am Tag nach Juniors Geburtstag ansteht. Während wir Henry in den nächsten 24 Stunden begleiten, werden immer wieder Rückblicke eingestreut, die die Ursprünge seiner gegenwärtigen Lebenssituation beleuchten.


In einer Welt voller kleiner Fehlentscheidungen, die es dem Protagonisten unmöglich machen, aus dem Strudel der Armut auszubrechen, werden Fehler im System schonungslos offengelegt.
 

Über den Autor:
Jakob Guanzon, 1988 in New York geboren und in Minnesota aufgewachsen, hat zunächst Soziologie studiert, anschließend einen Master in Fine Arts an der Columbia absolviert und kehrte schließlich als Autor in seine Heimatstadt New York zurück. "Überfluss" markiert sein beeindruckendes Debüt, für das er sowohl für den National Book Award for Fiction als auch für den Aspen Words Literary Prize nominiert wurde.


So klingt der Roman:
Guanzons Roman überzeugt durch sehr stark gezeichnete Figuren, die es dem Leser ermöglichen, sich vollständig mit den Hauptfiguren zu identifizieren. Dabei bleibt man selbst in den Momenten, in denen man die Entscheidungen und Handlungen der Figuren in Frage stellt, durchweg emotional involviert. Es scheint, als wäre ein Ausbruch aus diesem System der Verzweiflung und die Möglichkeit eines Neuanfangs schier unmöglich.


Besonders an „Überfluss“ ist unter anderem, dass am Anfang jedes Abschnittes der Geldbetrag als Kapitelüberschrift genannt wird, der Henry zur Verfügung steht. Dies unterstreicht eindrucksvoll die Bedeutung des Geldes im Abschnitt dieser Erzählung.


Eine der Höhepunkte des Romans ist zweifellos die Szene im Supermarkt, in der der Titel "Überfluss" seine tiefere Bedeutung enthüllt.


Bewertung:
Mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,0 bewerten wir Guanzons Debütroman überaus positiv. Besonders beeindruckend ist, dass das Thema in der Beurteilung durchweg als fesselnd empfunden wurde. Die Charaktere erzeugen eine starke emotionale Bindung, und der Leser lebt, leidet und empfindet tiefes Mitgefühl für Junior und die anderen Figuren.


Als Verbesserung fiel uns auf, dass man mehr aus den Überschriften hätte machen können. Mit einer tieferen Einbindung in Handlung hätte man unserer Meinung noch eine tiefere Verknüpfung herstellen könnten.


Insgesamt können wir "Überfluss" mit diesen sehr positiven Bewertungen definitiv weiterempfehlen.
(IH)

 

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